{"id":90660,"date":"2020-06-10T15:21:23","date_gmt":"2020-06-10T15:21:23","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/wie-ein-film-geboren-wird-und-sich-entwickelt-teil-1\/"},"modified":"2020-06-10T15:21:23","modified_gmt":"2020-06-10T15:21:23","slug":"wie-ein-film-geboren-wird-und-sich-entwickelt-teil-1","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/wie-ein-film-geboren-wird-und-sich-entwickelt-teil-1\/","title":{"rendered":"Wie ein Film geboren wird &#8211; und sich entwickelt  \u2013  Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>A.P.: Lieber R\u00fcdiger, du machst stille, langsame Filme, die zum Innehalten und Schauen anregen. Lass uns also \u00fcber das Schauen sprechen. In deinem Rilke-Film betrachtest du ganz ruhig das Heidekraut, ein kleines, h\u00fcbsches, unscheinbares Pfl\u00e4nzchen. Rilke sagt es in einem Gedicht: \u201eDie Dinge singen h\u00f6r ich so gern.\u201c Das hast du in deinem Film ja auch gemacht. Und deine Filme, glaube ich, haben insgesamt diese Qualit\u00e4t, die sie sehr stark heraushebt, n\u00e4mlich die des Innehaltens und Schauens, was die Dinge einem eigentlich erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>R.S.: Das Innehalten: Du spielst auf den Zeitfaktor an. Meine Filme sind eher langsame Filme. Das ist auch der Grund warum sie zum Beispiel nicht im Fernsehen laufen oder warum Fernsehredakteure mir privat schreiben, dass sie die Filme gro\u00dfartig fanden, aber dass sie sie niemals ankaufen k\u00f6nnten, um sie zu senden. Die Begr\u00fcndung ist meistens: Die Sehgewohnheiten sind heute auf ein anderes Tempo zugeschnitten, da muss noch mehr Musik, weniger Stille, mehr Kommentar, mehr Didaktik rein. Ich lasse dem Zuschauer mehr Zeit und lasse ihn alleine mit den Dingen und zum Beispiel mit den Worten von Rilke.<\/p>\n<p>Wenn ich mit meinen Sprechern ins Tonstudio gehe, zum Beispiel mit dem Sprecher im Rilke-Film Hans-Peter B\u00f6gel, der einer der gro\u00dfartigsten Sprecher \u00fcberhaupt in Deutschland ist, und der schon mehrere Filme von mir eingesprochen hat \u2013 sogar ihn musste ich drosseln, er hatte n\u00e4mlich am Tag vorher etwas f\u00fcrs Fernsehen gesprochen und hat von Redakteuren das Gegenteil geh\u00f6rt: Mensch, da schl\u00e4ft man doch ein, ein bisschen mehr Speed! Und das bringt er mit ins Studio \u2013 ich habe das mit mehreren wirklich guten Sprechern erlebt \u2013 ich hab\u2018 die immer wieder zur\u00fcckgepfiffen: langsamer, gr\u00f6\u00dfere Pausen machen. Und dazu kommt, dass ich auch, zum Beispiel bei Rilke und auch bei Paul Celan, sogar noch die Pausen verl\u00e4ngert habe, die der Sprecher gesprochen hat.<\/p>\n<p>Paul Celan \u2013 das sind ja wahnsinnige Gedichte, die kann man gar nicht in dem Sinne verstehen, wie man einen Zeitungsartikel versteht, die kann man auch nicht so verstehen wie ein Eichendorff-Gedicht, sie sind noch dunkler, unklarer und schwieriger, da muss ich dem Zuschauer einen Atemraum geben. Da kommen diese ersten Bilder von einem Gedicht und dann macht der Sprecher eine Pause \u2013 das ist ja keine Lesung, ich hab\u2018 da noch meine Bildebene und meine Tonebene, da passiert ja auch noch allerhand: Ger\u00e4usche, Bilder, vielleicht Musik, oder einzelne T\u00f6ne. Das muss ja verdaut werden,<\/p>\n<blockquote>\n<p>ich m\u00f6chte eigentlich einen Zustand herbeif\u00fchren, in dem das ganz tief beim Zuschauer ankommt, und er nicht nur reagiert, sondern aus sich selbst ein Echo bekommt, eine Erinnerung, ein Gef\u00fchl.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das braucht Zeit. Manchmal denke ich, ich k\u00f6nnte sogar noch langsamere Filme machen, vielleicht sind sie sogar immer noch zu schnell.<\/p>\n<p>A.P.: Dass man durch die Kunst R\u00e4ume schafft, um zu verweilen und Dinge einfach zu betrachten und wirken zu lassen und so in einen Dialog mit etwas Wesentlichem zu treten, das finde wichtig. Was mich in dem Zusammenhang interessieren w\u00fcrde, ist: Wie kommst du zu deinen meditativen Bildern? In dem Film \u00fcber Dag Hammarskj\u00f6ld ist da einfach diese lappl\u00e4ndische Landschaft. Oder wir schauen Eiszapfen beim Tauen zu \u2013 ganz langsam. Wie entstehen diese stillen Bilder?