{"id":89453,"date":"2019-02-26T14:19:53","date_gmt":"2019-02-26T14:19:53","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/die-mystikerin-dorothee-solle\/"},"modified":"2019-02-26T14:19:53","modified_gmt":"2019-02-26T14:19:53","slug":"die-mystikerin-dorothee-solle","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/die-mystikerin-dorothee-solle\/","title":{"rendered":"Die Mystikerin Dorothee S\u00f6lle"},"content":{"rendered":"<p>Vor kurzem stie\u00df ich auf einen Film von R\u00fcdiger S\u00fcnner mit dem Titel \u201eMystik und Widerstand\u201c. Er befasst sich mit dem Leben und der Gottsuche der deutschen Mystikerin Dorothee S\u00f6lle (1929-2003). Zur Synthese ihres inneren Forschens geh\u00f6rt der Ausspruch \u201eDie Religion des dritten Jahrtausends wird mystisch sein, oder absterben.\u201c<\/p>\n<h3>Was versteht man unter Mystik?<\/h3>\n<p>Aus dem Griechischen kommend, bedeutet das Wort \u201eGeheimlehre\u201c, es nimmt Bezug auf einen Weg, eine Erfahrung, eine Erkenntnis, die \u201edie Mysterien\u201c betreffen. Es ist also eine religi\u00f6se Richtung, die den Menschen durch Hingabe und Versenkung zu pers\u00f6nlicher Vereinigung mit Gott zu bringen sucht.&nbsp; Das Mittelalter ist besonders f\u00fcr eine mystische Gottsuche bekannt. Mystik stellt sich von jeher als eine pers\u00f6nliche Gotteserfahrung oder auch als eine Suche nach einem Bewusstsein der unmittelbaren Gegenwart Gottes dar. Oft sind es spirituelle Erfahrungen, die objektiv wenig zug\u00e4nglich erscheinen. Vertreter im christlichen Bereich waren zum Beispiel Angelus Silesius (1624-1677) und Meister Eckhart (1260-1328). Mystiker im islamischen Beeich sind die Sufis. Religions\u00fcbergreifend sprechen sie von einem g\u00f6ttlichen Funken im Menschen, der entflammt werden kann.&nbsp;<\/p>\n<h3>Dorothee S\u00f6lles Weg<\/h3>\n<p>Dorothee S\u00f6lle studierte protestantische Theologie, Philosophie und Literaturwissenschaften. In ihrer Dissertation an der philosophischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t K\u00f6ln setzte sie sich mit dem Verh\u00e4ltnis von Theologie und Dichtung auseinander. Ab 1971 unterrichtete sie einige Jahre lang neue deutsche Literaturgeschichte. Ein Lehrstuhl f\u00fcr Theologie wurde ihr in Deutschland wegen ihrer unkonventionellen Auffassungen zu Glaubensfragen nicht gew\u00e4hrt. So kam es, dass sie von 1975 \u2013 1987 in New York am Union Theological Seminary lehrte.<\/p>\n<p>Dorothee S\u00f6lles poetisches Werk entstand zwischen 1969 \u2013 2000. Sie hat versucht, eine neue Sprache f\u00fcr das Sprechen mit Gott zu finden. Ihr besonderes Interesse galt den Armen, Verfolgten und den infolge von Kriegen Leidenden. Engagiert beteiligte sie sich an Friedensdemonstrationen. In ihren Schriften legt sie dar, dass Mystik nicht weltfremde Innerlichkeit sein muss, sondern in einem aktiven Leben gipfeln kann.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit ihrer mystischen Lebensausrichtung pr\u00e4gte sie den Begriff Theopoesie. Es ist das Reden und Sprechen mit Gott in Bildern und stellt einen S\u00e4nger des Ungreifbaren dar, der vielleicht niemals rational zu verstehen ist. Aber nach ihren Worten ist es eine Lebens\u00e4u\u00dferung, die uns auch in jeder Sternennacht, in jeder Liebesbeziehung und in jedem Musikst\u00fcck von Johann Sebastian Bach anweht.<\/p>\n<p>Es war das mystische Element, das sie ihr Leben lang nicht loslie\u00df, das Gef\u00fchl des Einsseins mit allem, was lebt, die Versenkung, das Aufh\u00f6ren des Ego und die Entdeckung des wahren Selbst. Ihrer Auffassung nach kennt die mystische Empfindlichkeit theistische, atheistische und pantheistische Formen. Eine zentrale Erfahrung dabei ist, dass die Abgeschlossenheit unseres derzeitigen Selbst durchbrochen wird.<\/p>\n<p>Sie stellt fest: \u201eWir sind der Transzendenz f\u00e4hig.\u201c Ihr mystisch-\u00f6kologisches Bewusstsein versteht sich als eingebunden in alles, was existiert. Alles, was lebt, kann nur in der Koexistenz der Beziehung leben und \u00fcberleben. Diese Art der Koexistenz verbindet auch mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. N\u00fcchtern erkl\u00e4rt sie: \u201eMein Gl\u00fcck hat immer mit Ichlosigkeit angefangen.