{"id":89175,"date":"2018-09-23T17:21:07","date_gmt":"2018-09-23T17:21:07","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/ein-abend-in-mostar\/"},"modified":"2018-09-23T17:21:07","modified_gmt":"2018-09-23T17:21:07","slug":"ein-abend-in-mostar","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/ein-abend-in-mostar\/","title":{"rendered":"Ein Abend in Mostar"},"content":{"rendered":"<p>Es ist kein Abend in diesem Jahrhundert. Wir versetzen uns ins Mostar des 9. Jahrhunderts. Damals schon war es eine alte Stadt, gegr\u00fcndet zur Zeit des r\u00f6mischen Reiches. Und es war eines der Zentren einer Glaubensform, wie sie im Laufe der Jahrhunderte immer wieder aufflammt.<\/p>\n<p>Ich folge einer kleinen Gruppe einfach gekleideter Bosnier, die sich durch die engen Stra\u00dfen bewegt. Sie gehen vorbei an den gro\u00dfen Kreuzungen, wo sich farbenfroh gekleidete M\u00e4nner und Frauen begegnen, entweder auf dem Weg ins Theater oder in die Griechisch-Orthodoxe Kirche. Beide Orte sind gleicherma\u00dfen reichhaltig geschm\u00fcckt. Ausgedehnte Rituale und ergreifende, tiefe Musik warten in der Kirche auf die Gl\u00e4ubigen. Von den farbenfroh Gekleideten schallt fr\u00f6hliches Lachen her\u00fcber, man kann kaum unterscheiden, wer wohin geht.<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner und Frauen, denen ich folge, sind demgegen\u00fcber still, nicht auff\u00e4llig, lassen sich nicht ablenken. Zielstrebig \u00fcberqueren sie die steinerne Trajanbr\u00fccke, das gro\u00dfartige Bauwerk, das mit einem einzigen Bogen die Narenta \u00fcberspannt, den schnell im Felsger\u00f6ll dahinstr\u00f6menden Fluss.<\/p>\n<p>An einem scheunenartigen Geb\u00e4ude bleiben sie stehen. Schmucklose Steinw\u00e4nde, ein Strohdach \u2013 nichts deutet darauf hin, dass sich hier ein Tempel befindet, dem H\u00f6chsten geweiht.<\/p>\n<p>Sie treten ein, ich folge ihnen.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe helle Raum mit den wei\u00dfen W\u00e4nden und den rohen Holzb\u00e4nken f\u00fcllt sich schnell. Ruhige, freundliche Menschen, M\u00e4nner und Frauen, suchen sich einen Platz.<\/p>\n<p>Es gibt keine S\u00e4ulen, keine Pfeiler in dem Raum, keine Dekorationen oder Bilder, auch keinen reich geschm\u00fcckten Altar mit goldenem Kerzenhalter oder Kelch. Nur ein gro\u00dfer Tisch steht an einem Ende des Raums, mit einem wei\u00dfen Leinentuch darauf.<\/p>\n<p>Zwei Gegenst\u00e4nde sind auf dem Tisch: ein handgeschriebenes Neues Testament und eine ausgebreitete Pergamentrolle mit Hymnen der alten apostolischen Kirche. Daneben ein Stuhl f\u00fcr den Leiter der Zusammenkunft.<\/p>\n<p>Ein \u00e4lterer Mann sitzt darauf, mit wei\u00dfem, lockigem Haar. Es f\u00e4llt ihm kaskadenf\u00f6rmig auf die Schultern. Seine Kleidung ist die eines Bauern, eines einfachen Bosniers. \u00c4u\u00dferlich ist er kaum zu unterscheiden von anderen M\u00e4nnern seines Alters. Aber er besitzt ein fein geschnittenes Gesicht, aus dem Weisheit strahlt. Die Geste seiner H\u00e4nde verr\u00e4t, dass er im Gebet versunken ist.<\/p>\n<p>Nun erhebt er sich und kniet nieder. Alle im Raum folgen ihm. Er begr\u00fc\u00dft sie mit einem Gebet, voller Klarheit, Kraft und Hingabe. Es ist deutlich: Er tr\u00e4gt den Namen Bogomil zu Recht, \u201eder, der zu Gott betet\u201c, oder \u201eder Gottesfreund\u201c.