{"id":90665,"date":"2020-06-10T15:31:27","date_gmt":"2020-06-10T15:31:27","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/wie-ein-film-geboren-wird-und-sich-entwickelt-teil-2\/"},"modified":"2020-06-10T15:31:27","modified_gmt":"2020-06-10T15:31:27","slug":"wie-ein-film-geboren-wird-und-sich-entwickelt-teil-2","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/wie-ein-film-geboren-wird-und-sich-entwickelt-teil-2\/","title":{"rendered":"Wie ein Film geboren wird &#8211; und sich entwickelt  &#8211;  Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>A.P.: Beim Filmemachen gibt es eine ganz intensive Vorbereitung auf den jeweiligen Menschen, ganz gleich ob Rilke oder Hammarskj\u00f6ld oder ein anderer \u2013 dazu geh\u00f6ren die Reisen, unendliche Mengen von Gespr\u00e4chen, Recherchen und dazu dieses doch in gro\u00dfen Teilen auch intuitive Zusammensetzen zu etwas Neuem, woraus dann dieser Film wird. Magst du \u00fcber diesen Prozess noch etwas sagen?<\/p>\n<p>R.S.: Da entsteht immer etwas ganz Neues. Es ist abenteuerlich. Ich habe ein Storyboard; ich wei\u00df ungef\u00e4hr, was in dem Film vorkommen sollte. Aber was mich jedes Mal \u00fcberrascht, ist der Rhythmus. Der Rhythmus: was, wann, wie, worauf folgt. Ich kenne ja meine Szenen, die ich gedreht habe, ich kenne meine Texte, die ich aufgenommen habe usw., ich kenne die Musikst\u00fccke, die ich evtl. nehme. Manchmal warte ich lange auf Finanzierung \u2013 es kann manchmal ein halbes Jahr dauern, bis man das Geld zusammen hat \u2013 dann hab\u2018 ich immer Zeit, dann entsteht oft die Filmmusik. Ich probiere ganz viele Sounds aus, Kl\u00e4nge, Varianten, es k\u00f6nnen einzelne T\u00f6ne sein, es k\u00f6nnen kleine Melodien, Motive sein, es kann einfach nur eine Fl\u00e4che sein, und denke schon: das k\u00f6nnte das sein, das k\u00f6nnte dazu passen, das k\u00f6nnte ich sp\u00e4ter da oder dort gebrauchen; manchmal sogar vor dem Drehen, in dieser Zwischenphase zwischen Drehbuchschreiben und Finanzierung. Das Drehen kommt ja meistens erst danach.<\/p>\n<p>Und dann habe ich Dutzende, Hunderte von Motiven, Fl\u00e4chen, Stimmungen auf der Musikebene, wovon ich aber auch nicht genau wei\u00df, wann kommt was, sondern manchmal ruft das eine das andere herbei. Manchmal ruft ein Bild nach einem Ton und manchmal ruft ein Ton nach einem Bild. Das ist eine fast magisch zu nennende Korrespondenz, es kann sein, dass man eine Szene mit einem ganz bestimmten Klang beendet, und zu diesem Klang f\u00e4llt einem das n\u00e4chste Bild ein. Und mit Texten ist es genauso.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Text, Klang, Bild, das sind drei Elemente, die sich gegenseitig rufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ich f\u00fchle mich dann mehr und mehr als Erf\u00fcllungsgehilfe, es ist im Grunde ein lustvolles Sklavendasein, weil der Film l\u00e4ngst der Herr ist. Meist nach wenigen Minuten schon. Am Anfang bin ich ganz frei, da setze ich einen Anfang, das kann alles M\u00f6gliche sein, aber nach 10 Minuten, nach 20 Minuten, 30 Minuten \u2013 es wird immer schlimmer \u2013 sagt mir der lebendige Organismus, der ein Film ist: das geht gar nicht, vergiss es, geh\u2018 in <em>die<\/em> Richtung. Er gibt eine Tendenz vor, er gibt M\u00f6glichkeiten vor. Ja, denke ich, das stimmt, jetzt find ich\u2018s viel plausibler. Dann spiel ich die M\u00f6glichkeiten durch und im Durchspielen ergibt sich sofort: von den f\u00fcnf M\u00f6glichkeit kann es nur die eine sein. Der Film nimmt das dankbar an,<\/p>\n<blockquote>\n<p>er erlaubt mir sozusagen dann, ihn so fortzusetzen. OK, du hast das Richtige gew\u00e4hlt, sagt er zu mir; das sind wirklich Gespr\u00e4che.