{"id":88726,"date":"2017-11-21T19:47:59","date_gmt":"2017-11-21T19:47:59","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/dem-anderen-erlauben-zu-sein\/"},"modified":"2017-11-21T19:47:59","modified_gmt":"2017-11-21T19:47:59","slug":"dem-anderen-erlauben-zu-sein","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/dem-anderen-erlauben-zu-sein\/","title":{"rendered":"Dem Anderen erlauben, zu sein"},"content":{"rendered":"<p>Raim\u00f3n Panikkar wurde im Jahr 1918 in Barcelona geboren. Seine Mutter war eine katholische Katalonierin mit einer starken Neigung, den Anforderungen des neuen Jahrhunderts zu entsprechen \u2013 besonders, was die Teilnahme am \u00f6ffentlichen Leben und die Frauenrechte betraf. Sein Vater war ein indischer Hindu aus aristokratischen Kreisen, die Gandhi nahestanden.<\/p>\n<p>Das Leben des jungen Panikkar bestand aus Studien und Studienabschl\u00fcssen in Philosophie, Naturwissenschaft und Theologie, die ihn dazu f\u00fchrten, als freier Lehrer und Dozent an Universit\u00e4ten in Europa und den USA zu arbeiten. Er war katholischer Priester, als er im Alter von 36 Jahren nach Varanasi, einem Dorf in Indien zog, um seine Kenntnis der philosophischen Traditionen Indiens zu vertiefen.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\" title=\"\">[i]<\/a> Den gr\u00f6\u00dften Teil seines weiteren Lebens verbrachte er zwischen Indien, Kalifornien und Tavertet, einem Bergdorf am Fu\u00df der spanischen Pyren\u00e4en. Die letzte Phase seiner Pilgerschaft verbrachte er mit Studien und Meditationen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der dialogische Dialog<\/strong><\/p>\n<p><em>Dialog ist Leben. Bricht der Dialog zusammen, bricht alles zusammen.<\/em> (R. Panikkar in: <em>Frieden und kulturelle Abr\u00fcstung<\/em>)<\/p>\n<p>Die vielf\u00e4ltigen Bewegungen von Menschen und G\u00fctern, von jeder Art von Handelswaren \u2013 stofflicher und unstofflicher Art (z. B. der Informationen) \u2013 und der unterschiedlichen Lebensarten die im Strom der Globalisierung entsprechen nicht der harmonischen Vielfalt, die sich in einem Dialog entfalten kann. Allzu oft erleben wir die <em>\u201esterile Verflechtung von Monologen &#8222;<\/em> (<em>La Mistica en el Siglo XXI<\/em>, \u2013 <em>Mystik im 21. Jahrhundert \u2013 <\/em>Madrid 2002).<\/p>\n<p>Gem\u00e4\u00df Panikkar liegt der Schl\u00fcssel der wirkliche Beziehungen zwischen den Menschen herbeif\u00fchrt, im \u201edia-logischen&#8220; Dialog. \u2013 Was versteht er darunter ? T\u00e4glich erleben wir in sogenannten Dialogen eine Art wetteifernde Dialektik, sich abwechselnde Meinungen, die das illusorische Bild einer Vielfalt suggerieren. Diese Illusion ist langlebig und kraftvoll in ihrer T\u00e4uschung.<\/p>\n<p>Um einen Dialog in eine echte Beziehung zu verwandeln und die Hindernisse vorgefasster Meinungen zu \u00fcberwinden, gilt es, Kreativit\u00e4t zu erm\u00f6glichen: einen aktiven (psychischen) Raum zu schaffen, in dem der Dialog sich selbst entfalten kann. Was ist das f\u00fcr ein Raum ? Ein er\u00f6ffnet einen \u201edritter Weg\u201c, auf dem sich die beiden Meinungen entwickeln und der sie beide umfasst und keine von ihnen vernichtet. In ihm wird hinter den Sprachformen (dem \u201eLogos\u201c) wird der Mythos offenbar, die Geschichte, an die der, der spricht, glaubt. Dazu geh\u00f6ren Glaubenss\u00e4tze und auch Symbole, die Glaubenswerte \u2013 aber auch Vorurteile \u2013 n\u00e4hren. Wenn sie in dem erzeugten freien Raum offenbar werden, begreift der Sprechende, wie der Andere ihn sieht.