{"id":89329,"date":"2019-01-11T14:15:55","date_gmt":"2019-01-11T14:15:55","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/kunst-und-erkenntnis-als-aufbruch-nach-innen-teil-1\/"},"modified":"2019-01-11T14:15:55","modified_gmt":"2019-01-11T14:15:55","slug":"kunst-und-erkenntnis-als-aufbruch-nach-innen-teil-1","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/kunst-und-erkenntnis-als-aufbruch-nach-innen-teil-1\/","title":{"rendered":"Kunst und Erkenntnis als Aufbruch nach Innen &#8211; Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>Unser Denken, F\u00fchlen und Handeln wird von den Bedingungen und Gegebenheiten der Natur und von den kulturellen Konditionierungen gelenkt. In beiden Wirklichkeiten finden wir uns vor, beide Wirklich\u00adkeiten pr\u00e4gen uns und bilden die Wahrnehmungswerkzeuge aus, mit denen wir die Welt und uns selber verstehen und beantworten.<\/p>\n<p><strong><em>Natur und Kultur<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Natur ist die Basis. Ohne eine nat\u00fcrliche Existenz gibt es keine Kultur. Welche Werke sich auf dieser Basis auch errichten, sie werden getragen und gehalten oder auch zerst\u00f6rt von der Natur.<\/p>\n<p>Die sichtbare Natur als Ausdruck des Unsichtbaren und als Inspira\u00adtionsquelle hat sich aus der Wahrnehmung und Auseinandersetzung der Kunst im letzten Jahrhundert immer weiter zur\u00fcckgezogen zu\u00adgunsten von Wirklichkeiten, die \u201edahinter\u201c liegen \u2013 mit grandiosen, doch auch mit fragw\u00fcrdigen Ergebnissen in Kunst und Wissenschaft. Die Aufl\u00f6sung der Materie und der sichtbaren Gestalt in Energie bei der Kernspaltung oder die Produktion von \u201eBiomasse\u201c f\u00fcr Sprit und Biogas verweisen in alarmierender Weise auf das \u00dcbersehene, weil so selbstverst\u00e4ndlich Gegebene: auf die Gestalt, die Form und ihre heil\u00adsame Sch\u00f6nheit.<\/p>\n<p><strong><em>Das Sichtbare<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die sichtbare Natur mit ihrer Gestaltungsf\u00fclle wird in vielen spirituellen Ansichten als T\u00e4uschung, als Maya, als Samsara gedeutet oder zu blo\u00dfem \u201eStaub\u201c entwertet. Auch der \u201eSchleier der Isis\u201c k\u00fcndet davon, dass die Wahrheit irgendwo dahinter sei, und in dem ber\u00fchmten H\u00f6hlengleichnis von Platon wird die sinnlich-sichtbare Welt als Schattenwelt dargestellt, als Abglanz und Echo ewiger Ideen, nicht als eigenst\u00e4ndige Wirklichkeit. Auch wenn verst\u00e4ndlich ist, was damit gemeint ist, so kann diese Sichtweise doch auch eine ignorante Haltung gegen\u00fcber eben dem f\u00f6rdern, was als Basis gegeben ist, und indirekt ein Ausbeuten der \u201eminderwertigen Natur\u201c mit entsprechenden Folgen erlauben.<\/p>\n<p>Die sichtbare, sinnliche Natur auf blo\u00dfe T\u00e4uschung zu reduzieren, die vom Wesentlichen ablenkt, kann jener Einstellung gleichen, die die Wirklichkeit eines Hauses auf sein Baumaterial beschr\u00e4nkt, die Wirkung eines Bildes von Rembrandt auf Leinwand, Bindemittel und Pigmente oder die einer Sinfonie von Mozart auf physikalische Klang\u00adwellen.<\/p>\n<p>Es ist dann im Grunde eine materialistische Einstellung, die in ihrer Einseitigkeit durchaus verwandt ist mit der gegenteiligen Meinung. N\u00e4mlich, dass allein die Materie mit ihrer naturwissenschaftlich beweisbaren und nutzbaren Seite die Wirklichkeit sei und alles andere der Phantasie des Menschen entspringe, der es nicht ertragen k\u00f6nne, in einem sinnlosen Universum zu leben, das durch Zufall entstanden sei und der sich deshalb \u201eGott erfinden\u201c m\u00fcsse, um nicht verloren zu gehen in dieser sinnlosen Leere voller Kampf und Not.