{"id":89905,"date":"2019-11-09T12:30:52","date_gmt":"2019-11-09T12:30:52","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/der-andere-johann-valentin-andreae\/"},"modified":"2019-11-09T12:30:52","modified_gmt":"2019-11-09T12:30:52","slug":"der-andere-johann-valentin-andreae","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/der-andere-johann-valentin-andreae\/","title":{"rendered":"Der \u201eandere\u201c Johann Valentin Andreae"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u201eJeder kann Anregungen zur Arbeit geben, kann Regeln und Grunds\u00e4tze lehren und diktieren, aber das Wesentliche herauszuarbeiten, die Bem\u00fchungen zu unterst\u00fctzen, Sorgfalt beim richtigen Umgang mit Quellen zu lehren und schlie\u00dflich \u2013 alles auf Christus zu beziehen, das fehlt oft. Dies ist die christliche Arbeit, die nicht mit irdischen Sch\u00e4tzen bezahlt werden kann.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dies ist eine der vielen p\u00e4dagogischen Vorgaben von Johann Valentin Andreae, den Jugendlichen seiner Zeit eine bessere Perspektive f\u00fcr die Zukunft zu geben.<\/p>\n<p>Bekanntlich verdankt Andreae (geb. in Herrenberg 1586 \u2013 gest. in Stuttgart 1654) seinen Ruhm der Autorenschaft von <em>Der<\/em> <em>Ruf<\/em> <em>der Rosenkreuzer Bruderschaft (Fama Fraternitatis)<\/em>, <em>Das<\/em> <em>Bekenntnis der Rosenkreuzer<\/em> <em>Bruderschaft (Confessio Fraternitatis) <\/em>sowie <em>Die Alchimische Hochzeit des Christian Rosenkreuz<\/em>. Die Tatsache, dass dieser au\u00dfergew\u00f6hnlich begabte deutsche Theologe, Dichter, Dramatiker und Pfarrer auch ein Pionier der Bildungs- und Sozialreformen war, wurde lange Zeit von der Debatte \u00fcber seine Rolle als Autor der rosenkreuzerischen Manifeste \u00fcberschattet. Er war zu bescheiden, um seine Ideen in der \u00d6ffentlichkeit intensiver zu verk\u00fcnden. Die weite Verbreitung seiner p\u00e4dagogischen Impulse \u00fcberlie\u00df er lieber seinem j\u00fcngeren Geistesverwandten Comenius, mit dem er schriftlich Kontakt hatte.<\/p>\n<p>Andreae bem\u00fchte sich zeitlebens um die \u201eunverf\u00e4lschte Weitergabe des Wortes Gottes&#8220; unter jungen Menschen und um eine \u201eBr\u00fcderlichkeit in Christus&#8220;, die das Gl\u00fcck der Menschheit f\u00f6rdern w\u00fcrde. Er lebte jahrzehntelang mit der Vision, eine Bruderschaft weiser Freunde aus ganz Deutschland zusammenzubringen, die Gedanken und Ideen miteinander austauschen, um das Wohlergehen der Menschheit auf ein h\u00f6heres spirituelles Niveau zu heben. Diese Vision ist die treibende Kraft hinter seinen Aktionen und Ver\u00f6ffentlichungen. Zu seiner Entt\u00e4uschung musste er am Ende seines Lebens feststellen, dass sie letztlich nicht auf dauerhaft fruchtbaren Boden fielen.<\/p>\n<p><strong>Schulausbildung ab dem siebten Jahr<\/strong><\/p>\n<p>Andreae war ein gef\u00fcrchteter Sozialkritiker, der mit seiner spitzen Feder unter anderem daf\u00fcr eintrat, dass Kinder ab dem siebten Lebensjahr eine Schulbildung erhalten sollten. Er entwarf eine visuelle Methode f\u00fcr den Mathematikunterricht, die der von Comenius um mehr als ein halbes Jahrhundert voraus war. Andreae hat viel Inspiration von einer Gruppe in Amsterdam erhalten, den <em>Broeders in Liefde Bloeyende<\/em> (den Br\u00fcdern der bl\u00fchenden Liebe). Er studierte die Werke der Kartographen Gerard Mercator und Ortelius, des Historikers Van Meteren und des weltber\u00fchmten Juristen Hugo de Groot. Er \u00fcbersetzte Werke des letzteren sowie des Leidener Philosophen Justus Lipsius.