{"id":90515,"date":"2020-04-30T06:54:40","date_gmt":"2020-04-30T06:54:40","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/kunst-und-wahrheit-teil-2\/"},"modified":"2020-04-30T06:54:40","modified_gmt":"2020-04-30T06:54:40","slug":"kunst-und-wahrheit-teil-2","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/kunst-und-wahrheit-teil-2\/","title":{"rendered":"Kunst und Wahrheit &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>Nach <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/kunst-und-wahrheit-teil-1\">Teil 1<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wenn die Werte der Kultur verflachen<\/strong><\/p>\n<p>Goethe vertiefte sich in der Natur in das \u201eSch\u00f6ne\u201c und \u201eWahre\u201c. Er versuchte, die Grundmuster der Natur aufzudecken, indem er nach der Urpflanze suchte. Da die Seele nur das wahrnehmen kann, was ihrer eigenen Struktur entspricht, muss diese Suche gleichbedeutend sein mit der Suche nach der Urseele. Was bei Goethe und so manchen K\u00fcnstlern vor seiner Zeit Inhalt ihrer k\u00fcnstlerischen Ambitionen war. H\u00f6lderlin beschreibt diesen K\u00fcnstler, wenn er sagt: \u201eWir leben ja nicht, um zu gl\u00e4nzen, wir leben, um wohl zu tun.\u201c<\/p>\n<p>Dieses \u201eWohltun\u201c kann man gewiss gleichsetzen mit dem Bed\u00fcrfnis, als K\u00fcnstler ein Kunstwerk zu schaffen, durch das der Glanz des ewigen \u201eEinen\u201c hindurchleuchten kann oder das durch seine Harmonie besticht. Wir haben in der Entwicklung der Menschheit immer wieder K\u00fcnstler gesehen, die in allen Kulturbereichen solche Kunstwerke geschaffen haben. Heute bezahlen Sammler bisher nie dagewesene Preise f\u00fcr solche Kunstwerke. Damit erf\u00e4hrt die Kunst eine gewisse Wandlung in ihrer Bedeutung.<\/p>\n<p>Diese Ver\u00e4nderung wurde wahrscheinlich weniger durch den K\u00fcnstler angesto\u00dfen als vielmehr durch den Zeitgeist. Die Kunst wurde zum Wertobjekt und entwickelt sich nicht mehr um ihrer selbst Willen oder um f\u00fcr die Seele M\u00f6glichkeiten zu schaffen, sich ihrer vergessenen Wurzeln zu erinnern bzw. dem \u201eSch\u00f6nen\u201c, \u201eGuten\u201c und \u201eWahren\u201c in der Materie der Erscheinungen eine Ausdrucksm\u00f6glichkeit zu verschaffen. Mit der Entwicklung des Produktdesigns und der Werbung entstand eine Massenkunst, in der die Suche nach den Urbildern oder, anders ausgedr\u00fcckt, das utopische Potential in den Hintergrund r\u00fcckte. Das utopische Potenzial bildet die Verbindung zur Welt der Ideen. Es hat f\u00fcr die Seele etwas Erschreckendes, wenn dieses Unerwartete pl\u00f6tzlich an den Sinnesorganen vorbei in ihr aufleuchtet. F\u00fcr den K\u00fcnstler sind solche Momente besonders und eindrucksvoll. Der schnelllebige Bereich des Produktdesigns und der Werbung kann allerdings mit diesen Aspekten der Kunst wenig anfangen.<\/p>\n<p>Die modernen, neu entwickelten k\u00fcnstlerischen Bereiche haben eine ganz andere Absicht. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf die materiellen Bereiche. Es sind h\u00e4ufig kurzlebige Massenprodukte. Diese Kunst kann man vor dem Hintergrund der urspr\u00fcnglichen Bestimmung der Kunst eher als L\u00fcge bezeichnen. Es geht ihr nicht darum, eine Utopie zu erzeugen, die der Seele ihre urspr\u00fcngliche, vergessene Struktur wieder bewusst macht und sie damit vielleicht in die Freiheit f\u00fchrt; eine solche Kunst m\u00fcsste von absichtsloser Sch\u00f6nheit sein und bleiben. Vielmehr geht es darum, den Menschen zu einer Handlung innerhalb der materiellen Welt der Erscheinungen zu animieren.<strong> <\/strong>Das f\u00fchrt zu der Verflachung, die ein besonderes Merkmal unseres augenblicklichen Zeitgeistes ist.<\/p>\n<p>Mit dem Erstarken der materialistischen Sichtweise wurde das Sch\u00f6ne zum \u201eKunstsch\u00f6nen\u201c, das Wahre zum \u201eKunstwahren\u201c und das Gute zum \u201eKunstguten\u201c. Diese Entwicklung setzte schon lange vor der Entwicklung der Massenkunst ein. Da aber der Mensch und damit auch der K\u00fcnstler sich seinem Wesen nach nicht verleugnen kann, macht diese Kunst gerade dadurch, dass sie als L\u00fcge erscheint, letztlich die Wahrheit wieder sichtbar: Kunst ist Ausdruck der ewigen Romanze \u2013 oder auch der stillen Auseinandersetzung &#8211; zwischen der Sch\u00f6nen und dem Biest<\/p>\n<p>Der Mensch erf\u00e4hrt diese Romanze als Kampf zwischen zwei Seelen, die jeder Mensch in sich tr\u00e4gt. Das franz\u00f6sische M\u00e4rchen \u201eDie Sch\u00f6ne und das Biest\u201c erz\u00e4hlt von der Hoffnung, dass das Sch\u00f6ne durch Liebe und Hingabe an das Gute und Wahre den Prinzen im Biest erl\u00f6st.