{"id":89288,"date":"2018-11-23T23:48:12","date_gmt":"2018-11-23T23:48:12","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/die-lehren-des-hermes-und-satori-zen-von-den-verganglichen-und-den-ewigen-dingen\/"},"modified":"2018-11-23T23:48:12","modified_gmt":"2018-11-23T23:48:12","slug":"die-lehren-des-hermes-und-satori-zen-von-den-verganglichen-und-den-ewigen-dingen","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/die-lehren-des-hermes-und-satori-zen-von-den-verganglichen-und-den-ewigen-dingen\/","title":{"rendered":"Die Lehren des Hermes und Satori-Zen: Von den verg\u00e4nglichen und den ewigen Dingen"},"content":{"rendered":"<p>Alle Weltreligionen haben einen gemeinsamen Kern. Sie sind befreiende Handreichungen, als Kenntnis und Kraft. Zwei dieser Lehren, die keinerlei historische Gemeinsamkeiten haben und dennoch einige grundlegende Aspekte des Befreiungsweges in \u00e4hnlicher Weise betonen, sind die hermetischen Lehren und der Zen-Buddhismus.<\/p>\n<p>Die Texte, die dem Weisen Hermes Trismegistos zugeschrieben werden, wurden vor ca. zweitausend Jahren in Alexandria verfasst. Ungef\u00e4hr ein Jahrtausend lang waren diese Texte der westlichen Welt fast unbekannt. In der Renaissance wurden sie dank der Zusammenarbeit des M\u00e4zens Cosimo de Medici und des Philosophen Marsilio Ficino einer breiteren \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich gemacht.<\/p>\n<p>Heute sieht man in der hermetischen Weisheit meist etwas Fremdes und Exotisches. Gerade der Begriff <em>hermetisch<\/em>, der eine Bedeutungsverschiebung erlebt hat, zeigt das: hermetisch ist f\u00fcr uns Heutige gleichbedeutend mit \u201everschlossen\u201c und \u201eunzug\u00e4nglich\u201c. Dabei k\u00f6nnte er bedeuten: befreiend, in eine h\u00f6here Weisheit hineinf\u00fchrend.<\/p>\n<p>Diese Lehre sagt viel \u00fcber das menschliche Wesen in all seiner Komplexit\u00e4t aus. Sie beschreibt den Menschen und seinen spirituellen Weg aus der Perspektive des Ewigen. Es geht um ein geistiges, erleuchtetes Bewusstsein, das mit seinem Urgrund eins ist. Personifiziert wird es PYMANDER genannt. Doch Pymander ist ungreifbar, es sei denn, er erwacht im Menschen. Wer Pymander in sich erf\u00e4hrt, ist ver\u00e4ndert, und erscheint doch den Au\u00dfenstehenden wie zuvor.<\/p>\n<p>Zen verf\u00e4hrt in gewisser Weise \u00e4hnlich, wenn es die Unm\u00f6glichkeit, das Bewusstsein in die Erleuchtung zu \u00fcberf\u00fchren, auf eindringliche Weise postuliert und seinen Sch\u00fclern nachgerade alle Werkzeuge, sich dieses Unbekannten zu bem\u00e4chtigen, aus der Hand schl\u00e4gt. Die Erleuchtung gleicht einem Sprung von der Klippe. Doch nach dieser umst\u00fcrzenden Erfahrung \u201ebefindet sich die Nase noch \u00fcber der Oberlippe\u201c, wie viele Zen-Texte betonen.<\/p>\n<p>Der Zen-Buddhismus entstand in China und hatte seinen H\u00f6hepunkt in Japan. Er durchdrang schlie\u00dflich die Kultur des gesamten Fernen Ostens und allm\u00e4hlich \u2013 ab Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts \u2013 wurde er auch im Westen bekannt. Das zentrale Ziel des Zen ist das Erlangen von <em>satori<\/em>, also der Erfahrung, die Gautama Buddha in seiner Erleuchtung machte. Alles, was \u00fcber <em>satori<\/em> geschrieben wurde, l\u00e4uft darauf hinaus, dass es unerkl\u00e4rbar, unbeschreibbar und unbegreiflich ist.