<\/p>\n<p>1605 freundete er sich mit dem niederl\u00e4ndischen Buchh\u00e4ndler und Gelehrten Johannes van der Linde an, der sich in T\u00fcbingen niedergelassen hatte. Van der Linde lieh ihm B\u00fccher, die in Deutschland schwer zu bekommen waren. Andreae war von den Entwicklungen in den Niederlanden so begeistert, dass er auf Empfehlung des Markgrafen von Ansbach beschloss, sich dort niederzulassen. Seine Ernennung zum Prediger in Vaihingen verhinderte dies jedoch.<\/p>\n<p>Andreaes Bildungsziele konzentrierten sich nicht in erster Linie auf die soziale Bildung. Seine Perspektive war immer auf das, was f\u00fcr ihn an erster Stelle stand, gerichtet: das Innere K\u00f6nigreich, Gott im Menschen oder in den Worten der <em>Fama<\/em>: das goldene Zeitalter.<\/p>\n<p>Menschenrechtsaktivist, wie er im Buche stand, pl\u00e4dierte Andreae f\u00fcr die Gleichberechtigung von M\u00e4dchen und Frauen:<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Ich wei\u00df nicht, warum dieses Geschlecht, das von Natur aus nicht weniger wissbegierig ist, in unserer Zeit von der Bildung ausgeschlossen ist.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>In seinem idealen, utopischen christlichen Staat, den er in dem Buch <em>Christianopolis<\/em> (1619) darstellt, k\u00f6nnen alle \u00c4mter auch von Frauen besetzt werden.<\/p>\n<p>In einer solchen christlichen Gesellschaft, so Andreae, wird es dem Menschen letztendlich gelingen, alles Irdische hinter sich zu lassen. Nur dann kann er die Realit\u00e4t des Guten, Wahren und Sch\u00f6nen wirklich innerlich verstehen. Wer diese Werte au\u00dferhalb sucht, wird entt\u00e4uscht sein, denn es ist sein In-der-Welt-Sein, das der reinen Wahrnehmung im Wege steht.<\/p>\n<p><em>Wer die Natur hinter sich l\u00e4sst und sich dem Geist hingibt, wer frei von ihr geworden ist, wird in dem einen, wahren und guten Gott geborgen sein. Er wird mit unbeschreiblicher Freude sehen und erleben, wie die ganze Welt in ihrer Mitte gegr\u00fcndet ist, nicht unter einem bew<\/em><em>\u00f6lkten oder blauen Himmel, sondern hier in kristalliner Klarheit. Und so entdeckt er in der h<\/em><em>\u00f6chsten Wonne seiner Sinne die ersten Andeutungen der Kunst, die ersten Offenbarungen der Dinge.<\/em><\/p>\n<p>Ausgangspunkt dieser Erkenntnis ist f\u00fcr Andreae die Liebe, die allumfassende Liebe zur Sch\u00f6pfung, zum Menschen als Sch\u00f6pfungswunder und zum inneren Christus.<\/p>\n<p><strong>Haarspalterei<\/strong><\/p>\n<p>Johann Valentin Andreae war ein Ph\u00e4nomen an der Universit\u00e4t der s\u00fcddeutschen Studentenstadt T\u00fcbingen. Im Alter von zwanzig Jahren schloss er seine Ausbildung dort mit einem \u201eextremissimo doctus\u201c (\u201eau\u00dferordentlich gelehrt\u201c) ab. Dann hatte er aber genug vom universit\u00e4ren Umfeld. Er sah nur klein-geistige Menschen, die versuchten, sich mit Nebens\u00e4chlichkeiten zu bek\u00e4mpfen. Sein Herz war weiter reichend:<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Ich w\u00e4re lieber bei den sogenannten ketzerischen Waldensern, die das Leben und die Lehre in Einklang gebracht haben, als bei den sogenannten Rechtsgl\u00e4ubigen hier. Letztere meinen auch, dass sie den richtigen Glauben proklamieren, erkennen jedoch nicht, dass sie die einfache Lebensregel der N\u00e4chstenliebe v<\/em><em>\u00f6llig vernachl\u00e4ssigen.