<\/p>\n<p><strong><em>Gestalt \u2013 ein offenbares Geheimnis<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Gestalt ist ein gro\u00dfes Geheimnis. Ein offenbares, wie Goethe sagt.<br \/>\nDie Gestalt ist ein ungekl\u00e4rtes R\u00e4tsel. Es ist nicht nur erstaunlich, in welcher F\u00fclle und Differenzierung es sie gibt, sondern dass es sie \u00fcberhaupt gibt, denn die Wahrscheinlichkeit, dass aus wenigen Grund\u00adelementen und Basisstoffen komplexe Wesen entstehen, grenzt an das Unm\u00f6gliche.<\/p>\n<p>Formen und Gestalten sind nicht als genetische Information vorgegeben. Jedes Molek\u00fcl kann sich in alle Gestalten einf\u00fcgen, wie Bau\u00admate\u00adrial f\u00fcr Bauwerke vielerlei Art tauglich ist. Doch wer entwirft die Bauwerke? Wer ist der Architekt eines Apfels? Welche Kraft, welcher Wille \u00fcberzeugt die freien Atome und Molek\u00fcle davon, f\u00fcr eine gewisse Zeit, im Verbund mit anderen, ein Blatt, eine Ameise, ein Mensch zu sein? Wie kommt es zu der Abmachung, dass aus einem Buchensamen eine Buche w\u00e4chst, obwohl dieselben Stoffe sich in jedem anderen Samen auch finden lassen?&nbsp;<\/p>\n<p>Gewiss: Die Gestalt ist nicht das G\u00f6ttliche, ebensowenig wie das<br \/>\nWort Baum der Baum selber ist. Doch es gibt einen Bezug. Sichtbare Gestalt ist Sprache, oder, wie Novalis es wunderbar ausdr\u00fcckt: \u201eDas Sichtbare ist ein in den Geheimniszustand erhobenes Unsichtbares.\u201c<\/p>\n<p>Es liegt an uns, ob wir in der Natur, die nicht von Menschen gemacht ist und zu der wir geh\u00f6ren als ein wahrnehmendes und eingreifendes Wesen, eine g\u00f6ttliche Offenbarung sehen oder eine Art \u201eTorte\u201c, die der Gier freigegeben ist. Die Art unserer Deutung macht uns zu dem, was wir werden und sind. Denn wir sind bis zu einem gewissen Grad selbstsch\u00f6pferisch.<\/p>\n<p>Gestalt als Offenbarung einer g\u00f6ttlichen Potenzialit\u00e4t, die in die Erscheinung kommt \u2013 wie wir selbst \u2013 und wieder daraus verschwindet \u2013 wie wir selbst \u2013 kann ohne Weiteres als eine wunderbare Begeg\u00adnung und Schulung gedeutet werden. Unsere Augen sind vom Licht geschaffen, unsere Ohren vom Ton, unser F\u00fchlen von der Liebe und unser Denken vom Geist. Das sind unsere Wahrnehmungsorgane, damit nehmen wir wahr.<\/p>\n<p>Den Blick wieder in die unergr\u00fcndliche Weite des nahe liegenden, auf das Unscheinbare, Offensichtliche, Selbstverst\u00e4ndliche zu lenken, scheint mir \u2013 gegen\u00fcber dem \u201eFern-Sehen\u201c \u2013 eine sinnvolle Ausrich\u00adtung zu sein. Denn nicht hinter der Gestalt ist das R\u00e4tsel, sie selbst ist es (Goethe). Die Wahrnehmung selbst ist ein sch\u00f6pferischer Akt und das \u201eKerngesch\u00e4ft\u201c der Kunst.<\/p>\n<p><strong><em>Spiritualit\u00e4t und Kunst<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Kunst kommt sprachgeschichtlich von K\u00f6nnen, Wissen, Weisheit, Erkenntnis. Das k\u00f6nnen wir uns vor Augen f\u00fchren, wenn wir ein \u201eimagin\u00e4res Museum\u201c (Andr\u00e9 Malraux) betreten.