{"id":90485,"date":"2020-04-29T05:43:33","date_gmt":"2020-04-29T05:43:33","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/ludwig-van-beethovens-spate-zeit-von-der-pflicht-ich-zu-sein-teil-1\/"},"modified":"2020-04-29T05:43:33","modified_gmt":"2020-04-29T05:43:33","slug":"ludwig-van-beethovens-spate-zeit-von-der-pflicht-ich-zu-sein-teil-1","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/ludwig-van-beethovens-spate-zeit-von-der-pflicht-ich-zu-sein-teil-1\/","title":{"rendered":"Ludwig van Beethovens sp\u00e4te Zeit. Von der Pflicht, \u201eICH\u201c zu sein  \u2013  Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>Rund 30.000 Menschen sind in Wien auf den Beinen, um am Leichenbeg\u00e4ngnis Beethovens, das am 29. M\u00e4rz 1827 stattfindet, teilzunehmen. Acht bekannte Dirigenten tragen die Enden des Leichentuches, 36 Fackeltr\u00e4ger begleiten den Sarg. Ein Kranz von Rosenknospen ist um Beethovens Haupt gewunden. In seiner Hand liegt eine Lilie.<\/p>\n<p>\u201eBeethoven ist nicht mehr; er verschied am 26. M\u00e4rz 1827 abends zwischen 5 und 6 Uhr unter dem herbsten Todeskampf und schrecklichen Leiden.\u201c So schreibt Anton Schindler, Beethovens Freund, fast lapidar \u00fcber den Tod des Meisters.<\/p>\n<p>Wolfgang Amadeus Mozarts <em>Requiem<\/em> wird in der Augustinerkirche in Wien aufgef\u00fchrt. Die riesige Kirche fasst die Menschen nicht, die sich hineindr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Noch wenige Tagen zuvor lag Beethoven vom Tode gezeichnet auf seinem Krankenlager und gr\u00fcbelte: Ich habe euch lieb, ihr Menschen. Hart ist es freilich, so fr\u00fch euch zu verlassen. Ist es mir doch, als st\u00e4nde ich ganz am Anfang. So viel ist noch zu tun. Wer wird mein Nachfolger sein? Ich f\u00fcrchte, ich habe keinen!<\/p>\n<p>Anton Schindler weckte ihn der Legende nach mit einem Heft Noten in der Hand: \u201eMein gro\u00dfer Meister, st\u00f6re ich? Ich bringe Ihnen heute was Sch\u00f6nes, Lieder von Franz Schubert! Haben Sie Lust, ein wenig zu bl\u00e4ttern?\u201c \u201eLassen Sie sehen!\u201c Er liest das erste Lied. \u201eSchindler, Sie k\u00f6nnen, wenn Sie was vorhaben, mich allein lassen und gehen! Es geht mir ganz ertr\u00e4glich.\u201c Und Beethoven ist allein. Er liest das Lied noch einmal: \u201eSchubert! Wer bist du? Du geh\u00f6rst ja zu mir! Du bist ja mein Bruder! Und ich habe es nicht gewusst. Jetzt lerne ich dich kennen, jetzt, wo es zu sp\u00e4t ist!\u201c Ein wehes, wildes Aufschluchzen. \u201eSchubert, du reicher, gro\u00dfer K\u00fcnstler. Du quillst \u00fcber von Musik. Wie wahr und echt ist alles in dir, wie str\u00f6mt alles aus deinem Herzen.\u201c \u201eMein gro\u00dfer Meister\u201c, schrieb Schindler in das Konversationsheft als er zur\u00fcckkam, \u201ehaben die Lieder Sie angesprochen?\u201c Beethoven: \u201eIn Schubert ist der g\u00f6ttliche Funke! Bringen Sie ihn her, es eilt. Ich will meinen Nachfolger kennen lernen!\u201c Schubert besuchte ihn mit zitternden Knien \u2013 der Abschied war herzzerrei\u00dfend. Ein Jahr sp\u00e4ter starb auch Franz Schubert. Sein letzter Wunsch war es, Beethovens Streichquartett op. 131 noch einmal zu h\u00f6ren \u2026<\/p>\n<p><strong>Missa Solemnis op. 123<\/strong><\/p>\n<p>Auf der ersten Manuskriptseite notierte Ludwig van Beethoven: \u201eVon Herzen m\u00f6ge es zu wieder zu Herzen gehen.