{"id":88469,"date":"2017-10-10T19:10:21","date_gmt":"2017-10-10T19:10:21","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/islam-und-christentum-wo-sie-einander-begegnen\/"},"modified":"2017-10-10T19:10:21","modified_gmt":"2017-10-10T19:10:21","slug":"islam-und-christentum-wo-sie-einander-begegnen","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/islam-und-christentum-wo-sie-einander-begegnen\/","title":{"rendered":"Islam und Christentum &#8211; Wo sie einander begegnen"},"content":{"rendered":"<p>Christentum und Islam haben eine wechselvolle gemeinsame Geschichte hinter sich. N\u00e4he und Ferne, Konkurrenz und wechselseitige Anerkennung, Krieg und Frieden: Auf diese Weisen hat man einander schon betrachtet, so ist man einander schon begegnet. Bereits lange hat der Islam in Europa Fu\u00df gefasst. Ist er auch hier heimisch? Man denke beispielsweise an die <em>convivencia<\/em> unter der Herrschaft der muslimischen Mauren in Spanien \u2013 eine kurze Zeit der Bl\u00fcte und des gegenseitigen friedlichen Austausches zwischen Juden, Christen und Moslems. Auch wenn diese Zeit mit der <em>reconquista<\/em> im Jahr 1492 endete, als die Christen Spanien vollst\u00e4ndig zur\u00fcckeroberten: Der Islam hat seine Spuren in Europa hinterlassen, und die Fr\u00fcchte des intensiven Austauschs zwischen Sufis, Kabbalisten und christlichen Mystikern w\u00e4hrend dieser Bl\u00fctezeit k\u00f6nnen uns noch immer inspirieren.<\/p>\n<p>Heute ist das so genannte christliche Europa gro\u00dfen Spannungen ausgesetzt. Ein Grund liegt in den Konflikten, die durch einen h\u00e4rter werdenden Verteilungskampf ausgel\u00f6st werden und die sich wie so oft an den \u201eFremden\u201c festmachen. So sind \u201ewir\u201c mit der Notwendigkeit eines friedlichen Zusammenlebens und der Verst\u00e4ndigung konfrontiert, vor allem hinsichtlich der Menschen muslimischen Glaubens, die in Europa leben oder tagt\u00e4glich neu hier eintreffen. Unkenntnis und Fremdheit hinsichtlich der Lebens- und Glaubenswelten des jeweils anderen sind gro\u00df, und dazu wissen die Christen auch immer weniger von ihren eigenen religi\u00f6sen Wurzeln. Daher ist es hilfreich, die Tiefe der eigenen Religion wie auch der Religion des jeweils anderen zu ergr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Christentum und Islam z\u00e4hlen gemeinsam mit dem Judentum zu den monotheistischen Religionen, also zu denen, die an einen einzigen Gott glauben. Darin besteht ihre Verwandtschaft. Darin liegt aber auch ihr gr\u00f6\u00dftes Problem: die Konkurrenz darum, welches die wahre Religion des einen wahren Gottes sei.<\/p>\n<p><strong>Unterschiedliche Fr\u00fcchte eines Baumes<\/strong><\/p>\n<p>An der Oberfl\u00e4che der Religionen erscheint Gott wie ein Gesetzgeber, der den Menschen, die an ihn glauben, bei Befolgung der von ihm gegebenen Regeln die ewige Seligkeit verhei\u00dft. Regeln und Glaubenss\u00e4tze \u2013 als Nadel\u00f6hr der ewigen Wahrheit verstanden \u2013 trennen die Menschen unterschiedlichen Glaubens voneinander. Hinter der so genannten christlichen und muslimischen Kultur stehen allerdings nicht nur Gesellschaften<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\" title=\"\">[1]<\/a>, die verschiedene religi\u00f6se \u201eGesetzeswerke\u201c haben, sondern sie pflegen auch unterschiedliche Lebensweisen, die mehr oder weniger patriarchalisch sind, in denen die Familie einen mehr oder weniger gro\u00dfen Stellenwert hat und vieles mehr. Doch Christen und Moslems blicken oft vor allem durch die Brille religi\u00f6sen Halbwissens auf einander. Wer auf dieser \u00e4u\u00dferen Ebene stehenbleibt, der hat gro\u00dfe Schwierigkeiten, zu den Gemeinsamkeiten vorzudringen. Um dem Anderen in Offenheit zu begegnen, braucht es Unvoreingenommenheit \u2013 oder tiefere Kenntnis. Wer diese Kenntnis erwirbt, findet Gottes- und Menschenliebe im Kern beider Religionen; sie sind nicht wirklich verborgen, sondern nur etwas aus dem Blickfeld geraten. So sind Christen und Moslems aufgerufen, diese Liebe auch im eigenen Herzen zu entdecken.