{"id":89578,"date":"2019-05-24T13:27:40","date_gmt":"2019-05-24T13:27:40","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/name-und-taumelkafer\/"},"modified":"2019-05-24T13:27:40","modified_gmt":"2019-05-24T13:27:40","slug":"name-und-taumelkafer","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/name-und-taumelkafer\/","title":{"rendered":"Name und Taumelk\u00e4fer"},"content":{"rendered":"<p>Jeder Tropfen einer hohen Welle, die eine Stadt verw\u00fcsten k\u00f6nnte, birgt die Kraft der Welle in sich. Sollte sich aber ein Tropfen einbilden, das Meer oder die Welle zu sein, so w\u00fcrde er beim ersten Sonnenstrahl verdunsten. Alles, was wir kennen, war einmal in ein Ganzes eingebettet. Es hat sich entfaltet, hat sich herausgel\u00f6st und einen Namen erhalten \u2013 und wurde so zu einer Zielscheibe, einer m\u00f6glichen Beute f\u00fcr andere, die st\u00e4rker sind. Einen Namen zu erwerben ist ein Abenteuer, ist dramatisch, heroisch und hat auch etwas Magisches an sich. Die Science Fiction-Literatur wei\u00df, dass derjenige, der den Namen eines anderen \u201ekennt\u201c, Macht \u00fcber ihn hat, im Guten wie im B\u00f6sen.<\/p>\n<p>Alles in der Welt tr\u00e4gt einen Namen, mag er bekannt sein oder nicht. Das einzige, was keinen Namen besitzt, ist, was wir \u201eGott\u201c nennen. Wir h\u00f6ren zwar von dem \u201eNamen Gottes\u201c, aber niemand kann ihn aussprechen. Ein Gedicht des fl\u00e4mischen Dichters Guido Gezelle (1830-1899) mit dem Titel <em>Het Schrijverke<\/em> (\u201eDas Schreiberchen\u201c) handelt von dem Taumelk\u00e4fer, der sich in Kreisen und Spiralen auf der Oberfl\u00e4che von Gew\u00e4ssern bewegt: Er schreibt und schreibt\u2019s erneut und schreibt es immer noch: Gottes Heiligen Namen (s. unten). Nur kann ihn niemand lesen. Ein Name definiert oder bestimmt, was etwas ist und was es nicht ist. Aber wie sollte man das nennen, was zugleich alles und nichts ist?<\/p>\n<p>Gleichwohl werden wir unentwegt gedr\u00e4ngt, diesem Alles-und-Nichts einen Namen und eine Gestalt zu geben. Irgendwie erleben wir es als Realit\u00e4t, die wir entweder anbeten oder ignorieren oder bek\u00e4mpfen m\u00fcssen. Die Vernunft stellt immer neue Theorien auf, das Herz erwartet Unerwartetes \u2013 meist aus der Angst, das Unbegreifliche k\u00f6nnte uns irgendwann einmal verschlingen. K\u00f6nnten wir \u201ees\u201c doch nur einmal vor uns sehen \u2013 von Mensch zu Mensch \u2013, um der unertr\u00e4glichen Spannung zu entrinnen! Aber wir schaffen es nicht.<\/p>\n<p>Denn \u2013 wir w\u00fcrden in die ultimative Konfrontation mit uns selbst gelangen, und das ist der letzte Ort, wo wir den Namen, \u201edas Wesen\u201c, suchen m\u00f6chten. Diese Erkenntnis, dieses Wissen hat man \u201eGnosis\u201c genannt, \u201eKenntnis des Herzens\u201c. In ihm liegt ein Axiom, das wir nicht fassen k\u00f6nnen, von dem wir selbst aber erfasst werden. Wir versuchen, die Sache auf ein beruhigendes Gleis zu schieben und arbeiten an einem B\u00fcndnis von Kunst, Wissenschaft und Religion. Aber das hat Risse und Spalten und das namenlose Sein bricht durch sie hindurch. Es streckt uns gleichsam die Hand entgegen. Wir fl\u00fcchten uns aber vor ihm in Interpretationen und Sichtweisen. Das Ewige bietet an, uns aus der Situation des Tropfens zu befreien, des Tropfens, der, ohne es zu wissen, das Wasser in sich tr\u00e4gt und gefangen h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Eines Tages aber wird unsere Sehnsucht st\u00e4rker sein als die Angst um unser Leben. Wir entdecken das Wasser, das wir so lange in uns getragen haben: die Welle und ihre Kraft, das Meer und seine Ruhe. Was wir als Bedrohung empfunden haben, wird nun zum heilsamen Strom, der die \u00c4ngste und Vorurteile aufl\u00f6st und der eine n\u00fcchterne und erl\u00f6sende Wahrheit enth\u00fcllt: es geht gar nicht um den Tropfen, den wir so lange aufrecht erhalten haben und auch nicht um unseren Namen, den wir so laut genannt haben, sondern um den <em>Einen<\/em> Namen, der sich im Wasser spiegelt.