{"id":116323,"date":"2025-06-29T06:00:46","date_gmt":"2025-06-29T06:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=116323"},"modified":"2025-07-02T20:29:57","modified_gmt":"2025-07-02T20:29:57","slug":"den-schrei-der-existenz-in-eine-sinfonie-verwandeln","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/den-schrei-der-existenz-in-eine-sinfonie-verwandeln\/","title":{"rendered":"Den Schrei der Existenz in eine Sinfonie verwandeln"},"content":{"rendered":"<p>Sch\u00f6nheit ist f\u00fcr mich etwas, was sich aus der k\u00fcnstlerischen Arbeit heraus destilliert als eine wirksame Kraft.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe title=\"Spotify Embed: Den Schrei der Existenz in eine Sinfonie verwandeln\" style=\"border-radius: 12px\" width=\"100%\" height=\"152\" frameborder=\"0\" allowfullscreen allow=\"autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed\/episode\/4FcoYxK6gmDmvdoLelyIff?si=MJOEPBGRQy-i9TNeT_ASdg&amp;utm_source=oembed\"><\/iframe><\/p>\n<p>Sie ist f\u00fcr mich kein Begriff, den ich auf bestimmte Objekte oder Kunstgegenst\u00e4nde anwende. Ich sehe sie als eine Ausdrucksform von Stimmigkeit, in der gegens\u00e4tzlichste Kr\u00e4fte, die die Tendenz haben, auseinanderzubrechen oder sich zu befeinden, miteinander zusammenwirken, zusammenspielen.<\/p>\n<p>Isabel Lehnen (LOGON) interviewt den K\u00fcnstler Alfred Bast (Abtsgm\u00fcnd\/Hohenstadt und Berlin)<\/p>\n<p>I.L.\u00a0 Lieber Alfred Bast, ich danke dir, dass du dich zu diesem Gespr\u00e4ch bereit erkl\u00e4rt hast. Wir wollen versuchen, uns dem Geheimnis der Sch\u00f6nheit zu n\u00e4hern. Das Thema Sch\u00f6nheit hat die Menschheit von alters her besch\u00e4ftigt. Heutzutage treibt es merkw\u00fcrdige Bl\u00fcten: Ich denke an die Kosmetik-Industrie, die Sch\u00f6nheitskliniken, \u00fcberhaupt die Obsession mit der Sch\u00f6nheit. Die Influencerinnen in den sozialen Medien verdienen enorme Gelder. Auch im modernen Kunstbetrieb gibt es erstaunliche Entwicklungen. Vor einiger Zeit las ich in der Zeitung, dass eine Kunstinstallation f\u00fcr 6,2 Mio Dollar verkauft wurde, die lediglich aus einer mit Klebeband an die Wand geklebten Banane bestand. Du hattest mal gesagt, dass du dich seit langem mit dem R\u00e4tsel der Sch\u00f6nheit befasst. Was ist f\u00fcr dich als freischaffender K\u00fcnstler Sch\u00f6nheit?<\/p>\n<p>A.B.\u00a0 Sch\u00f6nheit ist f\u00fcr mich etwas, was sich aus der k\u00fcnstlerischen Arbeit heraus destilliert als eine wirksame Kraft. Sie ist f\u00fcr mich kein Begriff, den ich auf bestimmte Objekte oder Kunstgegenst\u00e4nde anwende. Ich sehe sie als eine Ausdrucksform von Stimmigkeit, in der gegens\u00e4tzlichste Kr\u00e4fte, die die Tendenz haben, auseinanderzubrechen oder sich zu befeinden, miteinander vereinbaren zusammenzuwirken, zusammenzuspielen. Sch\u00f6nheit ist f\u00fcr mich die Kraft, die den Schrei der Existenz in eine Sinfonie zu verwandeln versteht, und das ist f\u00fcr mich auch der Kern der Kunst.<\/p>\n<h3><strong>Sch\u00f6nheit im H\u00e4sslichen, Sch\u00f6nheit im Schrecklichen<\/strong><\/h3>\n<p>I.L.