{"id":116126,"date":"2026-02-21T10:12:24","date_gmt":"2026-02-21T10:12:24","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=116126"},"modified":"2026-02-21T10:12:24","modified_gmt":"2026-02-21T10:12:24","slug":"erfuellte-form","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/erfuellte-form\/","title":{"rendered":"Erf\u00fcllte Form"},"content":{"rendered":"<p><em>Sch\u00f6nheit ist nicht nur Augenweide. Sch\u00f6nheit ist ein Versprechen. Dass es Sch\u00f6nheit gibt, l\u00e4sst uns Vertrauen fassen in das, was die Welt zusammenh\u00e4lt. <\/em><\/p>\n<p><em><!--more--><\/em><\/p>\n<p><em>Was das Auge sieht, kann die Seele an etwas erinnern. Manchmal ist es wie ein Erwachen, manchmal kann es sogar ein Heilmittel sein.<\/em><\/p>\n<p>Warum denke ich, der Berg, den ich ansehe, sei erhaben? Ich geh\u00f6re zu den Menschen, die den Berg nicht unbedingt besteigen wollen. Eher will ich der Berg sein. Vielleicht bin ich es sogar. Denn das felsige Dreieck, das sich da aus der Ebene erhebt und in einen Punkt m\u00fcndet, der dem Himmel nicht nur nah ist, sondern der gleichsam in ihn \u00fcbergeht, trotz des Kontrasts zwischen der Schwere des Gesteins und der Leichtigkeit der Luft: es gleicht meinem Wesen. Es spiegelt das in mir wider, was nach oben blickt, sich erheben und in einen anderen Seinszustand \u00fcberwechseln will; das, was sich diesem Anderen, am Gipfel meines irdischen Daseins angekommen, zumindest aussetzen will, immer wieder. Das ist es, was an mein Herz r\u00fchrt, wenn ich einem <em>sch\u00f6nen<\/em> Berg gegen\u00fcberstehe.<\/p>\n<h3>Etwas aus der Tiefe des Kunstsch\u00f6nen<\/h3>\n<p>Islamische K\u00fcnstler haben Muster entworfen, die aus wenigen regelm\u00e4\u00dfigen geometrischen Formen, zumeist Sternen, bestehen und wegen der perfekten Abstimmung der Formen untereinander grenzenlos weitergef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Beim Betrachten meint man, dass sie das ganze Firmament erf\u00fcllen. Hinter ihnen steht tats\u00e4chlich der Gedanke, dass Zahl, Proportion und Form Schl\u00fcssel zur Struktur des Kosmos sind. Diese Muster verbinden das Viele und den Einen durch mathematische Beziehungen; sie \u00f6ffnen sich dieser Denkweise gem\u00e4\u00df innerlich zum Unendlichen, zur letzten Wirklichkeit, die der Quell aller Dinge ist.<\/p>\n<p>Der mathematische Punkt, der weder eine Fl\u00e4che aufspannt noch Raum besetzt, repr\u00e4sentiert dabei ein urspr\u00fcngliches geistiges Prinzip. Dieser Punkt nun zieht, wenn er unsere Sph\u00e4re ber\u00fchrt, einen Kreis um sich her gleich einem Tropfen, der in einen See f\u00e4llt. Er erzeugt Schwingungen, nimmt Verbindung mit seiner Umgebung auf. In solch einem Sch\u00f6pfungsgeschehen ber\u00fchren sich Kreise und durchdringen einander. Man kann sich leicht vorstellen, dass sie in der Interaktion auch Sternmuster formen, wie die muslimischen K\u00fcnstler sie sichtbar gemacht haben. Zugleich weisen diese Muster auf den Einen hin, der alles aussandte und wieder in sich zur\u00fccknimmt. Sie sind ein Geborenwerden, Aufblitzen und Wieder-Verschwinden, dessen Reigen das ganze All erf\u00fcllt.<\/p>\n<h3>Was sieht die Seele?<\/h3>\n<p>Unsere Augen wenden sich zu dem, was unsere Seele sucht. Wenn wir Formen sch\u00f6n finden, dann liegt es nicht nur daran, dass sie etwa in ganzzahligen Verh\u00e4ltnissen oder im Goldenen Schnitt proportioniert sind. Wir suchen \u2013 und sehen \u2013 dann mehr als \u201emathematische Harmonie\u201c oder \u201eOrdnung\u201c. Wir sehen, dass alles miteinander verbunden ist. Die Zahl oder Proportion ist ein \u00e4u\u00dferliches Merkmal der Resonanz.<\/p>\n<p>Anhand des Goldenen Schnitts wird die Sache vielleicht am deutlichsten. Diese Regel (aus der sich auch die <em>Fibunacci<\/em>-Reihe ergibt) bedeutet, dass die k\u00fcrzere von zwei Strecken sich zur l\u00e4ngeren verhalten muss wie die l\u00e4ngere zur Summe der beiden Strecken. Das entspricht einem Zahlenverh\u00e4ltnis von 1:1,618&#8230; . Oder anders, deutlicher: Das Ganze teilt sich immer weiter auf und spiegelt sich in den so entstandenen Teilen. Dieses Zahlenverh\u00e4ltnis verbindet anschaulich das Kleinste und das Gr\u00f6\u00dfte in der Natur.