{"id":89077,"date":"2018-06-24T21:10:07","date_gmt":"2018-06-24T21:10:07","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/monument-der-finnischen-identitat-das-heldengedicht-kalevala-teil-1\/"},"modified":"2022-09-05T07:56:25","modified_gmt":"2022-09-05T07:56:25","slug":"monument-der-finnischen-identitat-das-heldengedicht-kalevala-teil-1","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/monument-der-finnischen-identitat-das-heldengedicht-kalevala-teil-1\/","title":{"rendered":"Monument der finnischen Identit\u00e4t &#8211; Das Heldengedicht Kalevala, Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>Aus zwei Blickwinkeln wollen wir das <em>Kalevala<\/em>, das Heldengedicht Finnlands, betrachten. In einem ersten Teil vermitteln wir ein Bild des Lebens und der Arbeit seines Autors, des Arztes und Botanikers Elias L\u00f6nnrot. Danach besprechen wir die bahnbrechende spirituelle Interpretation des finnischen Philosophen und Schriftstellers Pekka Ervast.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Elias L\u00f6nnrot<\/strong><strong> <\/strong><strong>(1802-1884)<\/strong><\/p>\n<p>Eine winzige H\u00fctte, ohne Nachbarschaft im S\u00fcdwesten Finnlands, an einem gro\u00dfen See. Der Horizont in weiter Ferne. Niemand w\u00fcrde es auf den ersten Blick vermuten, aber hier liegt das geistige Fundament des finnischen Staats, der vor hundert Jahren in dem siebzig Kilometer entfernten Helsinki gegr\u00fcndet wurde. In dieser H\u00fctte wuchs der sp\u00e4tere Sammler und Herausgeber des Kalevala <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\">[1]<\/a> auf: Elias L\u00f6nnrot, Sohn eines armen Schneiders. Dort lebte er mit seinen sechs Schwestern in einem Raum.<\/p>\n<p>Als Vater L\u00f6nnrot an einem Apriltag des Jahres 1802 sein viertes Kind seiner Nachbarin mitgab, um es taufen zu lassen, geriet diese auf dem weiten Weg in einen Schneesturm.<\/p>\n<p>Endlich am Ziel angekommen, hatte sie den Namen, den der Junge bekommen sollte, vergessen. Deshalb schaute der Pfarrer auf den Heiligenkalender und taufte den Jungen auf den Namen Elias, den Namen des Heiligen des Tages.<\/p>\n<p>Die Kindheit von Elias L\u00f6nnrot war durch h\u00f6chste Einfachheit und Armut gekennzeichnet. In der armseligen H\u00fctte wurde das Mehl mit Flechten und Resten von Kiefernzapfen vermischt, und wenn dieses alle war, litten sie Hunger, gro\u00dfen Hunger.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Krieges mussten die Kinder betteln gehen. Der sechsj\u00e4hrige Elias machte dies, indem er schweigend neben den T\u00fcren stand und abwartete. Aber das st\u00f6rte ihn \u00fcberhaupt nicht, denn wenn er lief oder im See schwamm, verga\u00df er den Hunger. Und wenn er sich zu stark bemerkbar machte, las er in den drei B\u00fcchern, die es im Haus gab: in der Bibel, im Gesangbuch und im Katechismus, und dann ging es wieder. Eine Weile durfte der Zehnj\u00e4hrige zur Schule gehen, um dort das mysteri\u00f6se Schwedisch zu lernen. Aber schon bald wurde er wieder zu Hause gebraucht, denn er musste seinem Vater bei der Arbeit helfen. Trotzdem fand er einen Weg, wieder die Schule zu besuchen, diesmal in der Hauptstadt Helsinki. Weil er keine B\u00fccher hatte, sa\u00df er, w\u00e4hrend sein Kamerad zu Mittag a\u00df, mit dessen B\u00fcchern auf der Treppe, wobei er sich nicht von der bei\u00dfenden K\u00e4lte st\u00f6ren lie\u00df. Drei Jahre lang schaffte er es, sich auf diese Art und Weise durchzuschlagen, wobei er Geld verdiente, indem er den Universit\u00e4tsmitarbeitern bei verschiedenen Aufgaben half. Dann wurde er zum zweiten Mal nach Hause gerufen, weil dort seine Hilfe gebraucht wurde.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich nahm sich ein Kaplan der lutherischen Gemeinde des Schicksals des jungen Elias an. Unter seiner Leitung ging der Siebzehnj\u00e4hrige nach altem Brauch \u2013 wie einst Luther \u2013 von Haus zu Haus. Er sch\u00fcttelte seine \u00c4ngste und seine Befangenheit ab, sang Psalmen und sammelte Korn, aus dem zu Hause Brot gebacken werden konnte.<\/p>\n<p>Als auf diese Weise die Ern\u00e4hrung seiner Familie gesichert war, meldete er sich an einem Gymnasium an. Daneben bekam er eine Anstellung bei einer Apotheke. Tags\u00fcber hatte er keine freie Minute, aber nachts lernte er so flei\u00dfig und intensiv, dass er als Zwanzigj\u00e4hriger auf die Universit\u00e4t gehen konnte. Die studentische Vereinigung, der er beitreten wollte, lehnte ihn zun\u00e4chst ab, weil er w\u00e4hrend seiner Schulzeit Arbeiten verrichtet hatte, die als ver\u00e4chtlich angesehen wurden.