<\/p>\n<p>Daher k\u00f6nnen sich diejenigen, die auf diskursivem Weg mehr \u00fcber Satori erfahren wollen, nur auf die Aussagen der Zen-Meister verlassen, die bereit waren, \u00fcber ihre eigenen Erfahrungen zu sprechen. Einer dieser Berichte findet sich in Alan Watts\u2018 <em>Vom Geist des Zen<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/em>:<\/p>\n<p>\u201cAls ich herumblickte und hinauf- und hinuntersah, erschien mir das ganze Universum mit seinen vielen Sinnesobjekten ganz anders; was vorher abscheulich war, zusammen mit Dummheit und Leidenschaften, sah ich nun als nichts anderes als den Ausfluss meiner eigenen innersten Natur, die in sich hell, echt und durchsichtig blieb.\u201c<\/p>\n<p>Dieser Bericht zeigt uns, dass das <em>satori<\/em> die Erfahrung ist, in der der Sucher seine tiefere Natur erlebt, die von einigen buddhistischen Traditionen auch \u201eBuddha-Natur\u201c genannt wird: Sie ist das, was sich inmitten des unaufh\u00f6rlichen Flie\u00dfens der Existenz gleichbleibt. Sie ist auch das Universelle, das hinter aller Erscheinung steht. Wer dorthinein eintaucht, f\u00fcr den haben Urteile wie \u201egut und schlecht\u201c keine Bedeutung mehr. So sind die Zen-K\u00f4ans zu erkl\u00e4ren, die postulieren, der Buddha sei ein \u201eSchei\u00dfstock\u201c. Soll damit gesagt werden, der Buddha sei schmutzig? Soll gesagt werden, er sei n\u00fctzlich, um sich auf der (spirituellen) Toilette zu s\u00e4ubern? Die Wahrheit, auf die diese Worte hindeuten, geht jedoch \u00fcber alle Erkl\u00e4rungen hinaus; sie muss erfahren werden.<\/p>\n<p><strong>Pymandrische Landschaften und der Sprung von der Klippe<\/strong><\/p>\n<p>Der Name Hermes Trismegistos bedeutet der \u201edreimal Gro\u00dfe\u201c. Dazu erkl\u00e4rt Marsilio Ficino<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\" title=\"\">[2]<\/a>, Hermes sei der gr\u00f6\u00dfte der Priester, der Philosophen und der K\u00f6nige. Ob es je einen Menschen dieses Namens gab, dazu gibt es unterschiedliche \u00dcberlieferungen. Wichtig ist, dass die dreifache Gr\u00f6\u00dfe des Hermes auf das Zusammenklingen von Herz (Religion), Haupt (Philosophie) und Leben (die Macht des K\u00f6nigs) hinweist. Dazu wollen diese Schriften verhelfen.<\/p>\n<p><em>Wie oben, so unten.<br \/>\nWie innen, so au\u00dfen.<br \/>\nWie im Gro\u00dfen, so im Kleinen.<\/em><\/p>\n<p>Diese Worte stehen in der hermetischen <em>Tabula Smaragdina<\/em>, der \u201esmaragdenen Tafel\u201c. Sie weisen auf den Urgrund, der in allem wirkt, der das Gro\u00dfe und das Kleine vereint, das Untere und das Obere zusammenbindet. Sie deuten auf einen Urgrund, der von Worten und Erkl\u00e4rungen nie erfasst werden kann, in den der Mensch jedoch eintauchen kann, bis das Gro\u00dfe und das Kleine ineinander aufgegangen sind.<\/p>\n<p>So deutet Sprache auch hier auf etwas hin, das erfahren werden muss, um es begreifen zu k\u00f6nnen, das uns verwandeln kann, bis die Unterschiede von Gro\u00df und Klein, Oben und Unten in einer wirklichen Einheit aufgehoben sind.<\/p>\n<p>Auf dem Weg dorthin, nach der ersten Ber\u00fchrung durch das Eine, identifizieren wir uns vielleicht mit dem <em>Oben<\/em> und dem <em>Gro\u00dfen<\/em>. Weil alles eins ist, ist das Gro\u00dfe dem Kleinen gleich. Die Seele und das erkennende Bewusstsein meinen, sich schon in dieser \u00fcberw\u00e4ltigenden und umfassenden Einheit zu befinden. Man schaut dann vielleicht auf die herab, die das noch nicht erkannt haben, die \u201edort\u201c noch nicht angekommen sind. Oder das Erlebnis der Einheit wird nur auf die Seele bezogen, und der \u00e4u\u00dfere, k\u00f6rperliche Mensch erst recht mit dem Unten, dem Kleinen, dem Minderwertigen identifiziert \u2013 ganz entgegen der urspr\u00fcnglichen Ber\u00fchrung. Beide Male wird die Einheit verfehlt: im Zusammenwirken mit den anderen, oder im Erleben des eigenen Wesens.