<\/p>\n<p>Ob wir durch die \u00fcppigen Tore in die Klarheit indischer Tempel eintreten oder aufgerichtet werden in gotischen Kathedralen, ob wir uns die massiven Pyramiden \u00c4gyptens in Erinnerung rufen, die als geometrische Steink\u00f6rper mit ungeheurer Best\u00e4ndigkeit inmitten sandiger W\u00fcsten emporragen, oder ob wir ber\u00fchrt vor jubelnd-verzweifelten Farbextasen van Goghs stehen, immer erreicht uns, wenn wir uns zu \u00f6ffnen wissen, durch das Gestaltete etwas aus dem Grund des Seins.<\/p>\n<p>Bilder, Skulpturen und Bauwerke sind in der Zeit installiert. Das Bildwerk, das sich aus dem zeitlichen Werdeprozess in die Dauer hebt und unabh\u00e4ngig von seinem Sch\u00f6pfer eine selbstst\u00e4ndige Existenz in der Zeit f\u00fchrt, wird zum Zeugen sch\u00f6pferischer Kraft durch die Jahr\u00adtausende hindurch. Wer vor einer griechischen Skulptur steht, wird ihrer Vollkommenheit an Proportion und Ausdruck nicht wie einem l\u00e4ngst \u00fcberholten kulturellen Relikt gegen\u00fcbertreten, sondern sie viel eher als etwas aktuell G\u00fcltiges, ja, Zuk\u00fcnftiges erleben.<\/p>\n<p>Es sind Verk\u00f6rperungen, die Ideen, Empfindungen und Visionen Ausdruck verleihen und sie nun repr\u00e4sentieren. Doch nicht nur stellvertretend: Sie enthalten selbst etwas von dem, wovon sie k\u00fcnden.<\/p>\n<p>Kunstwerke, die in einer spirituellen Tradition stehen, sind K\u00f6rper, deren heiliger Zweck es ist, dem unmanifesten Grund, der als Licht, Leere, Energie oder reines Bewusstsein beschrieben wird, einen Ort in Zeit und Raum zu geben.<\/p>\n<p>Kunstwerke, die dieser Ausrichtung und Aufgabe verpflichtet sind, erzeugen einen unsichtbaren atmosph\u00e4rischen Raum, in dem das Nichtmanifeste das Wesentliche ist, wie bei einem Gef\u00e4\u00df die Leere. Das Unfassbare ist im Kunstwerk auf paradoxe Weise zugleich anwesend und abwesend. Kommunikation, Begegnung mit der formlosen Energie wird \u00fcber die Br\u00fccke der sinnlich fassbaren Gestalt m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Jeden Raum, jedes Format durchziehen unsichtbare Kraftlinien, von den alten Chinesen poetisch \u201eDrachenadern\u201c genannt und abendl\u00e4ndisch n\u00fcchtern als Kompositionsgesetze bezeichnet. Komposition ist die Kunst, gegens\u00e4tzliche Gestalten und Kr\u00e4fte zu einem komplexen Ganzen zu verbinden, in dem die einzelnen Teile nicht nur integriert sind, sondern sich auch gegenseitig steigern. Insofern ist Komposition auch das Mittel, die widerspr\u00fcchlichen individuellen und gesellschaftlichen Anforderungen, W\u00fcnsche und Bedingungen miteinander in Einklang zu bringen und zu einer umfassenderen Lebensfigur zu gestalten. So pers\u00f6nlich und unterschiedlich in den jeweiligen Kulturen die Werke auch sind, ihre Verwandtschaft liegt in den Harmonien und Proportionen, nach denen sie geschaffen wurden. All die komplexen Gebilde lassen sich auf zwei Grundformen zur\u00fcckf\u00fchren: Kreis und Strahl (linear), Kreis und Quadrat (fl\u00e4chig), Kugel und Kubus (r\u00e4umlich).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.logon.media\/de\/kunst-und-erkenntnis-als-aufbruch-nach-innen-teil-2\">Wird fortgesetzt in Teil 2<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":3870,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-89329","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/89329","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3870"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89329"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89329"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=89329"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=89329"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}