{"id":89556,"date":"2019-05-13T09:10:47","date_gmt":"2019-05-13T09:10:47","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/hohenfluge-teil-2\/"},"modified":"2019-05-13T09:10:47","modified_gmt":"2019-05-13T09:10:47","slug":"hohenfluge-teil-2","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/hohenfluge-teil-2\/","title":{"rendered":"H\u00f6henfl\u00fcge Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>In harter Arbeit stieg ich auf, von Stufe zu Stufe. Die Materialien der Fl\u00fcgel wurden leichter, die Handb\u00fccher pr\u00e4gnanter, die Plateaus f\u00fcr den Start h\u00f6her und h\u00f6her. Der Satz, der in der Werbung gestanden hatte \u00fcber den h\u00f6chsten Himmel, ging mir nicht aus dem Kopf. Es war anstrengend, sich immer wieder an eine neue Ebene zu gew\u00f6hnen. Oft war ich kurzatmig und musste mich ausruhen \u2013 aber es wurde um mich herum immer sch\u00f6ner. Auf den mittleren Ebenen waren die Leute distanzierter gewesen, waren mehr mit sich selbst und dem Fliegen besch\u00e4ftigt, jetzt, weiter oben, waren alle zug\u00e4nglicher. Das war eine Erleichterung.<\/p>\n<p>Ich kam so hoch, dass ich am Ende nicht mehr essen und trinken musste und die hohe Umgebung sogar im Schlaf sp\u00fcrte. Ich empfand das alles als au\u00dferordentlich und dachte: eigenartig, dass die meisten Menschen gar keine Ahnung haben, was f\u00fcr M\u00f6glichkeiten in ihnen stecken, dass sie sich so gefangen nehmen lassen von ihrem Alltag! Ups!! Pl\u00f6tzlich hing ich viel tiefer und beschloss, mit meinen Gedanken in Zukunft lieber in den oberen Regionen zu bleiben.<\/p>\n<p>Irgendwann gelangte ich auf ein neues Plateau, das hei\u00dft, ich wei\u00df gar nicht, ob es eins war, denn es war v\u00f6llig durchsichtig. Es schien aus ganz d\u00fcnnem Glas zu bestehen. Die Gaze f\u00fcr die Fl\u00fcgel war kaum noch wahrzunehmen. Sie lie\u00df regenbogenfarbiges Licht durch, und ich war von der Sch\u00f6nheit meiner Fl\u00fcgel begeistert. Sie schmiegten sich fast automatisch an mich. Alles erschien mir wie ein Wunder. Ich hatte inzwischen schon so viele besondere Erfahrungen gemacht. Jetzt aber schien es mir, als sei ich am Ende meiner Reise angekommen. Es war einfach wundersch\u00f6n hier. Die Menschen waren freundlich und h\u00f6flich und hatten eine ganz besondere Statur. Ihre Fl\u00fcgel verursachten Wellen von Regenb\u00f6gen, und ich konnte mich nicht satt daran sehen. Ich schlief jetzt \u00fcberhaupt nicht mehr und flog weiter und weiter, von Freude erf\u00fcllt.<\/p>\n<p><strong>Und noch ein weiteres Plateau<\/strong><\/p>\n<p>Da trat mir ein weiteres Plateau vor Augen. Das Wort Plateau ist eigentlich viel zu real f\u00fcr das, was ich sah. Meine Fl\u00fcgel waren bereits fertig, als ich auf ihm ankam, und ich konnte meine Augen nicht von ihnen abwenden, so faszinierend waren sie. Gibt es so etwas: einen leichten und hauchd\u00fcnnen Diamanten? Ich wei\u00df es nicht, aber ich hatte noch nie etwas so Sch\u00f6nes gesehen. Bald war ich von Menschen umgeben, die gar keinen festen K\u00f6rper mehr zu haben schienen und ich f\u00fchlte nichts als Liebe. Das muss der siebte Himmel sein, dachte ich. Zu meinem Erstaunen sah ich hier alle m\u00f6glichen Geb\u00e4ude: elegante Schl\u00f6sser, gro\u00dfe Kirchen und jede nur erdenkliche Sch\u00f6nheit, umgeben von W\u00e4ldern, Bergen und T\u00e4lern mit Blumen, und \u00fcberall herrschte Freude. Ich h\u00f6rte eine Art Gesang, der mich bezauberte. Das ist Seligkeit, dachte ich. Nichts kann sch\u00f6ner sein als dieser Himmel. Ich war unter strahlenden Menschen, alle besa\u00dfen einen goldenen und zugleich wei\u00dfen Glanz. Ich hatte das Gef\u00fchl, hierher zu geh\u00f6ren und nun nicht noch h\u00f6her gehen zu m\u00fcssen. Zumindest meinte ich das eine zeitlang.