{"id":90491,"date":"2020-04-29T05:51:45","date_gmt":"2020-04-29T05:51:45","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/ludwig-van-beethovens-spate-zeit-von-der-pflicht-ich-zu-sein-teil-2\/"},"modified":"2020-04-29T05:51:45","modified_gmt":"2020-04-29T05:51:45","slug":"ludwig-van-beethovens-spate-zeit-von-der-pflicht-ich-zu-sein-teil-2","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/ludwig-van-beethovens-spate-zeit-von-der-pflicht-ich-zu-sein-teil-2\/","title":{"rendered":"Ludwig van Beethovens sp\u00e4te Zeit. Von der Pflicht, \u201eICH\u201c zu sein \u2013 Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>Nach <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/ludwig-van-beethovens-spaete-zeit-von-der-pflicht-ich-zu-sein-teil-1\">Teil 1<\/a><\/p>\n<p><strong>Streichquartett op. 131<\/strong><\/p>\n<p>Die letzten Streichquartette Beethovens lassen uns in tiefste Abgr\u00fcnde blicken und gr\u00f6\u00dfte Trag\u00f6dien wahrnehmen. Aber auch Dankbarkeit, Heilung und hintergr\u00fcndige Heiterkeit schwingen in vielen S\u00e4tzen mit und ber\u00fchren unser Herz. Der dualistische Geist Beethovens wird vor allem im Quartett op.131 deutlich. Wer sich fragt, was es hei\u00dft, sich nach innen zu kehren, der kann ein gewaltiges Beispiel an Innerlichkeit erleben. Nie bleibt die Musik an einem Ort oder einer Sph\u00e4re verhaftet. Keine Fixierung auf Melodien st\u00f6ren die Bewegung und Lebendigkeit. Beethoven selbst sagte, dass seine Quartette aus den sp\u00e4ten 20er Jahren des 19. Jahrhunderts nicht f\u00fcr das damalige Publikum, sondern f\u00fcr eine sp\u00e4tere Zukunft komponiert seien. Und heute kann die Erkenntnis aufleuchten: Ja, diese Werke h\u00e4tten auch im 20. Jahrhundert entstehen k\u00f6nnen, so neu, so modern. Oder sind wir immer noch nicht so weit?<\/p>\n<p>Wie viele andere Werke Beethovens, geh\u00f6rt das op. 131 zum Erbe f\u00fcr die Menschheit. Der Mensch lebt in der unerbittlichen Mehrdimensionalit\u00e4t dieser Weltgemeinschaft, von Globalisierung, Gier, Schicksalsenergien und Moralfragen getrieben. Das Streichquartett op. 131 konstatiert die Realit\u00e4t und ist wegweisend und tr\u00f6stend. Erst sp\u00e4ter, mit dem Streichquartett 135, tritt der Mensch schlie\u00dflich ins Licht.<\/p>\n<p><em>Empfehlung: Leonard Bernstein, Wiener Philharmoniker, Streichquartett op. 131 f\u00fcr Streichorchester (DG)<\/em><\/p>\n<p><strong>Klaviersonate op. 111<\/strong><\/p>\n<p>Nein, dies ist nicht Beethovens letztes Klavierwerk. Es scheint jedoch, als entr\u00fccke es den Zuh\u00f6rer ins Allerreinste!<\/p>\n<p>Da ist er wieder, dieser Schrei aus dem Fidelio: \u201eGott, welch Dunkel hier!\u201c<\/p>\n<p>Und welche D\u00fcsternis durchl\u00e4uft der erste Satz in dieser Welt, als wolle er alle H\u00f6hen und Tiefen, alle Traurigkeit, Depressionen, Ekstasen und das Chaos, das Grauen erfassen. Instabilit\u00e4t, krisenhafte Elemente, dazwischen aber freudige Ausblicke: Es gibt auch eine andere Welt! Und dann wieder \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Herzschlag, Vorhofflimmern, Bluthochdruck und Todesahnung. Alterserscheinungen, Arthrose, Schmerzen: Leid ist nicht miteinander zu vergleichen!