<\/p>\n<p>Das ist ein Prozess, der Vertrauen verlangt, nicht politisch korrekten Art, sondern Vertrauen auf authentischer Basis. Dann k\u00f6nnen, wenn es um philosophische Fragen geht, sowohl monistische (absolute, monotheistische) als auch dualistische Vorstellungen (gut\/b\u00f6se, menschlich\/g\u00f6ttlich \u2026) \u00fcberwunden und in ein Ganzes eingebracht werden, einen Holismus, zu dem Prozesse, Beziehungen und unterschiedliche Lebensformen geh\u00f6ren. Dieses Ganze ist weit mehr als die Summe seiner Teile.<\/p>\n<p>Das Prozesshafte ist das Wesentliche bei einem solchen Dialog, und zwar auf allen Ebenen des sozialen Zusammenlebens.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die kosmotheandrische Vision<\/strong> <a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\" title=\"\">[ii]<\/a><\/p>\n<p><em>Die g\u00f6ttliche, die menschliche und die irdische Welt \u2013 wie immer wir sie nennen m\u00f6gen \u2013 sind die drei unverzichtbaren Dimensionen, welche die Realit\u00e4t bilden.<\/em> (R. Panikkar in: <em>Die kosmotheandrische Realit\u00e4t<\/em>).<\/p>\n<p>Panikkar benutzt das Griechische, um \u00fcber die drei Stufen des Seins zu sprechen, die im Laufe der Zeiten unendliche Varianten der Terminologie durchlaufen haben. Damit will er nicht neue Aufteilungen herbeif\u00fchren, sondern die drei in ihrer unersch\u00f6pflichen dynamischen Beziehung zueinander darstellen : Nie sind sie von einander getrennt, und nie wird eine durch die andere ausgel\u00f6scht. Panikkar spricht von einer \u201eheilige S\u00e4kularit\u00e4t&#8220;. Logik, die dominieren will und dadurch das Bewusstsein verarmen l\u00e4sst, hat in ihr keinen Platz. Zu diesen \u201ekosmotheandrischen\u201c Gedanken gelangt Panikkar durch sein Studium vedischer Texte. Doch es gibt auch im Wesen eine \u00e4hnliche \u00dcberlieferung: man denke nur an die vieltausendj\u00e4hrige Ideenwelt der hermetischen Inspiration, die in der Renaissance in den Werken von Pico della Mirandola erneut auflebte und die Beziehungen zwischen Mensch, Kosmos und Geist umkreist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Christophanie<\/strong><\/p>\n<p><em>Die Identit\u00e4t des Christus ist etwas Anderes als der Identit\u00e4tsbegriff, den wir uns von ihm machen.<\/em><\/p>\n<p>Diese &nbsp;Worte Panikkars \u2013 der mit einer Dissertation \u00fcber <em>Christus im Missverst\u00e4ndnis des Hinduismus<\/em> seinen Doktorgrad in Theologie erhielt \u2013 er\u00f6ffnen einen Horizont vergleichbar dem der christlichen Texte aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, die 1945 in der \u00e4gyptischen W\u00fcste wiederentdeckt wurden und als die <em>Bibliothek von Nag Hamadi <\/em>bekannt sind.<em> <\/em><\/p>\n<p><em>Was ihn selbst betrifft, seine eigene Existenz, sein Leben und seine Gestalt, so kann ihn der Verstand nicht fassen, kein Kunstwerk ihn ausdr\u00fccken, noch ein Auge ihn sehen, noch ein Leib ihn greifen. Denn seine Gr\u00f6\u00dfe ist unerforschlich, seine Tiefe unergr\u00fcndlich, seine H\u00f6he unermesslich, sein Wille unbegrenzt. (<\/em>aus: <em>Traktat in drei Teilen, <\/em>in: <em>Sch\u00f6pfungsberichte aus Nag Hammadi<\/em>, neu formuliert und kommentiert von Konrad Dietzfelbinger, Andechs 1989). Hier weist der Autor auf das Alfa und Omega hin, das nicht Formulierbare.<\/p>\n<p>Panikkar umfasst in seiner <em>Ansprache \u00fcber Christus<\/em> sowohl den historischen als auch den kosmischen Aspekt: &nbsp;\u201eDie F\u00fclle der Menschlichkeit, die F\u00fclle der G\u00f6ttlichkeit, die F\u00fclle des K\u00f6rperlichen und der Materie. Christus ist das Symbol dessen, was wir in einer gewissen Sprache \u201adas Absolute, ein Symbol der Wirklichkeit\u2019 nennen.