{"id":89460,"date":"2019-02-26T18:18:06","date_gmt":"2019-02-26T18:18:06","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/das-urerlebnis-des-robert-reininger\/"},"modified":"2019-02-26T18:18:06","modified_gmt":"2019-02-26T18:18:06","slug":"das-urerlebnis-des-robert-reininger","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/das-urerlebnis-des-robert-reininger\/","title":{"rendered":"Das &#8222;Urerlebnis&#8220; des Robert Reininger"},"content":{"rendered":"<p>Ein junger Mann im Alter von 17 Jahren notierte am 18. 12. 1886 in sein Tagebuch: \u201e(Auf dem P\u00f6stlingberg) Wolkenloser Himmel, von der scheidenden Abendsonne in r\u00f6tliches Gold gekleidet \u00fcber mir, vor mir in \u00fcberw\u00e4ltigender Sch\u00f6nheit die frisch beschneiten Gipfel der langgestreckten Alpenkette und die tannwaldgr\u00fcnen, wohlbekannten R\u00fccken der die Stadt einschlie\u00dfenden H\u00f6henz\u00fcge, in weiter Ferne dann in bl\u00e4ulichem Dunstkreis die unabsehbare Ebene [\u2026] Wie mit unwiderstehlicher Gewalt riss sich mein Gedankenflug von den engen Banden der Sinnlichkeit los: mein ganzes Wesen und Denken versenkte sich bis zur Selbstvergessenheit in den ewigen, allgewaltigen Gedanken der Gottheit. In ungeahnter Helle blitzte in mir eine Idee wieder auf, die mir jahrelang verloren gegangen war, eine Idee der Gottheit, Ewigkeit und Menschenw\u00fcrde.\u201c <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Diese Erfahrung auf dem \u201eHausberg\u201c von Linz (\u00d6sterreich) pr\u00e4gte das ganze Leben des Philosophen Robert Reininger. Aus ihr erwuchs f\u00fcr ihn die Erkenntnis seiner eigentlichen Aufgabe, n\u00e4mlich dieses gro\u00dfartige Geheimnis mit Hilfe seiner philosophischen Begabung den Menschen mitzuteilen. In seiner jahrzehntelangen Lehrt\u00e4tigkeit an der Wiener Universit\u00e4t (1913 \u2013 Februar 1940) bem\u00fchte er sich in seinen Lehrveranstaltungen immer wieder, auf die alleinige Wirklichkeit hinzudeuten, das \u201eUrerlebnis\u201c, in dem Alles jetzt immer ist, und sie zu scheiden von der \u201eRealit\u00e4t\u201c, der Welt des Ichs, die wir erschaffen durch Reflektieren, durch unser gew\u00f6hnliches Denken, letztlich durch unsere Sprache. In den Upanishaden Indiens und den Schriften Helena P. Blavatskys, bei Meister Eckhart, Goethe, aber auch bei Schopenhauer und Nietzsche stie\u00df er auf \u00e4hnliche Erkenntnis. Reininger nennt das \u201eUrerlebnis\u201c auch das \u201eprim\u00e4re Ich\u201c, bzw. \u201eintelligibles Ich\u201c \u2013 nach Immanuel Kant, den er sch\u00e4tzte; er sah sich aber tats\u00e4chlich nur als \u201ebedingter Kantianer\u201c.<\/p>\n<p>Am 22. 9. 1918 notierte er: \u201eEs kann das intelligible Ich nicht selbst als Produkt dieser Entwicklung gelten, sondern muss als zeitlos-seiend gedacht werden, und seine \u201aEvolution\u2018 ist nur als ein allm\u00e4hliches Durchbrechen des Lichtes durch die Finsternis zu denken: das intelligible Ich wird nicht, sondern entdeckt sich nur! \u2013 und es w\u00e4chst gleichsam aus dem empirischen [Ich] heraus in und durch seine ethische Best\u00e4tigung.\u201c <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\" title=\"\">[2]<\/a><\/p>\n<p><strong><em>Philosophie auf der Grundlage der mystischen Erfahrung<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Reininger hielt als auffallende Ausnahme unter seinen akademischen Kollegen auch Vorlesungen \u00fcber indische Philosophie an der Wiener Universit\u00e4t ab. Selbst beeindruckt von der buddhistischen Mitgef\u00fchlsethik, besonders in Hinblick auf die Achtsamkeit gegen\u00fcber den Tieren, war er auch stark an der \u0100tman-Brahman-Lehre der altindischen Upanishaden interessiert.<\/p>\n<p>Er versuchte, ausgehend von seiner mystischen Erfahrung eine Philosophie zu entwickeln, die notwendigerweise vom Verstand gepr\u00e4gt war. Wohl lehnte er sich an Philosophen wie Spinoza, Fichte, Schopenhauer und Nietzsche an, das hei\u00dft an \u201eIdealisten\u201c, jedoch suchte er auch<a name=\"_bookmark0\"><\/a> den Kompromiss mit den \u201eEmpiristen\u201c und \u201ePositivisten\u201c, wie zum Beispiel mit dem Begr\u00fcnder des \u201eWiener Kreises\u201c, Moritz Schlick, der ein Kollege von ihm an der Universit\u00e4t war.