{"id":113925,"date":"2025-11-23T06:00:52","date_gmt":"2025-11-23T06:00:52","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=113925"},"modified":"2025-11-23T09:17:01","modified_gmt":"2025-11-23T09:17:01","slug":"sisyphus-und-phoenix-vom-sklaven-zum-menschen","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/sisyphus-und-phoenix-vom-sklaven-zum-menschen\/","title":{"rendered":"Sisyphus und Ph\u00f6nix &#8211; Vom Sklaven zum Menschen"},"content":{"rendered":"<p><em>Einmal bleibt der Mann mit dem Stein, wo er ist \u2013 am Gipfel des Berges; er l\u00e4sst den Stein herunter rollen, l\u00e4uft ihm nicht mehr nach.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Stein rollt und rollt und rollt, und irgendwann macht es einen lauten Krach, der Stein zerbricht, Sisyphus aber steht am Gipfel des Berges, sieht voller Gl\u00fcck und Freude, voll tiefem Einverst\u00e4ndnis das Feuer seines eigenen Herzens.<\/p>\n<p>1<br \/>\nKino \u2013 Ich sa\u00df unl\u00e4ngst im Kino, es ist eines der \u00e4lteren in der Stadt, in dem bekannte, meist klassische Filme gezeigt werden. Sah mir einen Krimi an; es geht hart her, die Handlung komplex, die Szenen kurz, die Musik zerrt an den Nerven \u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013 und pl\u00f6tzlich ist es wei\u00df auf der Leinwand, erst schmerzhaft, dieses wei\u00dfe Wei\u00df; das Dunkel des Raumes ist kein Dunkel mehr; Stimmen von Besuchern, die irgendwie entt\u00e4uscht, manche aber auch erleichtert klingen; auch ich sp\u00fcre meine schwitzigen H\u00e4nde \u2026 Langsam geht die Beleuchtung im Raum an. Und wieder einmal frage ich\u00a0 mich, wozu ich mir diesen Film habe anschauen m\u00fcssen. Aus dem Off h\u00f6rt man die Stimme des Vorf\u00fchrers, der den Filmriss bedauert; klar, es ist ja ein alter Film von vor dem filmischen Digital-Zeitalter \u2026<\/p>\n<p>2<br \/>\nDie Leinwand bleibt wei\u00df, wieder die Stimme aus dem Off, der Filmriss sei Folge eines technischen Gebrechens am Vorf\u00fchr-Apparat, das wie&#8217;s aussieht am heutigen Abend nicht mehr zu beheben sei. Das Geld gebe es an der Kasse zur\u00fcck oder, wer wolle, bekomme auch einen Gutschein f\u00fcr zwei Film-Abende desselben cineastischen Gro\u00dfmeisters \u2026<\/p>\n<p>Es ist ein milder Sp\u00e4tsommerabend, bin froh, drau\u00dfen zu sein, meine Begleiterin murrt ein wenig \u00fcber den verhauten Abend und so; ich aber bin richtig froh, die angenehm warme Luft im Freien in meinen Lungen zu sp\u00fcren \u2026 Im aufkommenden Wind h\u00f6rst du das Rascheln der Bl\u00e4tter in den umliegenden B\u00e4umen.<\/p>\n<p>3<br \/>\nDer Film \u2013 nichts als Farbtupfer auf Zellophan, die Schatten werfen auf eine wei\u00dfe Leinwand und uns Bilder, Handlungen vorgaukeln \u2013 und je nach ihrer Art unsere Nerven zerr\u00fctten oder uns in irgendwelchen Illusionen wiegen wollen.<\/p>\n<p>Sind der Gro\u00dfteil unserer Gedanken nicht auch solche dunklen Kleckse, die, von einem Licht bestrahlt, dessen Quelle ich nicht kenne, Schatten werfen auf und in unsere Seelen?<\/p>\n<p>4<br \/>\nEigentlich ist die ganze komplizierte Welt einem Theater, oder vielleicht besser einem Kino gleich, in dem ununterbrochen Filme laufen, die vorgeben, neu zu sein, aber bei genauerem Hinsehen geht es stets um Wiederholungen alter Plots im neueren Gewand, mit denen man eben die heutigen Menschen interessieren oder, je nach dem, bet\u00f6ren will und kann, vielleicht im Sinne einer Hypnose.<\/p>\n<p>5<br \/>\nDie Welt, ein Kaleidoskop von 10 000 Dingen, von unerh\u00f6rten Konflikten, unerh\u00f6rter Manipulation der Menschheit. Korruption, L\u00fcgen, Gewalt, Unrecht, soweit das Auge reicht. Im Herzen der Menschen, in der Tiefe lebt aber etwas anderes, das Frieden und Freude ahnen l\u00e4sst, und das ist etwas von jenseits der 10 000 Dinge.