{"id":89352,"date":"2019-01-14T09:38:41","date_gmt":"2019-01-14T09:38:41","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/kunst-und-erkenntnis-als-aufbruch-nach-innen-teil-4\/"},"modified":"2019-01-14T09:38:41","modified_gmt":"2019-01-14T09:38:41","slug":"kunst-und-erkenntnis-als-aufbruch-nach-innen-teil-4","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/kunst-und-erkenntnis-als-aufbruch-nach-innen-teil-4\/","title":{"rendered":"Kunst und Erkenntnis als Aufbruch nach Innen &#8211; Teil 4"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/kunst-und-erkenntnis-als-aufbruch-nach-innen-teil-3\">Nach Teil 3<\/a><\/p>\n<p><strong><em>Standpunkt und Fluchtpunkt<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die westliche Kunst entwickelte sich, mit Beginn der Neuzeit, ab<br \/>\ncirca 1500 n. Chr. aus einer dienenden, anonymen, eher kollektiven Grundhaltung heraus ins Ichbewusste hinein. W\u00e4hrend der Mensch zuvor in einem sowohl von Gott als auch den Gegenkr\u00e4ften durchdrungenen Innenraum lebte, in dem irgendwo oben der Himmel und unten die H\u00f6lle war, bestimmte nun das Ich seinen Standpunkt selbst.<\/p>\n<p>Es ist bezeichnend, dass die Terminologie der Perspektive vom \u201eStand\u00adpunkt\u201c spricht und vom \u201eFluchtpunkt\u201c, dem vanishing point, der exakt dem Standpunkt des Ich gegen\u00fcberliegt. Die \u201eAugenh\u00f6he\u201c bestimmt den \u201eHorizont\u201c. Zwischen Standpunkt und Fluchtpunkt \u00f6ffnet sich ein Zwischenraum, der \u00fcberbr\u00fcckt, durchwandert, \u00fcberquert und erforscht werden will.<\/p>\n<p>Da sich die Einbettung des Menschen in einen geozentrischen Kosmos als Verpuppung herausstellte, die verlassen werden musste, wurde alles bisher Geglaubte angezweifelt und kritisch \u00fcberpr\u00fcft. Meere, die als Grenzen zum Hades gef\u00fcrchtet waren, konnten befahren werden, und das K\u00f6rper-Innere, zuvor heiliges Tabu, wurde ge\u00f6ffnet und erforscht. Dem Verlust der Eingebundenheit in Gottes Sch\u00f6pfung, der Befreiung vom Aberglauben durch die Aufkl\u00e4rung, die sich bis zum selbstbewussten Atheismus kultivierte, folgte allerdings die deprimierende Erfahrung eines isolierten sinnlosen Daseins in einem gottlosen Riesenuniversum. Eine erneute Selbsterforschung wurde notwendig.<\/p>\n<p>Durch den wissenschaftlichen Fortschritt \u2013 das Darwinsche Evolu\u00adtionskonzept, die Freud\u2019sche Psychoanalyse, die wirtschaftlichen Analysen von Karl Marx etc. \u2013 erweiterte sich die Wahrnehmung nach au\u00dfen in ein grenzenloses Weltall und nach innen in Mikro\u00adstrukturen neuronaler und psychischer Prozesse. Mikroskop und Teleskop wurden die optischen \u00c4quivalente, mit denen der Mensch individuell und als Gattung seine weitgehend verlorene Geborgenheit auszumessen suchte. Die Atomspaltung als weltersch\u00fctternder Beweis des innigen Zusammenhangs von Materie und Energie brachte schockartig die unerh\u00f6rte Dimension des Sch\u00f6pferischen und des Machbaren \u2013 aufbauend und zerst\u00f6rend \u2013 ins Bewusstsein.<\/p>\n<p>Die Kunst hat sich seit dem Aufbruch des Ich in der Renaissance wie eine Leuchtrakete entfaltet. Die Faszination ist noch erinnerbar und in den Werken gespeichert. Das Licht ist indes verloschen. Mit der Dyna\u00admik revolution\u00e4ren Vorw\u00e4rtsschreitens wurden auch die Errungenschaften der Perspektive \u201e\u00fcberwunden\u201c. Zentralperspektive und harmonische Proportionen gerieten in Misskredit. Einfl\u00fcsse aus anderen Kulturen lie\u00dfen die europ\u00e4ische Kultur unter einem engen und dekadenten Blickwinkel erscheinen. An allen N\u00e4hten krachte das alte Kleid in der Moderne auseinander.<\/p>\n<p><strong><em>Erloschene Visionen<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Der Quantensprung, vor dem die Menschheit zu Beginn des 20. Jahr\u00adhunderts auf psychischer, sozialer, wirtschaftlicher, politischer und \u00adspiritueller Ebene stand, verlangte eine neue Formensprache, in der sich das revolution\u00e4re Geschehen wiederfinden und abspielen konnte. Er verlangte eine Kunst, die, von allen bekannten Bez\u00fcgen und Illusio\u00adnen frei, den reinen Geist der Zukunft f\u00fcr eine neue, von Knechtschaft befreite Menschheit vorbereiten sollte.