{"id":114155,"date":"2026-06-04T06:00:46","date_gmt":"2026-06-04T06:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=114155"},"modified":"2026-06-03T19:36:36","modified_gmt":"2026-06-03T19:36:36","slug":"parzival-der-tumbe-tor","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/parzival-der-tumbe-tor\/","title":{"rendered":"Parzival, der tumbe Tor"},"content":{"rendered":"<p><em>Nie h\u00e4tte Parzival den Gral gefunden, wenn er nicht immer wieder in seiner Seele zu dem Ursprung (dem \u201eWelten-Ei\u201c) zur\u00fcckgekehrt w\u00e4re und sich daran erinnert h\u00e4tte, dass die Offenheit im Herzen seine gr\u00f6\u00dfte Gabe ist.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>Viele Sch\u00f6pfungsmythen erz\u00e4hlen uns, dass Himmel und Erde aus einem Welten-Ei entstanden sind. Aus dem Einen, in dem potentiell alles angelegt ist, entwickelt sich die sch\u00f6pferische Vielfalt in ihren schillernden Gestaltungen. Noch in der Theorie vom Urknall finden wir einen Abglanz dieses Mythos wieder. Die Astronomen nehmen an, dass sich das Universum aus einem einzigen, hochverdichteten \u201ePunkt\u201c (oder, wie manche heute sagen: einer \u201eRaum-Blase im Quantenformat\u201c) immer weiter ausgedehnt hat. Die Aspekte unseres Daseins haben sich im Laufe der Zivilisationsentwicklung ausdifferenziert und werden wissenschaftlich erforscht, aber das Urbild dahinter hat sich \u00fcber die Jahrtausende erhalten. Ganz gleich also, ob wir die alten Mythen oder die moderne Naturwissenschaft befragen, \u00fcberall sto\u00dfen wir auf den Gedanken, dass die Vielfalt von einer Einfalt herr\u00fchrt und mit dieser in einem urspr\u00fcnglichen Zusammenhang steht.<\/em><\/p>\n<h3><strong>R\u00fcckbesinnung auf den ersten Impuls<\/strong><\/h3>\n<p>Die Evolution erh\u00e4lt folglich ihren allerersten Impuls aus einem Einheitszustand, der nur leider in der heutigen Kulturwelt kaum mehr Beachtung findet. Doch was geschieht, wenn sich das Eine in der Vielheit immer weiter zerstreut und es nicht mehr zu einer R\u00fcckbesinnung auf den Ursprung kommt? Der Entwicklungsgedanke verkommt dann zum Dogma, wird zur Besessenheit, zum Optimierungswahn. Entwicklung meint nur noch Steigerung und Vermehrung, und alles, was von diesem Ma\u00dfstab abweicht, wird als R\u00fcckschritt gewertet. Insbesondere wenn es um Macht und Kapital geht, soll der Zuwachs unendlich sein, auch wenn das ein v\u00f6llig unnat\u00fcrliches Prinzip ist. Die aufl\u00f6senden Prozesse von Welken und Vergehen, die die dunkle Jahreszeit wie einen Schleier \u00fcber die Natur legt, k\u00f6nnten uns an das kosmische Welten-Ei erinnern, zu dessen Keim-Stadium alles zur\u00fcckkehrt. Jede Entfaltung muss sich irgendwann in die Stille eines R\u00fcckzugsraumes kehren, der zur Brutst\u00e4tte f\u00fcr das Kommende wird. Darin versammeln sich die Kr\u00e4fte zu ihrer Regeneration, um schlie\u00dflich aufs Neue auszustr\u00f6men, wenn die Zeit daf\u00fcr reif geworden ist.<\/p>\n<p>Das Welten-Ei liegt also keineswegs irgendwo in einer fernen Vergangenheit, die uns nichts mehr angeht. Es ist immerw\u00e4hrend da und \u00f6ffnet von Zeit zu Zeit neue R\u00e4ume, st\u00f6\u00dft neue Entfaltungsreigen an, deren T\u00e4nze wir allerdings nur mitfeiern k\u00f6nnen, wenn wir Kind bleiben oder wieder werden wie die Kinder. Wir sind dazu aufgerufen, eine ganz untypische Entwicklung zuzulassen, die gar nicht linear verl\u00e4uft und auch nicht uners\u00e4ttlich nach einem Besser, Schneller, H\u00f6her oder Weiter strebt. Die Entwicklung, von der ich hier spreche, zeichnet sich vielmehr durch Schonung und Sensibilisierung aus. Entscheidend ist die Wiederentdeckung einer angeborenen F\u00e4higkeit und kein nimmersattes \u00dcbertrumpfen-Wollen oder Ausbeuten der Sch\u00f6pfung. Entwicklung also als Hebammendienst, als Ausbildung und Verfeinerung eines bereits in uns existierenden Sensoriums, das als Keimzelle vorhanden ist und immer wieder neue Geburten ansto\u00dfen m\u00f6chte.