<\/p>\n<p>In Reiningers philosophischer Konzeption wird deutlich, dass eine Integration einer religi\u00f6sen Erfahrung in klassisches abendl\u00e4ndisches Philosophieren normalerweise nicht gelingen kann, denn Logik l\u00e4sst sich nicht aus Mystik ableiten. Mystik kann Ausgangspunkt sein oder Einbettung f\u00fcr Rationalit\u00e4t wie bei Spinoza, aber das Verstandeswissen ist ein anderer Bereich als Weisheit. Der Verstand ist n\u00fctzlich und wichtig, aber er hat seine Grenzen. Nur mit Hilfe der Intuition, einem \u201eDenken aus dem Herzen\u201c, kann die Trennung aufgehoben werden. Diese Art des \u201eDenkens\u201c ist ein umfassendes Verstehen, ein spontanes Begreifen dessen, was ist.<\/p>\n<p>Reininger sch\u00e4tzte, wie bereits erw\u00e4hnt, die Philosophie des niederl\u00e4ndischen Philosophen Baruch de Spinoza sehr. Dieser hatte sein System von der Grundvoraussetzung abgeleitet, dass Gott existiert und dass die Natur eins ist mit Gott, das hei\u00dft, dass es nichts au\u00dfer Gott gibt. Der Mensch k\u00f6nne durch zunehmende Einsicht seinen Verstand von der \u00fcblichen Verworrenheit durch blo\u00dfe Meinungen kl\u00e4ren, zu klaren Ideen kommen und mit Hilfe der wahren Intuition zur alles umfassenden g\u00f6ttliche Liebe hinwachsen und schlie\u00dflich alles begreifen.<\/p>\n<p><strong><em>Was ist wirklich? Was ist wahr?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Auch Reininger hat dem Urerlebnis den bedeutendsten Platz in seiner Lehre einger\u00e4umt. Aus diesem entwickle sich die Welt in einem rationalen Stufenbau von immer h\u00f6heren Erkenntnissen, die aber alle nur relative Wahrheiten darstellen und stets von einem h\u00f6heren Standpunkt aus \u201e\u00fcberholt\u201c werden. Jede \u201eWahrheit\u201c ist also zun\u00e4chst \u201eabsolut\u201c, wird aber bald relativ. Reininger verneint absolute Wahrheit schlechthin. In der realen Welt gibt es nur relative Wahrheiten, die durch die Sprache entstehen, das Urerlebnis aber ist nicht \u201ewahr\u201c, sondern \u201ewirklich\u201c. Die Realit\u00e4t der Welt entspricht nicht der Wirklichkeit des Urerlebnisses.<\/p>\n<p>Gew\u00f6hnlich sind wir tats\u00e4chlich fest davon \u00fcberzeugt, dass wir und die Welt \u201ewirklich\u201c sind und dass wir wissen, was \u201ewahr\u201c und was \u201ewirklich\u201c ist. Wir korrigieren \u201efalsche\u201c Aussagen oder Urteile, sprechen von \u201eFehlern\u201c. Wir glauben genau angeben zu k\u00f6nnen, was die Wirklichkeit ist und was nicht wirklich ist, wie zum Beispiel Phantasien oder Tr\u00e4ume. Menschen, die \u201ein ihrer eigenen Welt leben\u201c, leben nicht in der \u201eWirklichkeit\u201c. Sie leiden unter \u201eRealit\u00e4tsverlust\u201c \u2013 eine \u00fcbliche Diagnose dementer oder psychisch kranker Personen. Tats\u00e4chlich aber hat jedes Ich seine eigene Welt und seine eigene Wirklichkeit. Oft geht es nur um Macht, wie Wahrheit und Wirklichkeit definiert werden. Es ist ein Spiel der Illusionen, M\u0101y\u0101. Es kann gar nicht anders sein, denn das Ich selbst ist nur Schein. Wir kennen die Wirklichkeit nicht. Wir erfinden stets neue Wahrheiten und bauen unentwegt an einem vermeintlich noch sicheren Geh\u00e4use unserer Wirklichkeit. Aber wir w\u00fcnschen uns absolute Wahrheit und eine absolute Wirklichkeit! Das Ich aber kann sie nicht finden. Denn absolute Wahrheit und absolute Wirklichkeit sind etwas ganz anderes, etwas, das im Herzen wohnt und die Ursache unserer Sehnsucht nach Ewigem ist.<\/p>\n<p><strong><em>Das prim\u00e4re und das sekund\u00e4re Ich<\/em><\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Reininger ist das Urerlebnis das Bewusstsein, das alle bewussten Erfahrungen begleitet, aber inhaltlich leer ist; es ist das \u201eprim\u00e4re Ich\u201c. Das \u201esekund\u00e4re Ich\u201c ist die Person, die durch Vorstellungen einschlie\u00dflich der eigenen Leibesvorstellungen die Welt und sich selbst als identisch empfindet. Dies ist nur m\u00f6glich auf Grund eines besonderen Ph\u00e4nomens, das Reininger \u201etranszendentale Empfindung\u201c nennt. Sie bildet die Br\u00fccke zum Urerlebnis. Diese besondere reine Empfindung ist anders ist als die physiologischen Empfindungen. Nur durch sie k\u00f6nnen wir \u201eEinheit\u201c erleben.