<\/p>\n<p>6<br \/>\nDie Herde \u2013 Unl\u00e4ngst an den Almen meiner Heimat hatte ich die Mu\u00dfe, eine Schafherde zu beobachten, die geduldig und die ganze Zeit lang futterte, Gras, was die Wiesen eben hergeben; und ich h\u00f6rte die ganze Zeit die Gl\u00f6ckchen, heller, dunkler, ein sch\u00f6nes Konzert, beruhigend f\u00fcr meine Ohren und auch f\u00fcr die Herde; die f\u00fchlt sich beh\u00fctet durch den gewohnten Klang der Gl\u00f6ckchen neben dem fetten Gras f\u00fcr den Bauch \u2026<\/p>\n<p>Werden nicht auch wir Menschen st\u00e4ndig ruhig gestellt durch eine Unzahl von Bildern, von Gl\u00f6ckchen, T\u00f6nen, Melodien, feineren und gr\u00f6beren? Ach ja, da ist wieder das Kino \u2026 Und an den Folgen unserer Unaufmerksamkeit d\u00fcrfen wir lernen, im t\u00e4glichen Lauf der Dinge.<\/p>\n<p>7<br \/>\nDer Mensch, der wirklich nach Wahrheit, nach Weisheit, nach Erleuchtung strebt, nach Gl\u00fcck und Frieden, der muss erstmal damit beginnen, aufzur\u00e4umen im eigenen Haus. Das eigene Haus, das liegt schnell auf der Hand, kann nichts anderes sein als unser eigenes Wesen. Das Motiv, aufzur\u00e4umen, nach Klarheit zu suchen, ist meist Entt\u00e4uschung. Wer nicht entt\u00e4uscht ist, der ist ja zufrieden. Wer zufrieden ist, hat momentanen Frieden in sich, und wer Frieden in sich hat, vielleicht sogar gl\u00fccklich ist, der sieht doch keinen Grund, irgendeine Alternative zu suchen. Entt\u00e4uscht zu sein ist ein allerheilsamstes Ding. Es kommt auf jeden zu, irgendwann. Du kennst vielleicht den alten, aber durchaus nicht zu bekannten Lehrsatz:<em> Von Entt\u00e4uschung zu Entt\u00e4uschung bis zum Ende der T\u00e4uschung. <\/em>Erst wer entt\u00e4uscht wird in der Verfolgung seiner Ziele, wer entt\u00e4uscht ist von seiner Arbeit, seiner Religion, seinen Liebhabereien, seiner Kirche, seinen Beziehungen, mit einem Wort: entt\u00e4uscht ist von seinen Abg\u00f6ttern, und wer diesen Schmerz der Sinnlosigkeit leidet, nur der hat Interesse daran zu suchen, eine Alternative zu suchen. <em>Alter natus, <\/em>w\u00f6rtlich:<em> erneut geboren.<\/em><\/p>\n<p>8<br \/>\nWie eben festgestellt, wir leben in einer durchaus komplizierten Welt, die an die meisten von uns ziemlich straffe Forderungen stellt, vor allem seelisch. Die Zeit rast, und wir werden mitgeschleift vom Rad der Zeit, gleich einem Totentanz, wie wir ihn kennen von den Darstellungen auf alten Bildern. Und dann liegst du ersch\u00f6pft da, beim Boxen sagt man: knocked-out. Der unparteiische Schiedsrichter steht daneben und z\u00e4hlt. Und wenn du Gl\u00fcck hast, kommst du nicht mehr auf die Beine und das Spiel ist mal f\u00fcrs erste <em>gelaufen<\/em>. Der heutige Volksmund sagt dazu beispielsweise <em>Burnout,<\/em> was soviel hei\u00dft wie: <em>Die alten Feuer k\u00f6nnen nicht mehr brennen. <\/em>Du bist einfach ausgebrannt, weg vom Fenster, du kannst nicht mehr mit im endlosen Marathon des Lebens. Entt\u00e4uschung die n\u00e4chste, richtig kr\u00e4ftig. \u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013\u00a0Nun\u00a0 gibt\u2019s einige M\u00f6glichkeiten. Die vielleicht d\u00fcmmste ist, zu versuchen, sich aufzurappeln in ein paar Wochen oder Monaten, um sich dann wieder in die Schlacht der Nichtigkeiten zu werfen. Was folgen wird, weil es folgen muss, brauchen wir nicht zu erz\u00e4hlen. Jeder mit nur wenig Phantasie kann die Geschichte weiter spinnen.<\/p>\n<p>9<br \/>\nDu kannst das Ganze aber auch als M\u00f6glichkeit, als ungeahntes Geschenk nutzen: Denn wenn wir noch nicht ganz entsorgt werden m\u00fcssen vom Leben, das hei\u00dft aus der Krise gelernt haben und nachzudenken beginnen, dann gibt es die Chance f\u00fcr \u00c4nderungen, f\u00fcr ein Erwachen des in uns verborgenen Kernes. Dieses f\u00fcr den Menschen im Allgemeinen unbegreifliche Geheimnis wartet schon viele Zeitalter darauf, dass wir ihm unsere Aufmerksamkeit\u00a0 zuwenden. Und nun begegnen wir Bildern, alten oder neueren Texten, die unser Herz ber\u00fchren, begegnen mehr oder weniger <em>zuf\u00e4llig<\/em> Menschen, die sich auch f\u00fcr einen spirituellen <em>Weg <\/em>interessieren. Dieses Interesse f\u00fcr die verborgenen Seiten des Lebens ist eines der wichtigsten Vorspiele, um aufzutauchen aus dem <em>Labyrinth der Welt<\/em> zum <em>einzig Notwendigen<\/em> \u2013 dem Weg des Lichtes, <em>Via lucis. <\/em><\/p>\n<p>10<br \/>\nIn dem Ma\u00dfe nun, wie wir bereit sind, einer inneren, stillen Ahnung \u2013 es ist die Sprache unserer Intuition \u2013 zu folgen, taucht der Weg in die Einheit auf. Es ist ein Weg des Feuers, ein Weg der Freude, auch ein Weg der Schmerzen; die k\u00f6nnen nat\u00fcrlich nicht ausbleiben, das liegt im Wesen der neuen Orientierung, wodurch uns die Ketten des Labyrinthes brennend bewusst werden. Aber wir beginnen auch, die Sprache dieser Schmerzen im Lichte der Vernunft zu verstehen \u2013 es sind n\u00f6tige Schritte der Reinigung \u2013 die Seele beginnt genauer zu begreifen, wie <em>ununterbrochene Aufmerksamkeit<\/em> den t\u00e4glichen Fragen und Herausforderungen gegen\u00fcber geboten ist.