\u00a0 Du sprichst von den gegens\u00e4tzlichen Kr\u00e4ften. Es f\u00e4llt einem ja auf, dass \u2013 sp\u00e4testens seit den beiden Weltkriegen \u2013 in der Kunst die Darstellung von Sch\u00f6nheit verp\u00f6nt ist. Das Gef\u00fchl trat auf, dass im Angesicht von so viel Zerst\u00f6rung und Gewalt die Darstellung von Sch\u00f6nheit nicht mehr m\u00f6glich ist. Unl\u00e4ngst habe ich mir eine tolle Ausstellung \u00fcber Surrealismus in M\u00fcnchen angeschaut. Dort war sehr viel Monstr\u00f6ses zu sehen, grotesk Verzerrtes, die Aufl\u00f6sung von Formen. Geh\u00f6ren das H\u00e4ssliche und das Sch\u00f6ne eventuell auf einer h\u00f6heren Ebene zusammen, so wie Licht und Dunkel? Es gibt ja auch den Ausspruch im Tao te King \u201eWenn auf Erden alle das Sch\u00f6ne erkennen, so ist dadurch schon das H\u00e4ssliche gesetzt.\u201c<\/p>\n<p>A.B.\u00a0 \u00dcberall wird das H\u00e4ssliche auch als Schatten, als Qualit\u00e4t des Sch\u00f6nen mit gedacht. Davor habe ich gro\u00dfe Achtung. Ich w\u00fcrde gern noch eine andere Unterscheidung einbringen, n\u00e4mlich die zwischen dem Sch\u00f6nen und dem Schrecklichen. Es gibt in den Duineser Elegien den wunderbaren Ausspruch Rilkes: \u201eDas Sch\u00f6ne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschm\u00e4ht, uns zu zerst\u00f6ren.\u201c Die Begriffe des Schrecklichen und des H\u00e4sslichen scheinen hier in eine N\u00e4he zueinander zu kommen. Aber es besteht doch ein gro\u00dfer Unterschied zwischen ihnen. \u201eJeder Engel ist schrecklich\u201c, hei\u00dft es bei Rilke weiter. Dazu kann jeder \u201eja\u201c sagen, weil es eine Dimension ist, die \u00fcber unser Fassungsverm\u00f6gen hinausgeht. Das zwingt uns zu einer \u00dcbersteigerung und darin liegt ein Schreck. Aber der Schreck ist nicht zwangsl\u00e4ufig h\u00e4sslich. Wenn man sagen w\u00fcrde: \u201eJeder Engel ist h\u00e4sslich\u201c, w\u00e4re sofort klar, dass das nicht stimmt. Das Schreckliche ist auch das Sch\u00f6ne, nur eben in einer Dimension, die \u00fcber unser Fassungsverm\u00f6gen hinausreicht. Wir werden von der Sch\u00f6nheit schockiert, wenn wir uns ihrem Kern n\u00e4hern. Sie ist eine gro\u00dfe Macht. Und weil das so ist, wird sie verzweckt, wird sie in den Bann genommen, versklavt f\u00fcr unsch\u00f6ne Zwecke, auch f\u00fcr l\u00fcgenhafte, fragw\u00fcrdige Absichten. Dann wird sie zur Maske, zur sch\u00f6nen Maske, zur L\u00fcge.<\/p>\n<p>Und jetzt beginnt das Problem, auch in der modernen Kunst: Wenn die Wahrheit erkennt, dass die Sch\u00f6nheit als Maske daherkommt, die sich \u00fcber die Heuchelei geschminkt hat, dann zerst\u00f6rt sie diese Maske; und diese Zerst\u00f6rung als Vorgang ist h\u00e4sslich. Darunter erscheint aber nicht automatisch die Wahrheit. Nur wenn darunter bereits etwas neu gereift ist, wie bei einem Ei, das aufgebrochen wird, wenn also eine neue Qualit\u00e4t der Sch\u00f6nheit zutage treten kann, eine neue Kraft der Harmonie und der Ganzheit, dann ist dieser Moment des H\u00e4sslichen, der Zerst\u00f6rung, ein positiver \u00dcbergang. Das H\u00e4ssliche dient dann dazu, dass sich unsere Wahrnehmung weiter entwickelt und eine neue Stufe erreicht. Es ist dann als Zerst\u00f6rungselement innerhalb der Sch\u00f6nheit ein integrierender Bestandteil.<\/p>\n<p>Es gibt in der bildenden Kunst den wunderbaren Satz von Paul Klee: \u201eDie Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.