{"id":116356,"date":"2026-05-26T06:00:52","date_gmt":"2026-05-26T06:00:52","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=116356"},"modified":"2026-05-25T20:37:38","modified_gmt":"2026-05-25T20:37:38","slug":"zu-traenen-geruehrt-die-erschuetternde-schoenheit-des-uneindeutigen","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/zu-traenen-geruehrt-die-erschuetternde-schoenheit-des-uneindeutigen\/","title":{"rendered":"Zu Tr\u00e4nen ger\u00fchrt: Die ersch\u00fctternde Sch\u00f6nheit des Uneindeutigen"},"content":{"rendered":"<p><em>Hierin k\u00f6nnte die Magie liegen: in dem absichtslosen und dabei unwiderstehlichen Drang, zu erschaffen. Der K\u00fcnstler hat den Schritt ins Leere getan. <\/em><\/p>\n<p><em><!--more--><\/em><\/p>\n<p><em>Er hat sich diese Freiheit erk\u00e4mpft, und wenn er davon Zeugnis ablegt, entsteht eine Sch\u00f6nheit, die nicht absolut, perfekt, vollkommen oder endg\u00fcltig ist, sondern beunruhigend, fremd, fragend.<\/em><\/p>\n<p>In der Natur k\u00f6nnen wir gr\u00f6\u00dfte Sch\u00f6nheit erleben, aber hier geht es um menschliches Schaffen, Kultur. Und damit auch um das Unvollkommene; vor allem um das Unvollkommene.<\/p>\n<p>Es gibt dieses Streben nach Perfektion in der Kunst, und daraus gehen Werke hervor, die ausgewogen, harmonisch, aussagestark, g\u00fcltig, zeitlos, erhebend, bewegend, erhellend und so stark und fest sind wie der Stein, aus dem viele davon gemacht wurden. Form und Inhalt sind da in ein gutes Verh\u00e4ltnis zueinander gebracht, und der K\u00fcnstler zeigt nicht nur ein tiefes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Technik, sondern auch ein geistiges Durchdringen, sowohl des jeweiligen Sujets, als auch des ganzen Menschseins.<\/p>\n<h3><strong>Piero della Francesca<\/strong><\/h3>\n<p>Als ich zum ersten Mal Reproduktionen der Fresken Piero della Francescas<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> sah, war ich tief ersch\u00fcttert. Das war zu einer Zeit, als ich bereits angefangen hatte, mich professionell mit Gestaltung zu besch\u00e4ftigen, und nat\u00fcrlich kannte ich Werke der Fr\u00fchrenaissance. Botticelli war f\u00fcr uns einer der ersten \u201evollkommenen\u201c Maler, einer, der Form und Inhalt, Technik und Emotion im Griff hatte.<\/p>\n<p>Aber was war bei diesem nur 20 oder 25 Jahre \u00e4lteren Piero los? Etwas stimmte nicht. Menschenbilder, offensichtlich nach lebenden Modellen gestaltet, stehen und sitzen in R\u00e4umen und Landschaften, die konstruiert aussehen und es auch sind. Die Farben haben einen seltsamen Glanz, als leuchteten die Stoffe von innen. Licht und Schatten sind gesetzt und sind stimmig, aber sie sind nicht lebendig, nicht nat\u00fcrlich, als sei das toskanische Licht eingefroren. Am st\u00e4rksten faszinierten mich die Gesichter der Dargestellten. Sie blicken mit einer unheimlichen Ruhe aus dem Bildraum auf den Betrachter, man glaubt sich aus einer anderen Welt heraus durchschaut und angesehen in seinem Lebenskampf. Den haben diese Gestalten schon hinter sich, sie erf\u00fcllen ihr Schicksal, so scheint es.<\/p>\n<p>Diese Bilder sind es, die mich tief innen ersch\u00fcttern. Was unterscheidet sie von der anderen Renaissancekunst, die ich sch\u00e4tze und liebe? Ich habe bis zu diesem Augenblick das Geheimnis nicht gel\u00f6st.