<\/p>\n<h3><strong>Offen f\u00fcr die Welt<\/strong><\/h3>\n<p>Martin Heidegger spricht von der \u201eWelt-Offenst\u00e4ndigkeit&#8220; und bezeichnet sie als \u201eGrundverfassung des menschlichen Existierens&#8220;. \u201eDie Offenst\u00e4ndigkeit f\u00fcr das Anwesende ist der Grundzug des Menschseins.&#8220;<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Wenn wir in diesem Sinne von Entwicklung sprechen, dann kommt es vor allem darauf an, wieder durchl\u00e4ssig zu werden, \u00e4hnlich wie ein kindliches Gem\u00fct, das in staunender Offenheit der Welt begegnet und sich mit allen Dingen verbunden f\u00fchlt. Der offenst\u00e4ndige Mensch widersetzt sich der Entwicklungs-Tyrannei, weil er ahnt, dass jede Entfaltungssehnsucht im tiefsten Grunde eine Sehnsucht nach Offenheit ist. Unsere Offenst\u00e4ndigkeit ist das Eingangstor, durch das die bunte Vielfalt der Welt einstr\u00f6men kann, um sich mit uns in einem Beziehungsgef\u00fcge zur Einheit zu versammeln.<\/p>\n<p>Was ich hier versucht habe, in philosophisch-poetischen Worten anzudeuten, findet sein anschauliches Abbild in dem Parzival-Mythos. Parzival wird ja als der &#8222;tumbe Tor&#8220; bezeichnet und auch wenn er selbstverst\u00e4ndlich eine Entwicklung durchmacht, so bleibt doch unverkennbar, dass er sich bis in seine Reifejahre hinein eine Prise Wildheit bewahrt und sich nie ganz von seinem ungest\u00fcmen Wesen bzw. seiner Herzensintuition lossagt. Ein Teil seines Reifeprozesses ist also gerade dadurch charakterisiert, dass er all den Erziehungsma\u00dfnahmen abschw\u00f6rt, um sich seine Unvoreingenommenheit zu erhalten (bzw. um sie wieder zu erringen). Schon in der ganzen Art seines Aufwachsens wird deutlich, dass Parzival am Ende nie vollst\u00e4ndig zu z\u00e4hmen sein wird. Er wird im Versteck des wilden \u00d6dlands von Soltane erzogen, in einem Reich, \u00fcber das seine Mutter Herzeloyde herrscht und in dem er allen weltlichen Einfl\u00fcssen entzogen ist. Da Herzeloyde ihren Mann Gachmuret durch einen blutigen Ritterkampf verloren hat, will sie den Sohn um jeden Preis vor einem \u00e4hnlichen Schicksal bewahren. Allen Beh\u00fctungsversuchen zum Trotz entwickelt sich Parzival zu einem munteren, offenherzigen Jungen, der immer dann Kummer empfindet, wenn der Gesang der V\u00f6gel ihm s\u00fc\u00df ins Herz dringt und seinen Freiheitsdrang weckt. Doch Herzeloyde w\u00fcnscht sich, dass ihr Sohn niemals fl\u00fcgge wird und er immer in ihrer Obhut bleibt. Daher beginnt sie ihre grausame Fehde gegen die V\u00f6gel und befiehlt den Bauern und Knechten sie zu fangen und zu erdrosseln. Parzival ist best\u00fcrzt \u00fcber die dunklen Absichten seiner Mutter und bittet sie inst\u00e4ndig, die V\u00f6gel zu schonen. Da kommt Herzeloyde zur Besinnung und bereut ihre Tat: \u201eWie k\u00e4me ich dazu, seine Ordnung umzukehren, der doch der h\u00f6chste Gott ist? Sollen denn um meinetwillen V\u00f6gel nicht mehr fr\u00f6hlich sein?&#8220;<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a><\/p>\n<h3><strong>Die schwarz-wei\u00dfe Gottesvorstellung<\/strong><\/h3>\n<p>Der Dialog zwischen Mutter und Sohn entspinnt sich weiter und sie kommen auf Gott zu sprechen. Herzeloyde sieht eine g\u00fcnstige Gelegenheit, um dem Sohn ihre schwarz-wei\u00dfe Gottesvorstellung einzuverleiben: \u201eSo zeigte sie den Unterschied zwischen Finsternis und Licht&#8220;, woraufhin Parzival die Flucht ergreift und \u201eweit weg&#8220; rennt, als wollte er sich m\u00f6glichst deutlich von der einseitigen Ideologie der Mutter distanzieren. Parzival ertr\u00e4gt die moralische Rede nicht und nimmt Rei\u00dfaus. Trotz aller Warnungen begehrt er auf und will sogar in seinem \u00dcbermut den Teufel herausfordern: \u201eAch k\u00e4me doch jetzt der Teufel her mit seinem Zorn und seiner Wut \u2013 den besieg ich, ganz bestimmt! Die Mutter sagt, er sei zum F\u00fcrchten \u2013 ich glaub, sie hat den Mut verloren.