<\/p>\n<p><strong>Das Besondere unseres Zeitgeistes<\/strong><\/p>\n<p>Wir wollen diesen Artikel nicht abschlie\u00dfen, ohne einen Blick in die Zukunft zu wagen. Wir haben er\u00f6rtert, dass die Kunst wie auch die Wissenschaft ihren Weg in die Abstraktion eingeschlagen haben. Gleichzeitig, oder vielleicht auch schon fr\u00fcher, hat eine Entwicklung begonnen, die man als Feuilletonismus bezeichnen kann. &nbsp;Dabei geht es nicht mehr nur um das <em>Ziel<\/em> der k\u00fcnstlerischen Ambitionen, sondern vor allem darum, \u00fcber die Philosophie, die Wissenschaft oder Kunst zu <em>schreiben<\/em>. Damit entstanden Vortr\u00e4ge, Filme und H\u00f6rspiele, die nicht mehr das Zielf\u00fchrende im Auge hatten, sondern die Zerstreuung Diese leichtverst\u00e4ndlichen Feuilletons \u00fcberfluten die Medien bis heute. Das Sch\u00f6ne, Wahre und Gute wird mundfertig gemacht, verst\u00e4ndlich und leicht zu verdauen. Dadurch wird ihm die Kraft genommen, den Menschen zu einer Begegnung mit seiner Tiefe zu f\u00fchren. So werden Antworten gegeben, die keine sind. Antworten, durch die die kulturellen Werte verflachen. Weitergehendes, bohrendes Fragen, das in die Tiefe geht, scheint nicht mehr notwendig.<\/p>\n<p>Wir sprachen vom harmonischen Ma\u00df aller Dinge als Ausdruck des \u201eSch\u00f6nen\u201c. Dieses Empfinden ist auch sinnlicher Natur. Es gab immer Phasen in der Kulturentwicklung, in denen das sinnlich erfahrene Ma\u00df der Dinge Hauptinhalt und Ziel des Lebens waren. Auch wir leben jetzt in einer solchen Phase und erleben, mit welcher Macht diese Haltung in die Verflachung strebt.<\/p>\n<p>Der Glanz des \u201eEinen\u201c weist indes \u00fcber die sinnliche Erfahrung hinaus. Die Seele wird pl\u00f6tzlich mit Eindr\u00fccken konfrontiert, die sie zutiefst erschrecken, da sie in solchen Momenten an den Sinnesorganen vorbei Bruchst\u00fccke einer anderen Realit\u00e4t wahrnimmt. Das ist oft mit Angst und Schrecken verbunden, hinterl\u00e4sst aber tiefgreifende Eindr\u00fccke. Die Wissenschaft hat in der Physik solche vertiefenden Erfahrungen gemacht bis zu dem Punkt, an dem die Forschung zu paradoxen Ergebnissen gelangte. Vielleicht hat die Kunst eine solche Entwicklung noch vor sich, eine Entwicklung, bei der der Glanz der Ewigkeit die Kunst an die Grenze des Ausdr\u00fcckbaren f\u00fchrt. Solche Phasen periodischer Vertiefung hat es immer gegeben, und es wird sie wieder geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Quellen:<\/p>\n<p><strong>Henry Keazor<\/strong><strong>:<\/strong> <em>\u201eKunst ist eine L\u00fcge, die uns die Wahrheit begreifen lasst.\u201c<\/em> Manipulation und F\u00e4lschung in der Kunst, Heidelberg 2018<br \/>\n<strong>Hermann Hesse:<\/strong> <em>Das Glasperlenspiel,<\/em> Frankfurt 2003<br \/>\n<strong>Platon:<\/strong> Gesammelte Werke als E-Buch, Ausgabe von 2016<br \/>\n<strong>Leonardo da Vinci<\/strong>: <em>Kunst und Wissenschaft des Universums<\/em>, Arte Doku<br \/>\n<strong>Thomas Hettche: <\/strong> <em>Die Freiheit der Kunst und das Leid der Welt, <\/em>in: <em>Die Zeit<\/em>, Ausgabe 52, 2019<br \/>\n<strong>Nicolai Berdiajew<\/strong>: <em>Das neue Mittelalter<\/em>, T\u00fcbingen 1950<br \/>\n<strong>Werner Heisenberg,<\/strong> <em>Gesammelte Werke<\/em>, Band III, Piper, M\u00fcnchen 1985<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":8667,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-90515","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/90515","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8667"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=90515"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=90515"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=90515"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=90515"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}