<\/p>\n<h3><strong>Cy Twombly<\/strong><\/h3>\n<p>Man kann in M\u00fcnchen in einen kubischen Museumsbau gehen, der hinter seiner elaboriert vielfarbigen Fassade ein \u00e4hnliches und ganz anderes Geheimnis birgt, eines, das mir heute n\u00e4her ist. Der Besucher wird im oberen Geschoss normalerweise am Ende der breiten Eichentreppe umdrehen und den \u201eLepanto\u201c-Saal aufsuchen.<\/p>\n<p>Hier h\u00e4ngen an einer U-f\u00f6rmig um den Besucher gekr\u00fcmmten Wand in einem hohen Raum 12 gro\u00dfe Leinw\u00e4nde, auf die jemand mit einem langen Pinsel wilde Zeichen geschrieben hat.<\/p>\n<p>Die Farben sind kontrastreich: ein lichtes, w\u00e4ssriges Blaugr\u00fcn, ein Rot zwischen Bl\u00fcten und Blut, ein blasses, etwas \u00e4tzendes Gelb. \u00dcberall sieht man die Spuren von Farbtr\u00e4nen, die \u00fcber die Leinwand nach unten gelaufen sind, sie beginnen an w\u00fctend oder jedenfalls schnell hingeklatschten Formen, die an Augen erinnern, oder an Schiffe. Manche der Bilder tragen nur Farbflecken, wie Einschl\u00e4ge oder mehrfarbige Wunden auf der Bildfl\u00e4che, auch hier ist die Farbe von der Stelle ihres Aufkommens auf der Leinwand bis zum unteren Bildrand hinuntergelaufen und hat eine Vielzahl von parallelen Spuren hinterlassen. Es ist gewaltt\u00e4tig, es ist wild. Es ist zugleich erhaben. Ist es sch\u00f6n?<\/p>\n<p>Im Betrachter, so jedenfalls erlebe ich es, beginnt das Bewusstsein zwischen unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen zu flackern.<\/p>\n<p>Man wei\u00df, dass hier die Seeschlacht von Lepanto gemeint ist und versucht auf einer Ebene unweigerlich, die Bilder zu decodieren: Das hier sieht aus wie eine Flotte von Schiffen von oben; das hier k\u00f6nnten die Einschl\u00e4ge von Kanonen sein; sind dies hier die geschlossenen Augen der Gestorbenen, die im Wasser treiben?<\/p>\n<p>Zugleich nimmt man die Farben und Kontraste wahr. Sie sind tats\u00e4chlich sch\u00f6n, es ist ein Licht in diesen Bildern, eine Tiefe auch, die faszinierend ist. Von der Ferne sind es wirklich Seest\u00fccke in einem fast klassischen Sinne. Aus der N\u00e4he sieht man die lasierenden Farbschichten auf der Textur der Leinwand, die Farbknoten und Farbpunkte, und man fragt sich einfach, warum das so sch\u00f6n aussieht und was diese Sch\u00f6nheit mit dem Thema zu tun hat.<\/p>\n<p>Eine dritte Ebene analysiert das ganze Setting: Ein millionenteures Geb\u00e4ude mit einem Saal nur f\u00fcr diese Bilder, in bester Architektur und edelsten Materialien ausgef\u00fchrt: Ist das angemessen? Letztlich sind das vielleicht keine Kunstwerke, sondern nur die Ergebnisse eines Gestaltungsaktes \u2013 von jemandem, der zwar das Handwerkszeug eines Malers benutzt, aber dessen Technik nicht verwendet, m\u00f6glicherweise gar nicht beherrscht?<\/p>\n<p>Cy Twombly<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>: Schmierereien, Kindergekritzel, Sgraffitti (wie in Bed\u00fcrfnisanstalten). Scharlatan, Opportunist, Gesch\u00e4ftemacher. \u00dcber abstrakten Expressionismus bekommt man so manches zu lesen und zu h\u00f6ren, und gerade Twombly wird gern als Paradebeispiel genannt f\u00fcr einen Kunstmarkt, auf dem f\u00fcr das Gekritzel von Nichtsk\u00f6nnern absurde Millionenpreise gezahlt werden.