{"id":90656,"date":"2020-06-10T14:07:20","date_gmt":"2020-06-10T14:07:20","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/friedrich-holderlin-halfte-des-lebens\/"},"modified":"2020-06-10T14:07:20","modified_gmt":"2020-06-10T14:07:20","slug":"friedrich-holderlin-halfte-des-lebens","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/friedrich-holderlin-halfte-des-lebens\/","title":{"rendered":"Friedrich H\u00f6lderlin: &#8222;H\u00e4lfte des Lebens&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>H\u00e4lfte des Lebens<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Mit gelben Birnen h\u00e4nget<\/em><\/p>\n<p><em>Und voll mit wilden Rosen<\/em><\/p>\n<p><em>Das Land in den See,<\/em><\/p>\n<p><em>Ihr holden Schw\u00e4ne,<\/em><\/p>\n<p><em>Und trunken von K\u00fcssen<\/em><\/p>\n<p><em>Tunkt ihr das Haupt<\/em><\/p>\n<p><em>Ins heilign\u00fcchterne Wasser.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Weh mir, wo nehm ich, wenn<\/em><\/p>\n<p><em>Es Winter ist, die Blumen, und wo<\/em><\/p>\n<p><em>Den Sonnenschein,<\/em><\/p>\n<p><em>Und Schatten der Erde?<\/em><\/p>\n<p><em>Die Mauern stehn<\/em><\/p>\n<p><em>Sprachlos und kalt, im Winde<\/em><\/p>\n<p><em>klirren die Fahnen.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Friedrich H\u00f6lderlin wurde am 20. M\u00e4rz 1770 geboren \u2013 wir feiern in diesem Jahr seinen 250. Geburtstag. Er starb am 7. Juni 1843. Zur Zeit seiner Geburt war das \u201egoldene Zeitalter\u201c der deutschen Klassik im Aufschwung, er starb als einer der letzten der klassischen Gro\u00dfen.<\/p>\n<p>Wo finden wir die Wahrheit? In der Religion? in der Philosophie? in der Kunst? oder nur im \u201enackten\u201c Leben? M\u00fcssen wir, um die Wahrheit \u00fcber einen K\u00fcnstler zu finden, in den Biographien suchen? oder in seinen Werken? Sehen wir einmal genauer hin.<\/p>\n<p><strong>Ein Blick auf H\u00f6lderlins Leben<\/strong><\/p>\n<p>Was wissen wir von ihm?<\/p>\n<p>Er w\u00e4chst auf in der kleinen, l\u00e4ndlichen Stadt N\u00fcrtingen im Neckartal, in gl\u00fccklich-vertr\u00e4umter Kindheit, tief eingetaucht in die \u00fcppige Sch\u00f6nheit der Natur:&nbsp;<em>Mich erzog der Wohllaut des s\u00e4uselnden Hains und lieben lernt ich unter den Blumen. Im Arme der G\u00f6tter wuchs ich gro\u00df<\/em>. Es folgen strenge Jahre in der Klosterschule Maulbronn; im&nbsp;<em>T\u00fcbinger Stift<\/em>&nbsp;das Studium der evangelischen Theologie. Dann bricht er aus, Pfarrer, wie die Mutter es erwartet, will er nicht werden; seine tiefe, aus eigenen inneren Quellen gespeiste Religiosit\u00e4t erlaubt es nicht, sie ist unvereinbar mit der Enge der protestantischen Dogmatik.<\/p>\n<p>Es folgen unruhige Wanderjahre mit wechselnden Anstellungen als Hauslehrer. Im Hause des Bankiers Jakobus Gontard in Frankfurt, dessen Sohn er unterrichtet und erzieht, begegnet er auch Gontards Gattin \u2013 und in ihr der Gestalt gewordenen Erf\u00fcllung seiner Sehnsucht nach der vollkommenen Erg\u00e4nzung \u2013 Susette:&nbsp;<em>Hold und heilig wie eine Priesterin der Liebe, wie aus Licht und Luft gewebt, so geistig und zart.<\/em>&nbsp;Bald verbindet beide eine innige, hochgestimmte Liebe. Zwei Jahre gew\u00e4hrt das Schicksal ihnen, dann Verrat, H\u00f6lderlin muss das Haus Gontard verlassen. Noch bleibt er in ihrer N\u00e4he, seltene, fl\u00fcchtige Begegnungen, rascher Austausch schmerzlicher Briefe. Schlie\u00dflich rei\u00dft H\u00f6lderlin sich los. Wieder zieht er unstet umher, wohnt wechselnd bei nahestehenden Freunden. Er sp\u00fcrt, dass eine Ver\u00e4nderung in ihm vor sich geht:&nbsp;<em>Wehe, du liebender Schutzgeist, ferne von dir spielen zerrei\u00dfend bald auf den Saiten des Herzens alle Geister des Todes mir.<\/em><\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sehen es die Freunde auch: H\u00f6lderlin gleitet \u2013 beobachtet von seinem hellwachen Bewusstsein! \u2013&nbsp; mehr und mehr in geistige Umnachtung. Dennoch schreibt er unbeirrt und ohne sich zu schonen, und es entstehen lange und vielstrophige Elegien und Hymnen:seine gr\u00f6\u00dften und tiefsten Werke \u2013 darunter die Ode&nbsp;<em>Padmos<\/em>, darunter&nbsp;<em>Friedensfeier<\/em>, die gro\u00dfartige Vision der Wiederkunft Christi \u2013 und schlie\u00dflich auch das kleine Gedicht&nbsp;<em>H\u00e4lfte des Lebens<\/em>.<\/p>\n<p>Als er erf\u00e4hrt, dass Susette gestorben ist, l\u00f6st die Nachricht einen Schock aus, der ihn tiefer noch in den Wahnsinn treibt. Er wird im Alter von 36 Jahren in T\u00fcbingen in die Psychiatrie eingeliefert und im folgenden Jahr bei dem Schreinermeister Zimmer in Pflege gegeben. 36 Jahre wohnt er dann in einem kleinen Turmzimmer \u00fcber dem Neckar, in geistiger Nacht, immer wieder durchbrochen von Augenblicken lichterf\u00fcllter Klarheit. Dann, endlich, findet ihn der Tod.