<\/p>\n<p>R.S.: Ja, ich werde auf verschiedene Arten zu diesen kleinen Szenen gef\u00fchrt. Beim Hammarskj\u00f6ld-Film habe ich unter einem Gletscher in einer Eish\u00f6hle, fast wie in so einer Grotte gefilmt, wo es die ganze Zeit rieselte. Und da waren eben die wundersch\u00f6nsten gr\u00fcnen, blauen, wei\u00dfen Ausbuchtungen im Eis, die von der Sonne interessant beleuchtet waren. Ich hatte irgendwo von ihm etwas gelesen, dass er in Lappland das st\u00e4ndige Erlebnis von \u00dcberg\u00e4ngen hatte, von flie\u00dfenden, str\u00f6menden \u00dcberg\u00e4ngen zwischen Eis und Wasser, zwischen Winter und Fr\u00fchling, zwischen Tag und Nacht, zwischen kalt und hei\u00df; es ist eine Landschaft der \u00dcberg\u00e4nge. Jetzt regnet es, aber man sieht in der Ferne schon wieder einen grellen Sonnenstreifen, oder man steht in der prallen Sonne und sieht, 100 km weiter ist eine schwarze Wand, wo es stark regnet \u2013 st\u00e4ndige \u00dcberg\u00e4nge. Und dieses st\u00e4ndige Rieseln von unendlich vielen B\u00e4chen, Gletscherb\u00e4chen, Wasserf\u00e4llen, tropfenden Rinnsalen usw., darauf st\u00f6\u00dft man auf einer Wanderung in Lappland.<\/p>\n<p>So genau wei\u00df man nicht, wo Hammarskj\u00f6ld gelaufen ist, aber dann wandert man selber und hat dabei Atmosph\u00e4ren, Stimmungen und Texte im Kopf. Und wenn man nun glaubt, man ist selbst in so einer \u00e4hnlichen Stimmung, und sieht: <em>das<\/em> l\u00f6st diese Stimmung aus \u2013 und das waren diese tropfenden Eiszapfen \u2013 dann leg\u2018 ich mich da mit meiner Kamera drunter, und dann kommt es darauf an, das gut aufzunehmen. Es gibt ja viele Arten, wie man so was aufnehmen kann.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Da muss man nah ran, man muss keine Angst haben, mal ganz nah an Sachen ranzugehen, extrem nah sogar.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Und dann muss man sich irgendwo durchzw\u00e4ngen und hinlegen und sonst was machen, um da auch hin zu kommen. Und dann bin ich sehr gl\u00fccklich, wenn das am Ende auch gelingt, und dann nehme ich es mit.<\/p>\n<p>In meinem Schneideraum habe ich aber \u00fcberhaupt keine Garantie, ob das in den Film kommt, wann das genau in den Film kommt, mit welcher Textpassage zusammen das in den Film kommt. Ich habe es gespeichert, eigentlich mehr stimmungsm\u00e4\u00dfig, und dann kann es passieren: pl\u00f6tzlich hab\u2018 ich einen Text von Hammarskj\u00f6ld im Kopf, und irgendwann wei\u00df ich, ich kann darauf zur\u00fcckgreifen. Dann montiere ich das und \u2013 das Sch\u00f6nste ist eigentlich, wenn beides zusammen noch mal etwas drittes Neues ergibt. Also, wenn das Bild keine Illustrierung des Textes ist, oder der Text beschreibt einfach nur noch mal in Begriffen, was das Bild sagt, sondern wenn vielleicht nur noch das \u201eStr\u00f6men an sich\u201c bleibt. Das kann dann zu einem kurzen Exkurs \u00fcber das Wesen des \u00dcbergangs werden, \u00fcber eine Landschaft, die vom Str\u00f6men erf\u00fcllt ist.<\/p>\n<p>Fortsetzung im <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/wie-ein-film-geboren-wird-und-sich-entwickelt-teil-2\">Teil 2<\/a><\/p>\n<p>Interviews:<\/p>\n<p>mit Angela Elis:&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=aItew1Wf4Xg&amp;t=2s\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=aItew1Wf4Xg&amp;t=2s<\/a><\/p>\n<p>mit Axel Voss:&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=5_KIOYC1lb4\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=5_KIOYC1lb4<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":9144,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-90660","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/90660","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9144"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=90660"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=90660"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=90660"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=90660"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}