{"id":89824,"date":"2019-09-25T16:40:28","date_gmt":"2019-09-25T16:40:28","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/simone-weil-philosophin-gewerkschafterin-mystikerin\/"},"modified":"2019-09-25T16:40:28","modified_gmt":"2019-09-25T16:40:28","slug":"simone-weil-philosophin-gewerkschafterin-mystikerin","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/simone-weil-philosophin-gewerkschafterin-mystikerin\/","title":{"rendered":"Simone Weil: Philosophin \u2013 Gewerkschafterin \u2013 Mystikerin"},"content":{"rendered":"<p>Ihr ganzes Leben lang sucht die franz\u00f6sische Philosophin und Mystikerin eine spirituelle L\u00f6sung f\u00fcr ihre Verzweiflung \u00fcber den Zustand der Welt.<\/p>\n<p>Nach ihrem Philosophiestudium und w\u00e4hrend ihrer anschlie\u00dfenden T\u00e4tigkeit als Lehrerin engagiert sie sich politisch und gewerkschaftlich. Ihr Anliegen ist eine bessere Arbeitswelt, in der der Mensch nicht nur vorwiegend Arbeitsroboter ist, sondern auch das Menschliche durch Kunst und Fortbildung gef\u00f6rdert wird. Zu diesem Zweck gibt sie kostenlose Kurse und Gespr\u00e4chsabende f\u00fcr Werkt\u00e4tige von Fabriken und versucht auf diese Weise, geistige und k\u00f6rperliche Arbeit miteinander zu vers\u00f6hnen.<\/p>\n<p>In dieser Zeit nimmt sie ein Jahr unbezahlten Urlaub, um die Bedingungen der industriellen Arbeitswelt am eigenen Leib kennen zu lernen. Die Anstrengungen \u00fcbersteigen jedoch ihre K\u00f6rper- und Geisteskr\u00e4fte und so stellt sie diese T\u00e4tigkeit wieder ein.<\/p>\n<p>Durch die Ereignisse des 2. Weltkrieges selbst in ihrem Menschsein bedroht, sucht sie verst\u00e4rkt ihre eigene geistige Heimat. Dabei wendet sie sich dem Studium des Sanskrit, der Lehren des Pythagoras, Platos, der Manich\u00e4er und vor allem der geistigen Str\u00f6mung der Katharer zu. Das Weltbild der Katharer passt in das ihre. Sie waren ihrer Ansicht nach die Erben des platonischen Denkens, der esoterischen Lehre und der urspr\u00fcnglichen Mysterien. Die Kirche der Katharer war die Kirche der Reinen, die alles, was mit Gewalt zu tun hatte, ablehnte. Auch f\u00fchlt sich Simone Weil vom Asketentum der Katharer angezogen, da sie selbst das materialistische Leben ablehnt.<\/p>\n<p>Die Katharer lebten im Mittelalter in S\u00fcdfrankreich, der Languedoc, und sie wurden zu ihrer Zeit <em>bonnes hommes<\/em>, gute Menschen, genannt. Wer Mitglied dieser Gemeinschaft wurde, gab sein Privateigentum auf. Er diente seinen Mitbr\u00fcdern und Mitmenschen durch Arbeit und Krankenpflege, lebte ein zur\u00fcckgezogenes, geistiges Leben und betreute die, die einen Bezug zu der Gemeinschaft hatten, auch spirituell. Das Johannesevangelium stand im Mittelpunkt ihrer geistigen Ausrichtung.<\/p>\n<p>Simone Weil stellt in ihren philosophischen Studien \u00fcber die Kultur der Languedoc, die 1939 entstehen und die sie \u201eGenius Okzitaniens\u201c, <em>Le G\u00e9nie d\u00b4oc<\/em>, betitelt, fest:<\/p>\n<p>\u201eNur einmal in den letzten vergangenen Jahrhunderten nach Christus gab es eine mediterrane Zivilisation, die, h\u00e4tte man ihr eine Chance gegeben, vielleicht ein ebensolches Ma\u00df an Freiheit und spiritueller Kreativit\u00e4t wie im alten Griechenland erreicht h\u00e4tte: im Languedoc der Katharer.\u201c<\/p>\n<p>Die Freiheitsbewegung der Katharer wurde im 13. Jahrhundert durch eine Koalition des Papstes mit dem franz\u00f6sischen K\u00f6nig mit Verfolgung und Ausrottung bezwungen. Mit harten Worten verurteilt die Autorin dieses Vorgehen.