<\/p>\n<p>Der Mensch, der aus dieser Urerfahrung lebt, ist nach Reininger der selbstautonome Mensch, der keine spezielle Ethik braucht. Er tr\u00e4gt den \u201eAdel\u201c in sich und kann immer \u201eJa sagen\u201c zum momentanen Dasein, weil er um das wahre Selbst wei\u00df.<\/p>\n<p>Was ihn unter anderem bewegte, war die Frage, wie entstand die T\u00e4uschung der Realit\u00e4t der Welt, n\u00e4mlich in dem Sinne, dass wir glauben, sie sei wirklich? Dies f\u00fchrt zu \u00dcberlegungen der Art: Wie entstand aus der Eins die Zwei, oder wie entstand aus dem Einen die Vielheit und ist die Vielheit identisch mit der Einheit oder etwas Anderes? Oder: Ist der \u201eS\u00fcndenfall\u201c ein Fall aus dem Paradies in eine andere, verworfene schlechte Welt oder ist das Erfahren der Realit\u00e4t des (sekund\u00e4ren Ichs) nur ein Traum, aus dem wir aufwachen m\u00fcssen, um zu erkennen, dass wir eigentlich g\u00f6ttlich und eins sind?<\/p>\n<p><strong><em>Metaphysik des Schweigens<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Reininger fand keine Antwort auf diese Frage und endete mit einer \u201eMetaphysik des Schweigens\u201c, das hei\u00dft, Metaphysik m\u00fcsse sich darauf beschr\u00e4nken, \u201edie Stelle aufzuzeigen, wo das letzte und tiefste Geheimnis verborgen liegt: Im Urerleben des Jetzt. [\u2026] Philosophie endet im Staunen, es bleibt das metaphysische Gef\u00fchl des Geheimnisses. Die Grenzen rationalen Erkennens k\u00f6nnen nicht durchbrochen werden!\u201c <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\" title=\"\">[3]<\/a> Der \u201emetaphysische Mensch ist sich des tiefsten Mysteriums, das jeder Erlebnisaugenblick in sich birgt, stark und dauernd bewusst. Er lebt in der Gewissheit, mitten im Zeitlichen im Ewigen zu stehen.\u201c F\u00fcr Reininger war dies das im eigentlichen Sinne metaphysische Erlebnis.<\/p>\n<p>Im menschlichen Herzen, so lehren die Rosenkreuzer, schlummert ein Element, durch das metaphysische Erfahrungen m\u00f6glich werden. Sie nennen es das \u201eUratom\u201c, die \u201eRosenknospe\u201c. Wenn sie erwacht, wird das Bewusstsein der fundamentalen Einheit geboren. Es kann zun\u00e4chst als blo\u00dfe Ahnung wie ein zarter, heller Schimmer keimen und im Laufe des Lebens zur \u201eduftenden Rose\u201c erbl\u00fchen; oder aber der Mensch wird sich pl\u00f6tzlich, in einem \u201eUrerlebnis\u201c, vollkommen der g\u00f6ttlichen Herkunft seiner selbst bewusst. Dieses Geschenk der Gnade wurde Robert Reininger zuteil, der sich bis zu seinem Lebensende davon getragen wusste und seine Intelligenz und seine Begabungen daf\u00fcr verwendete, mit dieser Botschaft den Menschen zu dienen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a> Nawratil, Karl (1969): <em>Robert Reininger. Leben \u2013 Wirken \u2013 Pers\u00f6nlichkeit<\/em>, Wien: Verlag der \u00d6sterreichischen Akademie der Wissenschaften (=Philosophisch-historische Klasse, Sitzungsberichte, 265. Bd.), S. 36<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\" title=\"\">[2]<\/a> Nawratil, Karl (Hrsg.) (1974), <em>Robert Reininger. Jugendschriften 1885 \u2013 1895 und Aphorismen 1894 \u2013 1948<\/em>, Wien: Verlag der \u00d6sterreichischen Akademie der Wissenschaften (= Philosophisch-historische Klasse, Sitzungsberichte, 296. Bd.), S. 186.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\" title=\"\">[3]<\/a> Reininger, Robert (1948): Metaphysik der Wirklichkeit. Zweite, g\u00e4nzlich neubearbeitete Auflage, Wien: Braum\u00fcller, 2 Bde., 2. Bd., S. 214.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":5645,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075,110088],"tags_english_":[],"class_list":["post-89460","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de","category_-science-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/89460","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5645"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89460"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89460"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=89460"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=89460"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}