\u201c&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>Der Gedichtband von Dorothee S\u00f6lle mit dem Titel&nbsp; \u201eVerr\u00fcckt nach Licht\u201c enth\u00e4lt sowohl Theopoesie als auch moderne Lyrik. Sie bricht im 20. Jahrhundert \u201eeine Lanze\u201c f\u00fcr die Mystik. Die Mystik, die es dem Menschen erm\u00f6glicht, eine Bindung mit der g\u00f6ttlichen Kraft einzugehen und daraus zu leben.&nbsp;<\/p>\n<p>Ulrike Voigt schreibt in ihrem Buch \u201eMystikerinnen\u201c zu Dorothee S\u00f6lle:<\/p>\n<p>Zur Gottesliebe geh\u00f6rt f\u00fcr Dorothee S\u00f6lle auch immer Menschenliebe, beide stehen im Zentrum mystischen Lebens. Daher schlie\u00dft Mystik immer Leiden ein, ein Mit-Leiden mit dem Leiden anderer Menschen.<\/p>\n<p>Und sie zitiert Dorothee S\u00f6lle wie folgt:<\/p>\n<p>\u201eDie postmoderne Vielg\u00f6tterei ist zerst\u00f6rerisch, weil sie aus einzelnen Lebensm\u00e4chten \u2013 wie der Arbeit, der Sexualit\u00e4t, der Nation, dem Geld, der Wissenschaft G\u00f6tzen macht, denen wir unser Leben und das Leben anderer Menschen opfern. Indem wir diesen Abg\u00f6ttern dienen, ausschlie\u00dflich und blind, verletzen wir das Leben, das, was Gott geh\u00f6rt.&nbsp;<\/p>\n<p>Hingezogen zur Mystik hat mich der Traum, im Hier und Jetzt eine andere Form der Spiritualit\u00e4t zu finden. Weniger dogmatisch, weniger verkopft sollte das sein, was ich suchte. Es sollte auf Erfahrung bezogen sein im doppelten Sinn des Wortes, was sowohl die Entstehung wie die Lebenskonsequenzen dieser Gottesliebe meint. So suchte ich die mystischen Elemente des Glaubens in der Bibel und anderen heiligen Schriften.<\/p>\n<p>Mystische Erfahrung ist Gl\u00fcck \u2013 und sie macht zugleich heimatlos. Sie f\u00fchrt Menschen aus dem Haus, in dem sie sich eingerichtet haben, in die Hauslosigkeit,&nbsp; wie es dem jungen Gautama, dem sp\u00e4teren Buddha geschah.<\/p>\n<p>Die Distanz von der allt\u00e4glichen Wirklichkeit rechtfertigt noch nicht unbedingt das gro\u00dfe Wort \u201eWiderstand\u201c, aber es deutet auf ein anderes Leben hin. Gl\u00fcck und Heimatlosigkeit, Erf\u00fcllung und Suche, N\u00e4he Gottes und die Bitterkeit seines Fehlens im Alltag der gewaltbeherrschten Realit\u00e4t geh\u00f6ren zusammen.\u201c<\/p>\n<h3>Zum Thema Liebe<\/h3>\n<p>Dorothee S\u00f6lle schreibt: \u201eLiebe, kommt nie an ihr Ende. Was immer man \u00fcber die Liebe sagen mag: sie wird nicht fertig mit und in einem Menschen. Sie transzendiert jede m\u00f6gliche Erf\u00fcllung, sie will immer mehr. Dieses nie zu Ende Kommen nennt die Sprache der Tradition: \u201eTranszendenz\u201c.<\/p>\n<p>Aber der geschichtlich konkrete Name der gleichen Sache hei\u00dft: Leiden, weil die Liebe Christi unendlich ist, weil sie keine Bedingungen stellt, die als erf\u00fcllt erledigt w\u00e4ren; leiden, weil die Liebe nicht rechnet mit ihren Begrenzungen. Jede Beziehung zu einem Menschen macht uns verwundbar, je gr\u00f6\u00dfer die Liebe, desto verwundbarer.<\/p>\n<p>Wer in sich selbst ruht, keinen braucht, autark ist, den wird auch weniger Schmerz treffen. Aber Christus, der in Liebe ruft, hat nie empfohlen, Schmerzen zu vermeiden, sich zu sparen, wie die Stoiker es anrieten. Die Nachfolge Christi sensibilisiert Menschen, sie macht sie aufmerksam, nachdenklicher, empfindlicher und verwundbarer.<\/p>\n<p>Wer die bedingungslose G\u00fcte Gottes erfahren hat, wer Gottes N\u00e4he als Liebe begreift, atmet, sp\u00fcrt, der kann sie nicht festhalten f\u00fcr sich selber.\u2019\u201c<\/p>\n<hr \/>\n<p>Quellen:<\/p>\n<p><sup><em>Mystik und Widerstand \u2013 Zur Erinnerung an Dorothee S\u00f6lle<\/em>, Film von R\u00fcdiger S\u00fcnner, 2013<\/sup><\/p>\n<p><sup>Ulrike Voigt, <em>Mystikerinnen; Die Kraft spiritueller Frauen<\/em>, 2017<\/sup><\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":5624,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-89453","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/89453","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5624"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89453"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89453"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=89453"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=89453"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}