{"id":116198,"date":"2026-04-17T06:00:09","date_gmt":"2026-04-17T06:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=116198"},"modified":"2026-04-18T21:03:14","modified_gmt":"2026-04-18T21:03:14","slug":"die-welt-wird-durch-die-schoenheit-erloest-werden","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/die-welt-wird-durch-die-schoenheit-erloest-werden\/","title":{"rendered":"Die Welt wird durch die Sch\u00f6nheit erl\u00f6st werden"},"content":{"rendered":"<p><em>Indem er den Schmerz des anderen in Liebe teilt, erstrahlen ihre Seelen in einer Sch\u00f6nheit, deren Glanz den Tod besiegen und die Welt einmal erl\u00f6sen wird.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h3>Dostojewskis Roman Der Idiot<\/h3>\n<p>\u201eIst es wahr, F\u00fcrst, dass Sie einmal gesagt haben, die Welt wird durch die Sch\u00f6nheit erl\u00f6st werden?\u201c Diese Frage richtet ein junger Freund an F\u00fcrst Myschkin, der die wesentliche Gestalt in Dostojewskis Roman Der Idiot ist. Da der F\u00fcrst schweigt, fragt der Freund noch einmal nach:\u00a0 \u201eWas ist das f\u00fcr eine Sch\u00f6nheit, die die Welt erl\u00f6sen wird?\u201c Der F\u00fcrst sieht ihn durchdringend an, antwortet ihm nicht.*<sup>1<\/sup><\/p>\n<p>Er wird jedoch von nun an in grenzenlosem Mitgef\u00fchl an der Seite des schwinds\u00fcchtigen jungen Freundes bleiben, denn er wei\u00df diesen dem Tode nahe. Er erinnert sich nur zu gut an das Angesicht des Todes, dem er einmal selbst als\u00a0 junger Mensch unmittelbar gegen\u00fcber stand. Es scheint, als wolle er dem Freund mit seinem Schweigen sagen, dass er seinen Schmerz mit ihm in Liebe teilen werde und dass diese ihre Seelen in einer Sch\u00f6nheit erstrahlen lasse, deren Glanz den Tod besiegen und einmal die Welt erl\u00f6sen werde.<\/p>\n<h3>Eine Schein-Hinrichtung<\/h3>\n<p>Dostojewski selbst war 27 Jahre alt, als er in St. Petersburg zusammen mit einer kleinen Gruppe von Freunden wegen regimefeindlichen, sozialistischen Denkens zum Tode verurteilt wurde. In einem Brief an seinen Bruder schreibt er: \u201eHeute, am 22. Dezember, wurden wir alle auf den Semjonovschen Platz gebracht.\u201c Als sie auf dem Schafott zu beiden Seiten aufgestellt waren, trat der Auditor in die Mitte der Richtst\u00e4tte und verlas das Todesurteil: \u201ezum Tode durch F\u00fcsilieren verurteilt\u201c. Pl\u00f6tzlich brach Sonnenschein durch die Wolken. Und Dostojeswki sagte: Das kann doch nicht sein, dass man uns hinrichtet &#8230;<\/p>\n<p>Man wirft den Delinquenten die wei\u00dfen Sterbekittel \u00fcber, die Degen werden \u00fcber ihren K\u00f6pfen zerbrochen. Man bindet sie an den Pf\u00e4hlen fest und wirft ihnen die Kapuzen \u00fcber die Augen, die Soldaten halten die Gewehre schussbereit, dann ein Trommelwirbel. Den zum Tode Geweihten rei\u00dft man die Kapuzen vom Kopf, bindet sie von den Pf\u00e4hlen los. Ein Kurier des Zaren verk\u00fcndet die Begnadigung. Die Todesstrafe wird in Zwangsarbeit umgewandelt! Einige Tage sp\u00e4ter wird Dostojewski mit vielen anderen nach Sibirien deportiert. Sp\u00e4ter werden sie erfahren, dass der Zar diesen Schauprozess schon seit l\u00e4ngerem so geplant hatte.*2<\/p>\n<p>Jener eine Augenblick im \u201eWeder-Tod-noch-Leben\u201c, der pl\u00f6tzlich im Lichte der Sonne steht, wird Dostojewski einmal sagen lassen:<\/p>\n<p>Es ist doch erstaunlich, was ein einziger Sonnenstrahl mit der Seele des Menschen macht. Und auch:\u00a0 Ich kann die Sonne sehen, [&#8230;] und zu wissen, dass die Sonne da ist, das ist Leben.