{"id":88872,"date":"2017-12-31T19:00:34","date_gmt":"2017-12-31T19:00:34","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/die-strase-wohin\/"},"modified":"2017-12-31T19:00:34","modified_gmt":"2017-12-31T19:00:34","slug":"die-strase-wohin","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/die-strase-wohin\/","title":{"rendered":"Die Stra\u00dfe wohin&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Unsere Gruppe versammelt sich auf einem kleinen Parkplatz und wartet auf ihre Abreise. Man kann von der Umgebung wenig erkennen. Uns ist alles erz\u00e4hlt worden, was wir zu erwarten haben, jedoch nicht, wohin uns die Reise f\u00fchren wird.<\/p>\n<p>Dauernd schaue ich mich um. Die anderen scheinen so selbstsicher zu sein. Sie haben Rucks\u00e4cke, Bergschuhe und Wasserflaschen bei sich. Ich glaube, dass sie alle ein \u00dcberlebenstraining mitgemacht haben, da ihnen alle Fachausdr\u00fccke bekannt sind. Sie diskutieren mit den Leitern so m\u00fchelos, als ob sie bereits \u00f6fter derartige Reisen unternommen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist alles neu. Ich h\u00f6re nur staunend und mit offenem Mund zu. Das alles h\u00f6rt sich an, als h\u00e4tte ich auf diesen Augenblick mein ganzes Leben lang gewartet.<\/p>\n<p>In mir steigen viele Fragen auf, aber keine stelle ich. Sie werden dennoch beantwortet. Als ich gefragt werde, ob ich auf die Reise gehen m\u00f6chte, bin ich sehr verwundert, dass ich akzeptiert worden bin. Zu gleicher Zeit wei\u00df ich, dass mich nichts davon abhalten wird. Alle Nachteile \u2013 denn diese liegen auf der Hand \u2013 sind ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Nichts wird mich von dieser Reise abbringen. Nach einiger Zeit habe ich das Gef\u00fchl voller intensiver Erwartung, nicht wissend, was mich eigentlich erwartet. Ein alter Mann hat mir einfach zugel\u00e4chelt. Er hat mir das Gef\u00fchl gegeben, dass ich auf einem guten Weg bin. Unbegreiflich, aber unmissverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Dann bin ich dieser Reisegesellschaft begegnet. Es ist eine bemerkenswerte Ansammlung von Menschen \u2013 alle sind so verschieden&#8230;<\/p>\n<p>Und ich bin ein Neuling, obwohl ich mich in mittlerem Alter befinde. Die Zuversichtlichen sind eigentlich viel l\u00e4ssiger. Sie organisieren einen Vorbereitungsabend wie ein Spiel, das sie spielen wollen. Aber ja, sie wissen auch sehr viel von allem. Was ist das nun? Gehen die Leute mit den Rucks\u00e4cken schon weg, oder scheint es nur so? Ja, so ist es. Sie gehen zur\u00fcck, doch zur\u00fcck kann niemals der richtige Weg sein, denn es gibt kein Zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Leiter kommen auf uns zu und w\u00fcnschen eine gute Reise. Wir geben einander die Hand, und bald stehe ich allein vor dem Abenteuer. Sie werden denken, dass das inmitten einer Gruppe nicht m\u00f6glich ist \u2013 und doch ist es so. Ich habe nichts als einen Kompass bei mir, und ich wei\u00df noch nicht einmal, wie ich mit ihm umgehen muss. Weil ich nicht wei\u00df, wohin ich gehen muss, fange ich einfach an zu laufen. Das gef\u00e4llt mir ausgezeichnet. Es ist eine sch\u00f6ne, abwechslungsreiche Umgebung und regelm\u00e4\u00dfig begegne ich einem Reisegef\u00e4hrten, manchmal einem, den ich kenne und der schon l\u00e4nger unterwegs ist. Ein jeder geht nach seinem eigenen Kompass, aber jeder funktioniert vermutlich anders, denn niemand l\u00e4uft neben oder hinter mir.<\/p>\n<p>So f\u00fchlt es sich jedenfalls an, denn wenn ich mich umschaue, sehe ich niemanden.<\/p>\n<p>Ich bin so froh, dass ich unterwegs bin, sodass ich beinahe zu h\u00fcpfen anfange.<\/p>\n<p>Komische Hindernisse sind nicht zu bemerken, obwohl man mich davor gewarnt hat. Gelegentlich sehe ich jemanden mit einem sorgenvollen Gesicht dastehen. Dann begegne ich einem, der vor Ersch\u00f6pfung auf dem Boden liegt. Ich will ihm helfen aufzustehen, aber es geht nicht; er sagt, er m\u00f6chte sich selbst helfen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich regnet es das eine oder andere Mal. Auch ist es oft kalt oder sehr hei\u00df, aber im Allgemeinen verl\u00e4uft meine Wanderung sehr flott. Auf einmal komme ich an eine Grenze. Nicht dass ich diese sehen w\u00fcrde, aber ich sp\u00fcre sie, als ich dar\u00fcber gehe.