{"id":90525,"date":"2020-05-05T07:22:50","date_gmt":"2020-05-05T07:22:50","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/das-kunstwerk-das-die-erde-fordert\/"},"modified":"2020-05-05T07:22:50","modified_gmt":"2020-05-05T07:22:50","slug":"das-kunstwerk-das-die-erde-fordert","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/das-kunstwerk-das-die-erde-fordert\/","title":{"rendered":"Das Kunstwerk, das die Erde fordert"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal, wenn ich Menschen in gr\u00f6\u00dferer Anzahl sehe, bekomme ich die Empfindung eines ungeheuren Potenzials, so gro\u00df, dass es die Erde zu einem neuen Stern machen k\u00f6nnte, einem Kunstwerk im All. Nat\u00fcrlich kommt der Gedanke auf, dass wir doch einen gro\u00dfen Schaden an der Erde anrichten. Aber k\u00f6nnte das nicht ein \u2013 wenn auch bizarrer \u2013 Hinweis darauf sein, dass wir auch in der anderen Richtung etwas sehr Besonderes bewirken k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Manche Forscher vermuten, dass die Menschheit in ihrer Bewusstseinsentwicklung gerade in der Pubert\u00e4t angekommen ist (C.G. Jung, Wolfgang Schad). Das l\u00e4sst sich nachvollziehen. Die Krisen, die wir hervorrufen, w\u00e4ren dann Bestandteil eines Weges zum Erwachsenwerden.<\/p>\n<p>Das Denken Vieler deutet in diese Richtung. In einem Zwiegespr\u00e4ch mit der Erde sagt Goethes Faust: \u201eDu regst und r\u00fchrst ein kr\u00e4ftiges Beschlie\u00dfen, zum h\u00f6chsten Dasein immer fortzustreben\u201c (Faust II). Ein solches Dasein haben wir noch nicht erreicht. Rilke f\u00fchrt ebenfalls ein Zwiegespr\u00e4ch mit der Erde. In seiner Neunten Duineser Elegie fragt er:<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbar<\/em><\/p>\n<p><em>in uns erstehn? \u2013 Ist es dein Traum nicht,<\/em><\/p>\n<p><em>einmal unsichtbar zu sein? \u2013 Erde! unsichtbar!<\/em><\/p>\n<p><em>Was, wenn Verwandlung nicht, ist dein dr\u00e4ngender Auftrag?<\/em><\/p>\n<p><em>Erde, du liebe, ich will.<\/em><\/p>\n<p><em>Namenlos bin ich zu dir entschlossen, von weit her.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Was ist mit diesem Unsichtbaren gemeint?<\/p>\n<p>Jakob B\u00f6hme, der gro\u00dfen Mystiker, der vor etwa 400 Jahren lebte, schrieb von einer Entwicklung, durch die die Erde und der Mensch durchsichtig werden:<\/p>\n<blockquote>\n<p>In unserem grobstofflichen K\u00f6rper ist eine<em> \u201esubtile Kraft, gleichwie in der Erden eine subtile gute Kraft ist, welche sich mit der Sonnen vergleichet und einiget, welche auch im Anfang der Zeit aus g\u00f6ttlicher Kraft entsprungen ist, daraus auch die gute Kraft des Leibes ist genommen worden.\u201c Diese gute Kraft\u201c unseres sterblichen K\u00f6rpers <\/em>\u2013 so f\u00e4hrt B\u00f6hme fort \u2013<em> \u201esoll in sch\u00f6ner, durchsichtiger, kristallinischer, materialischer Eigenschaft, in geistlichem Fleische und Blute wiederkommen und ewig bleiben oder leben: wie dann auch die gute Kraft der Erden, da dann die Erde wird auch kristallinisch sein, und das g\u00f6ttliche Licht wird allen Wesen leuchten. \u2026 die Grobheit vergehet an allen Dingen\u201c.<\/em><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\">[1]<\/a><em> <\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Der Anthropologe Jean Gebser erl\u00e4utert in seinem Werk <em>Ursprung und Gegenwart<\/em>, in dem er die Bewusstseinsentwicklung der Menschheit darstellt, dass sich Transparentes, Durchsichtiges anbahnt. Gebser nennt es das<em> Diaphainon. <\/em>Es wird alles durchscheinen, was \u201eWesens-Charakter\u201c hat. Worin liegt der Grund f\u00fcr eine solche Entwicklung? Gebser: \u201eEs ist die Ursprungsgegenw\u00e4rtigkeit, die selber Bewusstsein erreicht, da einer ihrer Tr\u00e4ger, der Mensch, durch die raum-zeitlich bedingte Bewusstseins-Entfaltung gegangen ist, sich durch diese hindurchgefreut hat, aber auch durch sie hindurchgelitten wurde.