<\/p>\n<p>Kandinsky besann sich auf die Ikonenmalerei, und auch bereits im Kubismus wurde die Zentralperspektive als eindimensionale Sicht, die nicht der Wirklichkeit entspr\u00e4che, verworfen und das Bild als Fl\u00e4che mit eigenen Gesetzen, die nicht von der illusion\u00e4ren Darstellung eines scheinbaren Raumes beherrscht werden sollte, neu etabliert. In der von der sichtbaren Formenwelt abgewandten abstrakten Kunst repr\u00e4sentierte sich vielleicht der gr\u00f6\u00dfte Sprung der Moderne.<\/p>\n<p>Viele hohe, spirituelle k\u00fcnstlerische Impulse wurden in Deutschland lebendig, ma\u00dfgeblich im Bauhaus. Durch den Faschismus im \u201eDritten Reich\u201c wurde diese Bewegung diskreditiert und bek\u00e4mpft. In Russland geriet die Revolution der Befreiung der Massen zu einer Diktatur, die ihre eigenen Ideale zerst\u00f6rte.<\/p>\n<p><strong><em>Ideale<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Mit dem Missbrauch gro\u00dfer Menschheitsentw\u00fcrfe im Faschismus und Kommunismus, der die strukturelle Unf\u00e4higkeit der Menschen zeigte, Ideales umzusetzen, geriet das Ideale selbst in Misskredit und wurde aus dem Katalog der Hoffnungen gestrichen bzw. zu rein materiellen Gl\u00fccksverhei\u00dfungen verringert. Der raffinierte und hemmungslose Missbrauch von \u00c4sthetik und Kunst durch Monarchen und Dikta\u00adto\u00adren trug das Seine dazu bei, dass ein Generalverdacht gegen\u00fcber allem Harmonischen und Sch\u00f6nen entstehen konnte.<\/p>\n<p>Die Wirkungen davon spiegeln sich in der zeitgen\u00f6ssischen Kunst wider. Das Negative, H\u00e4ssliche, Chaotische erscheint als ehrlicher Ausdruck, der der erfahrbaren Wirklichkeit n\u00e4her kommt als die idealisierende Zukunfts\u00e4sthetik gescheiterter utopischer Entw\u00fcrfe. Das H\u00e4ssliche, Provozierende und Schreiende erweist sich au\u00dferdem als medienwirksamer. So ist ein berechnender Umgang mit der sich als Wahrheit verkaufenden H\u00e4sslichkeit entstanden, eine Spiegelverkeh\u00adrung jenes Prinzips, das sie abzulehnen vorgibt.<\/p>\n<p>Von der Kunst, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert aus k\u00fchnsten Visionen entstanden ist, bleiben Werke mit hohem und h\u00f6chstem Marktwert. Der feurige geistige Aufbruch von damals nennt sich heute \u201eklassische Moderne\u201c.<\/p>\n<p><strong><em>Objektiv<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Auf der Suche nach der Wahrheit hinter der Erscheinung und der daraus folgenden schrittweisen Abl\u00f6sung von der Natur als zwingende Vorgabe f\u00fcr die bildende Kunst verselbst\u00e4ndigte sich zeitgleich das in der Renaissance entdeckte Bed\u00fcrfnis nach objektiver Wahrnehmung durch die Erfindung der Fotografie und des Objektivs, seines gl\u00e4sernen unbestechlichen Auges, das ein Licht-Bild ohne subjektive Inter\u00adpretation in lichtempfindliche Silbergr\u00fcnde fixieren konnte. Dies wurde die Voraussetzung f\u00fcr eine ungeahnte Illusionsdimen\u00adsion, die sp\u00e4ter als Film, Fernsehen, Video und heute als virtuelle Welten in Computerspielen und computergenerierten Filmen zu einer globalen, einflussreichen Industrie wurde und Bilder generiert, die ohne jeden Naturbezug auskommen.<\/p>\n<p>Im 21. Jahrhundert sind wir gewisserma\u00dfen \u201ehinter der Zukunft\u201c angekommen, weil alle heutigen Visionen an die bereits gescheiterten erinnern, also an die Vergangenheit. Die Folge ist einerseits eine Orientierungslosigkeit mit einem einzigen als zuverl\u00e4ssig erscheinenden Wertessystem: dem Kapital, der relativen Bedeutungslosigkeit der Kunst als geistiger Orientierung und dem Triumph der Illusionsme\u00addien. Doch all das ist auch Herausforderung f\u00fcr den aufwachenden sch\u00f6pferischen Menschen, der sich f\u00fcr das Ganze mitverantwortlich wei\u00df.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/kunst-und-erkenntnis-als-aufbruch-nach-innen-teil-5\">Wird fortgesetzt in Teil 5<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":3935,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-89352","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/89352","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3935"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89352"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89352"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=89352"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=89352"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}