<\/p>\n<p>In dem, was eine komplexe Form zu einer Ganzheit macht, und in dem, was alle Dinge miteinander verbindet, finden wir Sch\u00f6nheit oder Harmonie. Wir empfinden Sinnhaftigkeit. Wenn Sch\u00f6nheit und Verbundenheit nicht nur ein Gef\u00fchl, sondern Wahrheit sein sollen, dann muss das, was die Dinge zusammenh\u00e4lt, auch in Kraft bestehen: in Wechselwirkungen, in einem Flie\u00dfen vom Innersten ins \u00c4u\u00dferste und wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Seiten eines Pentagramms schneiden einander im Goldenen Schnitt. Ein ideal proportionierter Mensch tr\u00e4gt den Goldenen Schnitt in sich: Wenn man seine K\u00f6rperh\u00f6he entsprechend teilt, landet man beim Nabel. Streckt der Mensch seine Hand nach oben aus, dann befinden sich die Fingerspitzen auf der doppelten H\u00f6he des Nabels. Der Architekt Le Corbusier machte diese Ma\u00dfe, basierend auf einem Menschen mit 6 Fu\u00df K\u00f6rperh\u00f6he, zu den Ausgangspunkten seiner <em>Modulor-Reihen<\/em>, mit denen er seine Geb\u00e4ude proportionierte. Die Nabelh\u00f6he, durch den Goldenen Schnitt geteilt, ergibt eine ideale Tischh\u00f6he. Nochmals geteilt, eine ideale Sitzh\u00f6he. Le Corbusier verwendete den Goldenen Schnitt auch, um Raumh\u00f6hen und Fensterma\u00dfe zu finden: Alles tr\u00e4gt dann menschlichen Ma\u00dfstab, der Mensch kommt in Resonanz \u2013 mit dem Ganzen? \u201eMittels der Formen r\u00fchrt [der Architekt] intensiv an unsere Sinne und erweckt unser Gef\u00fchl f\u00fcr die Gestaltung. Die Zusammenh\u00e4nge, die er herstellt, rufen in uns tiefen Widerhall hervor, er zeigt uns den Ma\u00dfstab f\u00fcr eine Ordnung, die man als im Einklang mit der Weltordnung empfindet.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>So sah es Le Corbusier, der sich hier nicht bescheiden gibt. Was er hier schreibt, wirft die Frage auf, ob <em>alles<\/em> menschlichen Ma\u00dfstab tr\u00e4gt. Oder k\u00f6nnen wir hier einen Hinweis auf eine Allverbundenheit sehen, in deren Mitte der Mensch sich befindet und die er wahrnehmen und durch Resonanz erkennen \u2013 erleben \u2013 kann?<\/p>\n<h3>Sch\u00f6nheit ist mehr als sch\u00f6n<\/h3>\n<p>Davon abgesehen, dass die meisten Menschen sich gerne mit Sch\u00f6nem umgeben, unter anderem der R\u00fcckversicherung wegen, dass alles in Ordnung ist oder kommen wird: Sch\u00f6nheit l\u00e4sst uns Kontakt mit dem aufnehmen, was unseren Kosmos zusammenh\u00e4lt. In der ebenm\u00e4\u00dfigen Form und der verbindenden Proportion wird es <em>augenf\u00e4llig<\/em>. Doch da ist mehr. Es weist auf einen einenden Sinn, der uns nicht nur ontologische Geborgenheit vermittelt. Hierin kann auch etwas Aufweckendes, Aufr\u00fcttelndes, Erm\u00f6glichendes und bisweilen Forderndes liegen.<\/p>\n<p>Rainer Maria Rilke formulierte in seinem <em>Arch\u00e4ischen Torso Apollos <\/em>(1908), dass das Sch\u00f6ne, das wir sehen, zur\u00fcckschaut: \u201edenn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mu\u00dft dein Leben \u00e4ndern.\u201c Das Sch\u00f6ne ist eben nicht nur Augenweide. Es fordert uns auf, uns zu vervollkommnen, um ihm zu gleichen. Nun kann man die Selbstoptimierungsschrauben anziehen. Man kann aber auch ersp\u00fcren, dass etwas im eigenen Innern sich an der wahrgenommenen Sch\u00f6nheit aufrichten kann und will.<\/p>\n<p>Man kann auch den seelischen Raum wahrnehmen lernen, in dem die Vielen einander, sich selbst und letztlich auch dem Einen, dem Ungrund, begegnen. Die Sch\u00f6pfung als wirkliche Einheit, in der alles aufeinander wirkt und aufeinander bezogen ist. Das Hineinnehmen der Welt in den Seelenraum und das gleichzeitige Weltweit-Werden der Seele hat Rilke 1914 in seinem Gedicht <em>Es winkt zu F\u00fchlung<\/em> im Begriff <em>Weltinnenraum<\/em> gefasst, der gerade zu Recht eine Renaissance erlebt. Innen und au\u00dfen werden der schauenden Seele zu einer Einheit.<\/p>\n<blockquote><p><em>[\u2026] Durch alle Wesen reicht der eine Raum:<\/em><em><br \/>\nWeltinnenraum. Die V\u00f6gel fliegen still<br \/>\ndurch uns hindurch. O, der ich wachsen will,<br \/>\nich seh hinaus, und in mir w\u00e4chst der Baum. [&#8230;]<\/em><a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><em><strong>[2]<\/strong><\/em><\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Was in mir in Harmonie ist, das n\u00e4hrt die Sch\u00f6pfung. Was ich drau\u00dfen sehe, wird mir zu Symbolen, die meiner Seele zeigen, wer sie ist. Die Dinge der Welt k\u00f6nnen sogar zu Wahrzeichen spiritueller Prozesse werden \u2013 solcher, die ablaufen und solcher, die m\u00f6glich sind.