{"id":90607,"date":"2020-06-03T11:39:21","date_gmt":"2020-06-03T11:39:21","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/der-mythische-raum\/"},"modified":"2020-06-03T11:39:21","modified_gmt":"2020-06-03T11:39:21","slug":"der-mythische-raum","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/der-mythische-raum\/","title":{"rendered":"Der mythische Raum"},"content":{"rendered":"<p>Ein Konzept f\u00fcr die Gestaltung der Lebenswelt war und ist in einigen Gegenden unseres Planeten der <em>mythische Raum<\/em>. Alle alten Kulturen kannten ihn. Er war Grundlage zahlloser Zeremonien und Riten, Plan f\u00fcr den Bau von Tempeln, H\u00e4usern und ganzen St\u00e4dten. Den Stadtkulturen in Mesopotamien, im Industal, in Nordchina, Zentralamerika, den zentralen Anden und in den Yoruba-Territorien im heutigen Nigeria <a id=\"_ftnref1\" name=\"_ftnref1\"><\/a><a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> lagen kosmologische Konzepte zugrunde, die in der Natur nicht vorkommen, sondern die \u201eErfindungen\u201c von daf\u00fcr qualifizierten Menschen waren, Inspirationen, und damit weder willk\u00fcrlich noch irrational.<\/p>\n<p>Abb. 1: Vishnu-Schrein in Kathmandu, Nepal. Quelle: Autor (s. Bild oben)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-63051\" src=\"http:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-2-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"360\" height=\"563\" srcset=\"https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-2-small.jpg 360w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-2-small-192x300.jpg 192w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-2-small-15x24.jpg 15w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-2-small-23x36.jpg 23w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-2-small-31x48.jpg 31w\" sizes=\"(max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/p>\n<p>Abb. 2: Vishnu-Schrein in Kathmandu, Nepal, Detail. Quelle: Autor<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-63065\" src=\"http:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-3-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"360\" height=\"552\" srcset=\"https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-3-small.jpg 360w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-3-small-196x300.jpg 196w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-3-small-16x24.jpg 16w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-3-small-23x36.jpg 23w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-3-small-31x48.jpg 31w\" sizes=\"(max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/p>\n<p>Abb. 3: Schrein in Sankhu, Nepal. Quelle: Autor<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Abbildungen 1-3 zeigen Aspekte des mythischen Raumes, sie sind r\u00e4umliche Darstellungen einer Kosmologie.<\/p>\n<ul>\n<li>Sie stellen eine dreidimensionale, \u201evertikale\u201c Verbindung mit kosmologischen Konzepten her und verbinden diese konkret, erfassbar und anfassbar mit der gebauten Realit\u00e4t<\/li>\n<li>Sie pr\u00e4gen die sichtbare Realit\u00e4t, da der Zerfall des Bauwerks nicht die rituelle Kraft beeintr\u00e4chtigt, die ihm durch das Ritual der Gr\u00fcndung eingepflanzt wurde.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der mythische Raum ist ein Bedeutungsraum und thematisiert den Zwischenraum, die Br\u00fccke zwischen religi\u00f6sen, mythischen Vorstellungen und unserer dreidimensionalen Raum-Zeit-Welt.<\/p>\n<p>Welche Qualit\u00e4t zeichnet diesen mythischen Raum aus?