<\/p>\n<p>Wenn man davon ausgeht, dass alle Religionen aus einer g\u00f6ttlichen Sph\u00e4re stammen und man sie mit einem Baum vergleicht, der gleichsam vom Himmel zur Erde w\u00e4chst, dann sehen wir hier zun\u00e4chst die verschiedenen Fr\u00fcchte. Dieser eine Baum scheint so unterschiedliche Fr\u00fcchte zu tragen, dass man seine Einheit bezweifeln kann. Die Fr\u00fcchte k\u00f6nnen \u2013 neben ihrer unterschiedlichen Gestalt \u2013 von Liebe oder Abgrenzung, von Friedfertigkeit oder Gewalt, von einem Weg hin zu Gott oder von kleingeistigem Verharren in \u00c4u\u00dferlichkeiten zeugen. Jede Religion l\u00e4sst sich als Gesetzesreligion wie auch als innerer Weg verstehen und leben. Man kann aber entdecken, dass unterschiedlich geformte Fr\u00fcchte einen \u00e4hnlichen Wohlgeschmack haben. Unser Erkenntnisinstrument hierbei ist \u2013 in den Worten des christlichen Mystikers Meister Eckhart ausgedr\u00fcckt \u2013 das g\u00f6ttliche F\u00fcnklein im Herzen<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\" title=\"\">[2]<\/a>, das die innere Einheit jenseits aller Worte erkennen kann. An jedem Einzelnen liegt es, die Dinge in diesem inneren Licht anzuschauen und ihm zu folgen. An der individuellen Lebenspraxis jedes Menschen liegt es denn auch, was andere von (seiner) Religion halten, was andere vom Menschsein und von Gott denken. Und dies ist in einem viel umfassenderen Sinn wahr, als man zun\u00e4chst meinen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><strong>Innere Wege in beiden Religionen<\/strong><\/p>\n<p>Die Tiefe des Gemeinsamen von Islam und Christentum liegt in dem g\u00f6ttlichen Samen, aus dem sie entsprossen sind. In beiden Religionen hat es immer innere Wege gegeben, die von Mystikern und Gnostikern<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\" title=\"\">[3]<\/a> gegangen wurden und werden. Die Mystiker suchen den g\u00f6ttlichen Geliebten in erster Linie mit dem Herzen, und die Gnostiker versuchen, sich durch Gotteserkenntnis zu verwandeln. Beide wissen, dass sie Gott<em> im Leben<\/em> begegnen k\u00f6nnen. Auf ihrem Weg k\u00f6nnen sie auch einander begegnen \u2013 in wachsendem Verst\u00e4ndnis und schlie\u00dflich als Freunde und Weggef\u00e4hrten.<\/p>\n<p>Was eint nun die Menschen, die in Christentum und Islam einen inneren Weg gehen? Auch wenn man hier nichts verallgemeinern sollte \u2013 denn gerade, wenn jeder Mensch seinen Weg im inneren Licht sucht und geht, entsteht eine gro\u00dfe Vielfalt \u2013 gibt es doch einige Gemeinsamkeiten.<\/p>\n<p>Wo Gott nicht als Person gesehen wird, nicht als Gesetzgeber, nicht einmal \u201enur\u201c als Sch\u00f6pfer, da weitet sich der Blick auf das g\u00f6ttliche Mysterium. Gott, der unabh\u00e4ngig von den Welten ist, ist dennoch in allen Menschen, in allen Dingen und allen Handlungen. So erkl\u00e4rt es Ibn Arabi (1165-1240), der \u201egr\u00f6\u00dfte Scheich\u201c der Sufis. \u201eEr ist dir n\u00e4her als deine Halsschlagader,\u201c sagt der Koran.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\" title=\"\">[4]<\/a> Und: \u201eWohin du dich wendest, dort ist Gottes Angesicht.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\" title=\"\">[5]<\/a> Doch obwohl Er mit den Dingen identisch ist, wie Ibn Arabi weiter ausf\u00fchrt, sind die Dinge \u2013 und Menschen \u2013 nicht identisch mit Ihm.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\" title=\"\">[6]<\/a> Als rein physisches Wesen mit einem Denken und mit Gef\u00fchlen, die sich nur auf das Materielle richten, hat der Mensch noch nicht begonnen, sein von Gott gewolltes Menschsein zu verwirklichen. Denn er soll ein vollkommener Mensch werden, ein <em>insan al kamil.<\/em> Gott hat seine Eigenschaften in die 99 sch\u00f6nsten Namen gekleidet, und wer Gott liebt, reist zu Ihm durch Seine Namen. Steht am Ende dieser Reise, nach Ausl\u00f6schung des Ichs (<em>fan\u00e2&#8216;<\/em>) und Neugegr\u00fcndetwerden in Gott (<em>baq\u00e2&#8216;<\/em>) vollkommene Einheit, zumal Gott das einzige wahre Sein ist? Belassen wir es bei einer Andeutung. Gott spricht: \u201eWenn Ich ihn [den Menschen] liebe, bin Ich das Auge, durch das er sieht, und das Ohr, durch das er h\u00f6rt.