{"id":88436,"date":"2017-10-09T13:49:08","date_gmt":"2017-10-09T13:49:08","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/wahrnehmung-was-unsere-augen-sehen\/"},"modified":"2017-10-09T13:49:08","modified_gmt":"2017-10-09T13:49:08","slug":"wahrnehmung-was-unsere-augen-sehen","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/wahrnehmung-was-unsere-augen-sehen\/","title":{"rendered":"Wahrnehmung &#8211; Was unsere Augen sehen"},"content":{"rendered":"<p>Unser Auge filtert gewisse Details heraus, w\u00e4hrenddem eine Kamera \u2013 das f\u00fcnfte Auge \u2013 l\u00fcckenlos alles festh\u00e4lt, eventuell auch das, was der Fotograf nicht gesehen hatte.<\/p>\n<p>Darum ist es f\u00fcr den Fotografen Hiroshi Sugimoto nicht au\u00dfergew\u00f6hnlich, dass er Wasserbewegungen, Filmtheater, Wachsfiguren, Dioramen und elektrische Entladungen als Themen w\u00e4hlt. Wahrnehmung ist sein eigentliches Bet\u00e4tigungsfeld.<\/p>\n<p>Was sieht man nun eigentlich? Was bedeutet Sehen? Bei den meisten seiner Meeresbilder sehen wir nur Wasser und Luft. Das Auge sucht dann sogleich nach Details, nach etwas, das eine Geschichte erz\u00e4hlt oder dem eine Bedeutung zukommt. Der Horizont bietet dem rastlosen Auge nur scheinbar einen Ruhepunkt, denn es liegt in der Natur des Horizonts, dass er unerreichbar bleibt. Er steht f\u00fcr die F\u00fclle der Leere \u2013 kein Boot, keine M\u00f6we, keine K\u00fcstenlinie, weder Wolken noch Wellen.<\/p>\n<p>Einige Fotos sind bewusst unscharf gehalten.<\/p>\n<p>Es gibt nur das, was vorhanden ist. Das Auge sucht und neigt dazu, das, was vorhanden ist, nicht zu sehen.<\/p>\n<p>Beeinflusst vom Zen-Buddhismus, fragte sich Sugimoto 1976: Was geschieht, wenn man einen ganzen Film in einem einzigen Foto festh\u00e4lt?<\/p>\n<p>In seinen Aufnahmen von Filmtheatern sehen wir den Projektionsschirm, umgeben vom Theater. Weil er f\u00fcr ein einziges Foto den Verschluss f\u00fcr die lange Belichtung w\u00e4hrend einer gesamten Vorstellung offen h\u00e4lt, ist alles sich Bewegende nicht sichtbar.<\/p>\n<p>Obwohl also Menschen hereinkamen, den Film sahen und wieder hinausgingen,sehen wir nur eine wei\u00dfe Leinwand und leere Theaterst\u00fchle. Vom Film mit seinen sich bewegenden Bildern auf der Leinwand ist nur eine hell leuchtende Fl\u00e4che \u00fcbriggeblieben. Weil es einen Schirm gibt, sehen wir das Licht, das die Projektion erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Infolge des Lichts sehen wir den Zuschauerraum. Die Zuschauer selbst aber sehen wir nicht, den Film sehen wir nicht, sondern nur Licht und Raum.<\/p>\n<p>Bei seinen Dioramen sehen wir nachgebildete Naturszenen. Es sind die in der viktorianischen Zeit so popul\u00e4ren Bilder von Tieren vor einem Dekor, welches ihre nat\u00fcrliche Umgebung suggeriert. Auch die Wachsbilder historischer Figuren stellen lebende Wesen dar, sind aber lediglich \u00e4u\u00dferst genaue Kopien. Alles ist k\u00fcnstlerisch und wir erleben eine Zweite-Hand-Vision.<\/p>\n<p>Denn wir sehen Interpretationen und Denkvorstellungen von etwas, das einmal gewesen sein muss. Das Leben dieser Tiere und Menschen selbst aber sehen wir nicht.<\/p>\n<p>Die Suche nach der Wahrnehmung wird scharf fokussiert, wenn Sugimoto beim Fotografieren \u2013 neben der bizarr anmutenden Leblosigkeit \u2013 auch ihre Geschichte von Erziehung und Vergn\u00fcgen hinzuzuf\u00fcgen scheint. Es entsteht Freiheit zu&nbsp; Interpretieren. Die Bilder und Szenen auf seinen Fotos erhalten eine Qualit\u00e4t, die auch ein Maler erreichen kann, w\u00fcrde er solche Tiere und Menschen lebendig vor sich haben.<\/p>\n<p>In seiner Serie \u201eLightning Fields\u201c scheint er sich der Leitung gebenden Herrschaft des Auges ganz entzogen zu haben. In einem mit Chemikalien gef\u00fcllten Bad, in dem eine fotografische Platte liegt, wird eine elektrische Entladung ausgel\u00f6st. Die Effekte dieser Entladungen werden somit festgehalten. Auf den Fotos mit ihren \u00e4therischen Strukturen scheinen wir das auftretende Leben selbst zu erblicken, ohne das Auge des Fotografen als Zwischenmedium.