<\/p>\n<p>Dem Mathematiker Euklid (3. Jahrhundert v.Chr.) verdanken wir ein Raumkonzept, dem das das Prinzip der Homogenit\u00e4t zu Grunde liegt und das immer wieder zu den gleichen Ergebnissen f\u00fchrt: Ein Meterstab ist immer gleich lang, egal wo ich ihn messe. So entstehen \u00dcberpr\u00fcfbarkeit und Verl\u00e4sslichkeit, die Grundlagen f\u00fcr das Funktionieren einer komplexen Gesellschaft. Dieser Raum ist gleichf\u00f6rmig, hat \u00fcberall die gleiche Qualit\u00e4t und Dichte. Das freut die Mathematiker, auch wenn das Raumerlebnis im Alltag anders ist. Manche Orte scheinen uns gr\u00f6\u00dfer, als sie sind, Entfernungen erleben wir nicht \u00fcberall gleich.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zum Euklid\u2019schen Raum steht der mythische Raum, der von Cassirer folgenderma\u00dfen charakterisiert wird:<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Im Gegensatz zur Homogenit\u00e4t, die im geographischen Begriffsraum waltet, ist somit im mythischen Anschauungsraum jeder Ort und jede Richtung gleichsam mit einem besonderen Akzent versehen \u2013 und dieser geht \u00fcberall auf den eigentlichen mythischen Grundakzent, auf die Scheidung des Profanen vom Heiligen zur\u00fcck<\/em>. <a id=\"_ftnref2\" name=\"_ftnref2\"><\/a><a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Mircea Eliade differenziert 1957 weiter:<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>F\u00fcr den religi\u00f6sen Menschen ist der Raum nicht homogen. Er weist Br\u00fcche und Risse auf; er enth\u00e4lt Teile, die von den \u00fcbrigen qualitativ verschieden sind [&#8230;] Es gibt also einen \u201eheiligen&#8220;, d. h. \u201estarken\u201c, bedeutungsvollen Raum, und es gibt andere R\u00e4ume, die nicht heilig und folglich ohne Struktur und Festigkeit, in einem Wort amorph sind. Diese Inhomogenit\u00e4t des Raumes erlebt der religi\u00f6se Mensch als einen Gegensatz zwischen dem heiligen, d. h. dem allein wirklichen, wirklich existierenden Raum und allem \u00fcbrigen, was ihn als formlose Weite umgibt. [&#8230;] [Die] religi\u00f6se Erfahrung der Inhomogenit\u00e4t des Raums [stellt] eine Urerfahrung [dar], die wir einer \u201eWeltgr\u00fcndung&#8220; gleichsetzen d\u00fcrfen. Es handelt sich nicht um eine theoretische Spekulation, sondern um ein prim\u00e4res religi\u00f6ses Erlebnis, das aller Reflexion \u00fcber die Welt voraus geht.<\/em><a id=\"_ftnref3\" name=\"_ftnref3\"><\/a><a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ist der mythische Raum nicht nur eine Spekulation religi\u00f6ser Menschen, sondern ein konstitutives Element der Orientierung des Menschen, und folgen wir der Aussage von Mircea Eliade, es handele sich dabei um \u201eWeltgr\u00fcndungen\u201c, also um Kosmogonien, dann erhalten Mandalas die Bedeutung von <em>Kosmogrammen<a id=\"_ftnref4\" name=\"_ftnref4\"> <\/a><\/em><a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Mandalas<\/strong><\/p>\n<p>Mandalas sind Symbole der Welt-Erkl\u00e4rung und des Zusammenhalts, tauchen in allen Kulturen in den verschiedensten Formen auf und konstruieren eine kollektive Identit\u00e4t. Sie sind <em>inspirativ<\/em> insofern, als sie von Fachleuten (Priestern) aus dem Numinosen hereingeholt oder \u00fcbersetzt werden in eine Alltagswelt, wodurch eine Ordnung, die hinter allen Dingen steht, erfahrbar und begreifbar wird.