\u201c <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\" title=\"\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Der Ursprung des Lebens gibt die Impulse zu den gro\u00dfen Entwicklungsschritten. Uns obliegt es, sie zu erfassen, zu verstehen und unser Leben auf sie abzustimmen. Wir m\u00fcssen \u201eum den sich vollziehenden Vorgang wissen\u201c (Gebser).<\/p>\n<p>Rilke schreibt in einem Brief (vom 13.11.1925): \u201e \u2026 unsere Aufgabe ist es, diese vorl\u00e4ufige, hinf\u00e4llige Erde uns so tief, so leidend und leidenschaftlich einzupr\u00e4gen, dass ihr Wesen in uns \u201aunsichtbar\u2019 wieder aufersteht. Wir sind die Bienen des Unsichtbaren. Wir heimsen unabl\u00e4ssig den Honig des Sichtbaren ein, um ihn aufzuheben in dem gro\u00dfen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren.\u201c Und in der Siebenten Duineser Elegie spricht Rilke vom \u201egetr\u00e4umten Tempel der Zukunft\u201c, der sich ank\u00fcndigt.<\/p>\n<p><strong>Wenn die Dinge durchsichtig werden<\/strong><\/p>\n<p>Das Unsichtbare, das Durchsichtige ist das Seelische und Feinstoffliche, das zu jeder Wesenheit geh\u00f6rt. Es kann durch die Quellen des Ursprungs erneuert werden. Wenn das in uns stattfindet, k\u00f6nnen wir daran mitwirken, es \u00fcberall herzurufen, in allem Leben in der Natur. Die materiellen Formen werden dann von innen her leuchtend, das Grobstoffliche wird durchsichtig, seine Beseelung wird erfahrbar.<\/p>\n<p>Als Kind hatte ich das Gef\u00fchl, dass ich \u201eso\u201c nicht w\u00fcrde leben k\u00f6nnen, \u201eso\u201c, wie ich es \u00fcberall um mich herum wahrnahm. Ich folgte dann doch den \u201enormalen\u201c Bahnen. Die Kraft dazu erhielt ich aber durch eine intensive Suche. K\u00fcrzlich begegneten mir Worte H\u00f6lderlins: \u201eFreude war es, von nun an zu wohnen in liebender Nacht und bewahren in einf\u00e4ltgen Augen, unverwandt, Abgr\u00fcnde der Weisheit\u201c (in: <em>Patmos<\/em>). Die \u201eliebende Nacht\u201c kann ich erleben, das unsichtbare Geistig-Seelische, das uns tr\u00e4gt. Und auch den Wert \u201eeinf\u00e4ltiger Augen\u201c.<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich sa\u00df ich in der Abendd\u00e4mmerung und las in einem Buch. Es war eine wundervolle Geschichte, erz\u00e4hlt aus der Perspektive eines Kindes. Als es zu dunkel wurde, legte ich das Buch zur Seite und schaute nach oben \u2013 und der Himmel stand offen. War es eine Sinnest\u00e4uschung? Ich konnte es nur wenige Momente ertragen. Alles war durchsichtig. Alles zeigte ein inneres Leben, das zu mir \u201esprach\u201c.<\/p>\n<p>Wir nehmen meist nur den \u00e4u\u00dferen Aspekt der Dinge wahr. Doch wir erleben es ja bei uns selbst, dass es die Innenwelten gibt. Alles, was lebendig ist, verf\u00fcgt \u00fcber ein Innen und ein Au\u00dfen. Mehr und mehr Menschen berichten davon, dass ihnen eine neue Beziehung zu B\u00e4umen m\u00f6glich wird. B\u00e4ume k\u00f6nnen eine Beziehung zum Menschen suchen. Ich habe erlebt und kann es immer wieder erleben, wie Impulse von der Natur ausgehen. Ich verstehe sie so, dass sie auf neue Weise wahrgenommen werden will.<\/p>\n<p><strong>Jeder arbeitet an seiner eigenen inneren Form<\/strong><\/p>\n<p>Was ist es f\u00fcr ein Potenzial, das in uns erwachen kann? Es ist eine neue seelische Form, eine innere Statur, die von anderer Kraft und Tiefe ist als die, die wir bislang besitzen. Das Lebendige dr\u00e4ngt auf neue Weise in die Gegenwart. Wenn es in unserem Bewusstsein aufleuchtet, ersp\u00fcren wir die Lebensformen, die um uns herum sind, von innen her. Und wir erahnen einen Auftrag.