<\/p>\n<p><strong><em>\u201e<\/em><\/strong><strong><em>Einwurzelung\u201c<\/em><\/strong> <strong>\u2013 <\/strong><strong>ein Bed\u00fcrfnis der menschlichen Seele<\/strong><\/p>\n<p>Es ist f\u00fcr Simone Weil mit gro\u00dfer Traurigkeit verbunden, dass sie im Mai 1942 als j\u00fcdisch Verfolgte Frankreich wegen der Kriegsereignisse verlassen muss. Zun\u00e4chst geht sie gemeinsam mit ihren Eltern nach Amerika. Im November 1942 kehrt sie aber nach Europa zur\u00fcck und l\u00e4sst sich in London nieder.<\/p>\n<p>Von dort aus versucht sie, in der R\u00e9sistance aktiv zu sein, was aber nicht nach ihren Vorstellungen gelingt. Sie ver\u00f6ffentlicht das Werk <em>Einwurzelung<\/em>. &nbsp;Darin entwickelt sie Richtlinien f\u00fcr ein soziales, politisches und \u00f6ffentliches Verhalten. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf dem Bed\u00fcrfnis der menschlichen Seele Rechnung zu tragen. Diese seelischen Bed\u00fcrfnisse erl\u00e4utert sie in ihrer Schrift anhand von Werten wie Ordnung, Freiheit, Gehorsam, Verantwortung, Gleichheit, Sicherheit und Wahrheit.<\/p>\n<p>Ihre Betrachtungen sind dabei jeweils so besonders, un\u00fcblich und ihrer Zeit weit vorausdenkend. Sie beinhalten teils bedeutsame psychologische Aussagen und zeigen viel Treffsicherheit. Nicht wenige z\u00e4hlen Simone Weil wegen ihrer scharfsinnigen Analysen und nonkonformistischen Ansichten als Pionierin des modernen, sozialpolitischen Denkens.<\/p>\n<p><strong>Weil \u00fcber \u201eVerantwortung\u201c&nbsp; und \u201eFreiheit\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Entschlussfreudigkeit und Verantwortlichkeit, das Gef\u00fchl, dass man n\u00fctzlich, dass man unentbehrlich sei, sind Lebensbed\u00fcrfnisse der menschlichen Seele. Eine v\u00f6llige Beraubung in dieser Hinsicht finde z. B. im Falle der Arbeitslosigkeit statt; selbst wenn notwendige Unterst\u00fctzungen gew\u00e4hrt werden. Jedem Menschen m\u00fcsse man ein Gef\u00fchl f\u00fcr den Wert und den Nutzen seines Seins vermitteln, auch indem man bewusst mache, dass er mit seiner Arbeit f\u00fcr die Gemeinschaft dazu beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Nach Simone Weil ist in dem Begriff \u201eFreiheit\u201c, die M\u00f6glichkeit der Wahl eingeschlossen. Eine M\u00f6glichkeit innerhalb der gegebenen Wirklichkeit. Diese Wahl wird durch den gemeinen Nutzen beschr\u00e4nkt, wo Menschen in Gemeinschaften leben. Im \u00e4u\u00dferen Leben ist Freiheit also immer beschr\u00e4nkt. Im Bewusstsein kann sie ganz und unbeschr\u00e4nkt sein.<\/p>\n<p>Dem Werk liegt die platonische Ideenlehre zu Grunde, womit Platon versuchte, die Unsterblichkeit der Seele plausibel zu beantworten. Er kam zu der \u00dcberzeugung, dass der Mensch die angeborene F\u00e4higkeit besitzt, sich an seinen g\u00f6ttlichen Ursprung zu erinnern. Platon vertrat auch den Standpunkt, dass es Aufgabe des Staates sei, den B\u00fcrgern die Teilhabe an philosophischen Bildungsprogrammen zu gew\u00e4hren, damit der Mensch seine wahre Bestimmung erkenne und damit Orientierung in zentralen Lebensfragen finde.