{"id":89517,"date":"2019-04-22T18:09:38","date_gmt":"2019-04-22T18:09:38","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/kant-und-die-idee-des-organismus\/"},"modified":"2019-04-22T18:09:38","modified_gmt":"2019-04-22T18:09:38","slug":"kant-und-die-idee-des-organismus","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/kant-und-die-idee-des-organismus\/","title":{"rendered":"Kant und die Idee des Organismus"},"content":{"rendered":"<p>Die Natur erscheint uns lebendig, doch der Ursprung des Lebens ist ein R\u00e4tsel. Lebewesen werden geboren, entwickeln und bewegen sich aus sich selbst, doch der Grund, der dieses bewirkt, ist dem naturwissenschaftlichen Zugriff verschlossen. Der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) hat in seinem Hauptwerk <em>Die Kritik der Urteilska<\/em>ft<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\">[1]<\/a><em> <\/em>dieses Problem erkannt und nach einer Antwort gesucht. Denn aus dem Gesetz der Kausalit\u00e4t, also dem mechanischen Zusammenhang aller Natur- erscheinungen durch Ursache und Wirkung, geht niemals und an keiner Stelle ein lebendiges Ganzes hervor. Kant \u00f6ffnete einen neuen Weg, wie Leben und die Ganzheit organischer Wesen gedacht werden k\u00f6nnen, und zwar einen solchen, der mit wissenschaftlichem Denken vereinbar ist. Er war hier sehr zur\u00fcckhaltend, denn als Skeptiker war er der Auffassung, dass ein Erkenntnisverm\u00f6gen, das uns den Urgrund des Lebens erkennen lie\u00dfe, dem Menschen nicht gem\u00e4\u00df sei. Er betonte ausdr\u00fccklich die Notwendigkeit der empirisch-rationalen Forschung der Natur- wissenschaften, denn die Grenzen, die dem Menschen durch seine Sinnesorgane und Verstandesverm\u00f6gen gegeben seien, k\u00f6nnten nicht \u00fcberschritten werden. Doch andererseits wollte er mit seiner Transzendentalphilosophie den materialistischen Realismus \u00fcberwinden. Eine unabh\u00e4ngig von der Wahrnehmung existierende Materie gibt es bei ihm nicht &#8211; eine Sichtweise, die also keineswegs von den Quantenphysikern erfunden wurde. Kant macht das menschliche Subjekt zum Zentrum der Erkenntnis, wobei wir die Dinge der Au\u00dfenwelt jedoch nur als Erscheinung kennen, nicht, wie sie <em>an sich<\/em> sind. So sind auch, wenn wir ihm folgen, Quantenph\u00e4nomene, wie der Begriff schon sagt, Erscheinungen, nicht <em>Dinge an sich<\/em>. Die Wissenschaftler kennen also nur ihre Vorstellungen und Theorien \u00fcber die Natur; ihr Seinsgrund bleibt r\u00e4tselhaft.<\/p>\n<p><strong><em>Eine Idee des Lebendigen<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Des Weiteren unterschied Kant streng zwischen den Kategorien des rationalen Verstandes und metaphysischen Ideen. Er sah jedoch die Notwendigkeit, dass wir uns eine Idee des Lebendigen bilden m\u00fcssen, die \u00fcber das materialistisch-mechanistische Denken hinausgeht. Diese Idee nannte er Zweckm\u00e4\u00dfigkeit oder Naturzweck, Begriffe, die eine Art s\u00e4kulare Ersatzformel f\u00fcr die metaphysische Seele sind. Der nach Erkenntnis Suchende m\u00fcsse eine erweiterte Perspektive \u2013 die der Begriff des Naturzwecks ihm gibt \u2013 einnehmen, ohne damit zwar eine Erkenntnis im streng wissenschaftlichen Sinne erwarten zu k\u00f6nnen. Jedoch m\u00fcssten wir organisierte Wesen der Natur so denken, \u201eals ob\u201c in ihnen ein Zweck, eine Idee oder eine Absicht wirke:<\/p>\n<p>\u201eWir haben es n\u00e4mlich unentbehrlich n\u00f6tig, der Natur den Begriff einer Absicht zu unterlegen, wenn wir ihr auch nur in ihren organisierten Produkten durch fortgesetzte Beobachtung nachforschen wollen; und dieser Begriff ist also schon f\u00fcr den Erkenntnisgebrauch unserer Vernunft eine schlechterdings notwendige Maxime.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\" title=\"\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Im Zentrum steht dabei die Idee des Organismus. Der Organismus wird von Kant als ein autonomer Ursache-Wirkungszusammenhang beschrieben, er ist eine Natureinheit, die sich selbst begr\u00fcndet, indem in ihr alles wechselseitig Mittel und Zweck, Ursache und Wirkung ist. Die Selbstverursachung erkl\u00e4rt er auf die Weise, dass die Wirkung, die normalerweise im Zeitablauf einer kausalen Verkn\u00fcpfung die Folge ihrer Ursache ist, jetzt wiederum an den Anfang tritt und somit zur Ursache der Ursache und somit zur bewirkenden Idee des Organismus wird.