<\/p>\n<p>Doch Mandalas sind nicht nur Kosmogramm, sondern es geht dabei auch um den <em>Prozess<\/em> der Vereinigung mit einer universellen Ordnung, ausgehend von der Vorstellung, dass das All(-Eine), indem es in die Vielfalt der Wirklichkeiten \u201ezerbrach\u201c<a id=\"_ftnref5\" name=\"_ftnref5\"><\/a><a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a>, den gro\u00dfen, \u201eg\u00f6ttlichen\u201c Zusammenhang verloren hat oder dass dieser jedenfalls dem Menschen nicht mehr gel\u00e4ufig oder permanent zug\u00e4nglich ist. Um den Zusammenhang zu erkennen, im Bewusstsein zu reaktivieren und zu erleben, bedarf es inspirativer Bilder, denn ein Prozess ohne die Verbildlichung einzelner Stufen und des Ziels bleibt abstrakt. Mandalas k\u00f6nnen \u201eLeitbilder\u201c liefern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-63079\" src=\"http:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-4-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"360\" height=\"354\" srcset=\"https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-4-small.jpg 360w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-4-small-300x295.jpg 300w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-4-small-24x24.jpg 24w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-4-small-36x36.jpg 36w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-4-small-48x48.jpg 48w\" sizes=\"(max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/p>\n<p>Abb. 4: Mandala als Kosmogramm, Paro Dzong, Bhutan, Quelle: Gansser, Augusto; Gansser Ursula; Olschak, Blanche C. (1969):&nbsp;<em>Bhutan. Land der verborgenen Sch\u00e4tze<\/em>. Bern. Vom Umschlagphoto \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-63093\" src=\"http:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-5-english-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"400\" height=\"314\" srcset=\"https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-5-english-small.jpg 400w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-5-english-small-300x236.jpg 300w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-5-english-small-24x19.jpg 24w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-5-english-small-36x28.jpg 36w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-5-english-small-48x38.jpg 48w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/p>\n<p>Abb. 5: Mandala als Weg. Quelle: Khanna, Madhu (1979):&nbsp;<em>Yantra. The Tantric Symbol of Cosmic Unity<\/em>. London. S. 75.<\/p>\n<p><strong>Das Nichtmanifestierte hereinholen<\/strong><\/p>\n<p>Um etwas zu verstehen, das nicht unmittelbar zu erfassen ist, braucht der Mensch Geschichten, <em>Narrative<\/em>, die das Abstrakte und Zeitlose in die Gegenwartswelt bringen. Kosmogene Mythen sind solche Narrative, die eine Welterkl\u00e4rung liefern und Sicherheit schaffen in einer unbeherrschbaren, instabilen Welterfahrung. Solche Narrative beziehen sich aber nicht nur auf die Welt als Ganzes, sondern in besonderem Ma\u00dfe auch auf St\u00e4dte. St\u00e4dte waren und sind eine Ansammlung von Verschiedenartigem, die ohne ein \u00fcbergeordnetes Weltbild, das potenzielle Konflikte im Zaum h\u00e4lt, nicht funktionieren.<\/p>\n<p>Ein sch\u00f6nes Beispiel wird von Volwahsen zitiert:<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Vor langer Zeit gab es etwas Existierendes, nicht definiert durch einen Namen, unbekannt in seiner Form. Es war zwischen Himmel und Erde. Als die G\u00f6tter es sahen, packten sie es und pressten es auf den Boden, mit dem Gesicht nach unten. So wie die G\u00f6tter es sahen, halten sie es. Brahma lie\u00df es von den G\u00f6ttern besetzen und nannte es Vastu Purusha<a id=\"_ftnref6\" name=\"_ftnref6\"> <\/a><\/em><a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a>.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Hier wird deutlich, dass der Vorgang des \u201eHereinholens\u201c des Nichtmanifestierten in das Manifestierte keine automatisch ablaufende Angelegenheit ist: Der abstrakten Seele (auch Urmensch) (<em>purusha<\/em>) muss geholfen werden, damit sie sich als <em>vastu purusha<\/em> mit dem Baugrund verbindet. Dieses \u201eNachhelfen\u201c zeigt sich in Gr\u00fcndungs- und Einweihungsriten f\u00fcr Geb\u00e4ude und ganze St\u00e4dte. Diese Raum-Zeit-Werdung ist kein einfacher Vorgang.