\u201c<\/p>\n<p>Ein Brief dokumentiert, dass es seine Hauptabsicht war, sowohl bei den Singenden als auch bei den Zuh\u00f6rern religi\u00f6se Gef\u00fchle zu erwecken und dauernd zu machen. An Erzherzog Rudolf schrieb Beethoven: \u201eGott, der mein Innerstes kennt und wei\u00df, wie ich als Mensch \u00fcberall meine Pflichten, die mir die Menschheit, Gott und die Natur gebieten, auf das Heiligste erf\u00fclle \u2026\u201c<\/p>\n<p>Wie konnte diese Messe so \u201eunerh\u00f6rt\u201c entstehen? Dazu musste Beethoven alle wichtigen Kompositionen des katholischen Urtextes kennen. Jahre ben\u00f6tigte er, jedem Wort, jeder Aussage einen neuen Wert\/Klang zuzuordnen. Text und Noten wurden wie auf einem Amboss wieder und wieder geschmiedet, mit H\u00e4mmern bearbeitet, bis schlie\u00dflich minimalistisch die <em>eine <\/em>Substanz \u00fcbrigblieb.<\/p>\n<p>Wer den Schauer erleben m\u00f6chte, der \u00fcber den R\u00fccken bis in die Zehen rieselt, h\u00f6re das <em>Agnus Dei<\/em>: \u201eLamm Gottes, das du tr\u00e4gst die S\u00fcnden der Welt, gib uns Frieden!\u201c Und es gibt wohl keinen Menschen, der die leisen Pauken am Ende der Messe nicht vollkommen verstehen kann, nach einem Aufstieg aus den Kontrab\u00e4ssen \u00fcber alle Orchesterinstrumente zur h\u00f6chsten Region, die das menschliche Ohr noch wahrnehmen kann.<\/p>\n<p>Bei Johann Sebastian Bach war der Mensch noch in einer gottgebundenen objektiven Ordnung geborgen. Bei Wolfgang Amadeus Mozart sp\u00fcrte er bereits individuelle Friedens- und Freiheitsimpulse in einer unschuldig vollkommenen Harmonie.<\/p>\n<p>Ludwig van Beethoven hingegen war der innerlich Gejagte. Er suchte Frieden, Freiheit, Gr\u00f6\u00dfe und Liebe unmittelbar, durch Geh\u00f6rlosigkeit in eine unglaubliche Einsamkeit gest\u00fcrzt. Diesem entsetzlichen Elend rang er die hohen humanen und ethischen Werte ab und vermochte es, das brennend Gef\u00fchlte, die Empfindung des unbeschreiblich Hohen in musikalische Formen umzuschmieden auf dem Amboss seiner ersch\u00fctternden Kreativit\u00e4t. Krieg, Kampf, Trost, Leben, Ekstase und Dank treffen den H\u00f6rer unvermittelt, und Hoffnung wird im \u00dcberma\u00df gespendet vor dem Hintergrund der 9. Sinfonie: \u201e\u00dcberm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen!\u201c<\/p>\n<p>Aber das Ich muss aktiv die eigene Existenz auf sich nehmen. \u2013 Dann wird der Mensch zum Menschen mit einer unantastbaren W\u00fcrde. Die Bitte um Frieden ist heute so unerf\u00fcllt wie damals. Beethoven hat mit seiner tiefgr\u00fcndigen seelischen Durchdringung wohl eine \u201eMissa Spiritualis\u201c geschaffen.<\/p>\n<p><em>Empfehlung: Karajan, Berliner Philharmoniker, Wiener Singverein, Janowitz, Ludwig, Wunderlich, Berry (Deutsche Grammophon) <\/em><\/p>\n<p><em>Nikolaus Harnoncourt, Chamber Orchestra of Europe, Arnold Schoenberg Chor (Teldec)<\/em><\/p>\n<p><strong>Fidelio <\/strong><\/p>\n<p>Was f\u00fcr einen religi\u00f6sen Menschen eine heilige Schrift ist, das k\u00f6nnte f\u00fcr einen humanistischen und ethischen Menschen die Musik Beethovens sein.