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\" title=\"\">[3]<\/a> Kant veranschaulicht diese Selbstorganisation mit einem Bild: Ein Haus generiert Mieteinnahmen, die also dessen Wirkung sind. Andererseits ist die Aussicht auf Gewinn die Idee, die als Ursache f\u00fcr den Bau und die Existenz des Hauses \u00fcberhaupt gelten muss. Der finanzielle Gewinn steht somit als Zweck oder verursachende Idee bereits am Anfang des ganzen Zusammenhangs. Diese zirkul\u00e4re, integrale Kausalverkn\u00fcpfung hat somit eine ideelle Ursache; im Gegensatz zu der linear-mechanischen Kausalit\u00e4t, mit der unser Verstand gew\u00f6hnlich arbeitet und die die Grundlage der Naturwissenschaft ist.<\/p>\n<p>Mit einem weiteren Beispiel macht er dies deutlich: Ein Baum<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\" title=\"\">[4]<\/a> bringt sich best\u00e4ndig selbst hervor, er pflanzt sich fort in seiner jeweiligen Gattung. Au\u00dferdem sichert er seinen eigenen, individuellen Fortbestand, indem er aus einem inneren Bildungstrieb lebt und w\u00e4chst. Dieses Wachstum ist von den gew\u00f6hnlichen Arten der Materiezunahme verschieden und gleicht, da es nach kausal-mechanischen Prinzipien nicht zu erkl\u00e4ren ist, einer fortw\u00e4hrenden Zeugung aus sich selbst. Der Baum erschafft sich, indem er den Stoff, den er von au\u00dfen f\u00fcr seine Zunahme aufnimmt, zu einer speziellen Qualit\u00e4t umformt, die \u201esein eigenes Produkt ist\u201c. Die Scheidung und Zusammensetzung der materiellen Stoffe \u201edieser Art Naturwesen\u201c ist eine Art von Chemie, die von keiner vorhergehenden F\u00e4higkeit abgeleitet werden kann und somit urspr\u00fcnglich ist. Sie kann nicht durch mechanisch-technische Verfahren rekonstruiert werden. Hier scheint Kant auf die Photosynthese zu hinzuweisen, die das Lebensprinzip der Pflanze ist. Diese Vorstellung des sich selbst organisierenden Wesens f\u00fchrt ihn zu der Idee des Ganzen.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\" title=\"\">[5]<\/a> Das Ganze ist nicht ein Ergebnis der Addition von Teilen, sondern es existiert bereits \u2013 als Idee \u2013 vor den Teilen und strukturiert diese, die ihrerseits kausal wechselwirken immer im Bezug auf das Ganze. Alle Organe sind gleicherma\u00dfen autonom, indem sie Zwecke sind, so wie sie als Mittel dem Ganzen dienen. Kant begr\u00fcndet hiermit eine f\u00fcr die Moderne grundlegende Konzeption der Selbstorganisation der Natur, die auch als <em>Autopoiesis <\/em>bezeichnet wird.<\/p>\n<p><strong><em>Der intellectus archetypus<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Diese Idee des Organismus hat Kant, wie gesagt, entwickelt, um es m\u00f6glich zu machen, die aus sich selbst lebenden Wesen der Natur erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen, wobei dieses Modell der Begrenztheit des menschlichen Denkens geschuldet ist. Denn nur durch eine h\u00f6here Erkenntnism\u00f6glichkeit k\u00f6nnten wir die geistige, ganzheitliche Ebene \u2013 Kant nannte diese \u201edas \u00fcbersinnliche Substrat\u201c \u2013 einsehen.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\" title=\"\">[6]<\/a> Er kommt zu der Konsequenz einer intelligiblen Weltursache und zu der Vorstellung eines Urgrunds, ohne einen solchen das Leben nicht begriffen werden k\u00f6nne; der Dualismus des Bewusstseins hinge darin zusammen bzw. str\u00f6me daraus hervor. Jedoch betont Kant ausdr\u00fccklich, dass ein solcher intelligibler Grund der Natur f\u00fcr unseren Verstand nicht einsehbar sei und er denkt \u00fcber eine andere Art der Intelligenz nach, die er den <em>intellectus archetypus nennt. <\/em>Dies ist sein Begriff f\u00fcr Intuition, also f\u00fcr die F\u00e4higkeit, sinnliche Erscheinungen und ihr wahres Wesen direkt als Einheit zu erkennen. Allein intuitiv erschl\u00f6ssen sich sinnesorganische Wahrnehmung und Begriff in einem. Nur eine solche andere Intelligenz k\u00f6nne in der einzelnen konkreten Erscheinung \u2013 im Ph\u00e4nomen \u2013 unmittelbar auch das Wesen des Ganzen begreifen; nur der Intuition erschl\u00f6sse sich der intelligible Urgrund des Seins. Obzwar ein solcher Erkenntnismodus laut Kant f\u00fcr unsere menschliche Vernunft unm\u00f6glich sei, solle dennoch die Vorstellung der Ganzheit als Leitidee und Integrationsmodell den mechanisch-analytischen Naturwissenschaften vorangehen. So solle die wissenschaftliche, empirisch-rationale Methode integriert sein in dem&nbsp; Konzept eines intelligiblen Ganzen der Natur, das ihr Orientierung gibt.