<\/p>\n<p>Und gerade dieses Wort vom \u201eNichtsk\u00f6nner\u201c k\u00f6nnte uns dem nahe bringen, was Twombly sein Leben lang versucht hat. Sein ganzes Werk bezieht seine Kraft aus der Spannung zwischen zwei Polen: Einerseits der vollkommen individuelle, nichts und niemandem verpflichtete Gestaltungsakt, das \u201eVerlernen\u201c von K\u00f6nnerschaft, die Aufgabe \u2013 ja sogar Ablehnung \u2013 der Kontrolle \u00fcber das Bildgeschehen; andererseits der Wille, die innere Notwendigkeit vielleicht, etwas \u00dcberpers\u00f6nliches, etwas \u2013 nennen wir es so \u2013 Legend\u00e4res zu schaffen. Die Pers\u00f6nlichkeit Twombly ist ungreifbar. Wo er \u00f6ffentlich sichtbar wird, inszeniert er sich. Seine Themen entnimmt er den klassischen Mythen. Der Malakt ist bei ihm keine reflektierte, \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume geplante Gestaltungshandlung, sondern die L\u00f6sung einer zuvor gezielt aufgebauten und erlebten Spannung, wie wenn man ein Federwerk immer weiter aufzieht, das dann pl\u00f6tzlich aus seinem Geh\u00e4use springt und die gesammelte Energie freigibt.<\/p>\n<p>Das Ergebnis ist kognitiv nicht erfassbar.<\/p>\n<p>Der Lepanto-Saal bildet ein Ende des Geb\u00e4udes. In der Mitte des Grundrisses findet der Besucher etwas anderes. Wenn man diesen Raum betritt, und das vielleicht mit einer kleinen Gruppe von Menschen, die dem Symbol der Rose eine besondere Bedeutung zumessen, dann geschieht so etwas wie ein Wunder. Der Rosensaal hat nur Oberlicht, und so scheint er aus sich selbst zu leuchten. Alle W\u00e4nde tragen riesige Leinw\u00e4nde mit Reihen von stilisierten Rosenbl\u00fcten in verschiedenen Farben. Die Atmosph\u00e4re vibriert. <strong>\u00a0<\/strong>Man sieht, dass auf die Leinw\u00e4nde Verse gekritzelt sind, Rosenverse, und sogleich hat man das Gef\u00fchl, diese Verse m\u00fcssten dringlich, sofort und unbedingt laut rezitiert, gesungen, vorgetragen werden. Beim ersten Mal war das eine fast k\u00f6rperliche Erfahrung, dem Drang zu rezitieren folgte das Bed\u00fcrfnis, zu tanzen. Man m\u00f6chte sich in diesem Raum aufl\u00f6sen. Es ist ein ersch\u00fctterndes Erlebnis von Sch\u00f6nheit.<\/p>\n<p>Zugleich sind diese Bilder nicht sch\u00f6n. Eine der kurzen W\u00e4nde tr\u00e4gt zum Beispiel eine Reihe von vier roten Rosen, aber die vierte hat einen \u201eGeist\u201c in einem \u00e4tzenden Gr\u00fcn, ein Zitterbild, das sie \u00fcberlagert. Man wei\u00df nicht, ob man dar\u00fcber lachen oder weinen soll. Es ist falsch, sagt der Verstand und zugleich hat es genau deshalb eine poetische Qualit\u00e4t, die sich nicht erkl\u00e4ren l\u00e4sst. Die unz\u00e4hligen Rosen in diesem Raum stellen dem Betrachter Fragen, nein, sie stellen den Betrachter vor seine eigenen Fragen. Die gekritzelten Verse, von Rilke oder Bachmann, tragen nichts dazu bei, diese Fragen zu beantworten; sie liefern nur eine diffuse Dimension der Erhabenheit. Und erhaben sind diese Bilder in ihrer ganzen Kunstlosigkeit unbedingt.