\u201c Klee wehrte sich mit dieser Aussage gegen eine naturalistische Dogmatik, die jede Art von Experiment tabuisierte und ausgrenzte. Klee wollte einen Durchbruch zu Neuem herbeif\u00fchren. Im Nationalsozialismus und Kommunismus stellte man die Natur mit einer ins Pathetische gesteigerten Sch\u00f6nheit dar, bis ins Kitschige hinein. Durch diese Verzerrungen wurde nach dem 2. Weltkrieg die Idee des Sch\u00f6nen in Frage gestellt und zu Recht dekonstruiert. Nur \u2013 wenn nichts Neues entsteht, eine neue \u00c4sthetik, eine neue Kraft, eine neue Qualit\u00e4t, dann fehlt den Menschen die Nahrung, die die Sch\u00f6nheit vermittelt, eben auch als schockierende Begegnung mit etwas Gr\u00f6\u00dferem, als Begegnung mit einem \u201eEngel\u201c.<\/p>\n<p>In der modernen Kunst hat sich das H\u00e4ssliche selbst zum Dogma entwickelt. Es verfolgt das Sch\u00f6ne wie eine Verfehlung. Jedem Versuch eines K\u00fcnstlers, etwas sch\u00f6n zu gestalten, wird der Verdacht untergeschoben, er w\u00fcrde die Realit\u00e4t nicht wahrnehmen, er sei nicht in der Lage, dem Leben ins Auge zu schauen, er habe eine rosarote Brille auf. Der Sch\u00f6nheit wird dadurch ihre Macht entzogen. Allerdings ist dies nur scheinbar so. In Wirklichkeit verlagert sie nur ihren Schauplatz. Denken wir an die sch\u00f6nen Autos, die sch\u00f6nen Wohnungen, den Sch\u00f6nheitskult in der Werbung. Die provokanten Installationen finden oft in edelsten Museumsarchitekturen von sch\u00f6nster \u00c4sthetik statt. Der Kontrast zum H\u00e4sslichen wird hier besonders deutlich.<\/p>\n<p>Ich respektiere diesen Aufbruch, doch er tendiert dazu, selbst dogmatisch zu werden und das Prinzip umzukehren und zu sagen: Das wirklich Sch\u00f6ne ist h\u00e4sslich.<\/p>\n<p>Wenn man zum Beispiel Bilder von Hieronymus Bosch (aus dem 15.\/16. Jahrhundert) anschaut, ist das H\u00e4ssliche unglaublich sch\u00f6n gemalt, fantastisch dargestellt, und es hat immer eine ungeheure Attraktion. In seinen Triptychen ist die H\u00f6lle immer viel attraktiver als der Himmel. Aus dem einfachen Grund, weil sie uns sehr viel n\u00e4her ist. Der Himmel ist weit entfernt. Man stellt ihn sich langweilig vor, was nat\u00fcrlich Unsinn ist, denn er ist voller Dynamik, aber das ist schwer darzustellen. Hier zeigt uns das Mysterium der Sch\u00f6nheit unsere Grenzen auf.<\/p>\n<h3>Was die Natur uns lehrt<\/h3>\n<p>I.L.\u00a0 Du hast dich ja als K\u00fcnstler zuerst mit den gesetzm\u00e4\u00dfigen Prozessen in der Natur besch\u00e4ftigt. Du hast mal ge\u00e4u\u00dfert: \u201eMeine Gurus sind das Vergissmeinnicht, der Apfelbaum und die Quitte.\u201c Dabei hast du betont, dass die Quitte durch die ganz nat\u00fcrlichen F\u00e4ulnis- und Verwesungsprozesse auch sehr h\u00e4ssliche Aspekte zum Vorschein bringen kann. Was kann uns die kontemplative Betrachtung der Natur lehren?<\/p>\n<p>A.B.\u00a0 Ich kann immer wieder feststellen: Die Natur ist nicht dogmatisch. Sie bringt die wundersch\u00f6nen Bl\u00fcten hervor, in denen immer auch die Gegens\u00e4tze, die komplement\u00e4ren Farbpaare enthalten sind. Ihr Ausdruck von Sch\u00f6nheit ist ein Ausdruck von Ganzheit. Die unterschiedlichen Teile sind so integriert, dass sie sich gegenseitig steigern. Das erzeugt Sch\u00f6nheit. Das l\u00e4sst sich bei einem G\u00e4nsebl\u00fcmchen beobachten und \u00fcberhaupt in all den \u201eHarmlosigkeiten\u201c in der Natur, die wir deshalb so harmlos finden, weil sie uns keine Angst machen. Alles, was uns keine Angst macht, die B\u00e4ume, die Bl\u00fcten und die Pflanzenwelt generell, geh\u00f6rt zu unseren Nahrungsquellen. Ohne sie k\u00f6nnten wir nicht existieren.