<\/p>\n<p>Argwohn und Widerstand verschwinden. Der weite Ozean enth\u00fcllt sich, in ihm wird unser wahrer Name gekannt, und unser Platz und unsere Rolle zeichnen sich ab. Das Tosen des eigenen Wellenschlags verstummt und ein neuer Klang vibriert am inneren Horizont \u2013 weit weg, und doch ganz nah: das Rauschen <em>des<\/em> Namens, der nicht ausgesprochen werden kann.<\/p>\n<p><strong>Taumelk\u00e4fer<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/strong><\/p>\n<p>O kringelndes, wimmelndes Wasserding<br \/>\nMit dem schwarzen M\u00fctzchen auf,<br \/>\nWie seh\u2019 ich doch gern dein K\u00f6pfchen flink,<br \/>\nWie es schreibt auf dem Wasser drauf!<\/p>\n<p>Du lebst und regst dich und l\u00e4ufst so schnell,<br \/>\nIch seh nicht Arme noch Beine an dir;<br \/>\nDu kreist und kennst deinen Weg so gut,<br \/>\nUnd zeigst doch kein Auge, kein einziges mir.<\/p>\n<p>Was warst, was bist du, was wirst du sein?<br \/>\nErkl\u00e4re und sag es mir, du!<br \/>\nWas bist du denn, Kn\u00f6pfchen, so blank, so fein,<br \/>\nDas nimmer vom Schreiben braucht Ruh?<\/p>\n<p>Du l\u00e4ufst \u00fcber das spiegelnde Wasser klar,<br \/>\nUnd das Wasser nicht mehr als sich kr\u00e4uselt,<br \/>\nAls ob es ein sanfter Windhauch war,<br \/>\nder still \u00fcbers Wasser hin s\u00e4uselt.<\/p>\n<p>O Schreiberchen, Schreiberchen, sagt mir dann, \u2013<br \/>\nZu zwanzig seid ihr und mehr,<br \/>\nUnd es gibt keinen einzigen, der sagen kann: \u2013<br \/>\nWas schreibt und schreibt ihr so sehr?<\/p>\n<p>Ihr schreibt, und was da im Wasser steht,<br \/>\nl\u00f6scht sich aus so schnell und ist fort,<br \/>\nDass es keiner wei\u00df und keiner err\u00e4t.<br \/>\nO sag mir\u2019s doch, Schreiberchen, sag doch ein Wort!<\/p>\n<p>Sind es Fischlein, die ihr zeichnet so zart,<br \/>\nSind es Kr\u00e4utlein, von denen ihr schreibt?<br \/>\nSind es Steine, Bl\u00e4tter, Blumen der sch\u00f6nsten Art,<br \/>\nOder das Wasser, auf dem ihr treibt?<\/p>\n<p>Sind es V\u00f6glein, die zwitschernd und klagend riefen,<br \/>\nOder das blaue Gew\u00f6lbe, das strahlt,<br \/>\nDrunten und droben aus unendlichen Tiefen,<br \/>\nOder, Schreiberchen, seid ihr es selbst, die ihr malt?<\/p>\n<p>Und das kringelnde, wimmelnde Wasserding<br \/>\nMit dem schwarzen M\u00fctzchen auf,<br \/>\nEs stand und richtete seine \u00d6hrchen flink,<br \/>\nUnterbrach f\u00fcr ein St\u00fcndlein seinen Lauf:<\/p>\n<p>\u201eWir schreiben\u201c, so sprach\u2019s, \u201edie Kringel ab,<br \/>\nDas, was der Meister uns einst zur Lehr\u2019<br \/>\nauftrug und zu schreiben gab,<br \/>\nEine einz\u2019ge Lektion, nicht weniger, nicht mehr.<\/p>\n<p>Wir schreiben, und ihr k\u00f6nnt dies Einfache doch<br \/>\nNicht lesen? Seid ihr denn t\u00f6richt so sehr?<br \/>\nWir schreiben, schreiben\u2019s erneut und schreiben es noch:<br \/>\nGottes Heiligen Namen, dem Sch\u00f6pfer zur Ehr\u2019!\u201c<\/p>\n<p>Guido Gezelle, 1857 (aus dem Niederl\u00e4ndischen \u00fcbersetzt von Wilfried Steffan und Gunter Friedrich)<\/p>\n<p>(Dieser Artikel war zuvor in der Zeitschrift <em>Pentagramm, <\/em>2018 Nr. 3, erschienen.)<\/p>\n<h2>&nbsp;<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a> Die Taumelk\u00e4fer, auch Dreh- oder Kreiselk\u00e4fer genannt, leben auf der Oberfl\u00e4che von Gew\u00e4ssern, wo sie sich extrem schnell in Kreisen und Spiralen bewegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":923,"featured_media":5973,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-89578","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/89578","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/923"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5973"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89578"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89578"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=89578"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=89578"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}