{"id":89848,"date":"2019-10-13T20:13:32","date_gmt":"2019-10-13T20:13:32","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/gedanken-und-alte-kartoffeln\/"},"modified":"2019-10-13T20:13:32","modified_gmt":"2019-10-13T20:13:32","slug":"gedanken-und-alte-kartoffeln","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/gedanken-und-alte-kartoffeln\/","title":{"rendered":"Gedanken und alte Kartoffeln"},"content":{"rendered":"<p>Gedankenwesen \u2013 man kann versuchen, sie zu verjagen oder zu ignorieren, und manchmal scheint es auch eine Weile zu funktionieren, aber am Ende hilft es doch nichts. Manchmal sehen sie aus wie alte Kartoffeln oder wie Schwaden von halb lebendigem Nebel, die in meinen Kopf eindringen. Man m\u00fcsste dar\u00fcber hinaus springen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Mit blo\u00dfem Auge kann ich sie nicht sehen, aber ich wei\u00df von klein auf, dass sie da sind. Sie jagen an mir vorbei und durch mich hindurch, sie schleichen umher oder verbergen sich. Mein ganzes Zimmer \u2013 der ganze Innenraum um mich herum \u2013 ist voll von ihren seltsamen Formen. Sie sind lebendig, da bin ich mir ganz sicher, diese Gedankengesch\u00f6pfe. Und ihre Anwesenheit erf\u00fcllt mich mit Sorge. Was sind sie? Woher kommen sie? Wer kontrolliert sie?<\/p>\n<p>Einige sind wie ausgebeulte S\u00e4cke und enthalten schmierige Phantasien. Manche sehen aus wie lange, bleiche Knollen, die mich nach unten ziehen. Dann gibt es die, die aus dem Dunkel wirken, aus dem Unbewussten, doch ich sp\u00fcre ihre Gegenwart, fast wie einen eisigen Blick. Gut tun mir nebul\u00f6se Wesenheiten von sch\u00f6ner Farbe, aber dann erlebe ich, wie andere auf sie drauf springen und ich f\u00fchle mich angestachelt und werde hochm\u00fctig. Wieder andere flitzen vorbei, und ich sehe keine Chance, sie festzuhalten. Und dann gibt es die, die dauernd jammern. Am liebsten m\u00f6chte ich von all dem abhauen, aber es geht nicht. Sie fl\u00fcstern oder schreien, ziehen an mir oder schieben mich, machen mich zu gro\u00df oder zu klein.<\/p>\n<p>Was machen diese Gedankenwesen in meinen Innenr\u00e4umen? Es gibt Leute, die sagen: es reicht, sie anzuschauen, man muss sich mit ihnen nicht verbinden. Das h\u00f6rt sich gut an, und ich tue das manchmal auch, aber wie lange h\u00e4lt man dem stand? Wenig sp\u00e4ter machen sie mit ihren Spielchen genauso weiter wie vorher.<\/p>\n<p>Und es gibt Leute, die sagen: man muss positiv denken. Auch das tue ich mitunter, aber wie lange kann man das durchhalten? Danach geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Ich kann versuchen, sie zu fangen, sie zu verjagen oder zu ignorieren, und manchmal scheint es auch eine Weile zu funktionieren, aber am Ende hilft es doch kein bisschen.<\/p>\n<p>Neulich habe ich beinahe einen Gedanken erwischt, und dann habe ich so lange dar\u00fcber nachgedacht, was es f\u00fcr ein Gedanke sein k\u00f6nnte, bis ich es satt hatte. Und das ist es, glaube ich: sie rauben die Energie, und ich kann mir nicht vorstellen, dass das so sein soll. Man bekommt seine Energie doch nicht, um sie sinnlos zu vergeuden. Nat\u00fcrlich gibt es auch viele n\u00fctzliche Dinge, \u00fcber die man nachdenken kann, zum Beispiel \u00fcber den besten Weg zur Arbeit oder \u00fcber die Einkaufsliste, aber das ist nur ein kleiner Teil der Gedanken. Und die st\u00f6ren mich auch gar nicht: Sie sind f\u00fcr einen Augenblick da und erf\u00fcllen ihren Zweck. Der gro\u00dfe Rest dagegen scheint M\u00fcll zu sein, und ich meine damit einen sehr gro\u00dfen Prozentsatz.<\/p>\n<p><strong>Der Wunsch nach anderen Gedanken<\/strong><\/p>\n<p>In mir lebt der Wunsch nach einem reinen Gedankenleben. Am liebsten h\u00e4tte ich immer friedliebende, reine Gedanken, solche voller Verst\u00e4ndnis und Freundlichkeit, sodass ich eine Spur Gold hinterlasse, wo immer ich mich befinde. Die Leute k\u00f6nnten sich daran laben. Sie w\u00e4ren gl\u00fccklich, ohne zu wissen wodurch, nur weil ich vorbeigekommen bin. Und am allersch\u00f6nsten w\u00e4re es, wenn ich es selbst nicht einmal bemerkte. Ich frage mich: ist das ein realisierbares Ideal, kann ich darauf hinarbeiten? Aber was mache ich mit all den anderen Gedanken in meinem vollen Zimmer?<\/p>\n<p>\u00dcber ihr Gedr\u00e4nge nachzudenken, hat mir nicht weitergeholfen. Vielleicht ist der Sprung, den ich machen m\u00f6chte, zu hoch. Wenn Gutes niedrig h\u00e4ngt, kann man es leicht erreichen. Aber es muss auch bei H\u00f6herem gehen &#8230; &nbsp;<\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich, als fiele mir ein goldener Apfel in den Scho\u00df, habe ich eine gute Idee. Sie ist zwar auch nur ein Gedanke, aber bei ihm muss ich mich nicht fragen, woher er kommt. Er scheint ganz selbstverst\u00e4ndlich zu mir zu geh\u00f6ren. Er kommt mir so vertraut vor und l\u00e4sst mich etwas fragen, was mir schon fr\u00fcher aufgestiegen war: \u201eHast du es jemals auf diese Art und Weise angeschaut?\u201c<\/p>\n<p>Und nun kommen Gedanken ganz anderer Art, Einsichten, Ideen und M\u00f6glichkeiten, von denen ich bisher kaum eine Ahnung hatte: glasklare Bilder, tiefsinnige Erkenntnisse mit \u201eAha\u201c-Effekt, vollkommen und unerwartet. Ein Reichtum wird mir geschenkt. Ich sehe fast ausschlie\u00dflich Dinge, die nur mich etwas angehen. Wie ist das m\u00f6glich? Da ist etwas in mir, so nahe, dass ich es bisher nicht sehen konnte, eine Gedankenquelle.<\/p>\n<p>Die Neigung, mich in den Ursprung der Gedankenwesen zu vertiefen, ger\u00e4t in den Hintergrund. Ich kann die Frage nach dem Ursprung der Gedanken nicht beantworten. Aber ich kenne pl\u00f6tzlich eine ganze Menge anderer Antworten.<\/p>\n<p>Ich erlebe: Was ich f\u00fcr andere tun wollte, wird jetzt an mir getan. Es ist, als w\u00fcrde eine Spur Gold <em>in mir<\/em> entstehen, an der ich mich laben kann \u2026 und auch andere.<\/p>\n<p>(Dieser Artikel stammt aus der Zeitschrift <em>Pentagramm<\/em>, Jahrgang 2019 Nr. 2)<\/p>\n","protected":false},"author":923,"featured_media":6760,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-89848","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/89848","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/923"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6760"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89848"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89848"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=89848"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=89848"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}