&#8220; (R. Panikkar in: <em>Oe<em>kosophie: die neue Weisheit<\/em><\/em>). Die praktische Anwendung solcher \u00dcberlegungen, die Panikkar an Christen des dritten Jahrtausends richtet, ist \u201e<em>Christophanie&#8220; <\/em>(wiederum Griechisch): das Mysterium der Inkarnation und die wiedererweckte Gegenwart des G\u00f6ttlichen im menschlichen Wesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dem Anderen erlauben zu sein<\/strong><\/p>\n<p>Die \u201edialogische&#8220; Begegnung entfaltet sich auf einer tiefen, uns unbekannten Ebene: der des \u201eNicht-wissens&#8220;, die aber \u00fcber die des \u201eWissens\u201d, was wir besitzen, hinausreicht. Panikkar verfolgt eine \u201eStrategie der kulturellen Abr\u00fcstung\u201c, wie er es nennt: einen Weg, der die Essenz des Friedens mit sich bringt. Die Methode ist dreifach: Die Formen einer bestimmten Sicht der Welt \u2013 zum Beispiel der christlichen \u2013 m\u00fcssen dargelegt werden, ohne etwas als selbstverst\u00e4ndlich vorauszusetzen. Dann werden sie in die Zusammenh\u00e4nge von Raum und Zeit hineingestellt, um zu entdecken, was den Dialog behindert, was der Bereitschaft, anzunehmen und mit-zu-teilen, im Wege steht. Die westliche Gemeinschaft, so Panikkar, befindet sich in den Klauen der Furcht. Sie erstickt den echten Wunsch, den Anderen zu verstehen, die Natur zu verstehen, und sich f\u00fcr die Selbsterkenntnis zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p><em>Die Transformation, \u00fcber die wir sprechen, ist kein Prozess eines Einzelnen<\/em><em> <\/em><em>: Wir m\u00fcssen unterscheiden lernen zwischen Isolation und Einsamkeit. Isolation ist erstickend, ist t\u00f6dlich, ist egoistisch; Einsamkeit hingegen bietet einen Raum f\u00fcr Freiheit, in dem ich ich selber bleiben und doch, an Andere den Teil von mir weitergeben kann,&nbsp; der ihnen fehlt, und der wirklich ich selber bin \u2013 und umgekehrt. \u2026 Ich muss nach Weggenossen ausschauen, nach Gruppen, Bewegungen, Gesellschafen, nach \u201apolis\u2019, Kirche, Guerrilla \u2013 nach jeglicher Art von Gruppierung, klein oder gro\u00df. \u2026 Das ist das reinigende Element. Sobald man sich aber in eine Gruppe einschlie\u00dft, beginnt die Sprache zu degenerieren. Wenn dann jemand von au\u00dferhalb zuh\u00f6rt, wird man den Aufschrei vernehmen: Unglaubw\u00fcrdig<\/em><em> <\/em><em>! Der Grund daf\u00fcr ist einfach: Wir haben stets unter einander gesprochen &#8230; Das ist es, wie&nbsp; Kulturen entstanden, die dann Kriegskulturen wurden \u2013 wie wir alle so gut wissen.<\/em> (R. Panikkar in: <em>Oekosophie: die Neue Weisheit<\/em>).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\" title=\"\">[i]<\/a> Varanasi ist ein bekanntes philosophisches Zentrum in Indien, Dort lebte Kab\u012br mit seinen J\u00fcngern und ist dort auch begraben. (Anm. d. \u00dcbers.)<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\" title=\"\">[ii]<\/a> <em>Kosmotheandrisch<\/em>: Welt (<em>kosmos<\/em>) \u2013 Gott (<em>theos<\/em>) \u2013 Mensch (<em>andros<\/em> f\u00fcr <em>anthropos<\/em>) &nbsp;(Anm. d. \u00dcbers.)<\/p>\n","protected":false},"author":919,"featured_media":2494,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101],"tags_english_":[],"class_list":["post-88726","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/88726","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/919"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2494"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=88726"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=88726"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=88726"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=88726"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}