<\/p>\n<p>Die Natur arbeitet nicht mit Spaltung im Sinne von Gut und B\u00f6se. Gut und B\u00f6se sind, aus meiner Sicht, Erfindungen des Menschen. Die Natur arbeitet in Wechselwirkungen zwischen Ja und Nein als gleichwertigen polaren Kr\u00e4ften. Und gerade in der Polarit\u00e4t der Gegens\u00e4tze l\u00e4sst sie die Einheit von allem erkennen. Wir jedoch haben uns, indem wir bestimmte Polarit\u00e4ten als Gut und B\u00f6se postulieren, Probleme geschaffen, die die Natur so nicht kennt. So jedenfalls erscheint es mir.<\/p>\n<p>Die Quitte ist erst mal Bl\u00fcte, dann fallen die Bl\u00fctenbl\u00e4tter ab, als w\u00e4ren sie wertlos, und dann entsteht langsam \u00fcber den Sommer hin dieses wunderbare goldgelbe Gebilde, dieser \u201everk\u00f6rperte Sommer\u201c, der als eine schwer gewordene Sch\u00f6nheit der Erde entgegenh\u00e4ngt. Im Fr\u00fchjahr sind die Bl\u00fcten lichtw\u00e4rts gerichtet, im Herbst h\u00e4ngt die schwere Frucht nach unten der Erde zu. Diese Bewegung vom Himmel zur Erde ist als Geste schon in Bl\u00fcte und Frucht enthalten. Wenn die Frucht reif ist, f\u00e4llt sie vom Baum. Weg ist sie, kein Drama, sie f\u00e4llt niemals aus dem Sein. Das m\u00fcssen wir uns klar machen. In der Natur f\u00e4llt nichts aus dem Sein. Wir Menschen wollen immer das B\u00f6se aus dem Sein werfen und meinen, wenn es besiegt ist, dann sei alles wieder wunderbar und gut. Aber das ist nicht die Sprache der Natur. Sie sagt uns: Es gibt das Sichtbare und es gibt das Unsichtbare. Es gibt die Energie, die ein Werden und ein Vergehen beinhaltet, ein Kommen und ein Verschwinden, so wie uns das ja auch in unserem Leben nat\u00fcrlich und selbstverst\u00e4ndlich ist. Der Tod ist Entformung und nicht Zerst\u00f6rung. Er ist ein Bestandteil des Lebens, aus dem wieder neues Leben und neue Gestalt entsteht. Der Tod ist keine Vernichtung. Deshalb erlebe ich, bei allem Respekt f\u00fcr die Kunstgeschichte, in der Natur die universellere Lehrmeisterin, an der ich mich orientiere, wie es \u00fcbrigens K\u00fcnstler zu allen Zeiten taten.<\/p>\n<p>I.L.\u00a0 Du hast vorhin den ber\u00fchmten Ausspruch von Paul Klee zitiert: \u201eDie Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.\u201c Es gab immer schon bedeutende K\u00fcnstler, die der Auffassung waren, dass es die Aufgabe der Kunst ist, das Unsichtbare in die Welt zu bringen, es sichtbar zu machen. Ich denke da an Caspar David Friedrich im 19. Jahrhundert, der ebenfalls sagte, man solle die Natur nicht einfach als eine Nachahmung abbilden.\u00a0 Andererseits denke ich an den Foto-Realismus in der amerikanischen Kunst der 60iger Jahre, wo man schon genau hinschauen muss, um zu bemerken, dass es sich nicht um ein Foto handelt, sondern um ein gemaltes Bild. F\u00fcr mich ist Kunst dort interessant, wo sie durch das Sichtbare hindurch, durch das schier Greifbare, auf eine andere Dimension verweist, die hinter dem Sichtbaren wirkt.