{"id":120951,"date":"2025-10-14T06:00:59","date_gmt":"2025-10-14T06:00:59","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=120951"},"modified":"2025-10-14T07:19:32","modified_gmt":"2025-10-14T07:19:32","slug":"gefaesse","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/gefaesse\/","title":{"rendered":"Gef\u00e4\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p><em>Das Wesen des Menschen reicht von der Erde bis in die h\u00f6chsten H\u00f6hen von Bewusstheit und Kraft; schlie\u00dflich r\u00fchrt es an das unkennbare Numinose. <\/em><\/p>\n<p><em><!--more--><\/em><\/p>\n<p><em>Wir leben in derjenigen Sph\u00e4re, in der unser Bewusstsein sich verankert. Verlagert sich unser Bewusstseinsschwerpunkt, mithin unsere Identifikation, so erfahren wir andere Schichten unseres Wesens und des Kosmos.<\/em><\/p>\n<p>Die urspr\u00fcngliche sch\u00f6pferische Kraft ist Klang. Schwingung schafft Form und erh\u00e4lt sie am Leben. Der Klang des Ursprungs transformiert (sic!) sich selbst und geht in immer konkretere Formen ein, wird selbst Form \u2013 durch alle kosmischen Gebiete hin. Deshalb kann man sagen, dass alles aus einer Urharmonie stammt und ihr Ausdruck gibt. Man kann aber auch feststellen, dass das Urbewusstsein, das mit der Energie in die Formen eingegangen ist, in uns heute nicht mehr wach ist: Eher leben wir mit ihm wie mit einer fernen Erinnerung. Wir leben in der Trennung, auch wenn wir Verbindung, Gleichklang und Weite suchen. Zwischen unserer jetzigen Identit\u00e4t und dem Urklang t\u00fcrmen sich Dissonanzen wie Wellen auf, die vom weiten Ozean kommen und an der K\u00fcste zu Brechern werden. Das Ufer ist steil, die Identit\u00e4t lebt (noch) vor allem von ihrer Begrenzung.<\/p>\n<h3>Das Instrument<\/h3>\n<p>Dennoch sind wir Instrumente, in denen der Urklang widerklingen kann, in denen Gott sich nicht nur ausdr\u00fccken, sondern die<img decoding=\"async\" class=\" wp-image-121893 alignright\" src=\"https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Astrolab.jpg\" alt=\"\" width=\"118\" height=\"120\" srcset=\"https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Astrolab.jpg 263w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Astrolab-24x24.jpg 24w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Astrolab-36x36.jpg 36w, https:\/\/logon.media\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Astrolab-48x48.jpg 48w\" sizes=\"(max-width: 118px) 100vw, 118px\" \/> in ihm beschlossene Vielheit erfahren kann. Rumi (1207-1273) sagt dazu:<br \/>\n<em>Der Mensch ist das Astrolab Gottes. <\/em>Solch ein Astrolab ist ein astronomisches Navigationsinstrument, ein Sternenleser. In seiner dreidimensionalen Form, die einem Globus gleicht, zeigt es den Himmel von <em>au\u00dfen<\/em>, so wie der mikrokosmische Mensch gleichsam als Ver\u00e4u\u00dferlichung Gottes aus der Einheit herausgetreten ist. Doch der Himmel muss gelesen werden, damit wir uns auf Erden orientieren k\u00f6nnen. Rumi erkl\u00e4rt es so: Der Mensch ist ein Sinnesorgan Gottes, ein Spiegel, der beide, Mensch und Gott, erkennbar werden l\u00e4sst. Nur Gott selbst kann das Astrolab bedienen: In der Hand des Astronomen ist das Astrolab h\u00f6chst n\u00fctzlich, denn <em>wer sich selbst kennt, kennt seinen Herrn<\/em>. Wenn der innereigene Gott erwacht, gebraucht er das Navigationsinstrument. Die himmlischen Sph\u00e4ren werden gelesen, ihre Kr\u00e4fte flie\u00dfen transformierend in den irdischen Lebensweg ein. <em>Den Himmel lesen<\/em> bedeutet dann: den eigenen Standpunkt auf Erden neu erkennen; die Energien, in deren Schnittpunkt man steht, verstehen und ohne Widerstand zum Erwachen n\u00fctzen.<\/p>\n<h3>Zerst\u00f6rung, Wandlung, Neusch\u00f6pfung<\/h3>\n<p>Kennen Sie die Theorie von der Eigenschwingung? Jeder Gegenstand hat eine Eigenfrequenz. Br\u00fccken, \u00fcber die Soldaten in einem bestimmten Rhythmus gehen; Gl\u00e4ser, die angesungen werden: beide zerbrechen. Wird ein Gegenstand in seiner Eigenfrequenz angeregt, kann seine Schwingung so stark werden, dass er zerst\u00f6rt wird. Das nennt man <em>Resonanzkatastrophe<\/em>. Ist es Tod, ist es Befreiung des Wesentlichen?