*3<\/p>\n<blockquote><p><em>Diesen Augenblick beschreibt Stefan Zweig in seinem Gedicht Heroischer Augenblick:<\/em><\/p>\n<p><em>Der Tod kriecht z\u00f6gernd aus den erstarrten Gelenken,<\/em><\/p>\n<p><em>und die Augen sp\u00fcren, noch schwarz verh\u00e4ngt,<\/em><\/p>\n<p><em>dass sie Gru\u00df vom ewigen Lichte umf\u00e4ngt [&#8230;]<\/em><\/p>\n<p><em>Denn er f\u00fchlt, dass, erst seit<\/em><\/p>\n<p><em>er die bittern Lippen des Todes ber\u00fchrt,<\/em><\/p>\n<p><em>sein Herz die S\u00fc\u00dfe des Lebens sp\u00fcrt.<\/em>*4<\/p><\/blockquote>\n<h3>\u00a0Die Epilepsie als Metapher<\/h3>\n<p>Dostojewski stand zeitlebens unter dem Eindruck der uns\u00e4glichen Dem\u00fctigung durch jene staatliche Gewalt, die ihn zum Tode verurteilte und ihn im letzten Moment dem Leben wieder geben wollte. Dieser Schock l\u00f6ste in ihm eine chronische Epilepsie aus. Der eine wesentliche Augenblick, in dem ihn das in seine Seele eindringende Sonnenlicht vor dem Tode bewahrte und ihn zu neuem Leben erweckte, wird sich in Dostojewskis Seele als eine dauerhafte Erfahrung w\u00e4hrend seiner Epilepsieanf\u00e4lle einpr\u00e4gen, die er in der Gestalt des F\u00fcrsten Myschkin in seinem Roman Der Idiot verarbeitete. In dieser Ambivalenz ist jeder Epilepsieausbruch des F\u00fcrsten der Versuch seiner Seele, die Gegens\u00e4tze von Tod und Geburt als eine erlebte Einheit in das menschliche Leben zu integrieren. F\u00fcrst Myschkin ist eine Art Alter Ego von Dostojewski.<\/p>\n<p>Der F\u00fcrst, der in seinem eigenen Ungl\u00fcck die Vision der Verbundenheit des Lebens aller Menschen erf\u00e4hrt, f\u00fchrt ein wahrhaft dem\u00fctiges Leben. Die Menschen um ihn herum k\u00f6nnen ihn jedoch nicht verstehen. Sie leben in einer Scheinwirklichkeit der Eigenliebe, verspotten seine vornehme und mitleidige Seele und nennen ihn einen Idioten.<\/p>\n<h3>Eine Parallele zwischen F\u00fcrst Myschkin und Jesus<\/h3>\n<p>Hermann Hesse vergleicht in seinen Gedanken zu Dostojewskis \u201eIdiot\u201c F\u00fcrst Myschkin mit Jesus.*5<\/p>\n<blockquote><p><em>Die Parallele zwischen den beiden ist der Gedanke an den Augenblick, wo Jesus im Garten Gethsemane den letzten Kelch der Vereinsamung trinkt [&#8230;]. Es ist der Moment einer unglaublichen, totalen Isoliertheit, einer tragischen Vereinsamung des \u201eIdioten\u201c: Auf der einen Seite die Gesellschaft, die Eleganten, die Weltleute, die Reichen, M\u00e4chtigen und Konservativen, auf der andern Seite die w\u00fctende Jugend, unerbittlich, nichts kennend als Auflehnung, w\u00fcst, wild, namenlos stupid \u2026- und zwischen beiden Parteien der F\u00fcrst allein, exponiert, von beiden Seiten kritisch und mit h\u00f6chster Spannung beobachtet. Und wie endet die Situation?<\/em><\/p>\n<p><em>Sie endet damit, dass Myschkin [\u2026] sich ganz seiner guten, zarten, kindlichen Natur entsprechend benimmt [\u2026], auf das Unversch\u00e4mteste noch mit Selbstlosigkeit antwortet [&#8230;] und dass er damit vollkommen durchf\u00e4llt und verachtet wird [\u2026] Alle wenden sich von ihm ab [&#8230;], einen Augenblick sind die \u00e4u\u00dfersten Gegens\u00e4tze in Gesellschaft, Alter, Gesinnung v\u00f6llig verl\u00f6scht, und alle sind einig, vollkommen einig darin, dass sie sich mit Entr\u00fcstung von dem abwenden, der der einzige Reine unter ihnen ist.<\/em><\/p>\n<p><em>Worauf nun beruht die Unm\u00f6glichkeit dieses Idioten in der Welt der andern?<\/em><\/p>\n<p><em>Das ist, weil der Idiot ein anderes Denken denkt als die andern. Sein Denken ist jenes, das ich das \u201emagische\u201c nenne<\/em>.