<\/p>\n<p>Schrieb Ludwig van Beethoven denn seinen Fidelio, seine einzige Oper, erst letztes Jahr? so k\u00f6nnte man fragen. Der Schrei politischer Gefangener nach Freiheit aus dunkelstem Kerker, von Folter, Verhungern, Guantanamo, Konzentrationslagern \u2026 Und dann ist da die Liebe, sind da Liebende und Geliebte, die mit Opferbereitschaft und Mut gegen Unterdr\u00fcckung und Tyrannei angehen.<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>O welche Lust, in freier Luft, den Atem leicht zu heben, nur hier ist Leben, o welche Lust!<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Florestan (Gefangener):<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Gott, welch Dunkel hier: O grauenvolle Stille! \u00d6d ist es um mich her. Nichts lebet au\u00dfer mir. In des Lebens Fr\u00fchlingstagen ist das Gl\u00fcck von mir geflohn! Wahrheit wagt ich k\u00fchn zu sagen, und die Ketten sind mein Lohn.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Leonore zu Florestan:<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Du sollst gerettet sein!<\/em><\/p>\n<p><em>Die Liebe wird im Bunde mit Mute dich befrein.<\/em><\/p>\n<p><em>O namenlose Freude!<\/em><\/p>\n<p><em>O Gott, welch ein Augenblick!<\/em><\/p>\n<p><em>O unaussprechlich s\u00fc\u00dfes Gl\u00fcck!<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Wer diese Musik h\u00f6rt, wird unweigerlich ergriffen. Der unbeschreibliche Wert der Freiheit: befreit aus mentalen und physischen Ketten, befreit aus Auschwitz, Gulags, Gef\u00e4ngnissen jeder Art. Wie schnell wird die Freiheit mit F\u00fc\u00dfen getreten! Beethoven ergr\u00fcndet mit seiner Musik das Abgr\u00fcndige, die Schattenseite der Menschheit. Mit Liebe, Verantwortung, Opferbereitschaft und beseeltem Ich werden Wege zur Befreiung gesucht und gefunden.<\/p>\n<p>Die Sch\u00f6nheit der Musik spricht auch f\u00fcr eine spirituelle Interpretation: Durch den Willen, Gut und B\u00f6se zu erfahren, durch K\u00fchnheit und die Suche nach Wahrheit gelangt der Mensch in die tiefsten Fesseln der Materie, und der Tod bedroht ihn. Am Ende steht aber der Aufstieg in Gl\u00fcckseligkeit und h\u00f6chste Liebessph\u00e4ren. Zu diesem Weg geh\u00f6ren Ichheit, \u00dcberlebenswillen und Entschlossenheit. Beethovens Oper ist eine Zukunftsoffenbarung, eine neue strahlende Morgenr\u00f6te. Der Glanz des neuen Tages wird \u00fcber die Menschheit verspr\u00fcht. Die alte Ich-Welt transformiert sich in eine Welt des \u201eWir\u201c in namenloser Freude und hoher Beseelung.<\/p>\n<p><em>Empfehlung: Ferenc Fricsay, Bayerisches Staatsorchester, Leonie Rysanek, Dietrich Fischer-Dieskau u. A. (DG)<\/em><\/p>\n<p>(wird fortgesetzt in <a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/ludwig-van-beethovens-spaete-zeit-von-der-pflicht-ich-zu-sein-teil-2\">Teil 2<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":8567,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-90485","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/90485","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8567"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=90485"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=90485"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=90485"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=90485"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}