{"id":89040,"date":"2018-05-22T21:30:55","date_gmt":"2018-05-22T21:30:55","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/der-blick-der-alles-versohnt\/"},"modified":"2018-05-22T21:30:55","modified_gmt":"2018-05-22T21:30:55","slug":"der-blick-der-alles-versohnt","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/der-blick-der-alles-versohnt\/","title":{"rendered":"Der Blick, der alles vers\u00f6hnt"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Enthusiasmus, der ansteckend ist<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Im Rathaussaal von Pistoia (Italien) wurde ich Zeuge eines h\u00f6chst eindringlichen Vortrags der Verse Dante Alighieris. Die Worte wurden nicht nur rezitiert, sie wurden erfahrbar durch die Pers\u00f6nlichkeit der Schauspielerin, sie wurden leidenschaftlich und mitschwingend, unwiderstehlich lebendig.<\/p>\n<p>Stellen Sie sich eine Empfindung vor, die Sie genau das f\u00fchlen l\u00e4sst, was die Verse sagen, die Sie ein Mitgef\u00fchl erleben l\u00e4sst gegen\u00fcber dem, was den Gestalten der Kom\u00f6die widerf\u00e4hrt und Ihnen gleichzeitig das Gef\u00fchl gibt, es sei auch Ihre Erfahrung, eine, die unter die Haut geht und das Herz ersch\u00fcttert. \u201eDas Theater ist ein Ort der Erfahrung\u201c, sagt Lucilla Giagnoni, die nur durch ihre Stimme und ihre Gesten das Publikum so ber\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Sie ist Schauspielerin, aber diese Bezeichnung allein wird ihr nicht gerecht. Lucilla arbeitet unerm\u00fcdlich an verschiedenen Fronten. Sie tritt in Radiosendungen auf und k\u00e4mpfte um die Verbesserung der M\u00f6glichkeiten des Theaters von Faraggiana, eines Kulturzentrums f\u00fcr Theater, Musik, Tanz, Kino \u2013 eines Ortes der Integration. Lucilla spricht moderne und alte Sprachen, f\u00fcr ihre Auftritte st\u00fcrzt sie sich unter Umst\u00e4nden in das Studium des Hebr\u00e4ischen und des Sanskrit. Die von ihr zusammengestellte <em>Spirituelle Trilogie<\/em> (bestehend aus den Teilen <em>Jungfrau Maria<\/em>, <em>Urknall<\/em> und <em>Apokalypse<\/em>) erreicht sehr gro\u00dfe H\u00f6hen, und sie arbeitet daran bis zum heutigen Tag.<\/p>\n<p>Der Auftritt, den ich miterlebte, war ein Auszug aus <em>Jungfrau Maria<\/em>. Es ist eine nach innen weisende, machtvolle Auff\u00fchrung, in der weibliche Gestalten der <em>G\u00f6ttlichen Kom\u00f6die<\/em> aus den Versen aufsteigen, um uns einen Spiegel vorzuhalten. Darin liegt eines der Hauptziele der <em>Spirituellen Trilogie<\/em>: das Publikum auf den Pfad des Bewusstseins zu f\u00fchren. Lucilla macht Gebrauch von \u201eheiligen\u201c Texten, von Ausz\u00fcgen aus Theaterst\u00fccken, Kurzgeschichten, Anekdoten, wissenschaftlichen Darstellungen und Autobiographien. All dies f\u00fcgt die Schauspielerin zu einem Pfad zusammen, dem zu folgen sie uns auffordert, mit ansteckendem Enthusiasmus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>Sehen, Bewundern, Lieben<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Werfen wir einen Blick auf den Moment kurz vor dem Ende der Auff\u00fchrung, wenn Ludmilla aus dem letzten Lobgesang des <em>Paradieses<\/em> aus der G\u00f6ttlichen Kom\u00f6die rezitiert. Wiederholt wird dort auf das Sehen hingewiesen: 19mal \u201esieht\u201c Dante, der Pilger, etwas, oder er will den Leser etwas ansehen lassen. H\u00e4ufig kommt das Wort \u201eAugen\u201c vor, und Lucilla vers\u00e4umt es nicht zu betonen, dass diesem Dichter \u2013 einem der gr\u00f6\u00dften seiner Zunft, der sicher wusste, wie man Worte einsetzt \u2013 trotz seines Talentes die Worte fehlten, um uns an seiner g\u00f6ttlichen Begegnung teilhaben zu lassen.<\/p>\n<p>Was war das f\u00fcr eine Begegnung?<\/p>\n<p>Oder besser: Was war das f\u00fcr ein Anblick, der ihm zuteil wurde?<\/p>\n<p>Die letzte der weiblichen Gestalten, die in der G\u00f6ttlichen Kom\u00f6die auftreten, ist die Jungfrau Maria. In Lucillas Worten ist sie \u201edie Gestalt, die jede Frau, ja die ganze Menschheit erl\u00f6st. Es gelingt ihr, eben weil sie eine Frau ist, eine L\u00f6sung zu finden, die alle Gegens\u00e4tze miteinander vers\u00f6hnt, alles Gegens\u00e4tzliche zusammenh\u00e4lt.\u201c<\/p>\n<p>Die Schauspielerin nimmt uns bei der Hand, um uns zu zeigen dass Maria, diese stille Gestalt, in Wahrheit durch ihr Staunen spricht. Sie ist die Mittlerin, durch die wir Gott sehen, dessen direktes Licht wir wegen seiner Intensit\u00e4t nicht aushalten k\u00f6nnen. In einem Spiel von Spiegelungen zeigt sich Dante eine Vielzahl von Bildern in der Gegenwart der Jungfrau, und schlie\u00dflich erblickt er auch sein eigenes Gesicht, sein g\u00f6ttliches Abbild, und verschmilzt mit ihm:<\/p>\n<p><em>Da sah, in eigner Farbe, klar und rein,<\/em><\/p>\n<p><em>ich unser Ebenbild gemalt darinnnen,<\/em><\/p>\n<p><em>und ganz versenkt hat sich mein Blick darein.