&#8220;<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> Von Anfang an zeigt sich die Opposition Parzivals gegen das traditionelle kirchliche Weltbild und seine eisernen Abschirmungsversuche. Alles in Parzival ist darauf angelegt, diese Einseitigkeit aufzuheben und dagegen zu rebellieren. Er will nicht in dem alten Streit der zweiwertigen Polarit\u00e4ten stecken bleiben. Ganz gem\u00e4\u00df dem ber\u00fchmten <em>Elsterngleichnis<\/em> aus dem Prolog hat er gleicherma\u00dfen \u201eam Himmel wie der H\u00f6lle&#8220; Teil.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a> F\u00fcr den Gralssucher Parzival gilt es, die Mitte in diesem Kr\u00e4ftespiel zu finden und sich nicht mehr auf eine Seite zu schlagen (und dabei in Feindschaft zur anderen zu geraten), wie es ihm seine Mutter vorlebt.<\/p>\n<p>Im walisischen <em>Peredur<\/em> (einer \u201eRomanze\u201c aus dem 12.\/13. Jh.) wird die wilde Natur Parzivals noch deutlicher sichtbar. Er ist so schnell, kraftvoll und wendig, dass er als einziger die Rehe und Wildziegen mit blo\u00dfen H\u00e4nden einfangen kann, was sonst niemandem gelingt. Peredur strotzt nur so vor ungez\u00e4hmter Kraft, und es mag sein, dass es dieser Charakterzug war, der Herzeloyde besonders in \u00c4ngste versetzte. Doch obwohl Parzival in der Wildnis aufw\u00e4chst, ist sie ihm kein Ort der Selbstentfaltung. Es ist eine allseits gef\u00e4hrdete Wildnis, in der ihm jederzeit die Stutzung seiner Fl\u00fcgel droht. Daher nennt Wolfram von Eschenbach Soltane immer \u201ewaste&#8220;, wie das <em>Waste Land<\/em>. Zwar gibt es in Soltane Wiesen, W\u00e4lder und Fl\u00fcsse, aber die \u00d6dnis dieser Gegend ist Abbild einer tr\u00fcgerischen inneren Freiheit. Die Welt-Offenst\u00e4ndigkeit ist hier st\u00e4ndig bedroht. Die schwarz-wei\u00dfe Gottesvorstellung l\u00e4sst die Seele auf Dauer austrocknen, da sie an alle Erscheinungen sogleich einen Bewertungsma\u00dfstab anlegt, wodurch es unm\u00f6glich wird, die Ph\u00e4nomene unvoreingenommen in ihrem So-Sein wahrzunehmen. Wirklich offen zu sein bedeutet ja auch, einf\u00e4ltig zu sein, d.h. das Begegnende in seinen offenen Armen einzufalten, wozu es auch einen Schuss Unbek\u00fcmmertheit braucht, die sich freimachen kann von all den trennenden Vorurteilen und Herabw\u00fcrdigungen.<\/p>\n<h3><strong>Ritter und Gralssucher<\/strong><\/h3>\n<p>Als Parzival auf einem seiner Streifz\u00fcge zum ersten Mal Rittern begegnet, f\u00fchlt er sich so angezogen von den geheimnisvollen M\u00e4nnern, die \u201emehr als Gott gegl\u00e4nzt&#8220; haben, dass er ihnen nacheifern und selbst ein Ritter werden will. Nicht l\u00e4nger h\u00e4lt es ihn in der \u00d6dnis von Soltane, die er Hals \u00fcber Kopf verl\u00e4sst. W\u00e4re er ins Gr\u00fcbeln gekommen, h\u00e4tte ihn wohl der Wankelmut \u00fcbermannt und wieder von seinem Entschluss abgebracht. Doch die Abenteuerlust ist st\u00e4rker und lockt Parzival von seiner Mutter fort, die ihn zum Abschied wie einen Narren einkleidet, in der Hoffnung, dass er viele H\u00e4nseleien erdulden muss und sich zur\u00fcck in ihre sch\u00fctzenden Arme fl\u00fcchtet: \u201eDie Leute spotten allzu gern \u2013 Torenkleider soll mein Sohn auf seinem sch\u00f6nen K\u00f6rper tragen. Wenn er geknufft, geschlagen wird, kommt er vielleicht zu mir zur\u00fcck.