<\/p>\n<p>Die paracelsische Medizin geht davon aus, dass die heilende Essenz aus einer Pflanze nur gewonnen werden kann, wenn die irdische, die erste Form durch Verwesung stirbt. Das Gute bzw. Geistige und B\u00f6se bzw. Materielle k\u00f6nnen dann voneinander geschieden und das Heilsame kann extrahiert werden. Das <em>erste Leben<\/em>, in dem Gut und B\u00f6se untrennbar vermischt sind, so schreibt Paracelsus in seinem <em>Opus Paramirum<\/em>, muss sterben, damit eine Wiedergeburt geschehen kann, in der die <em>geheimen Wahrheiten und Heilkr\u00e4fte<\/em> zu Tage treten. So wird die Verwesung als ein notwendiger Prozess im Kreislauf des Lebens erkennbar, der die Reinheit und die hilfreichen Eigenschaften aus der Zersetzung herausfiltert.<\/p>\n<p>Paracelsus spricht auch beim Menschen von der Extraktion der Quintessenz \u2013 seiner reinsten, g\u00f6ttlichen Essenz. Diese geschieht nicht nur im physischen Tod, bei dem die Quintessenz die n\u00e4chste Inkarnation vorzubereiten hilft. Als Alchemist kennt Paracelsus den <em>Tod im Leben, <\/em>der durch bewusste Arbeit an sich selbst bereits zu Lebzeiten die innereigene Quintessenz zu befreien vermag.<\/p>\n<p>Dieser Gedanke kann be\u00e4ngstigend oder befl\u00fcgelnd sein, wenn man die Harmonie mit dem Ursprung sucht und auf diesem Weg mit dem mystischen Tod als einer tiefgehenden Transformation konfrontiert wird. Das Bild kl\u00e4rt sich, wenn man den genannten Transformationsprozess aus der Perspektive der Identit\u00e4ten zu sehen lernt, die der Mensch annehmen kann, vom (sterblichen) Individuum hin zum All-Einen, gar zu einem Ursprung, der weder Sein noch Nichtsein ist. Unser Problem bleibt die Schale unserer Identit\u00e4t, die sich \u00f6ffnet oder zerbricht.<\/p>\n<p>Lassen wir alles zur\u00fcck, wenn wir den Weg zu h\u00f6heren Zust\u00e4nden gehen und dabei die alte Schale preisgeben? Eine Facette der Antwort ist: Wir feiern Abschied und brechen auf. Das, was war und uns den Aufbruch erm\u00f6glichte, ist tats\u00e4chlich als Essenz innerlich erkennbar geworden, es ist eine heilsame Medizin, die durch Abschied und Aufbruch zu wirklichem Besitz geworden ist. Denken Sie an etwas, das sich als Erfahrung so tief in Ihnen verankert hat, dass Sie es nie mehr verlieren k\u00f6nnen: Die Zeit des Erlebnisses mag fern, seltsam und fremd erscheinen, doch die Essenz ist frisch und gegenw\u00e4rtig, weil sie aus einer vollendeten Erfahrung stammt.<\/p>\n<h3>Gef\u00e4\u00dfe<\/h3>\n<p>Wir Menschen gleichen Gef\u00e4\u00dfen, die in feineren Gef\u00e4\u00dfen stecken. In allen schwingt eine lebensspendende Energie, feiner oder gr\u00f6ber. Das jeweils feinere Gef\u00e4\u00df ist der Lebensspender und Formgeber des gr\u00f6beren. Vielleicht \u00fcbersetzt sich in uns der Urklang schon in eine ganze Sinfonie. Unser Seelenleben ist sehr konkret und ausdifferenziert, es ist die Summe vieler Leben. Kein anderer Mensch kann den Klang hervorbringen, der in uns schwingt. Jedoch welch einen gr\u00f6\u00dferen Reichtum k\u00f6nnen wir erleben und in uns verk\u00f6rpern, wenn wir uns in eine kosmische Sinfonie einzugliedern wissen.<\/p>\n<p>In uns spielt nicht immer die Sinfonie. \u00c4ngste, Begierden und Konflikte zerst\u00f6ren den Wohlklang. Sie zeigen jedoch auch, dass wir auf der Suche nach \u00dcbereinstimmung mit dem gr\u00f6\u00dferen Gef\u00e4\u00df sind, nach mehr Weite \u2013 eine Suche, die wir als Iche im begrenzten Stoff nicht zur Erf\u00fcllung bringen k\u00f6nnen. Hier geht es nicht nur darum, in einen h\u00f6heren Schwingungszustand einzutreten, sondern auch, eine neue Identit\u00e4t zu finden, die nicht mehr um das Eigene, den Wirkungskreis, den Besitz, um Sicherheit und Selbsterhaltung k\u00e4mpft, weil sie das sogenannte Eigene im alten Sinne nicht mehr sucht. K\u00f6nnen wir unser Wesen weiten, so dass anstelle des Zusammenpralls einander entgegen gerichteter Energien Resonanzen entstehen? Hier kann eine innere Alchemie beginnen, die aus der Asche der Vergeblichkeiten eine neue Geburt hervorbringt. Die Seelen nehmen die Erfahrung des In-sich-Abgeschlossen-Seins mit auf die Reise zu einer anderen Art des individuellen Seins. Erst suchten wir das Meer im Tropfen zu bergen, dann entdecken wir, dass wir das Meer sind. Ganz am Anfang schon ber\u00fchrt es uns.