&nbsp;<\/p>\n<p>Die Gemeinde spricht gemeinsam mit ihm das Vaterunser, endend mit einem deutlichen Amen.<\/p>\n<p>Ein Gesang schlie\u00dft sich an. Es sind sch\u00f6ne, rhythmische Kl\u00e4nge, Melodien, wie sie die Apostel und Mani gesungen hatten. Dann liest der Leiter der Gemeinschaft aus dem Neuen Testament vor.<\/p>\n<p>Er legt das kostbare Manuskript auf seinen Platz zur\u00fcck und wendet sich an die Gruppe. Sie ist nun innerlich erhoben. Er erl\u00e4utert das Besondere, das Symbolhafte des Lebens Jesu.<\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlt, wie dieser fremd in der Welt war, wie seine Landsleute ihn zur\u00fcckwiesen, und wie er auf das Reich hindeutete, das kommen wird \u2013 <em>im<\/em> Menschen. Er erkl\u00e4rt das Kreuz und die Kreuzigung als ein inneres Geschehen und spricht \u00fcber die R\u00fcckkehr in den \u201eWolken des Himmels\u201c. Jeder Einzelne kann dies in seinem Innern erfahren und verwirklichen.<\/p>\n<p>Er berichtet, wie Jesus sich noch sechs Wochen nach der Kreuzigung auf der Erde aufhielt, in einem K\u00f6rper, der noch nicht ganz verkl\u00e4rt war, um zu lehren und Kraft auszutragen. Und als der Sprecher deutlich macht, wie Jesus \u201edas Ende des Todes\u201c herbeigef\u00fchrt hat, ist es, als \u00f6ffne sich der Himmel.<\/p>\n<p>Die Anwesenden stimmen die Hymne an:<\/p>\n<p><em>Erhebt euch, ihr Tore, geht auf, ewige T\u00fcren,<\/em><\/p>\n<p><em>der K\u00f6nig der Herrlichkeit will eintreten.<\/em><\/p>\n<p><em>Wer ist der K\u00f6nig der Herrlichkeit? Es ist der Herr, stark und m\u00e4chtig, m\u00e4chtig \u00fcber alles.<\/em><\/p>\n<p><em>Erhebt euch, ihr Tore, geht auf, ewige T\u00fcren,<\/em><\/p>\n<p><em>der K\u00f6nig der Herrlichkeit will eintreten.<\/em><\/p>\n<p><em>Wer ist der K\u00f6nig der Herrlichkeit?<\/em><\/p>\n<p><em>Es ist der Herr der Heerscharen, der K\u00f6nig der Herrlichkeit.<\/em><\/p>\n<p>\nEs geschieht in heiterer Gem\u00fctsruhe und Kraft, wie Bogomil nun \u00fcber das innere K\u00f6nigreich und den Reichtum des spirituellen Lebens spricht. Und all die Verachtung, die inquisitorischen Befragungen und Verfolgungen, denen die Gemeindemitglieder ausgesetzt sind, fallen ab.<\/p>\n<p>Bogomil erweckt keine Emotionen, ruft keine Gef\u00fchle pers\u00f6nlicher Befriedigung hervor; die Atmosph\u00e4re ist rein, ja heilig; niemand kann in ihr sein, der nicht im Herzen rein ist.<\/p>\n<p>Nach einem weiteren Vaterunser gehen die Br\u00fcder und Schwestern der Bogumilen wieder hinaus. Sie \u00fcberqueren die Br\u00fccke \u00fcber die Narenta, noch ganz erf\u00fcllt von der Ber\u00fchrung, von dem lebenden gnostischen Wort, von der Sicherheit, dass auch sie, innerlich erwacht, dem \u201eK\u00f6nigreich\u201c angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Und wie sie so in den engen Stra\u00dfen Mostars verschwinden, kehre ich zur\u00fcck in mein 21. Jahrhundert. Und in mir klingt nach, was sie gebetet hatten, die gnostische Form des Vaterunsers:<\/p>\n<p><em>Allm\u00e4chtiger Gott,<\/em><\/p>\n<p><em>der du Deinen Fu\u00df auf das h\u00f6chste Firmament gesetzt hast,<\/em><\/p>\n<p><em>gro\u00dfer Beweger des Universums<\/em><\/p>\n<p><em>und aller Kr\u00e4fte darin,<\/em><\/p>\n<p><em>h\u00f6re das Gebet Deiner Diener,<\/em><\/p>\n<p><em>die all ihr Vertrauen auf Dich setzen.