<\/p>\n<p>Keine noch so sch\u00f6n gemalte Abbildung einer Rose k\u00f6nnte diese Kraft entfalten. Kein noch so klug mit Symbolgehalt aufgeladenes Gem\u00e4lde k\u00f6nnte den Betrachter so bewegen. Twombly war 80, als er diese 3 Meter hohen und 10 Meter langen Fl\u00e4chen mittels gro\u00dfer, an lange Stangen gebundener Pinsel bemalte. Man kann sich das als Kraftakt vorstellen, tats\u00e4chlich als den letzten derartigen, den der Maler vollbrachte. Und dass wir hier eine Art Verm\u00e4chtnis sehen, darauf weist auch hin, dass diese Werkserie gezielt f\u00fcr diesen Raum geschaffen und dem Museum geschenkt wurde. Das ist Hintergrundwissen \u2013 aber das Erlebnis, das hat man, oder man hat es nicht.<br \/>\n\u201eWenn ihr&#8217;s nicht f\u00fchlt, ihr werdet&#8217;s nicht erjagen.\u201c<\/p>\n<p>Warum sind es gerade diese Bilder, die mich so erreichen? Warum gibt es Menschen, die den Rosensaal wie einen Tempel betreten und kaum wieder verlassen wollen \u2013 w\u00e4hrend andere dort nichts empfinden, oder sogar \u00c4rger und Entt\u00e4uschung? Was hat Piero damit zu tun? Warum kann das Uneindeutige, das Ungen\u00fcgende, das Unvollkommene uns so ersch\u00fcttern?<\/p>\n<p>Wenn der K\u00fcnstler es schafft, hinter seinem Werk zu verschwinden, dann geschieht etwas\u00a0 von h\u00f6herer Bedeutung. Der individuelle Ausdruck, etwas, wonach die westliche Kunst sp\u00e4testens seit der Renaissance sucht, spielt nun keine Rolle. Die Motivation, etwas zu erschaffen, liegt au\u00dferhalb der Pers\u00f6nlichkeit. Mehr noch: Die Pers\u00f6nlichkeit verschwindet im Akt des Schaffens, im Ausdruck von etwas Allgemeinem, sie opfert sich, ohne zu wissen, wof\u00fcr. Das ist automatisch ein spiritueller Prozess, auch wenn er so nicht intendiert ist. Hier k\u00f6nnte die Magie liegen: in dem absichtslosen und dabei unwiderstehlichen Drang, zu erschaffen. Der K\u00fcnstler hat den Schritt ins Leere getan, den ich selbst erst noch vor mir habe. Er hat sich diese Freiheit erk\u00e4mpft, und wenn er davon Zeugnis ablegt, entsteht eine Sch\u00f6nheit, die nicht absolut, perfekt, vollkommen oder endg\u00fcltig ist, sondern beunruhigend, fremd, fragend.<\/p>\n<p>Sich aber von dieser Art von Sch\u00f6nheit ergreifen zu lassen, gleich wo sie einem begegnet, das k\u00f6nnte ein Schl\u00fcssel zu Sinn sein.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Piero della Francesca (eigentlich Pietro di Benedetto dei Franceschi, auch Pietro Borghese); geb. um 1410\u20131420 in Borgo San Sepolcro, begraben am 12. Oktober 1492 ebenda, war ein italienischer Maler der Fr\u00fchrenaissance, Kunsttheoretiker und Mathematiker.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Cy Twombly; eigentlich: Edwin Parker Twombly Jr., geb. 25. April 1928 in Lexington, Virginia, gest. 5. Juli 2011 in Rom, Italien), war ein US-amerikanischer Maler, Fotograf und Objektk\u00fcnstler. Er z\u00e4hlt zu den wichtigsten Vertretern des abstrakten Expressionismus.<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":116421,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-116356","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/116356","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/116421"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=116356"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=116356"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=116356"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=116356"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}