*6<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcrst Myschkin hat einmal w\u00e4hrend des Hinrichtungsprozesses auf der magischen Grenze gestanden, wo er alles annehmen musste, den Gedanken an den Tod und sein Gegenteil, das Leben. Er erkannte, dass es kein Gesetz, keine Kultur und Moral und Formung gibt, welche anders wahr w\u00e4re, als nur von einem Pol aus \u2013 und dass ein jeder Pol seinen Gegenpol hat. Er leugnete damit die ganze Welt und Wirklichkeit der anderen, und die Tatsache, dass er als ein liebenswerter, selbstloser Mensch auftrat, machte die Menschen hilflos. Er hatte in dem Licht und in der w\u00e4rmenden Liebe des Sonnenstrahls, der ihn einst zu neuem Leben rief, die wahre Einheit und das Gesetz des menschlichen Seins erfahren.<\/p>\n<h3>Das Gesetz des Mitleids<\/h3>\n<p>Das Mitleid ist ja doch das wichtigste und vielleicht das einzige Gesetz des Seins der ganzen Menschheit, sagte Dostojewski.*7<\/p>\n<p>Wenn wir den Schmerz mit unseren N\u00e4chsten teilen, nehmen wir alle Menschen in unser Herz auf. Gleichzeitig verbinden wir uns mit unserem gemeinsamen g\u00f6ttlichen Lebensquell, welcher der Ort ist, an dem die urspr\u00fcngliche Sch\u00f6nheit der Liebe Gottes strahlt\u201c. *7<\/p>\n<p>Das ist das Geheimnis der Sch\u00f6nheit: sie strahlt einen Glanz aus, der die Herrlichkeit Gottes in seiner ganzen Sch\u00f6pfung zum Ausdruck bringt und die Welt erl\u00f6sen wird.<\/p>\n<blockquote><p><em>Bei v\u00f6lliger Bescheidenheit, ja Demut dieses F\u00fcrsten Myschkin ist er ganz unnahbar, und sein Leben strahlt eine Ordnung aus, deren Mitte eben die eigene, bis zum Verschwinden reife Einsamkeit ist. In der Tat ist damit ganz Seltsames gegeben: Alle Geschehnisse, so entfernt sie auch von ihm verlaufen m\u00f6gen, besitzen eine Gravitation auf ihn zu und dieses Gravitieren aller Dinge und Menschen gegen den Einen macht den Inhalt des Buches aus.<\/em><\/p>\n<p>Walter Benjamin<\/p><\/blockquote>\n<p>Aus Stefan Zweigs Heroischer Augenblick:<\/p>\n<blockquote><p><em>Und ihm wird klar,<\/em><\/p>\n<p><em>da\u00df er in dieser einen Sekunde<\/em><\/p>\n<p><em>jener andere war,<\/em><\/p>\n<p><em>der vor tausend Jahren am Kreuze stand,<\/em><\/p>\n<p><em>und da\u00df er, wie Er,<\/em><\/p>\n<p><em>seit jenem brennenden Todesku\u00df,<\/em><\/p>\n<p><em>um des Leidens das Leben liebhaben mu\u00df.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>Fjodor M. Dostojewski, Der Idiot, M\u00fcnchen 1997, S.588<\/li>\n<li>eu Hinrichtung<\/li>\n<li>Zitat aus <a href=\"http:\/\/www.aphorismen.de\">aphorismen.de<\/a><\/li>\n<li>Stefan Zweig, Sternstunden der Menschheit, Heroischer Augenblick, Projekt Gutenberg.de<\/li>\n<li>Hermann Hesse, Gedanken zu Dostojewskis Idiot, <a href=\"https:\/\/hesse.projects-gss.ucsb.edu\">https:\/\/hesse.projects-gss.ucsb.edu<\/a><\/li>\n<li>Ebda<\/li>\n<li>Dann verwirklicht die Sch\u00f6nheit die Bedeutung ihrer Herkunft aus dem Sanskrit, Bet-El-Za, das bedeutet \u201e der Ort, an dem Gott scheint\u201c.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":116301,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-116198","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/116198","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/116301"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=116198"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=116198"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=116198"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=116198"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}