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Er suchte seine Freunde au\u00dferhalb der Universit\u00e4t und lernte 1607 Tobias Hess kennen.<\/p>\n<p>Hess war ein \u00e4u\u00dferst gelehrter Mensch: ein echter Bibelexperte, Alchemist und Arzt in der Nachfolge von Paracelsus. Ein anderer Freund wurde Wilhelm von Wense, ein Adliger aus L\u00fcneburg, der Andreae stets loyal und finanziell unterst\u00fctzte und ihn anspornte, an seiner geplanten Weltbruderschaft weiterzuarbeiten. Von Wense brachte Andreae in Kontakt mit Christoph Besold, einem hervorragenden Schriftsteller und Anwalt. Zusammen mit Andreae wandte sich Besold oft gegen den moralischen Verfall, den allm\u00e4hlichen Verlust der reinen inneren Religion und gegen L\u00fcgen in Wissenschaft und Regierung. Diese vierk\u00f6pfige Gruppe wird zusammen mit einigen anderen Freunden \u201eT\u00fcbinger-Kreis\u201c genannt.<\/p>\n<p><strong>Die Manifeste der Rosenkreuzer<\/strong><\/p>\n<p>Der T\u00fcbinger-Freundeskreis wollte neue Einsichten in die Wissenschaft mit einem offenen Geist entwickeln. Die Geistesverwandten erkannten die Gefahr einer zu materialistischen Entwicklung der Wissenschaft. &nbsp;Sie dachten frei und ungez\u00fcgelt, aber niemals ohne den Christus. Inspiriert wurden sie von den damals beliebten<em> Vier B\u00fcchern des Wahren Christentums <\/em>(80 Auflagen) des Predigers Johannes Arndt, mit dem Andreae lange Zeit korrespondierte. Die Titel lauteten: <em>Das Buch des Gewissens; Das Buch des Lebens: Christus; Das Buch des inneren Menschen <\/em>und<em> Das Buch der<\/em> <em>Natur<\/em>. Auch die Lehren von Paracelsus, in Arndts viertem Buch beschrieben, fanden gro\u00dfen Anklang in dem Freundeskreis.<\/p>\n<p>In dieser Atmosph\u00e4re entstanden die Manifeste der Rosenkreuzer. Die <em>Fama Fraternitatis <\/em>und die <em>Confessio Fraternitatis<\/em> sollen 1608 und 1609 von Andreae niedergeschrieben worden sein. In seiner Autobiografie <em>Vita ab Ipso Conscripta<\/em> legte er dar, dass er die <em>Alchimische Hochzeit <\/em>sogar schon 1605 verfasst habe \u2013 also in sehr jungem Alter.<\/p>\n<p><strong>Calw<\/strong><\/p>\n<p>Bemerkenswert ist die Verbindung von Andreae mit der malerischen s\u00fcddeutschen Stadt Calw, die eine tausendj\u00e4hrige spirituelle Geschichte hat. Schon im elften Jahrhundert erregte das dort gelegene Kloster Hirsau Aufmerksamkeit, indem es zum Zentrum einer einflussreichen, bahnbrechenden Reform des Klostersystems wurde, die auf die praktische Vollendung des kl\u00f6sterlichen Ideals abzielte.