<\/p>\n<p>Hier will ich raus!<\/p>\n<p>Darauf folgt der 2. Satz, zugleich der letzte Satz dieser Sonate: Der erste Ton der Arietta trifft sofort ins Herz:<\/p>\n<p>Hier will ich hin!<\/p>\n<p>Innerlichkeit und Endst\u00fcck der Vollkommenheit!<\/p>\n<p>Aufstieg zu lichten H\u00f6hen, in die Sternensph\u00e4re \u2013 kosmische nirvanische \u00dcberweltreise, durch das offene Tor zwischen den Wolken hindurch \u2013 Transfiguration\/Verkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Richard Strauss fragt in einem seiner vier letzten Lieder: Ist das etwa der Tod?<\/p>\n<p>Keine Polarit\u00e4t mehr \u2013 das Aller\u00e4u\u00dferste und das Allerreinste.<\/p>\n<p>Igor Stravinsky schreibt \u00fcber diesen Satz der Sonate op.111: Hier sind T\u00f6ne wie \u201edie Himmel selbst und die Planeten, wie unsere eigene Mitte!, die Ma\u00df, Rang und Ort beachten. Seine Macht der Musik wird zu einer Macht von und \u00fcber die Zeit. So treten Zust\u00e4nde ein wie: Zeitvakuum, Beinahe-Stillstand, Zeitlupe und das Unerwartete wird zum Erwarteten.\u201c<\/p>\n<p>Richard Wagner ruft aus: \u201eDas ist himmlisch! Das ist meine ganze Lehre! Das ist die Entwicklung zum gewaltfreien Menschen in Willen, Dialog und Verhalten: Kein Tod, damit ich leben kann!<\/p>\n<p>Ludwig van Beethoven entwarf in dieser 2-s\u00e4tzigen Klaviersonate f\u00fcnf Jahre vor seinem Tod einen Entwicklungsweg aus der Sph\u00e4re, die im Buddhismus als das \u201eRad von Geburt und Tod\u201c umschrieben wird, hin zu einer reinen, geistigen und himmlischen Existenz.<\/p>\n<p>Der Aufstieg f\u00fchrt durch unbekanntes Terrain ins scheinbar \u201eBodenlose\u201c.<\/p>\n<p>Erleuchtung strahlt \u00fcber der Menschheit.<\/p>\n<p>Dort ist es: Aufgehobensein im geistigen Refugium ungeahnter Erl\u00f6sung.<\/p>\n<p>Freude, sch\u00f6ner G\u00f6tterfunke!<\/p>\n<p>Einmaligkeit des Ausdrucks! Ungeheuerlichkeit der Form!<\/p>\n<p>Aufbruch, Ausbruch, Schutzzonen hinter allen Grenzen, R\u00fcckblicke auf die Serpentinen unterhalb, Friede, Freiheit und Liebe!<\/p>\n<p>Ich-Verlassenheit!<\/p>\n<p>Ende des Kreislaufs.<\/p>\n<p>Ein Abschied voller Hoffnung f\u00fcr die Menschheit.<\/p>\n<p>Der Schlussakkord: Die Form entschwebt. \u2013<\/p>\n<p><em>Empfehlung: Igor Levit (Sony)<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlussworte<\/strong><\/p>\n<p>Viele spirituelle und religi\u00f6se Richtungen empfehlen den \u201eWeg nach innen\u201c. Im Normalbewusstsein herrscht die Ich-Pers\u00f6nlichkeit mit ihren Willensenergien und will den Schein nach au\u00dfen, so gut es geht, aufrecht erhalten und zementieren.<\/p>\n<p>Spirituelle Arbeit, also die Suche nach dem Geistigen, besteht darin, am eigenen Selbst die Panzer des Normalbewusstseins aufzubrechen und zu durchdringen. Auf dem inneren Weg treten dann Vergeistigung und das Erkennen der Ich- und Willensenergien ein. Neue Bewusstseinsdimensionen \u00f6ffnen sich.