<\/p>\n<p>\u201eDie Seele ist ein Auge in dem ewigen Ungrunde: ein Gleichnis der Ewigkeit\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, so sagt Jakob B\u00f6hme. Zugleich auch: \u201eDer ganze Leib der Welt ist gleich wie ein menschlicher Leib.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Wer sich mit B\u00f6hmes mystischer Philosophie befasst, stellt fest, dass sie den g\u00f6ttlichen Ungrund und die menschliche Seele zuallererst als <em>Auge<\/em> beschreibt. Hier ist eine Zweieinheit ins Werk gesetzt, ein g\u00f6ttlich-menschliches Erkenntniswerkzeug. Ferner spiegeln sich der Heilige Geist, die Natur und der Mensch ineinander, sind sie f\u00fcreinander Gleichnisse. (Und Gleichnisse sind keine Erkl\u00e4rungen oder Erz\u00e4hlungen, sondern bedeuten tiefe \u00dcbereinstimmung und erweckende Erkenntnis.) In alldem versucht B\u00f6hme, eine \u00fcberw\u00e4ltigende und alles Verstehen \u00fcbersteigende Einheit zu beschreiben, in der das Gro\u00dfe und das Kleine einander ansehen, erkennen und entsprechen, in der sie <em>ein<\/em> Leben sind. Zu dieser Erkenntnis und diesem Mitbewegen k\u00f6nnen wir erwachen. Wenn der oder das Ewige <em>eins ist<\/em>, ist er oder es sch\u00f6n. Muss dann das Gewebe der Welt nicht auch sch\u00f6n sein, und der Mensch in ihr?<\/p>\n<p>Die Welt mit ihren Begebenheiten ist unsere Lehrerin. Sie reicht uns t\u00e4glich die Gleichnisse des Allwesens als <em>Anschauungsmaterial<\/em>. Sie l\u00e4sst uns auch sehen, wenn wir nicht in Harmonie mit ihm sind, was zugleich hei\u00dft, dass wir mit unserem eigenen tiefsten Wesen nicht \u00fcbereinstimmen. Haben Sie es schon einmal erlebt, dass eine Ungeschicklichkeit, ein Unfall, eine Krankheit in Ihnen eine Klarheit hervorrief, eine innere Begegnung zwischen dem, was in Ihnen verwirklicht war und dem, was der wahre Mensch in Ihnen ist? Dass in der Ersch\u00fctterung die Geistseele freiwurde, sich zu zeigen, f\u00fcr diesen einen erhellenden, vielleicht heilenden Augenblick? Lagen in diesem Augenblick Kraft und Sch\u00f6nheit, trotz allem?<\/p>\n<p>Gott, Welt und Mensch sind <em>ein<\/em> Gewebe, <em>ein<\/em> Leben. Dennoch f\u00fchren wir darin auch eine Art Schattenexistenz. Manchmal zeigt sich Sch\u00f6nheit und erheben sich unsere Seelen, um zum Ursprung zur\u00fcckzukehren. Manchmal werden sie vor der wirklichen Einheit bange. Doch das Licht dessen, der sich zeigen will, \u00fcberzeugt uns, immer wieder. Ist die Seele im Licht, dann ist alles von Licht erf\u00fcllt, auch die Materie.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Noch zum Weiterlesen:<\/p>\n<ul>\n<li>Keith Chritchley: <em>Islamic Patterns. An Analytical and Cosmological Approach,<\/em> Rochester 1999<\/li>\n<li>William H. Chittick: <em>The Sufi Path of Knowledge. Ibn al-&#8218;Arabi&#8217;s Metaphysics of Imagination,<\/em> New York 1989<\/li>\n<\/ul>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Le Corbusier: Ausblick auf eine Architektur. Berlin \u2013 Frankfurt am Main \u2013 Wien 1963, S. 21<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Hier die vierte Strophe des Gedichtes.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 in: Das umgewandte Auge, in: Jakob B\u00f6hmes Schriften, Leipzig 1935, S. 298<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 in: Aurora oder die Morgenr\u00f6te im Aufgang, XXV, 22<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":116273,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-116126","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/116126","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/116273"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=116126"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=116126"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=116126"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=116126"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}