{"id":89053,"date":"2018-06-03T23:41:36","date_gmt":"2018-06-03T23:41:36","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/wenn-du-ein-guarini-warst\/"},"modified":"2018-06-03T23:41:36","modified_gmt":"2018-06-03T23:41:36","slug":"wenn-du-ein-guarini-warst","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/wenn-du-ein-guarini-warst\/","title":{"rendered":"Wenn du ein Guarini w\u00e4rst &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Stell dir vor, du geh\u00f6rtest zu einer Gruppe von einigen Zehntausend Menschen, die ein tieferes Wissen von der Geschichte ihres Heimatlandes haben als die anderen 208 Millionen, die dort ebenfalls leben. Stell dir vor, du w\u00e4rst nicht europ\u00e4ischer, afrikanischer oder asiatischer Abstammung, sondern geh\u00f6rtest einem Volk an, das einer lunaren Tradition folgt. Deine Lebensweise w\u00e4re ganz anders.<\/p>\n<p>Zu ihr geh\u00f6rte das Gef\u00fchl, dass deine Vorfahren seit mindestens 12.000 Jahren in diesem Land siedeln und vielleicht niemals einen Ozean \u00fcberquert haben. Was du \u00fcber dein Volk und dein Land wei\u00dft, w\u00e4re dir erz\u00e4hlt worden von denen, die es selbst m\u00fcndlich vernommen haben. Alles, was deine Ahnen erkannt haben, h\u00e4tte sich in dir niedergeschlagen, Ahnen, die nichts wussten von dem, was auf der anderen Seite der Welt gedacht und entdeckt wurde, die ihren eigenen Weg fanden, sich zu ern\u00e4hren, zu sch\u00fctzen, zusammenzuleben und sich mit dem G\u00f6ttlichen zu verbinden. Um es genauer zu sagen, stell dir vor, du w\u00e4rst einer der Tupi-Guarini, der gr\u00f6\u00dften indigenen Sprachgemeinschaft Brasiliens.<\/p>\n<p>Von den hunderten an Ethnien, die S\u00fcdamerika Jahrtausende lang bewohnt haben, ragen die Guarini und die Tupinamb\u00e1 in ihren Besonderheiten hervor. Sie geh\u00f6rten einst zusammen und trennten sich in einem bestimmten Moment der Geschichte. Die Tupinamb\u00e1 folgten einer mehr kriegerischen Philosophie, w\u00e4hrend die Guarini eher spirituellen Lebensformen anhingen. Die Tupinamb\u00e1 bekannten sich zur \u201eTradition der Sonne\u201c \u2013 sie waren Krieger, Entdecker, Seeleute. Von Expansionsdrang erf\u00fcllt, durchwanderten sie Brasilien und hinterlie\u00dfen an vielen Orten die Spuren ihrer Kultur und Sprache. Sie \u00fcbten sich in der Kunst des Eroberns, in Schlachten und auch auf den Gebieten der Jagd und der Landwirtschaft. Die Tupinamb\u00e1 entwickelten eine Heilkunde, bei der sie sich die Geister der Natur dienstbar machten, und befassten sich mit Pflanzenkunde und Ackerbau.<\/p>\n<p>Ganz anders war es bei den Tupi Guarini. Sie bekannten sich zur \u201eTradition des Mondes\u201c, waren auf das Innere der Erde und des menschlichen Selbst gerichtet. Ihre Ahnen entwickelten Heilkr\u00e4fte des Traumes, der Vertiefung, der Philosophie und der Kunst. Sie suchten \u2013 ebenfalls mit der Hilfe der Geister der Natur \u2013 die Tiefen der Existenz zu ergr\u00fcnden und entwickelten eine feinsinnige Spiritualit\u00e4t. &nbsp;<\/p>\n<p>Indigene V\u00f6lker werden oft als unkultiviert bezeichnet. Die F\u00e4higkeit der Guarini zur Abstraktion spricht indes eine andere Sprache. \u201eWilde\u201c h\u00e4tten nicht ein Buch zusammengestellt mit uralten Ges\u00e4ngen, die<em> ayvurapyta<\/em>, Grundlagen des Seins, genannt wurden und denen die Macht zugeschrieben wurde, den Donner und den Wind oder die Seele und den menschlichen Geist zu z\u00e4hmen.