<\/em><\/p>\n<p>(<em>Paradies<\/em>, 33. Gesang, Verse 130-132)<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\">[1]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fast ist es so dass der Akt des Sehens die Sprache ersetzt, die Worte verschwinden in dem Anblick, und das Sehen zieht die rein weibliche Haltung vor: den Gru\u00df.<\/p>\n<p>In einem geschriebenen Text werden Objekte, Menschen und Geschehnisse voneinander unterschieden, so dass der Autor seine Erz\u00e4hlung in Raum und Zeit ausbreiten kann. Demgegen\u00fcber erm\u00f6glicht es ein weiter Blickwinkel des Sehens, neben den Seiten des Buches auch die Feder zu erfassen, welche die Verse schrieb, und den Verfasser, das Haus und die Stadt, in der das Buch entstand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>Der Blick des sch\u00f6pferischen Geistes<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wenden wir uns nun einem Text zu, dessen Echo in der G\u00f6ttlichen Kom\u00f6die mitschwingt: der Bibel. In der Genesis, gleich nach der Erschaffung des Himmels und der Erde, lesen wir:<\/p>\n<p><em>Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.<\/em><\/p>\n<p><em>Und Gott sah, dass das Licht gut war.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\" title=\"\"><strong>[2]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p>\u201eUnd Gott <em>sah<\/em>, dass es gut war\u201c ist ein Satz, der in den folgenden Passagen der Sch\u00f6pfungsgeschichte immer wieder vorkommt.<\/p>\n<p>Nach einem Akt der Sch\u00f6pfung folgt eine kurze Betrachtung, ein Rundblick, der das Universum wie in einer Liebkosung umfasst. In einzigartiger Weise findet der erste Sch\u00f6pfungsakt in der Finsternis statt, doch dann kommt das Licht, so dass wir sehen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Es ist wie bei einer Mutter: das Kind w\u00e4chst in der Dunkelheit des Mutterleibes heran; sobald es auf die Welt kommt, schaut die Mutter es an.<\/p>\n<p>Lucillas Publikation <em>Jungfrau Maria<\/em> nutzt den Blick des Dichters, damit der Leser, das Publikum, in ihm sein eigenes Gesicht erkennt.<\/p>\n<p>Dantes und auch Lucillas Reise haben ein Ziel: wir sollen uns selbst erkennen. Unser Abenteuer, unsere Reise beginnt an der Stelle, an der die G\u00f6ttliche Kom\u00f6die endet, an der Lucilla sich von uns verabschiedet mit den letzten Worten der Kom\u00f6die, in denen die Rede ist von der <em>Liebe, die in Gang h\u00e4lt Sonn und Sterne<\/em>.<\/p>\n<p>Das Ziel, uns selbst zu erkennen, bedeutet, unser wahres, g\u00f6ttliches Gesicht zu sehen. Und damit ist die Reise nicht zu Ende, sondern beginnt in Wirklichkeit erst. Wir stehen an einem sich kontinuierlich erneuernden Anfang, so wie unser Blick auf die Welt und ihre Bewohner sich fortw\u00e4hrend erneuert.<\/p>\n<p>Unz\u00e4hlige H\u00f6llen sind geschaffen worden von Augen, die sich in die Welt projiziert und ihr aufgezwungen haben. Das Ergebnis ist Finsternis. Aus ihr muss eine neue Sicht entstehen. Vor unseren Augen kann sich das Entt\u00e4uschende aufl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Eine immense Zahl m\u00f6glicher L\u00f6sungen kann vor uns erscheinen, nicht als Projektion einer besseren Welt, sondern als realistischer, realer R\u00fcckhalt einer Existenz, die keine Feindschaft mehr braucht. Wenn sich unsere Augen verschlie\u00dfen gegen\u00fcber dem Spiel des trotzigen Blicks und der Selbstbehauptung, k\u00f6nnen wir n\u00fcchtern werden. Wir k\u00f6nnen erwachen aus einer Handlungsweise, welche die Welt nicht heilt, sondern sich ihrer bem\u00e4chtigt.<\/p>\n<p>Der staunende Blick, der vers\u00f6hnt, speist sich aus Quellen unseres innersten Seins und schafft Raum f\u00fcr sie. Sie wirken dann mit bei unserem Schauen, Verstehen und Handeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a> \u00dcbersetzt von Friedrich Freiherr von Falkenhausen, Insel Taschenbuch<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\" title=\"\">[2]<\/a> 1. Mose 1, Vers 3 und 4, Lutherbibel.<\/p>\n","protected":false},"author":919,"featured_media":3053,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-89040","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/89040","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/919"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3053"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89040"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89040"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=89040"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=89040"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}