{"id":89723,"date":"2019-07-10T17:57:41","date_gmt":"2019-07-10T17:57:41","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/begegnung\/"},"modified":"2019-07-10T17:57:41","modified_gmt":"2019-07-10T17:57:41","slug":"begegnung","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/begegnung\/","title":{"rendered":"Begegnung"},"content":{"rendered":"<p>Wir treffen einen Menschen, reichen ihm vielleicht die Hand, wechseln ein paar Worte. Ein Blick vermittelt einen Eindruck. Wir sind vorsichtig, denn wir haben Erfahrungen gemacht, die nicht immer gut waren. Unser Herz folgt indes seinen eigenen Wegen, denn spontan, ungeachtet aller Erfahrungen, begr\u00fcndet es N\u00e4he oder Distanz, l\u00e4sst sogar Liebe aufflammen oder heftige Abneigung. Hinterher, nach einer Begegnung, ist es uns manchmal peinlich, wie wir uns verhalten haben.<\/p>\n<p>\u201eAber wir h\u00e4ngen doch zusammen\u201c, wendet das Herz ein, \u201elass dich nicht beirren. Es passt zu dir, wie du dich verhalten hast; auch dass du Zuwendung, Liebe und Freundschaft verschenkt hast.\u201c Aber \u2026 die Erfahrung lehrt uns, dass Zuwendung entt\u00e4uscht, Liebe verraten, Freundschaft gek\u00fcndigt werden kann. Und immer geht es dann an die Substanz, werden Wunden geschlagen. Fast t\u00e4glich k\u00f6nnen wir den Medien entnehmen, wie Herzenssubstanz zertreten, das Innereigenste eines Menschen auf den Markt gezerrt wird. Etwas in uns protestiert dagegen. \u201eDas kann doch nicht sein. Liebe ist Liebe, Freundschaft Freundschaft.\u201c Doch die Medien zelebrieren es, professionell. \u201eDu magst dir zwar Ideale einbilden, aber du bist doch von niedriger Art, hier siehst du es erneut\u201c, h\u00f6hnische Geister scheinen die Berichte zu begleiten. Sie gewinnen ihre Faszination aus der Diskrepanz zu unserem Innersten. \u201eDas ist doch eigentlich unm\u00f6glich\u201c, sagen wir uns im Stillen.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte es sein, dass sich bei all dem ein urspr\u00fcngliches Ereignis wiederholt, sich immer wieder neu abspielt, wie bei einer Schallplatte, die einen Sprung hat? Die Umst\u00e4nde sind immer anders, aber das Geschehen ist immer dasselbe: das Zerbrechen von Einssein, das Nach-Au\u00dfen-Treten von Innerem, das Erzeugen einer Au\u00dfenwelt, in der sich Inneres verfremdet gegen\u00fcbertritt.<\/p>\n<p>\u201eDieses hei\u00dft Schicksal: gegen\u00fcber sein \/ und nichts als das und immer gegen\u00fcber.\u201c (Rilke) Wir treten einander gegen\u00fcber \u2013 und wenn wir uns dabei sehr nahekommen, erleiden wir Schmerzen, inmitten alles Begl\u00fcckenden. Derselbe Dichter fragt: \u201eSollten nicht endlich uns diese \u00e4ltesten Schmerzen fruchtbarer werden?\u201c Und er kommt zu dem Ergebnis: Sie dr\u00e4ngen uns dazu, \u201emehr zu sein, als wir selbst\u201c.<\/p>\n<p>Was ist das, dieses \u201eMehr\u201c? Schauen wir zuvor noch auf das Sich-Begegnen. Es ist immer mit irgendeiner Art von Zuwendung verbunden. Wir haben \u00d6ffnungen, T\u00fcren zueinander, sind keine abgeschlossenen Wesen. Und so leben wir ineinander hinein mit unseren Gedanken, Empfindungen, unserer Psyche. Bei eingehenderen Begegnungen entstehen R\u00e4ume psychischer Art, bilden die einander Begegnenden eine gemeinschaftliche Atmosph\u00e4re. Von jedem flie\u00dft dort etwas hinein und vermischt sich mit dem Anderen. Es gleicht dem Mixen eines Getr\u00e4nkes \u2013 und jeder trinkt dann davon. So absorbieren wir einander, verwandeln uns aneinander, treten uns in dem Anderen gegen\u00fcber. Manchmal ist es wunderbar, manchmal furchtbar. Doch stets verwandeln wir uns dabei ein wenig. Aber gelangen wir auf diese Weise zu dem \u201eMehr-Sein\u201c, von dem Rilke spricht?<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns als Teile eines Puzzles ansehen; aber wir sind solche, die nicht richtig zusammenpassen. Jeder erlebt sich selbst als eine Ganzheit, und das zu Recht, denn jeder gestaltet sich selbst. So kann sich das Menschheitspuzzle aber nicht zusammenf\u00fcgen. Wir haben nicht das gro\u00dfe Ganze vor Augen.<\/p>\n<p>Jede Begegnung mit einem anderen Menschen enth\u00e4lt die Verhei\u00dfung des Einsseins. Aber es bleibt in der Regel bei der Verhei\u00dfung. Denn wir sp\u00fcren Abgr\u00fcnde, unbekannte Kl\u00fcfte, vor denen wir zur\u00fcckschrecken. Sie befinden sich in uns selbst und dadurch auch in der Beziehung zu anderen. Wir erleben uns als nicht kraftvoll, als nicht umfassend genug, um sie auszuf\u00fcllen.<\/p>\n<p>So bleiben wir bei unseren \u00c4ngsten, unseren Reserviertheiten und Taktiken. Wir ahnen, es bedarf eines gr\u00f6\u00dferen Wesens, als wir es sind, um Abgr\u00fcnde zu f\u00fcllen, Wege zu ebnen. Und tats\u00e4chlich: manchmal leuchtet etwas in uns auf, wie ein innerer Lichtblitz, der uns zeigt, dass ein noch nicht verwirklichtes Potenzial in uns ruht.<\/p>\n<p>Das Einssein tritt uns in erleuchteten Momenten gegen\u00fcber. Es ist die ganz einfache, unsichtbare, allgegenw\u00e4rtige B\u00fchne, auf der alles stattfindet, auch unsere Begegnungen. Das Einssein ist das eine Leben, an dem wir Anteil haben. Es ist die eine Ganzheit, die eine Wirklichkeit, die, die wir als zerbrochen erleben.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen den Weg suchen, auf dem sie vermehrt in uns aufleuchtet. Und dieses Umfassende, das in uns liegt, kann uns dazu anleiten, wie wir uns ihm am Besten n\u00e4hern k\u00f6nnen, auf welche Weise wir daran gehen k\u00f6nnen, innere Blockaden aufzul\u00f6sen, alte Wunden zu erkennen, Abgr\u00fcnde seelisch zu f\u00fcllen. Wenn wir uns auf den Weg einer Heilung in der Beziehung zu uns selbst begeben, wird es m\u00f6glich, was bislang, bei aller guten Absicht, nur eine Art Traum war: anderen wahrhaft offenen Herzens zu begegnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anmerkung:<\/p>\n<p>Die Rilke-Zitate sind der Achten und der Ersten Duineser Elegie entnommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":6411,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101],"tags_english_":[],"class_list":["post-89723","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/89723","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6411"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89723"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89723"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=89723"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=89723"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}