<\/p>\n<p>Zu beten bedeutet f\u00fcr die Guarini, ins \u201eVertikale\u201c zu gelangen und sich mit Himmel und Erde zu vereinen. In Gebeten, T\u00e4nzen und Ges\u00e4ngen brachten sie ein tiefes Verstehen zum Ausdruck \u00fcber die Bedeutung der Hingabe und des heiligen Eifers.<\/p>\n<p><em>\u201eUnser Vater, das Gro\u00dfe Mysterium, der Erste,<\/em><\/p>\n<p><em>hielt sich in der Leere auf,<\/em><\/p>\n<p><em>ehe er f\u00fcr sich selbst,<\/em><\/p>\n<p><em>im Verlauf seiner Entfaltung,<\/em><\/p>\n<p><em>sein zuk\u00fcnftiges Haus erschuf.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Ehe die Sonne entstanden war,<\/em><\/p>\n<p><em>existierte sie in der Reflektion seines Herzens<\/em><\/p>\n<p><em>und er machte Gebrauch von ihr innerhalb<\/em><\/p>\n<p><em>seines eigenen g\u00f6ttlichen Wesens.\u201d<\/em><\/p>\n<p>Durch Hingabe und durch die Magie der Ges\u00e4nge kann man zum <em>onhemonkandire<\/em> gelangen, zum Weg, auf dem die Unsterblichkeit errungen wird vor dem physischen Tod. Und hierzu gibt es \u00c4hnlichkeiten in anderen Kulturen.<\/p>\n<p>Im Christentum wird der Kreuzweg als ein Weg bezeichnet, der zum Tod f\u00fchrt und zur Auferstehung im ewigen Leben. Ist es nicht bemerkenswert, dass sich so viele V\u00f6lker mit der Frage nach dem ewigen Leben befasst haben? Und noch bemerkenswerter erscheinen die Lehren, die die M\u00f6glichkeit einer \u201eAuferstehung\u201c ins Auge fassen, die bereits w\u00e4hrend des Lebens stattfindet: den Tod des alten Selbst und die Wiedergeburt des unsterblichen Selbst.<\/p>\n<p>Ein geheimnisvolles Band, das jeden von uns mit allen V\u00f6lkern der Erde verbindet, ist wohl die Wahrnehmung des Auf- und Untergangs der Sonne und das Erleben der Serenit\u00e4t, der heiteren Ruhe des Mondes, der mitten in der Dunkelheit Licht auf die Wege der Menschen wirft. Diese beiden Himmelsk\u00f6rper \u00fcbermittelten den V\u00f6lkern zwei unterschiedliche Arten, die Welt wahrzunehmen und in ihr zu leben.<\/p>\n<p>Wie die Guarini, so haben sich auch viele andere Menschen ihrem Inneren zugewandt, um f\u00fcr sich das Wissen von den inneren Wegen zu erschlie\u00dfen. Die Tupinamb\u00e1 wandten sich nach au\u00dfen, k\u00e4mpften und wurden in ihrer Zahl dezimiert, so dass es nur noch wenige von ihnen gibt. Die Guarini pflegten und trugen das mystische Wissen aus, dass ihnen in ihrem Leben in den W\u00e4ldern zuteil wurde.<\/p>\n<p>Du musst sich wohl von dem kriegerischen Weg entfernen, um Aufschluss zu finden \u00fcber das, was im eigenen Innern vorgeht, um auf die untergr\u00fcndige Erbschaft zu sto\u00dfen, das noch nicht entwickelte Unbewusste und die latente, starke Geistkraft.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3094,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-89053","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/89053","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3094"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89053"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89053"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=89053"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=89053"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}