<\/p>\n<p>Immer erzeugt das schwingende Gef\u00e4\u00df den Klang. Was \u00e4ndert sich auf dem Weg, vielleicht sogar von Anfang an? Die Grenze zwischen uns und \u201eallem anderen\u201c verliert ihre angstbesetzte Starrheit, sie muss nicht mehr Bollwerk oder Waffe sein, sie wird vielmehr zu einem geschmeidigen Mittel der Verbindung, des Austauschs. Wir k\u00f6nnen auf die anderen lauschen, reagieren auf ihren Klang. Und die anderen antworten auf uns. Ein riesiges Orchester, das gemeinsam improvisiert und Klangwelten erobert.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zu den umfassenderen Gef\u00e4\u00dfen liegt immer wieder Stille. Wenn die Rastlosigkeit, der Streit, das Suchen und Denken aufh\u00f6ren, entsteht f\u00fcr Momente ein Raum der Stille. Da wird nicht gleich etwas anderes h\u00f6rbar. Dennoch hat diese Stille Eigenschaften. Sie ist sch\u00f6pferisch, sie ist einend, nach innen wie nach au\u00dfen. Sie bringt in uns andere Bewegtheiten hervor, ein anderes H\u00f6ren, Sehen, Handeln, Begegnen. Das Individuum (post-)moderner Pr\u00e4gung ist durch das Nadel\u00f6hr seiner Selbstfindungsprojekte und seiner Abgrenzung hindurchgegangen und hat alles dem noch unbekannten, gr\u00f6\u00dferen Raum anheimgegeben. Es lauscht nach seinem wahren Selbst und findet eine tiefliegende Str\u00f6mung, der es folgen kann. Verwandlung!<\/p>\n<p>F\u00fcr uns als Irdische bleibt das, was uns da begegnet, im Verborgenen. Unsere Zentralperspektive kann das Wesen des All-Ganzen nicht fassen, aber es lernt, mit ihm mitzuschwingen.<em> D<\/em><em>er Mensch ist das Geheimnis Gottes. Gott ist das Geheimnis des Menschen.<\/em> So sagt es Abd al Qadr al Jilani, der Sufi aus dem 12. Jahrhundert. Gott verbirgt sich hinter vielen Schleiern, hinter unz\u00e4hligen Bewusstseins- und Schwingungszust\u00e4nden. Und zugleich ist er sie alle. Rumi wiederum spricht seinen Lesern mit diesen Worten Mut zu: <em>H\u00f6r auf, so klein zu sein. Du bist das Universum in ekstatischer Bewegung. <\/em><\/p>\n<p>Ich frage mich manchmal, was der Sinn dieses meines physischen Gef\u00e4\u00dfes ist, das ohne Grenzen nicht denkbar ist. Welche Seinsweisen, welche Erfahrungen sind nur hier m\u00f6glich? Vielleicht mussten wir den Weg der Selbstfindung bis zu dieser Grenze gehen, wo das Sich-Definieren (als tats\u00e4chliche Begrenzung) m\u00f6glich ist, damit wir von hier aus zum Unbegrenzten aufbrechen k\u00f6nnen. Dennoch bin ich \u00fcberzeugt, dass auch in der physischen Form der Urklang wieder schwingen kann, wenn wir uns selbst loslassen, wenn wir es wagen, vom Festumrissenen mit seiner dunklen, suchenden Mitte zum rein klingenden Instrument und zum Weg zu werden. Dann wird alles Konkrete, was sich durch unser Leben zeigen kann, zur Facette des Gottes in uns.<\/p>\n<blockquote><p><em>Die Leere macht das Instrument brauchbar.<\/em><br \/>\nLao Tse, Tao Te King, Kapitel 11<\/p><\/blockquote>\n<p>PS Dieser Article geh\u00f6rt zu einer Reihe von Texten \u00fcber das Thema <a href=\"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/logon-magazin-wort-und-klang\/\">&#8222;Die Magie von Wort und Klang&#8220;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":121189,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-120951","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/120951","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/121189"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=120951"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=120951"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=120951"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=120951"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}