<\/em><\/p>\n<p><em>Wir bitten Dich,<\/em><\/p>\n<p><em>dass wir Tag f\u00fcr Tag Deine g\u00f6ttliche Lebensessenz empfangen d\u00fcrfen,<\/em><\/p>\n<p><em>als ein Trost und eine Kraft,<\/em><\/p>\n<p><em>Dir zur Ehre und zur Erl\u00f6sung der Menschheit.<\/em><\/p>\n<p><em>Vergib uns, wenn wir so oft abweichen von Deinen Wegen,<\/em><\/p>\n<p><em>wie auch wir unseren Br\u00fcdern und Schwestern vergeben.<\/em><\/p>\n<p><em>Sei uns nahe und sei in uns,<\/em><\/p>\n<p><em>st\u00e4rke und erhalte uns als Werkzeuge in Deinen H\u00e4nden,<\/em><\/p>\n<p><em>Bewahre uns vor Gefahren und vor dem B\u00f6sen,<\/em><\/p>\n<p><em>und verlasse uns nicht in der Versuchung.<\/em><\/p>\n<p><em>M\u00f6ge Deine allm\u00e4chtige Kraft uns f\u00fcr immer erhalten und sch\u00fctzen.<\/em><\/p>\n<p><em>Denn Du bist der gro\u00dfe Quell der Gnosis und der Weisheit.<\/em><\/p>\n<p><em>Unterrichte Deine Diener durch Deine heilige Gegenwart<\/em><\/p>\n<p><em>und f\u00fchre uns, jetzt und immerdar.<\/em><\/p>\n<p><em>Amen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Anmerkung:<\/strong><\/p>\n<p>Man kann das Wort Bogumilen auch \u00fcbersetzen mit \u201cdie von Gott Geliebten\u201d. Die Bogumilen waren, abgesehen von den Zeiten, in denen sie heftig verfolgt wurden, als eine \u201eBruderschaft wahrer Christen\u201c au\u00dferordentlich aktiv, und zwar bis etwa 1450. Sie waren eng verbunden mit den Katharern S\u00fcdfrankreichs, auf die sie gro\u00dfen Einfluss aus\u00fcbten. Deshalb wurden sie auch oft \u201eKatharer des Ostens\u201c genannt. Die Bogumilen erhielten viel Unterst\u00fctzung von der Bev\u00f6lkerung dank des unersch\u00fctterlichen Auftretens und der Reinheit ihrer \u201ePerfekten\u201c. Die friedliche, bescheidene Art, in der diese den Weg der Selbsterl\u00f6sung gingen, zeigte ihre Wirkung.<\/p>\n<p>Mostar und Umgebung waren ein wichtiger Ort f\u00fcr die Verk\u00fcndung bogumilischer Lehren. Man sieht es noch heute an den zahllosen \u201eStecci\u201c, den bogumilischen Grabsteinen mit den eingravierten Symbolen, die den geistigen Weg kennzeichnen. &nbsp;<\/p>\n<p>Das Vaterunser war das einzige Gebet, das die Bogumilen anerkannten. Andersartige Gebete bezeichneten sie als mnogoglagolanja (= unn\u00f6tiges Geschw\u00e4tz). Ein Kernsatz ihrer Lehre lautet: \u201eDie wahre Kirche Christi befindet sich im Herzen des Menschen.<\/p>\n","protected":false},"author":923,"featured_media":3459,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-89175","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/89175","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/923"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3459"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89175"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89175"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=89175"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=89175"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}