&#8220;<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><sup>[5]<\/sup><\/a> Doch der arglistige Plan erf\u00fcllt sich nicht. Parzival bricht frohen Mutes auf, woraufhin seine Mutter mit gebrochenem Herzen tot zusammenbricht. Allerdings geht Herzeloydes Plan doch zu einem gewissen Grad auf \u2013 aber ganz anders, als sie es sich dachte. Denn Parzival legt zwar schon bald die \u00e4u\u00dferen Torenkleider ab, aber innerlich sucht er immer wieder den Kontakt zu seiner Toren-Seite, was sich noch als Segen herausstellen wird.<\/p>\n<p>Die Mutterwelt wirkt in Parzival noch lange nach, denn sie hat ihm nicht nur die Narrenkleider auferlegt, sondern ihm obendrein allerlei Ratschl\u00e4ge und Benimmregeln mit auf den Weg gegeben, die er alle in naiver Weise befolgt und die ihn sp\u00e4ter von einem Fettn\u00e4pfchen in das n\u00e4chste stolpern lassen. Im dritten Buch von Wolframs Parzival wird der Gralssucher neunmal als \u201etumbe&#8220; bezeichnet, was so viel hei\u00dft wie einf\u00e4ltig, t\u00f6richt, unverst\u00e4ndig, unwissend, ungebildet oder unerfahren.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a> Daher erh\u00e4lt er noch im selben Buch eine vorbildliche h\u00f6fische Erziehung durch seinen Lehrer Gurnemanz: \u201eIch habe wohl gesehen, dass ihr Belehrung n\u00f6tig habt. Von nun an lasst schlechtes Benehmen seiner Wege gehen.&#8220;<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><sup>[7]<\/sup><\/a> Um Parzival das gute, kultivierte Benehmen beizubringen, soll ihm zuallererst seine \u201etumpheit&#8220; ausgetrieben werden. Er soll sich zur\u00fccknehmen, seine Neugier z\u00fcgeln, auf diese und jene Etikette achten und nicht mehr so viele Fragen stellen. Doch wie wir aus dem Gang der Handlung wissen, wird Parzival genau diese Erziehungsregel zum schmerzlichen Verh\u00e4ngnis. Bei seinem ersten Besuch auf der Gralsburg (als alles darauf ankommt) vers\u00e4umt er es, die Frage nach der Verwundung des Fischerk\u00f6nigs zu stellen, wodurch er dessen Leidenszeit verl\u00e4ngert und das ganze Land in Trauer st\u00fcrzt. Parzival hat sich als unw\u00fcrdig f\u00fcr das Gralsk\u00f6nigtum erwiesen. All die guten Manieren und sittsamen Konventionen sind ihm letztlich keine Hilfe auf der Gralssuche, im Gegenteil, sie verwirren ihn mehr, als dass sie ihm nutzen. W\u00e4re er einfach seiner Intuition gefolgt, dem spontanen Impuls des Erstaunens \u00fcber das Wunderbare, dann h\u00e4tte er gefragt, aber diese kindliche Offenheit war ihm abtrainiert worden, und so musste er erst wieder lernen, der eigenen Stimme zu vertrauen und unbefangen durch die Welt zu gehen.<\/p>\n<h3><strong>Einf\u00e4ltig weiter suchen<\/strong><\/h3>\n<p>Als Parzival nach vielen beschwerlichen Irrfahrten an einem Karfreitag bei seinem Onkel Trevrizent in der Klause am Wildquell ankommt, erf\u00e4hrt er dort wieder Orientierung und Aufrichtung. Der weise Eremit kl\u00e4rt Parzival \u00fcber die geistigen Zusammenh\u00e4nge des Weltenlaufs auf und enth\u00fcllt ihm wichtige biographische Hintergr\u00fcnde \u00fcber seine Sippschaft. Nach der vorigen Mutter- und Gurnemanz-Episode erh\u00e4lt Parzival nun seine dritte \u201eErziehung&#8220; und reift zu einem verst\u00e4ndigen und einsichtigen Menschen heran. Gleichwohl wird er in einer Sache dennoch in die Irre gef\u00fchrt und bekommt zum wiederholten Mal einen verh\u00e4ngnisvollen Ratschlag. Trevrizent legt Parzival nahe, die Gralssuche aufzugeben und betont: \u201eIhr sagt, Ihr sehnt Euch nach dem Gral \u2013 oh Unverstand! Ihr tut mir leid! Denn niemand kann den Gral erringen, den der Himmel nicht (&#8230;) zum Gral beruft.&#8220;<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><sup>[8]<\/sup><\/a> Im mittelhochdeutschen Original nennt der Eremit hier Parzival ausdr\u00fccklich einen \u201etumben man&#8220;.