<\/p>\n<p>Jetzt ist alles neu und unbekannt. Ich laufe vorsichtiger, oft zweifelnd, ob ich links oder rechts gehen soll. Es liegen Felsen im Weg, \u00fcber die ich klettern muss, was manchmal sehr gef\u00e4hrlich ist. Es sind hohe<\/p>\n<p>Brocken, und ich bin ziemlich ersch\u00f6pft.<\/p>\n<p>Es folgen eng verlaufende Trampelpfade mit hohen Felsw\u00e4nden links und rechts.<\/p>\n<p>Die Wege sind durch den Regen glatt und schmierig.<\/p>\n<p>Dennoch w\u00fcnsche ich mir niemals, zu Hause geblieben zu sein, denn zu Hause, das ist hier in diesem Augenblick.<\/p>\n<p>Nun stehe ich vor diesem kolossalen Fels schon wochen- oder monatelang, aber das wei\u00df ich nicht mehr so genau. Ich habe alles ausprobiert: gedr\u00fcckt, gezogen, geschoben, gehackt, geritzt, ich habe ihn erst\u00fcrmt, erstiegen und bin wieder abgerutscht. Kein Mensch begegnet mir, und ich komme keinen Schritt voran. All meine Kraft wende ich auf, aber ich komme nicht vorw\u00e4rts. Oft kann ich nicht sehen, was dahinter oder auf der Seite ist. Zur\u00fcckzugehen ist unm\u00f6glich, ich brauche es gar nicht zu versuchen. Aber ich kann doch nicht immer hier bleiben?<\/p>\n<p>Ich habe Hunger und Durst, und das treibt mich an, alles zu versuchen, den Felsblock wegzukriegen. Aber je mehr ich mich anstrenge, desto mehr erm\u00fcde ich. Ich will aber bestimmt nicht schlafen. Schlafen darfst du niemals, ist mir versichert worden, denn dann ist es sehr schwer, wieder wach zu werden.<\/p>\n<p>Ich setze mich auf den Vorsprung des Felsbrockens, um alles zu \u00fcberdenken, und um eine Methode zu finden, weiterzukommen.<\/p>\n<p>Es muss doch zu schaffen sein. Ab und zu ist mir, als ob mir etwas d\u00e4mmern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wirklich greifbar ist es aber nicht; denn wenn ich danach fassen m\u00f6chte, ist es wieder weg. Das einzige, was wirklich in dieser Umgebung meine Aufmerksamkeit fesselt, ist ein gro\u00dfer Vogel, der schon eine Zeitlang oben auf dem Felsen sitzt. Sonst habe ich all die Zeit \u00fcber keine Tiere gesehen. Der Vogel schaut mich seltsam von der Seite an. Ich bin so allein, dass ich gern ein Gespr\u00e4ch anfangen m\u00f6chte, aber das ist doch dumm.<\/p>\n<p>Ab und zu schwingt er sich ein St\u00fcckchen auf und kehrt wieder auf denselben Platz zur\u00fcck. Es w\u00e4re herrlich, wenn auch ich fliegen k\u00f6nnte, so denke ich, dann k\u00f6nnte ich \u00fcber alles hinwegfliegen. Ob der Vogel wohl auf der anderen Seite des Felsens lebt?<\/p>\n<p>Schau, nun steigt er auf, h\u00f6her als vorher, und ich verfolge ihn mit meinem Blick.<\/p>\n<p>H\u00f6her und h\u00f6her fliegt er, und es ist herrlich zu sehen, wie seine Schwingen sich in der blauen Luft abzeichnen. Es bildet sich ein Kreis aus Licht um ihn herum, ich entdecke, dass er genau zwischen mir und der<\/p>\n<p>Sonne gleitet, direkt ins Licht hinein.<\/p>\n<p>Ich vergesse den Felsen und lasse mein Herz mit ihm fliegen, so herrlich, leicht und frei. Kein Teil meiner Reise kommt an dieses Erlebnis des hohen Flugs heran. Es scheint, als ob der Vogel eine Krone tr\u00e4gt, getaucht in wei\u00dfes Licht mit Edelsteinen, die in allen Farben funkeln. Es ist eigenartig, aber ich komme ihm immer n\u00e4her, und bald erreiche ich seinen R\u00fccken, auf dem ich einen bequemen Sitzplatz finde. Zusammen sausen wir durch den leuchtenden Himmel, aber auf einmal denke ich wieder an die Reise. F\u00fchrt sie nach oben?<\/p>\n<p>Der Vogel dreht seinen Kopf, und ich schaue in die Augen eines alten Bekannten, aber wer ist das? Seine Stimme ist tief und hoch zugleich, leise und deutlich: \u201eErst hinauf und dann wieder hinab, an die Arbeit.\u201c<\/p>\n<p>Voll guten Mutes schweben wir hinunter an die Stelle, wo ich zuvor gestanden habe. Der Felsblock ist zwar immer noch da, aber jetzt ist er durchsichtig.<\/p>\n<p>Ich mache einen Schritt vorw\u00e4rts, und ohne M\u00fche laufe ich hindurch.<\/p>\n","protected":false},"author":923,"featured_media":2702,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101],"tags_english_":[],"class_list":["post-88872","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/88872","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/923"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2702"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=88872"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=88872"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=88872"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=88872"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}