<\/p>\n<h3>Das Sichtbare und das Unsichtbare<\/h3>\n<p>A.B.\u00a0 Ich verstehe dich gut. Wenn man den Unterschied zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren als einen Gegensatz wertet, ist er konstruiert. Einen solchen Gegensatz gibt es in Wirklichkeit nicht. \u00a0Ich m\u00f6chte dem Zitat von Paul Klee drei S\u00e4tze an die Seite stellen, nicht als Widerspruch, sondern als Erg\u00e4nzung. \u201eWenn du das Unsichtbare erkennen willst, musst du so tief wie m\u00f6glich in das Sichtbare eintauchen.\u201c Das ist ein Satz aus der Kabbala, der j\u00fcdischen Mystik. Er besagt, das Sichtbare selbst ist ein Mysterium, ein Geheimnis. Der Dichter Novalis erkl\u00e4rte: \u201eDas Sichtbare ist ein in den Geheimniszustand erhobenes Unsichtbares.\u201c Und Goethe postulierte: \u201eMan suche nichts hinter den Ph\u00e4nomenen, sie selbst sind die Botschaft.\u201c Und genau das ist f\u00fcr mich der Joker. Wenn ich mich darauf beschr\u00e4nke zu sagen: \u201eHier ist das Sichtbare\u201c, dann zeuge ich nur davon, dass ich selber zu blind bin, um das Sichtbare als Ausdruck des Unsichtbaren zu erkennen. Ich bin in meiner Gewohnheitsfalle gefangen. Das Gras auf der Wiese ist f\u00fcr mich einfach Gras, das gem\u00e4ht wird. Der L\u00f6wenzahn ist Unkraut, er ist f\u00fcr mich kein Wunder mehr. Das Sichtbare wird f\u00fcr mich allt\u00e4glich.<\/p>\n<p>Durch unsere Gewohnheiten verschlafen wir, dass das Sichtbare in der Natur, ob Gras, L\u00f6wenzahn, Ei oder etwas anderes, Ausdruck einer g\u00f6ttlichen Sprache ist. Wir f\u00fchlen uns stattdessen von Verzerrungen angezogen und meinen zum Bespiel, surrealistische oder abstrakte Bilder w\u00fcrden das Unsichtbare eher zeigen.<\/p>\n<p>Ich finde die Bilder des Surrealismus auch gut. Vielleicht k\u00f6nnen sie dazu beitragen, wie auch Fotografie, das Sehen des Sichtbaren selbst als einen Entdeckungsprozess in uns wieder zu aktivieren. Ich fotografiere auch gern. Aber das ist der Quick-Klick-Blick. Wenn ich male, verlangsamt sich das Sehen. Das begriffliche Deuten l\u00f6st sich auf. Das Sichtbare wird zum r\u00e4tselhaften Wunder. Was ist ein Ei? Was ist ein Apfel? Wer ist der Architekt eines Apfels? Wer macht das? Es sind doch dieselben Molek\u00fcle, die alles andere auch bilden, was wir sehen. Warum gibt es die verschiedenen Gestalten? Die Gestalt ist das gro\u00dfe R\u00e4tsel, das gro\u00dfe Geheimnis. Aus den gleichen Grundelementen werden ganz unterschiedliche Formen hervorgebracht. Deshalb ist das Sichtbare der Ausdruck des g\u00f6ttlichen Einen, des g\u00f6ttlichen Unsichtbaren in unendlicher Variation.<\/p>\n<p>Darin liegt die eigentliche Qualit\u00e4t von Maya. Maya ist nicht die T\u00e4uscherin, die sagt: Ich bin die Illusion, die euch den Gott vernebelt, der f\u00fcr euch im Unsichtbaren ist. Nein, wir sind sinnliche Wesen und kommunizieren \u00fcber die Sinne und nehmen \u00fcber sie wahr. Sie sind aus derselben Sch\u00f6pfungsquelle entstanden wie alles \u00dcbrige auch. Deshalb sind sie die Br\u00fccke, \u00fcber die wir das G\u00f6ttliche erkennen d\u00fcrfen, wenn wir hinschauen und uns nicht durch unsere Begriffe und Gewohnheiten blenden lassen. Es geht heute darum, das <em>Sichtbare <\/em>sichtbar zu machen. Darin sehe ich meine Aufgabe als K\u00fcnstler. Es geht