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-63107\" src=\"http:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-6-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"360\" height=\"352\" srcset=\"https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-6-small.jpg 360w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-6-small-300x293.jpg 300w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-6-small-24x24.jpg 24w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-6-small-36x36.jpg 36w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-6-small-48x48.jpg 48w\" sizes=\"(max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/p>\n<p>Abb. 6: Vastu-Purusha-Mandala und die Aufteilung in Padas, Quelle: Volwahsen, Andreas (1968):&nbsp;<em>Indien. Bauten der Hindus, Buddhisten und Jains<\/em>. Fribourg. S. 44.<\/p>\n<p>Die Gestalt im Quadrat stellt die Urform dar, die aller gebauten Form zugrunde liegt, und gleichzeitig ist sie ein ordnendes Prinzip. Der <em>vastu purusha<\/em> ist der Erde zugewandt, hier liegt seine Aufgabe: die Un\u00fcberschaubarkeit der Natur zu ordnen und einen Lebensraum f\u00fcr G\u00f6tter <em>und<\/em> Menschen zu bilden. Das Gr\u00fcndungsmandala symbolisiert den gerichteten, geordneten Raum, der Bezug hat zu einem nicht-sichtbaren aber nicht weniger realen Raum. Im Gr\u00fcndungsritus wird dieser Zusammenhang hergestellt.<\/p>\n<p><strong>Streiflichter in die Neuzeit<\/strong><\/p>\n<p>Wir leben in einer Welt der Fragmentierung aller Lebensbereiche, der globalen Vernetzung, der Vereinzelung durch die Aufl\u00f6sung der nat\u00fcrlichen Kollektive. Mit Ausnahme konsumorientierter Werte gibt es kein allgemein verbindliches Leitbild. Religi\u00f6s gepr\u00e4gte Leitbilder haben an Kraft verloren.<\/p>\n<p>Das egozentrierte Menschenbild, das psychologische Ich der Neuzeit, bildete sich in der Renaissance. Der Florentiner Philippo Brunelleschi (1377-1446) gilt als Entdecker der Zentralperspektive, die den Ich-Betrachter in den Mittelpunkt stellt. Damit sind Menschen aus dem mythischen Raum sozusagen \u201eherausgefallen\u201c und betrachten die Objekte aus ihrer <em>eigenen<\/em> Perspektive. Descartes (1596-1650), Wegbereiter der Aufkl\u00e4rung, entthronte den Gott im Himmel. Er betonte die M\u00fcndigkeit des Menschen, verlagerte die Religion in die Verantwortlichkeit des Einzelnen und ebnete so den Weg f\u00fcr das heutige Denken. In einem solchen Kontext ist es schwierig, Menschen an ein kollektives Ordnungsschema von Welt und Kosmos zu binden.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Habermas stellte 1968 fest, dass hinsichtlich der Anerkennung und Legitimation von Leitbildern sich die moderne von der traditionalen Gesellschaft dadurch abgrenze, dass sie eine Legitimation anbiete, die <em>\u201enicht mehr vom Himmel der kulturellen \u00dcberlieferung herabgeholt, sondern von der Basis der gesellschaftlichen Arbeit heraufgeholt werden kann\u201c<a id=\"_ftnref7\" name=\"_ftnref7\"> <\/a><\/em><a href=\"#_ftn7\">[7]<\/a>. Im Klartext: in der modernen Gesellschaft sind die Erkl\u00e4rungsmuster vorneuzeitlicher Art, wie wir sie hier am Beispiel des mythischen Raums betrachtet haben, \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n<p>Das derzeitige Ergebnis der \u201egesellschaftlichen Arbeit\u201c ist, dass wir an die Stelle des sinngeladenen mythischen Raums den Konsumraum gesetzt haben.