{"id":89308,"date":"2019-01-01T10:59:06","date_gmt":"2019-01-01T10:59:06","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/vom-klang-der-weltseele\/"},"modified":"2019-01-01T10:59:06","modified_gmt":"2019-01-01T10:59:06","slug":"vom-klang-der-weltseele","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/vom-klang-der-weltseele\/","title":{"rendered":"Vom Klang der Weltseele"},"content":{"rendered":"<p><em>Schl\u00e4ft ein Lied in allen Dingen, <\/em><\/p>\n<p><em>die da tr\u00e4umen fort und fort,<\/em><\/p>\n<p><em>und die Welt hebt an zu singen, <\/em><\/p>\n<p><em>triffst du nur das Zauberwort. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/em>Joseph v. Eichendorff<\/p>\n<p>Die Spur und der Klang der Weltseele reichen weit zur\u00fcck. Im Altertum war der Grieche Pythagoras einer der Menschen, der etwas vernahm, was uns heute nicht mehr nah zu sein scheint: eine \u201eHarmonie der Sph\u00e4ren\u201c. Heute w\u00fcrde man es vielleicht eher n\u00fcchtern und rational-wissenschaftlich \u201eHintergrundrauschen\u201c nennen.<\/p>\n<p>Pythagoras sprach von \u201eUnsterblichkeit\u201c und \u201eSeelenwanderung\u201d. Er kannte den Lauf der Gestirne. Er h\u00f6rte die Harmonie der Sph\u00e4ren. War er hellh\u00f6rig? Sehr wahrscheinlich. Er erlebte ein seelenbewegendes Geschehen mit seinem inneren Ohr. Markus Tullius&nbsp;Cicero sagte: \u201eVon der Musik wird alles erfasst, was lebt, da sie die Seele des Himmels ist.\u201d<\/p>\n<p>Musik gr\u00fcndet auf Schwingung, Ton und Zahl. Die Welt der T\u00f6ne wird ebenso wie die Welt der Farben und Formen von Schwingung und Zahl gepr\u00e4gt. Der Zusammenhang zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos kann durch harmonisch geordnete Zahlen dargestellt werden. Da Zahl, Ton und Musik eng verbunden sind, wird die Vorstellung der alten V\u00f6lker von einer Harmonie der Sph\u00e4ren neu verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p><strong><em>Zahlen als Qualit\u00e4ten<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Zahlen sind in der Sicht der Alten keine Rechenelemente, sondern markieren Qualit\u00e4ten, Urkr\u00e4fte und Ideen, die in unser Leben hinein wirken und es pr\u00e4gen. In diesem Sinne haben alle Wesen ihren Klang, ihre Zahlen und Qualit\u00e4ten, die ganz individuell sind. Noch im Mittelalter war die Harmonie der Sph\u00e4ren allgemein anerkannt. Musik wurde in drei Arten unterschieden:<\/p>\n<p><em>Musica mundana &#8211;<\/em> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Musik des Weltalls<\/p>\n<p><em>Musica humana<\/em> &#8211; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Gesang des Menschen<\/p>\n<p><em>Musica instrumentalis<\/em> &#8211; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Instrumentalmusik<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte sagen, mit dem eingangs in den Gedichtzeilen von Eichendorff genannten \u201eZauberwort\u201c wird die Schwingungszahl angedeutet, die den menschlichen Astralk\u00f6rper mit den Sch\u00f6pfungen des Kosmos verbindet. Zwei Jahrtausende nach Pythagoras formuliert Johannes Kepler seine Vorstellung eines klingenden Kosmos:<\/p>\n<p><em>\u201eDie Sch\u00f6pfung bildet eine wunderbare Symphonie. Die h\u00f6chste Harmonie ist Gott, und er hat allen Seelen eine innere Harmonie als sein Bild eingepflanzt. Das harmonische Objekt, die Kugel, stellt gleichfalls die Dreieinigkeit dar: Der Vater ist das Zentrum, der Sohn die Oberfl\u00e4che, der Geist die Abst\u00e4nde des Zentrums von der Oberfl\u00e4che. Ohne Seelen wird keine Harmonie sein. Die Erde ist beseelt, und dadurch wird gro\u00dfe Harmonie sowohl auf Erden als auch zwischen ihr und den Gestirnen hervor gebracht.<\/em><\/p>\n<p>In seinem <em>Buch Weltharmonik<\/em> beschreibt Kepler die Erdkugel wie den K\u00f6rper eines Tieres. Was beim Tier die Seele ist, ist bei der Erde die \u201e<em>natura sublunaris<\/em>\u201d, die Beseelung im sch\u00f6pferischen Prozess. \u201e<em>Wie es mit der Seele der Erde ist, so ist es auch mit der Seele des Menschen\u201c.<\/em> Die Harmonie, so f\u00fchlte er, ist die Einheit und das Band des Ganzen, der Schmuck der Welt, die Krone der Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Im Prolog zu Goethes <em>Faust<\/em> hei\u00dft es: <em>\u201eDie Sonne t\u00f6nt nach alter Weise, in Brudersph\u00e4ren Wettgesang.