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\" title=\"\">[2]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein zweiter Orpheus<\/strong><\/p>\n<p>Sechs Jahre sp\u00e4ter, im Sommer 1828, machte sich Dr. L\u00f6nnrot, der gerade das Medizinstudium abgeschlossen hatte, f\u00fcr seine erste Sammeltour von Volksliedern bereit: barfu\u00df, mit etwas Erspartem in der Tasche, als Bauer gekleidet, mit einem soliden Stock in der Hand, der Tabakpfeife im Mundwinkel, mit stabilem Rucksack und einer Flinte \u00fcber der Schulter und im Knopfloch ein Band mit einer Fl\u00f6te, gab er vor, ein Bauernsohn zu sein, der die Familie in Karelien besuchen wollte.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\" title=\"\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Manchmal wurde er f\u00fcr einen Stra\u00dfenr\u00e4uber gehalten. Meist jedoch empfing man ihn gastfreundlich. Wenn er in einem Dorf ankam und sich einige Menschen um ihn geschart hatten, spielte er auf der Fl\u00f6te und lockte weitere an.<\/p>\n<p>Dann f\u00fchlte er sich \u2013 wie er in seinem Tagebuch schrieb \u2013 \u201ewie ein zweiter Orpheus\u201c oder, um es patriotischer auszudr\u00fccken, \u201ewie ein neuer V\u00e4in\u00e4m\u00f6inen\u201c. Wenn er sein Spiel beendet hatte, fragte er die Zuh\u00f6rer nach Liedkennern und S\u00e4ngern (<em>Laulajat<\/em>) in der Umgebung und suchte sie auf. Er zog eine Schrift aus der Tasche mit einer gerade erst erschienenen Volksliedersammlung und las daraus vor. Was er vorlas, war den Bauern schon seit langem bekannt und begeistert sangen sie mit. Das gelang allerdings nicht immer, weil nicht jeder dem Branntwein widerstehen konnte &#8230;<\/p>\n<p>Mit der Zeit erstellte er eine umfangreiche Sammlung von Volksliedern. Es folgten weitere zehn Reisen. In sechzehn Jahren sollte er zu Fu\u00df oder auf Skiern rund 20.000 Kilometer zur\u00fccklegen und so die Lieder und Sagen aus dem Gebiet Karelien festhalten. Die Quellen des Kalevala, der &#8222;finnischen Ilias&#8220;, erhielten allm\u00e4hlich Konturen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter bekam L\u00f6nnrot Unterst\u00fctzung von dem Linguisten und Journalisten David Europaeus (1820-1884), der w\u00e4hrend mehrerer Reisen 2.800 Lieder sammelte. Es wurde eine Gemeinschaftsarbeit. Das sogenannte Alte Kalevala (12.000 Zeilen) erschien 1835; das Neue Kalevala oder das Standardbuch (22.800 Zeilen) wurde 1849 ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>(Fortsetzung folgt in <a href=\"https:\/\/logon.media\/logon_article\/monument-of-the-finnish-identity-the-epic-kalevala-unveiled-as-a-road-to-initiation-part-2\/\">Teil 2<\/a>)<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a> Das Wort \u201eK\u00e1levala\u201c mit der Betonung auf der ersten Silbe bedeutet \u201edas Land von Kaleva\u201c, einem heldenhaften Volk, das nur in Mythen vorkommt und das historisch nicht belegt ist. Der Name darf also \u00fcbersetzt werden mit: \u201edas Land der Helden\u201c. Das finnische Kalevala inspirierte den amerikanischen Dichter Longfellow zu seinem ber\u00fchmten Indianerepos <em>Hiawatha<\/em>, dessen Inhalt deutlich parallel zur Geschichte des Kalevala verl\u00e4uft. Hiawatha wurde von Guido Gezelle ins Niederl\u00e4ndische \u201ehervorragend\u201c (nach Jan H. Eekhout) \u00fcbersetzt. Das Epos war zum Teil auch Vorlage f\u00fcr Tolkiens \u201eDer Herr der Ringe\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\" title=\"\">[2]<\/a> Nun feiern die Stiftungsbr\u00fcder an L\u00f6nrotts Geburtstag ihre j\u00e4hrliche Party!<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\" title=\"\">[3]<\/a> Historisches Grenzgebiet zwischen Finnland und Russland, das nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend von Russland besetzt war. Die vertriebenen Karelianer haben sich in ganz Finnland verbreitet &#8211; jetzt eine Million. In Finnland beherrschen noch etwa 5000 Einwohner die karelische Sprache.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":923,"featured_media":3178,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-89077","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/89077","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/923"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3178"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89077"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89077"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=89077"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=89077"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}