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte das bis hierhin Dargestellte kurz zusammenfassen und einige \u00dcberlegungen anschlie\u00dfen. Die Konzeption des Organismus und die Idee der Ganzheit der Natur ist \u2013 als Alternative zu dem herrschenden Materialismus und vor dem Hintergrund des heutigen Naturverlustes \u2013 aktuell.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\" title=\"\">[7]<\/a> Der lebende Organismus und die Organisation des Lebendigen insgesamt wird aus Materie allein nicht verst\u00e4ndlich. Das Leben, das in der und durch die Materie erscheint und offensichtlich wirkt, kann selbst nicht Materie sein. Zudem ist der Realismus, also die Annahme einer unabh\u00e4ngig von unserem Bewusstsein existierenden objektiven Au\u00dfenwelt, naiv und unhaltbar, denn die Objekt- und Subjektseite sind miteinander verschr\u00e4nkt und verwoben. Das Objektive ist ohne Subjekt nicht zu bekommen; Wahrnehmung und Erkenntnis der Natur sind subjektbedingt. Das bedeutet, dass alle Erkl\u00e4rungsversuche des Lebens ein wahrnehmendes und reflektierendes Bewusstsein voraussetzen, das zudem den Mechanismus der Natur in der Intuition zu transzendieren in der Lage sein muss. Kant gibt uns eine plausible Begr\u00fcndung daf\u00fcr, eine Leitidee f\u00fcr unser Erkennen und Handeln unterstellen zu m\u00fcssen. Wir k\u00f6nnen \u2013 mit diesem Gedanken l\u00f6se ich mich von Kant \u2013 mit der objektiven Idee des Organismus, indem wie sie als Hypothese voraussetzen, unser subjektives Sehen und Erleben verwandeln. Die verschiedenen, auseinanderfallenden Erscheinungen des Lebens bekommen so Zusammenhang und Einheit durch die Idee, durch die wir auf jene blicken; jeder wahrgenommene Einzelaspekt kann in seiner organischen Verbindung mit dem Ganzen erkennbar werden. Divergierende Teile f\u00fcgen sich zusammen in ihrer Verwandtschaft. Antagonismen erg\u00e4nzen sich und kreisen um ein Zentrum.<\/p>\n<p>Die Natur in ihren Zusammenh\u00e4ngen als lebendige Ganzheit erfahren zu k\u00f6nnen, ist nicht nur f\u00fcr Naturwissenschaftler von entscheidender Bedeutung. Angesichts des drohenden Naturverlustes durch Artensterben und Klimawandel ist ein neues Denken unabdingbar f\u00fcr Wandel und Regeneration. Oft wird mit gro\u00dfer Selbstverst\u00e4ndlichkeit intuitives Denken, besonders auch von K\u00fcnstlern und Wissenschaftlern, in Anspruch genommen, ohne dass dabei jedoch das Wunder eines solchen Verm\u00f6gens \u2013 eines <em>intellectus archetypus &#8211; <\/em>sonderlich bedacht wird. Denn es ist doch \u2013 wenn man Intuition von Instinkt unterscheidet \u2013 eine \u00fcbersinnliche F\u00e4higkeit des Bewusstseins, eine solche also, die es im Rahmen des herrschenden materialistisch &#8211; naturalistischen Konzepts des Menschen gar nicht geben kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a> Immanuel Kant, <em>Kritik der Urteilskraft<\/em>, Hamburg 2006; Einleitung und: Zweiter Teil, <em>Kritik der teleologischen Urteilskraft<\/em>, \u00a7 61-78.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\" title=\"\">[2]<\/a> &nbsp;Ebd. B 334.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\" title=\"\">[3]<\/a> &nbsp;Ebd. B 334.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\" title=\"\">[4]<\/a>&nbsp; Ebd. B 287\u2013289.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\" title=\"\">[5]<\/a> &nbsp;Ebd. B 287\u2013289.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\" title=\"\">[6]<\/a>&nbsp; Ebd. B 345\u2013363.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\" title=\"\">[7]<\/a>&nbsp; Siehe hierzu: Kristian K\u00f6chy, <em>Ganzheit und Wissenschaft, Das historische Fallbeispiel der romantischen&nbsp; Naturforschung<\/em>, W\u00fcrzburg 1997; Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, <em>Von der wirklichen, von der seyenden Natur<\/em>, Stuttgart-Bad Cannstadt 1996; Michael Ewers, <em>Elemente organismischer Naturphilosophie<\/em>, Bochum 1988.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":5785,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110088],"tags_english_":[],"class_list":["post-89517","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-science-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/89517","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5785"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89517"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89517"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=89517"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=89517"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}