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\"><sup>[9]<\/sup><\/a> Doch diesmal schert sich Parzival nicht mehr um die Ratschl\u00e4ge, die von allen Seiten auf ihn eindringen und strebt unbeeindruckt weiter nach dem Gral, wie unvern\u00fcnftig und aussichtslos es auch erscheinen mag. Er findet den Gral also sp\u00e4ter nur deshalb, weil er sich trotz aller weisen Lehren ein St\u00fcck \u201ctumpheit&#8220; bewahrt. Parzival l\u00e4sst sich seine Einfalt nicht austreiben, sondern entdeckt in ihr gerade die L\u00f6sung des brennenden Konflikts.<\/p>\n<p>Am Ende bekennt Trevrizent, dass er Parzival belogen hat: <strong>\u201e<\/strong>Um euch vom Grale abzulenken, beschrieb ich Euch sein Wesen falsch; lasst mich diese S\u00fcnde b\u00fc\u00dfen.&#8220;<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\"><sup>[10]<\/sup><\/a> Damit gesteht Trevrizent ein, dass die Gralssuche eine unergr\u00fcndliche Quest ist, die nicht allein durch Einhaltung moralischer Grunds\u00e4tze oder idealer Entwicklungsstufen zu bestehen ist. Um den Gral, den heiligen Kelch des Herzens, zu finden, stellt sich als entscheidend heraus, dass Parzival seiner innersten, kindlichen Stimme vertraut und diese sogar wichtiger nimmt als die Worte seines weisen Ratgebers. Durch diesen beherzten Schritt in die Autonomie befreit er sich von den hemmenden Lehrmeinungen und \u00f6ffnet wieder den Ort der Einfalt im Innern der Seele. Es ist nur auf den ersten Blick ein Ort der \u00e4u\u00dfersten Vereinzelung, denn in dem nackten Zur\u00fcckgeworfen-Sein auf sich selbst wird Parzival wieder zu dem Welt-Offenst\u00e4ndigen, der er schon damals, als spielendes Kind in Soltane war, wo ihn der Gesang der V\u00f6gel ans Herz r\u00fchrte und die Ritter ihm wie G\u00f6tter erschienen. Nie w\u00e4re er ohne diese tr\u00e4umerische Empfindsamkeit in die Welt aufgebrochen, nie h\u00e4tte er sich sp\u00e4ter mit seinem schwarz-wei\u00df gescheckten Halbbruder Feirefiz vers\u00f6hnt, nie h\u00e4tte er am Ende den Gral gefunden und den Fischerk\u00f6nig erl\u00f6st, wenn er nicht immer wieder in seiner Seele zu dem Ursprung (zu dem Welten-Ei) zur\u00fcckgekehrt w\u00e4re und sich daran erinnert h\u00e4tte, dass die Offenheit im Herzen seine gr\u00f6\u00dfte Gabe ist.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Martin Heidegger, <em>Zollikoner Seminare<\/em>, S. 292 &amp; S. 94<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Wolfram von Eschenbach, <em>Parzival<\/em>, Buch 3, 119<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <em>Parzival<\/em>, Buch 3, 119-120<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <em>Parzival<\/em>, Buch 1, 1,9 (\u201ewie in den zwei Farben der Elster\u201c)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> <em>Parzival<\/em>, Buch 3, 126<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> vgl. <em>Parzival<\/em>, Buch 3, 155, 19; 159, 10; 161, 17; 161, 20ff.; 161, 25; 162, 1; 162, 27f.; 163, 24; 166, 6<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> <em>Parzival<\/em>, Buch 3, 171<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> <em>Parzival<\/em>, Buch 9, 468, 10-14<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> ebenda: &#8222;ir sent iuch umben gr\u00e2l: \/ ir tumber man, daz muoz ich klagn&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> <em>Parzival<\/em>, Buch 16, 798, 6f.<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":114234,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-114155","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/114155","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/114234"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=114155"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=114155"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=114155"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=114155"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}