<\/p>\n<p><strong>Nicht-Orte<\/strong><\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Anthropologe Marc Aug\u00e9<a id=\"_ftnref8\" name=\"_ftnref8\"> <\/a><a href=\"#_ftn8\">[8]<\/a> hat die Sinnentleerung von R\u00e4umen als die Entstehung von \u201eNicht-Orten\u201c thematisiert:<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Dennoch sind die Nicht-Orte das Ma\u00df unserer Zeit, das sich quantifizieren l\u00e4sst und das man nehmen k\u00f6nnte, in dem man [&#8230;] die Summe bildete aus den Flugstrecken, den Bahnlinien und den Autobahnen, den mobilen \u201eBehausungen\u201c, die man als \u201eVerkehrsmittel\u201c bezeichnet (Flugzeuge, Eisenbahnen, Automobile), den Flugh\u00e4fen, Bahnh\u00f6fen und Raumstationen, den gro\u00dfen Hotelketten, den Freizeitparks, den Einkaufszentren, und schlie\u00dflich dem komplizierten Gewirr der verkabelten oder drahtlosen Netze, die den extraterrestrischen Raum f\u00fcr eine seltsame Art der Kommunikation einsetzen, welche das Individuum vielfach nur mit einem Bild seiner selbst in Kontakt bringt.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Mit anderen Worten: Der physische Raum wird sinn-entleert, es entstehen Nicht-Orte, d. h. bedeutungsleere Orte. Die Verbindung zu sinnstiftenden Modellen rei\u00dft ab; Kirchen und Tempel werden zu St\u00e4tten der Erinnerung und\/oder zu Orten des Denkmalschutzes. Bedeutung verlagert sich in virtuelle R\u00e4ume.<\/p>\n<p><strong>Neues entsteht<\/strong><\/p>\n<p>Diesen eher kulturpessimistischen Statements w\u00e4re entgegenzusetzen, dass die oben geschilderten Entwicklungen auch Optionen f\u00fcr ein \u201egutes Leben\u201c in sich bergen, die es ohne die Aufl\u00f6sung des Alten nicht geben w\u00fcrde. Drei Aspekte seien genannt:<\/p>\n<p>Es ist gerade die moderne Naturwissenschaft, die ihr eigenes Paradigma, eine empirische Erkenntnis m\u00fcsse jederzeit \u00fcberpr\u00fcfbar sein, mit der Quantentheorie \u201evom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe\u201c stellt. Was sie aufzeigt, besitzt eine Entsprechung zur Konstruktion des mythischen Raumes: Er entsteht durch seine Beobachter. Das Ergebnis bestimmter Versuche h\u00e4ngt vom Bewusstsein desjenigen ab, der sie durchf\u00fchrt. Ferner lernen wir durch die Quantentheorie, dass das unendlich Ferne und Gro\u00dfe tats\u00e4chlich mit dem unendlich Nahen und Kleinen eng zusammenh\u00e4ngt, vielleicht sogar eins mit ihm ist und sich das Eine nur auf verschiedene Weise darstellt. Wir sind also dabei, den gro\u00dfen Zusammenhang vorneuzeitlicher Wissenschaft wiederzuentdecken und neu zu formulieren.<\/p>\n<p>Auf der gesellschaftlichen Ebene beobachten wir, dass das Bed\u00fcrfnis der Menschen nach Sinnstiftung au\u00dferhalb der Rationalit\u00e4t nicht nachgelassen hat. Habermas spricht heute von einer \u201e<em>post<\/em>s\u00e4kularen\u201c Welt<a id=\"_ftnref9\" name=\"_ftnref9\"> <\/a><a href=\"#_ftn9\">[9]<\/a>, in der Religion als Wertelieferant wieder auftaucht, obwohl die Gesellschaft eigentlich nie bis in die Tiefe individueller Empfindungen s\u00e4kular geworden ist \u2013 das zeigen die esoterischen B\u00fccherregale in den Buchl\u00e4den ebenso wie die Hochkonjunktur einschl\u00e4giger Veranstaltungsangebote und Gruppierungen. Anders als fr\u00fcher geht es aber um die Erschlie\u00dfung eines \u201eeigenen\u201c Sinn- und Lebenspfades.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich beobachten wir \u2013 gegenl\u00e4ufig zur Individualisierung \u2013 die Tendenz des Sich-Zusammenschlie\u00dfens, also der <em>kollektiven<\/em> Sinn- und Wertsuche, die typischerweise nicht mehr nur an einen Ort gebunden ist. Es sind translokale Netzwerke, die heute eine ungeahnte Macht entfalten \u2013 nicht nur als Konsumenten sondern als transnationale Kollektive, die gemeinsamen Zielen folgen. Interessant dabei ist, dass es dabei auch zu einer Inwertsetzung des konkreten Raumes kommt. Das Netzwerk braucht den sinntr\u00e4chtigen konkreten Ort ebenso wie die leitf\u00e4hige Vernetzung mit anderen, die erst durch die moderne Technologie m\u00f6glich geworden ist. Der moderne \u201emythische\u201c Raum ist also \u00fcberlokal \u2013 und erweckt hierbei auch Nicht-Orte zum Leben \u2013 und zugleich lokal, indem er Ausdruck in konkreten Orten der Begegnung findet.