<\/p>\n<p>11<br \/>\nUnd wieder einmal werden deine Gedanken zu dem Mann mit dem Stein gezogen, Sisyphus. Du siehst dich, wie du im Dunkeln immer und immer wieder in der alten Laufbahn rennst \u2013 auf Asche, wie in den alten Zeiten, keuchst, zusammenbrichst, aufstehst, weiter l\u00e4ufst, als ginge es ums nackte \u00dcberleben. Und dann kommen einige Traumbilder, Fetzen einer alten Ahnung vorbei \u2013 und es ist schlagartig klar, was du zu tun hast: Der Mann mit dem Stein bleibt, wo er ist \u2013 am Gipfel des Berges; er l\u00e4sst den Stein herunter rollen, l\u00e4uft ihm nicht mehr nach. Der Stein rollt und rollt und rollt, und irgendwann macht es einen lauten Krach, der Stein zerbricht, Sisyphus aber steht am Gipfel des Berges, sieht voller Gl\u00fcck und Freude, voll tiefem Einverst\u00e4ndnis das Feuer seines eigenen Herzens. Und die alten Schlacken, es sind die Schmerzen einer vergehenden, chaotischen Welt, brennen und brennen im Hochofen, im <em>Athanor<\/em> seines Wesens. \u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013 Er erlebt den Tod des Sklaven, den die <em>Vielfalt<\/em> geknechtet hat, Jahrtausend um Jahrtausend. Das Wesentliche, das Best\u00e4ndige, das Gold der ewigen Werte, das Gewand des Ph\u00f6nix, des feurigen Vogels der Mysterien erhebt sich mit einem befreienden Lachen in die azurnen Himmel des Unendlichen, verbunden mit allen, verbunden mit dem Licht, verbunden mit der Natur. \u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013 Der Mann, der, wie so viele andere, unz\u00e4hlige Zeitalter unz\u00e4hlige Steine rollte, erwacht, ohne Stein \u2013 im flammenden Gewand h\u00f6rt er die Worte zu sich sprechen: <em>Ein Mensch ist wahrlich auferstanden.<\/em> <em>Von nun an wisse es, du bist das Licht der Welt, du bist das Salz der Erde.<\/em> Als er sich umsieht, wird er herzlich begr\u00fc\u00dft, umarmt von vielen, die er irgendwie ahnungsvoll schon lange gekannt, doch sie waren vergessen im Dunkel der alten, einsamen, nun vergangenen Welt. Eine Stimme aus dem Licht h\u00f6rt er zu sich sprechen: <em>Ein Same ist ges\u00e4t ins Herz der Welt, es ist dein Herz, das Herz des Universums.<\/em><\/p>\n<p>12<br \/>\n<em>Nun ist also all das verwirrend Komplizierte doch der notwendige Weg ins Einfache.<\/em><\/p>\n<p>Der glimmende Funke des Geistes weckt die wahre, die klare Seele, das klare Denken. Die vern\u00fcnftige Tat in Wohlwollen und Freude ist dessen Signatur. In der Kraft des Ph\u00f6nix, des Spirits-in-uns, wandelt und erhebt sich alles Komplizierte und wird zur Kunst des Einfachen.<\/p>\n<p>Die 10 000 Dinge sind eingeschmolzen \u2013 Gold ist geworden in den Retorten \u2026<\/p>\n<hr \/>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>J.A. Comenius:\u00a0 <em>Via Lucis, <\/em><em>Das einzig Notwendige, <\/em><em>Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens,<\/em><\/p>\n<p>R.W.Trine: <em>In Harmonie mit dem Unendlichen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":113968,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101],"tags_english_":[],"class_list":["post-113925","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/113925","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/113968"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=113925"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=113925"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=113925"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=113925"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}