\u201c<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Musik und Seelenentwicklung<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Bruno Walter, ein ber\u00fchmter Dirigent des 20. Jahrhunderts, schreibt in seinem Buch <em>Von der Musik und vom Musizieren<\/em>, dass die Ur-Musik der Sph\u00e4renkl\u00e4nge f\u00fcr sinnliche Ohren nicht ohne weiteres h\u00f6rbar sei. Er sei zu der \u00dcberzeugung gelangt, dass er aus solchem Ursprung das Werden und Wesen der Musik als elementarer Macht \u00fcber die Seelen der Menschen kennen lernen und begreifen k\u00f6nne. Seit seiner Urexistenz werde der Mensch durch jene Sph\u00e4renmusik beeinflusst. Sein Organismus schwinge in den klingenden Vibrationen und ihren Rhythmus. So sei der Mensch von Natur musikalisch.<\/p>\n<p>Walter erkennt aus diesem Zusammenhang die Musikhaftigkeit des Kosmos. Die Entwicklung der Musik f\u00fchrt er auf die Seelenentwicklung des Menschen zur\u00fcck, und ihr folge die Entfaltung seiner inneren Anlagen auf anderen Kulturgebieten. Die Schaffung der gro\u00dfen musikalischen Werke werfe ein Licht auf die Sch\u00f6pfungskraft, die auch dem Menschen zur Verf\u00fcgung stehe. Musik sei Seelensprache, die transzendente Kr\u00e4fte voraussetze. Der Komponist schaffe sein Werk aus lebendigen T\u00f6nen.<\/p>\n<p>Manche dieser K\u00fcnstler haben den Sch\u00f6pfungsprozess ihrer Werke bewusst empfunden. Sie beschrieben sich gleichsam als einen Kanal f\u00fcr Eingebungen aus einer h\u00f6heren Sph\u00e4re. So wird Musik zugleich \u00fcberpers\u00f6nliches Eigenwesen. Bach und Mozart haben unzweifelhaft aus den h\u00f6chsten Schwingungsfeldern gesch\u00f6pft. In Bachs Notentexten lesen wir am Ende einer jeden Komposition: &nbsp;<em>Soli Deo Gloria<\/em>\u2013 dem Einen Gott zu Ehren. Und bei Beethoven klingt es feierlich: <em>\u201eDie Himmel r\u00fchmen des Ewigen Ehre \u2013 Ihr Schall pflanzt seinen Namen fort.\u201d<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Musik als Botschaft<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Musik &#8211; verg\u00e4nglicher Klang und ewiger Urlaut \u2013 ist wie eine Botschaft aus nicht-irdischen, transzendenten Regionen, die uns auf die Existenz eines Allumfassenden hinweist. So mancher sp\u00fcrt: dem Menschen ist kaum ein unmittelbarerer Zugang zum Erahnen des Logos und seines Wirkens gegeben ist als die Musik. Sie gibt t\u00f6nende Kunde von einem g\u00f6ttlich sch\u00f6pferischen und ordnenden Wesen.<\/p>\n<p>Achim von Arnim schrieb vom k\u00fcnstlerischen Prozess: <em>\u201eWo die Kunst eine einige Natur wird, da ist mein Reich; da treibe ich Wurzeln in die Unendlichkeit: in die Vergangenheit bis zum Ursprung, in die Zukunft bis zur Erneuerung der Welt; da ist mein Vaterland.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend noch einmal Pythagoras, der die Qualit\u00e4t des Dreiklanges von Geist, Seele und K\u00f6rper verdeutlicht. Sie besteht in der gegenseitigen Freundschaft und Br\u00fcderlichkeit:<\/p>\n<p><em>\u201eFreundschaft der G\u00f6tter mit den Menschen durch Fr\u00f6mmigkeit und wissende Verehrung, Freundschaft der Lehren untereinander und \u00fcberhaupt Freundschaft der Seele mit dem Leibe, Freundschaft des Vernunftbegabten mit den Arten des Vernunftlosen durch Philosophie und die ihr eigene geistige Anschauung. Freundschaft Verschiedenst\u00e4mmiger durch richtige Naturerkenntnis, Freundschaft des sterblichen Leibes in sich selbst, Befriedung und Vers\u00f6hnung der einander entgegenwirkenden Kr\u00e4fte, die im Leibe verborgen sind.\u201d<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":920,"featured_media":3803,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-89308","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/89308","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/920"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3803"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89308"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89308"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=89308"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=89308"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}