<\/p>\n<p>Aber dann geschah es, dass mir selbst diese Sch\u00f6nheit und Freude nicht genug waren. Ich sch\u00e4mte mich ein wenig dar\u00fcber und fiel dabei beinahe auf ein niedrigeres Plateau. Am Ende konzentrierte ich mich aber wieder auf die Dinge \u00fcber mir, und nach einer Weile flog ich h\u00f6her als alle anderen. Sie riefen mir zu, dass ich das nicht tun solle. Ich w\u00fcsste ja nicht, was passieren w\u00fcrde. Au\u00dferdem sei ich undankbar, sie w\u00fcrden mich doch mit ihrer Liebe umgeben. Aber darin lag f\u00fcr mich seltsamerweise ein weiterer Anreiz, noch h\u00f6her zu steigen.<\/p>\n<p><strong>Der Absturz<\/strong><\/p>\n<p>Autsch!! Ich schlug mir den Kopf an. Einer meiner Fl\u00fcgel war gegen etwas gesto\u00dfen und ich flog automatisch tiefer. Ich schaute auf, aber es war zu hell und ich sah nichts. Vielleicht war ich an die n\u00e4chste Hochebene gesto\u00dfen, dachte ich und versuchte erneut aufzusteigen. Aber wieder stie\u00df ich mir den Kopf an und diesmal wurde mein linker Fl\u00fcgel besch\u00e4digt. Ich gab jedoch nicht auf. Pl\u00f6tzlich machte es \u201eCrack&#8220; und der rechte Fl\u00fcgel gab ebenfalls den Dienst auf. Nun drehte ich mich um meine Achse und fiel: tiefer und tiefer, schneller und schneller, bis ich mit einem harten Knall auf dem Boden aufschlug.<\/p>\n<p>Als ich zu mir kam, war ich von Kindern und ihren Eltern umgeben, alle mit ihren schweren Fl\u00fcgeln. Sie staunten mich an: \u201eEin Engel, ein Engel ist auf die Erde gekommen&#8220;, fl\u00fcsterten sie und manche knieten sogar nieder, wobei ihre Fl\u00fcgel auf den Boden schlugen. Ich packte die meinen zusammen und rannte in Richtung meines alten Hauses. Pl\u00f6tzlich lief der Junge mit den gr\u00fcnen Augen neben mir her. Wir kamen zu dem Stein, auf dem er fr\u00fcher gesessen hatte und er hielt an, setzte sich darauf und klopfte neben sich auf den Boden. Ich hatte Schwierigkeiten, mich hinzusetzen. Es war hart hier unten. Aber es gelang mir und ich schaute ihn wortlos an.<\/p>\n<p>Er hob etwas vom Boden auf und hielt es mir vor. Es war ein Same. \u201eSchau mal\u201c, sagte er und warf den Samen in die Luft. Er fiel auf die Erde. \u201eDas bist du.\u201c Ich sah ihn verst\u00e4ndnislos an. \u201eDu bist ein Same und wolltest hoch hinaus, aber ein Same muss tief in die Erde hinein, ehe etwas aus ihm nach oben wachsen kann. Er muss ruhig auf einem Fleck bleiben, wo ihn niemand sehen kann, und er muss sich Dunkelheit, K\u00e4lte und Bedr\u00e4ngnisse gefallen lassen und dabei die Sehnsucht nach dem Licht behalten. Dann kann er keimen. Aber er wird dann nicht gr\u00f6\u00dfer oder h\u00f6her, sondern tritt zur\u00fcck, gibt sich hin. Etwas w\u00e4chst aus ihm heraus: der Keim. Der Same muss ihn besch\u00fctzen und mit Energie versorgen. Es ist der Keim, der in die Richtung des Lichtes w\u00e4chst, dorthin, wo seine Bestimmung liegt.\u201c<\/p>\n<p>Ich habe es eigentlich sofort begriffen. Mein Herz \u00f6ffnete sich und Einsicht und Liebe, Wohlwollen und Bereitwilligkeit breiteten sich in mir aus. Trotzdem fragte ich: \u201eWarum hast du mir das nicht gleich gesagt? Du selbst hast mich doch nach oben geschickt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDamit die Frucht reif wird. Dann f\u00e4llt der Same erst auf die Erde.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":923,"featured_media":5905,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-89556","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/89556","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/923"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5905"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89556"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89556"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=89556"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=89556"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}