<\/p>\n<p>Nach der Entwurzelung durch das Kriegsgeschehen sollen sich die Menschen nach Auffassung Simone Weils wieder mit Werten verbinden, wie zum Beispiel Vaterland, Sprache, Kultur, Beruf, Wohnort. Ein Mangel an solchen Bindungen habe nach Ansicht der Denkerin die Krankheit der \u201eEntwurzelung oder des Unbehaustseins\u201c zur Folge. \u00dcber das Thema \u201eUnbehaustsein\u201c schreibt Weil im zweiten Teil ihres Buches \u201eDie Einwurzelung\u201c: Im Gegensatz zum Unbehaustsein sei die Verwurzelung des Menschen vielleicht das wichtigste und meist verkannte Bed\u00fcrfnis der menschlichen Seele. Denn das menschliche Wesen habe eine Wurzel durch seine wirkliche, aktive und nat\u00fcrliche Teilnahme an einer Gemeinschaft, die gewisse Sch\u00e4tze der Vergangenheit und gewisse Ahnungen des Zuk\u00fcnftigen lebendig halte. Diese Teilnahme kennzeichnet sich durch Ort, Geburt, Beruf und eine vertraute Umgebung. Jedes menschliche Wesen bedarf einer Vielzahl solcher Wurzeln.<\/p>\n<p><strong>Das Vorbild der Katharer<\/strong><\/p>\n<p>Bei ihrer Suche inspirieren Weil das Leben und Wirken der Katharer und werden ihr ein gesellschaftliches und spirituelles Vorbild. Weil entscheidet sich selbst f\u00fcr ein Leben nach den Prinzipien der Gewaltlosigkeit und Gen\u00fcgsamkeit im Sinne einer h\u00f6heren Ordnung, das bedeutet, Gehorsam den ewigen Gesetzen gegen\u00fcber, die im innersten Wesen verborgen sind. Freiheit im spirituellen Sinn, so wie es die Katharer gesehen und gelebt haben, liegt im Geist beschlossen und wird aus g\u00f6ttlichen Kr\u00e4ften geboren. Sie ist ein Zustand, der offenbar werden kann, wenn der Geist Meister \u00fcber den Stoff wird.<\/p>\n<p>Weils Freiheitsbegriff wurde nun abgel\u00f6st durch den Begriff des Gehorsams. F\u00fcr&nbsp; sie schaffe diese Art Freiheit schlie\u00dflich Ausgewogenheit und sie sei die einzig wahre Autorit\u00e4t, die dem verliehen werde, der sie lebt.<br \/>\nSchlie\u00dflich erkennt sie, dass weder politische noch revolution\u00e4re Aktivit\u00e4ten die Antwort liefern, die sie sucht. Vor allem, weil sie von dem Gedanken der Gewaltfreiheit v\u00f6llig durchdrungen ist.<\/p>\n<p>Simone Weil stirbt am 24. August 1943 in London im Alter von 34 Jahren an Herzversagen durch Hunger und Tuberkulose. Sie hinterl\u00e4sst ein vielseitiges und au\u00dfergew\u00f6hnliches Werk. Die meisten ihrer Schriften erscheinen erst nach ihrem Tod. Darin finden sich Gedanken und Texte zur Philosophie und Kulturphilosophie, zur Theologie und Mystik, aber auch Abhandlungen zu Sozialreformen und sozialpolitischen Fragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zitate von Simone Weil:&nbsp; <\/strong><\/p>\n<p>\u201eNicht der einzelne Mensch liebt seinen N\u00e4chsten, sondern Gott in ihm liebt den N\u00e4chsten.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAuch die Liebe zur Sch\u00f6nheit der Welt ist nur eine Imitation der g\u00f6ttlichen Liebe, die das Universum schuf.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>Literaturhinweise:<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Simone Weil: <em>Die Einwurzelung. Ein Verm\u00e4chtnis. Einf\u00fchrung in die Pflichten dem menschlichen Wesen gegen\u00fcber<\/em>, M\u00fcnchen 1956<\/p>\n<p>Angelica Krogmann, <em>Simone Weil<\/em>, Reinbek 1970<\/p>\n<p>Ulrike Voigt, <em>Mystikerinnen<\/em>, Stuttgart 2017<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":6694,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101],"tags_english_":[],"class_list":["post-89824","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/89824","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6694"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89824"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89824"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=89824"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=89824"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}