<\/p>\n<p>Seine Mitarbeit beschr\u00e4nkt sich auf seine Dienstbarkeit. Wir werden auf unsere eigene Wahrnehmung zur\u00fcckgeworfen, Auge in Auge mit der Natur.<\/p>\n<p>Indem auf den Theaterfotos der gesamten Filmvorstellung und ihrer Zuschauer nur die wei\u00dfe Leinwand und der f\u00fcr das Theater bestimmte leere Raum festgehalten sind, wird das Vor\u00fcbergehende des Lebens offenbar. Die Bewegung und Belebung des Menschlichen findet im Zeitr\u00e4umlichen sowie in unserer eigenen Wirklichkeit statt.<\/p>\n<p>Hinter unserer Belebung wird ein Fragezeichen gesetzt. W\u00e4hrend wir denken, dass unser Auge neutral wahrnimmt, sehen wir lediglich unsere eigenen Ideen des Erschauten. Der Seher und das Gesehene best\u00e4tigen einander in ihrem zeitlichen und relativen Bestehen.<\/p>\n<p>Erst wenn den Bildern und deren Wahrnehmung ein absoluter Status zugesprochen wird, wenn diese also als Realit\u00e4t anerkannt werden, wird ihr Scheinleben deutlich. Das Auge wird sehend blind. Wir sind dann in der unendlichen Geschichte der Gegens\u00e4tze von Gut und B\u00f6se gefangen, Spannung und Entspannung, Hass und Liebe. Wir werden gezwungen, unserer Sucht nach Emotionen in dem \u201eFilm vom Schein der Wirklichkeit\u201c Gen\u00fcge zu leisten und um seine Fortsetzung besorgt zu sein.<\/p>\n<p>Die vielen sich ver\u00e4ndernden Bilder auf der Leinwand sowie deren Wahrnehmung sind allein m\u00f6glich, wenn es Licht gibt. Alles, was uns erscheint, wird ausschlie\u00dflich durch Licht erm\u00f6glicht. Es ist offensichtlich das Bewusstseinslicht, das durch den Filmstreifen der Erinnerung scheint.<\/p>\n<p>Es projiziert Geschichten und Bilder in unser Gehirn. Unser Verlangen und unsere \u00c4ngste deformieren die Wahrnehmung. Wenn es keine Zuschauer und keinen Film mehr gibt, existiert allein noch Licht. Kein Film ohne Betrachter. Publikum und Film, der Seher und das Gesehene, Subjekt und Objekt, sie bleiben am Ende unwirklich.<\/p>\n<p>Nur das Licht bleibt bestehen und ist wirklich.<\/p>\n<p>Auf den Fotos scheint das Licht des Filmprojektors vom Seher und dem Gesehenen befreit zu sein. Es scheint selbst den Platz des Sehers einzunehmen. Die Diktatur des durch Konditionierung get\u00e4uschten Auges scheint gebrochen zu sein.<\/p>\n<p>Das Auge sieht mittels des Lichts, doch das Licht selbst sehen wir nicht, weil das Sehen und das Licht im Wesen eins sind. Das Sehen und die Helligkeit des Lichts, welches keinen Schatten wirft, macht bei Bedarf Gebrauch vom Auge, um \u201edas, was ist\u201c auszustrahlen. Es ist das freie Bewusstseinslicht, die Seele, die alles kennt und allem Leben verleiht. Es gibt weder Kennende noch etwas zu Kennendes, es gibt nur noch das Kennen. Es ist die Erscheinung, die von allem befreit ist.<\/p>\n<p>Das ist es auch, was in Sugimoto als Kind und sp\u00e4ter als Erwachsener bei seiner Zen-Orientierung und bei seinen au\u00dferk\u00f6rperlichen Erfahrungen m\u00f6glicherweise einen bleibenden Eindruck hinterlie\u00df, und was sein Suchen nach Wahrnehmung inspirierte. Wenn Sie denken, etwas zu begreifen, haben Sie&nbsp; es auf einen Begriff reduziert.<\/p>\n<p>Zuordnung von W\u00f6rtern und Begriffen wie Wasser und Luft ist in unserem relativen Bestehen nat\u00fcrlich praktisch.<\/p>\n<p>Doch man erkennt dabei seinen beschr\u00e4nkten Horizont. Au\u00dferhalb unserer Relativit\u00e4t gibt es keine Fotos mehr, wo man unsere eigene Sicht sehen k\u00f6nnte. Es gibt nur Licht, das, was ist.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2078,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-88436","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/88436","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2078"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=88436"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=88436"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=88436"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=88436"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}