<\/p>\n<p>Jeder arbeitet an seiner eigenen inneren Form. Die Werkzeuge daf\u00fcr sind unser Denken, Empfinden, Wollen und Handeln. Sie formen die feinstoffliche Gestalt. Diese ist unsichtbar, durchsichtig, und doch entscheidend f\u00fcr unser Leben. Sie geh\u00f6rt dem \u201eWeltinnenraum\u201c an (Rilke), der Parallelwelt zu dem, was wir \u00e4u\u00dferlich wahrnehmen. Alles Lebendige besitzt die unsichtbare Gestalt im Weltinnenraum. Au\u00dfen und innen entsprechen einander. &nbsp;<\/p>\n<p>Die h\u00f6chsten inneren Welten werden g\u00f6ttlich-geistig genannt. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass in ihnen der Ursprung des Lebens liegt, die Ursprungsgegenw\u00e4rtigkeit, von der Gebser spricht. Die Impulse, die von dort kommen, bed\u00fcrfen der Bereitschaft und der Kraft, sie zu verwirklichen. Spirituelle Gemeinschaften k\u00f6nnen hierbei helfen, sie k\u00f6nnen Kr\u00e4fte b\u00fcndeln und einen intensiven Erfahrungsaustausch erm\u00f6glichen. Die Impulse wandeln sich im Laufe der Geschichte. Sie haben uns in die Individualisierung gef\u00fchrt. Denn jeder muss die innere Gestalt in sich selbst verwirklichen. Doch in der Gleichheit des Auftrags liegt die Basis f\u00fcr eine neue Art des Gemeinschaftlichen. Wir sind Gef\u00e4hrten auf einem gemeinsamen Weg.<\/p>\n<p>Alles h\u00e4ngt davon ab, welchen der kosmischen Innenwelten wir die Spiegelung in uns erm\u00f6glichen, auf welche ihrer \u201eFrequenzen\u201c wir reagieren.<\/p>\n<p>Unser \u00e4u\u00dferes Leben zeigt dies. Die innere Gestalt entsteht durch unsere Lebensf\u00fchrung. Die Erde \u201everlangt\u201c von uns, dass es ein Kunstwerk wird, eine wegweisende Form. Denn dann erleben wir mit den neuen Augen das Lebendige von innen her, erleben die Erde neu. Manche sprechen von den heiligen Bereichen der Erde (van Rijckenborgh). Die Art unseres Zusammenlebens \u00e4ndert sich. Auf der neuen seelischen Ebene werden wir den Schaden, den wir angerichtet haben, aufheben k\u00f6nnen. Eine Kooperation mit der Erde kann auf ungeahnt neue Weise stattfinden.<\/p>\n<p>Die hohen Kr\u00e4fte der Innenwelt dynamisieren wir in dem Ma\u00dfe, in dem wir sie in unser Bewusstsein aufnehmen und in unserem Denken, F\u00fchlen, Wollen und Tun austragen. Sie erbauen sich in uns die ihnen gem\u00e4\u00dfe Form. Sie sind der K\u00fcnstler. Und im Verlauf unserer inneren Verwandlung erwachen wir \u2013 und arbeiten mit, in uns und um uns herum. Wir tun den Schritt und erleben, wie sich das Kunstwerk \u00fcberall heranbildet, die unsichtbare innere Gestalt. Gewinnt sie an Kraft, so wird das \u00c4u\u00dfere durchsichtig. Hierauf scheint die Erde zu warten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a> Jakob B\u00f6hme, <em>Vom \u00fcbersinnlichen Leben<\/em>, in: <em>\u00dcber die Umkehr und die Einsicht<\/em>, hrsgeg. von Anton Brieger, Pforzheim o.D., S. 31 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\" title=\"\">[2]<\/a> Jean Gebser, <em>Gesamtausgabe<\/em>, Band II, Schaffhausen 1986, S. 207<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":8700,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101],"tags_english_":[],"class_list":["post-90525","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/90525","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8700"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=90525"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=90525"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=90525"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=90525"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}