<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-63225\" src=\"http:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Holderlin-Portrat_3.jpg\" alt=\"H\u00f6lderlin Portrait\" title=\"\" width=\"350\" height=\"377\" srcset=\"https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Holderlin-Portrat_3.jpg 350w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Holderlin-Portrat_3-279x300.jpg 279w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Holderlin-Portrat_3-22x24.jpg 22w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Holderlin-Portrat_3-33x36.jpg 33w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Holderlin-Portrat_3-45x48.jpg 45w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/p>\n<p>Pastell von&nbsp;Franz Karl Hiemer<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>H\u00e4lfte des Lebens<\/strong><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p>Man braucht dieses Gedicht kaum zu interpretieren, so nahe liegt es an der Wahrheit von H\u00f6lderlins Lebens. Aber schauen wir auf die k\u00fcnstlerische Gestaltung: es gibt kein \u201eIch\u201c in dieser lyrischen Autobiographie \u2013 der Autor bleibt verh\u00fcllt, alles wird Laut (oder laut) im Symbol:<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Mit gelben Birnen h\u00e4nget<\/em><\/p>\n<p><em>Und voll mit wilden Rosen<\/em><\/p>\n<p><em>Das Land in den See \u2026<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Er beschw\u00f6rt die \u00dcppigkeit der Natur und die Sch\u00f6nheit ihrer Gaben \u2013 Das Land \u201eh\u00e4ngt\u201c in den See: Himmel und Erde ber\u00fchren sich \u2013<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Ihr holden Schw\u00e4ne \u2026<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Es ist der Dichter, der spricht, der \u201esingende Schwan\u201c \u2013&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Und trunken von K\u00fcssen \u2026<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Er ist trunken von den K\u00fcssen, von den Segnungen des Lebens, von den Ahnungen des \u00dcbersinnlichen \u2013<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Tunkt ihr das Haupt<\/em><\/p>\n<p><em>Ins heilign\u00fcchterne Wasser \u2026<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Er taucht ein in die Fluten eines himmlischen, eines reinigenden g\u00f6ttlichen \u00c4thers.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Aber dann:&nbsp;<em>Weh mir\u2026<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ein Aufschrei! Das Schicksal bricht herein, Sprachlosigkeit droht dem S\u00e4nger, dem Schwan,<\/p>\n<p>Der in den Fluten des Himmels badete \u2013&nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Wo nehm ich, wenn<\/em><\/p>\n<p><em>Es Winter ist \u2026<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Wenn der Wahn \u00fcber ihn kommt \u2013&nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>die Blumen, und wo<\/em><\/p>\n<p><em>Den Sonnenschein,<\/em><\/p>\n<p><em>Und Schatten der Erde?\u2026<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Wo soll er hin ohne die F\u00fclle des Lebens, ohne das anmutige Wechselspiel der Begebenheiten? \u2013<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Die Mauern stehn<\/em><\/p>\n<p><em>Sprachlos und kalt &#8230;<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Wo soll er hin ohne die vertraute Zwiesprache mit den Himmlischen? \u2013<\/p>\n<p>Und die Mauer? Sie ist noch nicht das Ende \u2013<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Im Winde klirren die Fahnen.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Jenseits der Mauer lauert der Wahnsinn.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Gedicht, was f\u00fcr eine Ver\u201edicht\u201cung eines 73 Jahre langen Lebens auf vierzehn Zeilen! Die Wahrheit dieses Lebens steckt vollkommen darinnen \u2013 und es sagt dennoch nichts aus \u00fcber die Person dessen, der das Leben gelebt und das Gedicht geschrieben hat. Und damit haben wir an einem Beispiel aufgezeigt, dass Wahrheit sehr wohl in der Kunst zu finden ist, aber verwandelt, gehoben ins Unpers\u00f6nliche \u2013 und damit erh\u00f6ht ins Unverg\u00e4ngliche.<\/p>\n<p><em>Was bleibet aber, stiften die Dichte<\/em>r (H\u00f6lderlin).<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":9121,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-90656","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/90656","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9121"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=90656"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=90656"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=90656"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=90656"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}