<\/p>\n<p>Beethovens Sp\u00e4twerk ist prototypisch f\u00fcr diesen Prozess. Dieses Bem\u00fchen wird in seiner Musik an vielen Stellen offenkundig. Er sch\u00f6pft aus geistigen Quellen und f\u00fchrt mit seinen Kompositionen den Zuh\u00f6rer auf einen Weg aus aussichtslosen Situationen durch Abgr\u00fcnde, Krankheit und Tod hin zu Trost, Erleuchtung, Erf\u00fcllung und Geist. Beethovens Revolutionen in Kunst und Kultur sind kaum aufz\u00e4hlbar. Ihm gelingt, was zuvor unm\u00f6glich war, er sch\u00f6pft aus einem Ton die gesamte Energie eines St\u00fcckes, ohne hierzu eine Melodie zu ben\u00f6tigen.<\/p>\n<p>Johann Wolfgang von Goethe schrieb seiner Frau \u00fcber Beethoven: \u201eZusammengefasster, energischer, inniger habe ich noch keinen K\u00fcnstler gesehen. Ich begreife recht gut, wie er gegen die Welt wunderlich stehen muss.\u201c<\/p>\n<p>Seine Aufgabe in dieser Welt war ihm sehr bewusst. Beethoven schreibt: \u201eMusik ist der einzige unverk\u00f6rperte Eingang in eine h\u00f6here Welt des Wissens. Musik ist die Hingabe an das G\u00f6ttliche und die M\u00f6glichkeit, eine Offenbarung aus dem Geistigen f\u00fcr den Menschen zu isolieren und f\u00fcr ihn bewusst zu machen. Musik ist h\u00f6here Offenbarung und mehr als Weisheit und alle Philosophie. Musik ist innigste unteilbarste Verwandtschaft mit der Gesamtheit der Harmonie, der Einheit.\u201c<\/p>\n<p>\u201eBis an sein Grab bewahrte er ein menschliches Herz allen Menschen, ein v\u00e4terliches den Seinen, Gut und Blut der ganzen Welt. So war er, so starb er, so wird er leben f\u00fcr alle Zeiten. Nicht verloren habt ihr ihn. Ihr habt ihn gewonnen. Kein Lebendiger tritt in die Halle der Unsterblichkeit ein \u2026 Er steht von nun an unter den Gro\u00dfen aller Zeiten, unantastbar f\u00fcr immer\u201c (Franz Grillparzer in seiner Rede am Grab Beethovens).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Literaturempfehlung:<\/p>\n<p>Huch, Felix: <em>Beethovens Vollendung<\/em>, 1931 (Langewiesche-Brand)<\/p>\n<p>Kaiser, Joachim: <em>Beethovens 32 Klaviersonaten<\/em>, 1975 (Fischer)<\/p>\n<p>Konzertf\u00fchrer: <em>Ludwig van Beethoven<\/em>, 1988 (Schott)<\/p>\n<p>Lockwood, Lewis: <em>Beethoven. Seine Musik. Sein Leben<\/em>. 2009 (B\u00e4renreiter)<\/p>\n<p>Leitzmann, Albert: <em>Beethovens Pers\u00f6nlichkeit<\/em>, 1914 (Insel)<\/p>\n<p>Said, Edward: <em>Musik ohne Grenzen<\/em>, 2010 (C. Bertelsmann)<\/p>\n<p>Muthmann, Klaus Derick: <em>Musik und Erleuchtung<\/em> (Hieber)<\/p>\n<p>Briefe Beethovens an Bettine von Arnim\/ Brentano<\/p>\n<p>Beethovens Konversationshefte<\/p>\n<p>Rosen, Charles: <em>Der klassische Stil<\/em>, 1983 (B\u00e4renreiter)<\/p>\n<p>Grillparzer, Franz: Rede am Grab Beethovens<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":8587,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-90491","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/90491","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8587"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=90491"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=90491"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=90491"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=90491"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}