\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\" title=\"\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Die christlichen Mystiker haben eine \u00e4hnliche Sicht entwickelt. Meister Eckhart<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\" title=\"\">[8]<\/a> (1260-1328) formuliert sie, in groben Z\u00fcgen zusammengefasst, so: Hinter dem Sch\u00f6pfergott der Bibel steht die Gottheit, ein h\u00f6chstes, ungeschaffenes Sein: der <em>Un<\/em>grund. Und der Seelengrund des Menschen, in dem das \u201eg\u00f6ttliche F\u00fcnklein\u201c glimmt, ist eins damit. Gott ist das Sein aller Gesch\u00f6pfe, doch wir Menschen m\u00fcssen den Zugang zu diesem Sein erst noch finden. Jesus Christus ist das Vorbild des vollkommenen Menschen, und jeder Mensch kann durch Liebe zu einem Sohn Gottes werden. In Lieben und Erkennen liegt der Weg dorthin \u2013 aus dem Seelengrund heraus. So erleuchtet die Liebe den Menschen und errettet die Seele vom Tod. Diesen Zustand beschreibt Meister Eckhart so: \u201eDas Auge, in dem ich Gott sehe, ist dasselbe Auge, in dem Gott mich sieht; mein Auge und Gottes Auge, das ist ein Auge und ein Sehen und ein Erkennen und ein Lieben.\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\" title=\"\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Schlie\u00dflich gilt: \u201eDie Liebenden haben keine Religion au\u00dfer Gott.\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\" title=\"\">[10]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\" title=\"\">[1]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Man bedenke hierbei, dass weder die \u201echristliche\u201c noch die \u201emuslimische\u201c Gesellschaft homogen ist. So wie in Europa jedes christlich gepr\u00e4gte Land eine andere Lebensweise pflegt, so ist es auch in den muslimischen L\u00e4ndern \u2013 ganz anders, als die Populisten uns glauben machen m\u00f6chten, die ihr eigenes eindimensionales Bild hiervon verbreiten.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\" title=\"\">[2]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Wobei nicht \u201ewir\u201c die F\u00e4higkeit des Erkennens besitzen, sondern in das g\u00f6ttliche Erkennen eintreten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\" title=\"\">[3]<\/a>&nbsp; letztere hei\u00dfen im Islam <em>\u00e2rif\u00fbn.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\" title=\"\">[4]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 50:16<em>.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\" title=\"\">[5]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 2:115<em>.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\" title=\"\">[6]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Futuhat al Makkiyah III 384.18<em>.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\" title=\"\">[7]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Hadith Qudsi<em>.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\" title=\"\">[8]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; der Averroes (Ibn Rushd) und Avicenna (Ibn Sina) sowie Moses Maimonides gelesen hatte \u2013 so viel zu den Querverbindungen zwischen Sufis, Kabbalisten und christlichen Mystikern<em>.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\" title=\"\">[9]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; aus der Predigt <em>Qui audit me, non confundetur<\/em>, in: Meister Eckhart, <em>Deutsche Predigten und Traktate<\/em>. Herausgegeben und \u00fcbersetzt von Josef Quint, M\u00fcnchen 1995<em>.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\" title=\"\">[10]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Rumi, genaue Fundstelle unbekannt<em>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":921,"featured_media":2117,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-88469","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/88469","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/921"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2117"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=88469"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=88469"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=88469"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=88469"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}