darum, die Erblindung dem Wunder gegen\u00fcber aufzul\u00f6sen, diesen Grauen Star zu stechen und wirklich zu staunen \u00fcber das, was da ist, umsonst und frei und drau\u00dfen. \u00dcberall k\u00f6nnen wir die Sch\u00f6nheit erleben. Sie schenkt sich uns als Nahrung. Warum verschlie\u00dfen wir uns vor dem Gottesgeschenk? Es ist ein unglaubliches Geschehen, dem wir uns \u00f6ffnen k\u00f6nnen. Und das geht \u00fcber die Br\u00fccke des Sichtbaren. Wir d\u00fcrfen das Sichtbare nicht gleichsam in einer Folie wegpacken und sagen: \u201eDas ist Maya, die eigentliche Wahrheit ist im Unsichtbaren verborgen.\u201c Nein, sie ist bis ins kleinste Detail offenbar. Das ist das Wunderbare.<\/p>\n<p>I.L.\u00a0 Es liegt aber im Auge des Betrachters, ob wir das sehen k\u00f6nnen und wie weit wir es sehen. Wie k\u00f6nnen wir die Wahrnehmung f\u00fcr das in den sichtbaren Dingen wirkende Geistige wecken und intensivieren? Du hast damit Erfahrungen. Kannst du Ratschl\u00e4ge geben?<\/p>\n<p>A.B.\u00a0 Wichtig ist, ich erw\u00e4hnte es schon, die scheinbare duale Trennung zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren aufzuheben. Denn es ist keine Trennung, sondern ein \u00dcbergang. Das Geistige, das wir dahinter vermuten, ist in der Gestalt, die uns gegen\u00fcbersteht, mitten darinnen. Wenn ich so dieses Da-Drin tiefer erschaue, dann sehe ich das Geistige. Oder sieht dann nicht viel eher das Geistige mich? Teilt sich mir der Baumeister nicht genau mit in dem Bau, den er geschaffen hat? Indem ich das, was mir als Natur entgegentritt, wirklich wertsch\u00e4tze und als ein Geheimnis erkenne, das nicht vom Menschen gemacht ist, sondern gr\u00f6\u00dfere Dimensionen enth\u00e4lt und ausdr\u00fcckt, dann erlebe ich das Sichtbare als eine Manifestation des Geistigen. Wenn du nach einem Rat fragst, dann w\u00fcrde ich sagen,<\/p>\n<p><em>es geht darum, das Dingliche zu vergeistigen und das Geistige zu verdinglichen. Die beiden (das Sichtbare und Unsichtbare) geh<\/em><em>\u00f6<\/em><em>ren zusammen. Sie bilden eine polare Einheit. Wenn wir diese Einheit wieder erkennen, tauchen wir in das Geheimnis der Sch<\/em><em>\u00f6<\/em><em>nheit ein.<\/em><\/p>\n<p>I.L.\u00a0 Lieber Alfred Bast, ganz herzlichen Dank f\u00fcr dieses Interview.<\/p>\n<p>(In einem zweiten Teil des Interviews geht Alfred Bast unter anderem der Frage nach, welche Mittel der Kunst zur Verf\u00fcgung stehen, um das Geistige zu verdinglichen. Beide Teile des Interviews k\u00f6nnen auf der Webseite von LOGON <a href=\"http:\/\/www.logon.media\">www.logon.media<\/a> nachgelesen werden)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/schoenheit-ist-eine-lebendige-moeglichkeit-geistiges-auszudruecken\/\">Zum Teil 2<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":119311,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-116323","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/116323","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/119311"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=116323"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=116323"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=116323"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=116323"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}