<em> <\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Nach 60 Minuten ist das erdr\u00fcckend, aber auch sch\u00f6n, weil der Film ja schon da ist, es ist ja schon etwas getan, und er hat schon eine majest\u00e4tische Autorit\u00e4t, dieser Film, da steht mir schon ein Wesen gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Das ist so ein Gl\u00fccksgef\u00fchl, wenn ich sp\u00fcre, da hast du Vieles richtig gemacht, das lebt. Also, da ist schon was, das stark ist bis hierhin, jetzt darfst du keinen Fehler machen, denn wenn du jetzt einen Fehler machst, dann kannst du alles vergessen. Das geht ganz schnell: ein falscher Ton, ein falscher Text, ein falsches Bild, ein falscher Rhythmus, und jeder Zuschauer \u2013 davon bin ich \u00fcberzeugt \u2013 wird dann sp\u00fcren: Ah, das war aber jetzt komisch, das war nicht gut. Und das darf man sich eigentlich nicht leisten, dann f\u00e4llt der Zuschauer raus und du hast ihn nicht mehr drin in dem ganzen Strom. Und deswegen wird\u2019s immer verantwortlicher, je l\u00e4nger der Film fortschreitet. Man hat es da mit einem Wesen zu tun, mit dem man sich st\u00e4ndig in einem Dialog befindet.<\/p>\n<p>A.P.: Aber das ist jetzt eigentlich auch ganz sch\u00f6n, weil sich wieder die Lebendigkeit eines Kunstwerks beweist \u2013 ganz egal, um was f\u00fcr eine Art von Kunstwerk es sich handelt. Ich w\u00fcrde gern abschlie\u00dfend noch eine andere Frage stellen: Erlebst du auch durch das, was Kunst mit dir macht \u2013 also ganz egal, ob das jetzt deine eigene ist oder Kunst von anderen \u2013, dass sie dich auch pers\u00f6nlich weitertreibt oder inspiriert oder in deinem Leben noch auf andere Weise Gestalt annehmen m\u00f6chte?<\/p>\n<p>R.S.: Ja, sicher. Ich glaube, ich kann sagen, Kunst ist der gr\u00f6\u00dfte Schatz meines Lebens. Die Besch\u00e4ftigung mit Kunst \u2013 Musik, Literatur, Malerei \u2013 ist, seit ich denken kann, ein unverzichtbarer Bestandteil meines Lebens. Ich kann mir gar nicht vorstellen, ohne Kunst zu leben. Deswegen bek\u00fcmmert es mich \u00fcbrigens auch, dass der Kunst in unserer Gesellschaft kein gro\u00dfer Stellenwert zugeschrieben wird. Wenn ich im Fernsehen die Kulturmagazine anschaue, ob das modernes Theater ist, moderne Literatur, auch Filme \u2013 es gibt so wenig, was meine Seele n\u00e4hrt, es ist so viel Effekthascherisches dabei, soviel Anbiederung an den Zeitgeist, was politisch wirken will, was eben nicht mehrdeutig ist wie richtige Kunst, sondern was eindeutig ist, was einen Zweck hat, politisch wirken soll, so dass mich das manchmal richtig traurig macht.<\/p>\n<p>Aber es gibt trotzdem den gro\u00dfen Schatz der Kunst aus den letzten Jahrhunderten, er ist so gigantisch und von mir auch nicht ansatzweise erschlossen. Gestern Abend fand ich auf YouTube einen Schatz, da bin ich in einer wunderbaren Sendereihe gelandet, \u201eBeethoven entdecken\u201c. Da war ein Gespr\u00e4ch zwischen Joachim Kaiser, dem gro\u00dfen Musikkritiker und dem Dirigenten Christian Thielemann, einem der spannendsten Dirigenten unserer Zeit, \u00fcber Beethoven-Symphonien, \u00fcber die Pastorale und die Eroika. Das war so unglaublich erl\u00f6send, befreiend und stimulierend, es hat mir so viel Kraft gegeben, und ich dachte: Wir brauchen doch auch gerade verdammt viel Kraft. Wo soll die denn herkommen? Eigentlich m\u00fcsste es doch ganz viele solcher Sendungen geben, aber in den \u00f6ffentlichen Medien ist das \u00fcberhaupt nicht der Fall. Da hat Kunst eine seltsame Alibifunktion und muss immer am Zeitgeist kleben, um relevant zu sein. Aber auf einmal war diese Beethoven-Symphonie derma\u00dfen relevant \u2013 in diesem Moment, in dem diese beiden gro\u00dfen Musiker dar\u00fcber gesprochen haben, sie war so aktuell und so wichtig, dass die 200 Jahre Abstand \u00fcberhaupt nicht die geringste Rolle gespielt haben. Diese Musik ist f\u00fcr mich auch ein Trost- und Inspirationsreservoir, gerade in solchen Zeiten wie heute.<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":9163,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-90665","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/90665","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9163"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=90665"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=90665"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=90665"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=90665"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}