<\/p>\n<p>Unser Bewusstsein als Sucher kann die Einheit nicht fassen. Es kann sich aber der Einheit auf dem Pfad hingeben. Das ist ein langer Weg, der uns vom Urteil und vom Teilweisen in ein bewusst ausgehaltenes Nichtverstehen und Nichtk\u00f6nnen und dadurch in eine gro\u00dfe Transformation f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Wie die heiligen Texte aller Zeiten zeigen, gleichen unsere Erlebnisse der Erfahrung eines jungen M\u00f6nchs am Beginn seines Weges. Gem\u00e4\u00df einer Zen-Weisheit sind f\u00fcr den Novizen am Anfang seines Lernens Berge Berge, B\u00e4ume sind B\u00e4ume, und Menschen sind Menschen. Dann h\u00f6ren die Berge auf, Berge zu sein, B\u00e4ume h\u00f6ren auf, B\u00e4ume zu sein und Menschen sind keine Menschen mehr. Der M\u00f6nch erkennt, dass er nichts wirklich versteht und beginnt, an seinen Wahrnehmungen und seinem Weltverst\u00e4ndnis zu zweifeln, was auch zun\u00e4chst notwendig ist! Erreicht der M\u00f6nch <em>satori<\/em>, so sind Berge wieder Berge, B\u00e4ume sind wieder B\u00e4ume und Menschen sind wieder Menschen. Aber welch ein Unterschied, wenn alles aus der Einheit des Urgrundes erlebt wird!<\/p>\n<p>Die Br\u00fccken des alten Verstandes sind abgebrochen, der Sucher ist \u00fcber das Meer des Nichtwissens und Nichtverstehens hinweggegangen. Der Weg zur Einheit f\u00fchrt jedoch, wie die kompromisslosen Texte des Hermes und des Zen zeigen, nur \u00fcber die Akzeptanz des Unvollkommenen, der eigenen Unwissenheit, und \u00fcber die Hingabe an einen Weg, dessen Ziel nie erfasst, sondern nur erlebt werden kann.<\/p>\n<p><em>Ein Mann, unbeweglich am Ende einer hundert Fu\u00df langen Stange \u2013<br \/>\ntats\u00e4chlich, er hat den Pfad betreten, aber noch ist er kein echter:<br \/>\nAm Ende der hundert Fu\u00df langen Stange soll er noch ein St\u00fcck weiter gehen,<br \/>\ndenn dann ist das gesamte Universum (\u2026) sein eigener K\u00f6rper.<\/em><a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\" title=\"\">[3]<\/a><\/p>\n<p><em>Wachse auf zu ma\u00dfloser Gr\u00f6\u00dfe, entsteige allen K\u00f6rpern, erhebe dich \u00fcber alle Zeit, werde Ewigkeit. Dann wirst du Gott verstehen.<br \/>\nLass den Gedanken dich durchdringen, dass dir nichts unm\u00f6glich ist, betrachte dich als unsterblich und f\u00e4hig, alles zu verstehen, alle Kunst, alle Wissenschaft, die Art all dessen, was lebt.<br \/>\nWerde h\u00f6her als alle H\u00f6hen und tiefer als alle Tiefen<\/em>.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\" title=\"\">[4]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a> M\u00fcnchen 2008<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\" title=\"\">[2]<\/a> in der Vorrede zu seiner lateinischen \u00dcbersetzung des Buches \u201ePymander\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\" title=\"\">[3]<\/a> K\u00f4an aus D.T. Suzuki: <em>Das Zen-K\u00f4an \u2013 Weg zur Erleuchtung<\/em>, Freiburg im Breisgau 1996, Seite 236<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\" title=\"\">[4]<\/a> <em>Corpus Hermeticum<\/em>, zweites Buch \u201ePymander zu Hermes\u201c, Verse 79-81, zitiert in: Jan van Rijckenborgh, <em>Die \u00e4gyptische Ur-Gnosis und ihr Ruf im ewigen Jetzt<\/em>, Band 1, Haarlem 1991, Seite 221<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3737,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-89288","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/89288","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3737"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89288"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89288"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=89288"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=89288"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}