<\/p>\n<p>Von 1620 bis 1638, w\u00e4hrend des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges, war Andreae der Hauptprediger in Calw und &#8230; er hinterlie\u00df dort seine Spuren. Mit Hilfe von Spendengeldern gr\u00fcndete er eine gemeinn\u00fctzige Stiftung, die bis 1979 aktiv blieb. Dank dieser Initiative konnte sich Calw immer relativ schnell von vielen Kriegsereignissen erholen, denen es zum Opfer fiel. In Calw gibt es ein Andreae-Haus, das der evangelischen Kirche geh\u00f6rt. Andreaes Wappen ist in der Nikolauskapelle auf der Br\u00fccke \u00fcber die Nagold sowie an vielen anderen Orten der Stadt zu sehen. In der Kirche des nahe gelegenen Bad Teinach befindet sich ein einzigartiger Barockaltar: <em>Die Kabbalistische Lehrtafel der<\/em> <em>Prinzessin Antonia<\/em>. Eine der Tafeln zeigt die universellen Lehren mit kabbalistischen Zeichen und rosenkreuzerischen Symbolen. Andreae \u2013 auch selbst dargestellt \u2013 war eng an der Erstellung dieses Altarbildes beteiligt und ermutigte die Prinzessin immer wieder, das Kunstwerk zu vollenden.<\/p>\n<p>Es gibt auch \u201edemografische\u201c Einfl\u00fcsse der Familie Andreae in Calw. Zwei T\u00f6chter heirateten W\u00fcrdentr\u00e4ger aus der Stadt, und diese Verbindungen trugen ihre Fr\u00fcchte. Vor achtzig Jahren ergab eine Studie, dass ungef\u00e4hr zehn Prozent der Sch\u00fcler der h\u00f6heren Schulen mit Andreaes Vorfahren verwandt waren.<\/p>\n<p>Und dann ist da noch der besondere Wimberg! Die Geschichte besagt, dass Andreae diesen Berg mit ein paar Gl\u00e4ubigen bestieg, als Calw w\u00e4hrend des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges gro\u00dfen Kriegswirren ausgesetzt war. Dort betete er zu Gott, um die Stadt vor weiteren Katastrophen zu bewahren. Auf dem Wimberg befindet sich heute ein Konferenzzentrum des Goldenen Rosenkreuzes.<\/p>\n<p><strong>Leuchtender Pfad<\/strong><\/p>\n<p>Johann Valentin Andreae muss sich in seinem Pionierleben oft unverstanden und einsam gef\u00fchlt haben. Sein Herz und sein Kopf waren anderen meist weit voraus. Die Forschung machte deutlich, in welch gro\u00dfem Ausma\u00df die Zukunft in ihm gewirkt hat. Der leuchtende Pfad, den er beschrieb und der ihn denn auch in Schwierigkeiten brachte, ist f\u00fcr viele Menschen immer noch eine t\u00e4gliche Hilfe und ein reicher Segen.<\/p>\n<p><em>Mit Freuden will ich singen <\/em><\/p>\n<p><em>Auf diese Morgenstund,<\/em><\/p>\n<p><em>Recht soll mein Geist sich schwingen <\/em><\/p>\n<p><em>In Gottes Huld-Abgrund.<\/em><\/p>\n<p><em>Ach, Herr, tu auf mein\u2019 Mund.<\/em><\/p>\n<p><em>\u2026<\/em><\/p>\n<p>Johann Valentin Andreae<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Jan Peter Burger, <em>Coornhert,<\/em> <em>Licht in Europa<\/em>, Rozekruis Pers, Haarlem 2019 (3. Auflage).<\/p>\n<p>Ernst Harnischfeger, <em>Mystik im Barock. Das Weltbild der Teinacher Lehrtafel<\/em>, Stuttgart 1980.<\/p>\n<p>Govert Snoek, <em>De Rozenkruisers in Nederland<\/em>, Rozekruis Pers, Haarlem 2006.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte den Mitarbeitern der Stadtbibliothek in Herrenberg im Kulturzentrum der Hofscheuer meinen aufrichtigen Dank aussprechen.<\/p>\n","protected":false},"author":923,"featured_media":6913,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-89905","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/89905","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/923"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6913"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89905"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89905"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=89905"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=89905"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}