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a id=\"_ftn1\" name=\"_ftn1\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/der-mythische-raum#_ftnref1\">[1]<\/a> Wheatley, Paul (1971): <em>The Pivot of the Four Quarters. A Preliminary Enquiry into the Origins and Character of the Ancient Chinese City.<\/em> Chicago. S. 225ff.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn2\" name=\"_ftn2\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/der-mythische-raum#_ftnref2\">[2]<\/a> Cassirer, Ernst (1953, Erstausgabe 1925): <em>Die Philosophie der symbolischen Formen<\/em>. Band 2: <em>Das mythische Denken<\/em>. Darmstadt. S. 106.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn3\" name=\"_ftn3\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/der-mythische-raum#_ftnref3\">[3]<\/a> Mircea Eliade (1984, erste Ver\u00f6ff. 1957): <em>Das Heilige und das Profane<\/em>. Frankfurt am Main, S. 23.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn4\" name=\"_ftn4\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/der-mythische-raum#_ftnref4\">[4]<\/a> Tucci, Giuseppe (1961): <em>The Theory and Practice of the Mandala<\/em>. London.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn5\" name=\"_ftn5\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/der-mythische-raum#_ftnref5\">[5]<\/a> vgl. Johann Wolfgang von Goethe: <em>West-\u00f6stlicher Divan<\/em>, Kapitel 10 <em>Wiederfinden<\/em>. \u201e\u2026 Und er sprach das Wort \u201cEs werde!\u201d | Da erklang ein schmerzlich Ach! | Als das All mit Machtgeb\u00e4rde | In die Wirklichkeiten brach \u2026\u201d<\/p>\n<p><a id=\"_ftn6\" name=\"_ftn6\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/der-mythische-raum#_ftnref6\">[6]<\/a> Volwahsen, Andreas (1968): <em>Indien. Bauten der Hindus, Buddhisten und Jains<\/em>. Fribourg. S. 43-44.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn7\" name=\"_ftn7\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/der-mythische-raum#_ftnref7\">[7]<\/a> Habermas, J\u00fcrgen (1968): <em>Technik und Wissenschaft als \u201eIdeologie\u201c<\/em>, Frankfurt. S. 69.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn8\" name=\"_ftn8\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/der-mythische-raum#_ftnref8\">[8]<\/a> Aug\u00e9, Marc (1992): <em>Non-Lieux. Introduction \u00e0 une anthopologie de la surmodernit\u00e9<\/em>. Paris. Deutsch (1994): <em>Orte und Nicht-Orte. Vor\u00fcberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit<\/em>. Frankfurt. S. 94.<\/p>\n<p><a id=\"_ftn9\" name=\"_ftn9\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/der-mythische-raum#_ftnref9\">[9]<\/a> Habermas, J\u00fcrgen (2001): <em>Glauben und Wissen. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2001<\/em>. Frankfurt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":8961,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-90607","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/90607","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8961"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=90607"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=90607"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=90607"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=90607"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}