{"id":113772,"date":"2025-12-05T06:00:28","date_gmt":"2025-12-05T06:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=113772"},"modified":"2025-12-09T20:59:55","modified_gmt":"2025-12-09T20:59:55","slug":"glaube-wissen-leere","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/glaube-wissen-leere\/","title":{"rendered":"Glaube, Wissen, Leere"},"content":{"rendered":"<p>Die spirituelle Entwicklung, vor der die Menschheit steht, f\u00fchrt vom Glauben zu h\u00f6herem Wissen. Sie bedeutet eine Bewusstseinswandlung, die mehr ist als eine Erweiterung des Bewusstseins, mit dem den Weg begonnen wurde.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Wandlung f\u00fchrt jedoch in und durch die Leere, durch das Nichtwissen.<\/p>\n<p>Zu allen Zeiten haben spirituelle Lehren uns Wissen von Entwicklungsg\u00e4ngen und h\u00f6heren Seinszust\u00e4nden vermittelt, die in uns angelegt sind. Wer ber\u00fchrbar ist, nimmt dabei nicht nur Wissen \u201eaus zweiter Hand\u201c in sich auf, sondern erlebt zuweilen eine Ber\u00fchrung, die ihm konkrete innere Kenntnis erschlie\u00dft, die einem Wiedererkennen gleicht. Deshalb sprechen die Rosenkreuzer hier vom Aufbrechen der <em>Urerinnerung<\/em>. Diese innere Kenntnis ist es, die man auch als <em>Gnosis<\/em> bezeichnen kann. Doch Gnosis ist nicht nur Erkenntnis, sie ist auch Liebe und Kraft: Sie ist Tr\u00e4gerin eines lebendigen Erneuerungsprozesses.<\/p>\n<p>Dieser Lebendigkeit wird unser Ichbewusstsein immer dann nicht gerecht, wenn es das Wissen horten m\u00f6chte \u2013 auch wenn es dabei dem logischen Gedanken folgt, dass das so erworbene Wissen sich immer weiter im eigenen Bewusstsein ausbreiten, vertiefen und ausdifferenzieren kann und soll, bis es buchst\u00e4blich ein Wissen <em>von allem <\/em>wird. Doch das Festhalten verschlie\u00dft \u00fcber kurz oder lang den Quell der lebendigen Weisheit. Das Lebendige, als Wahrheit Wiedererkannte wird spr\u00f6de, leblos, gar uninteressant. Man beginnt vielleicht, es anzuzweifeln. (Oder es zum Dogma zu verdichten und die Kenntnis gewisserma\u00dfen mit dem Feuer des Eigenwillens lebendig zu erhalten, soweit sie dann noch lebendig ist&#8230;)<\/p>\n<p>Wenn in uns der genannte Quell ge\u00f6ffnet wird, der die Gnosis als universelles Potenzial fruchtbar macht, dann flie\u00dft uns Kraft zu, die den inneren Menschen wieder zum Leben erwecken soll. Das Ich, das Kraft und Kenntnis \u2013 unwillk\u00fcrlich \u2013 als sein Eigentum behandelt, stellt sich gleichsam dazwischen und verschlie\u00dft so immer wieder den Quell, aus dem allein die lebendige Kenntnis str\u00f6mt. Und sie soll str\u00f6men, in unser ganzes Wesen und Leben. Verschlie\u00dft sich das Herz, dann endet die erlebte Verbundenheit mit dem Ursprung, die eigentlich Licht (und somit Kenntnis) ist.<\/p>\n<p>Wenn der Fluss versiegt, lernen wir, dass wir ihn willentlich nicht wieder in Gang bringen k\u00f6nnen. Wir wollen wieder ber\u00fchrt werden, k\u00f6nnen die Gnosis aber nicht anziehen. Wir k\u00f6nnen nichts tun, au\u00dfer still und offen zu werden. Wir m\u00fcssen uns eingestehen, \u00fcber Kraft und Kenntnis nicht verf\u00fcgen zu k\u00f6nnen. Unwissend und mit leeren H\u00e4nden dazustehen, macht uns wieder ber\u00fchrbar, denn wir haben f\u00fcr einen Augenblick \u2013 vielleicht noch unbewusst \u2013 die Leitung abgegeben.<\/p>\n<p>Der noch verborgene innere Mensch kann zu Beginn noch nicht konkret in uns handeln, aber die Gnosis als umfassendes Kraftprinzip kann uns ber\u00fchren, erheben, n\u00e4hren und uns immer mehr erkennen lassen, dass wir nur durch Hingabe den Weg gehen, den Weg frei machen k\u00f6nnen f\u00fcr den wahren Menschen in uns. Das Herz, das in Stille ausharrt und sich \u00f6ffnet, beweist Glauben; es kann in Nichtwissen, gleichsam in Einfalt, empfangen.<\/p>\n<p>So trifft uns aufs Neue ein erneuernder Kraftstrom, der gr\u00f6\u00dfere und tiefere Erkenntnis mit sich bringt&#8230;, und so greift das Ich irgendwann wieder nach dieser Sch\u00f6nheit, dieser Weite, diesem Wissen, um ein besseres Ich zu bauen, nur um dann das Versiegen des lebendigen Stromes feststellen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dieser Kreislauf von Glaube, Wissen und dem Durchgang durch die Leere bringt einen Prozess des wechselseitigen Aufbaus von Neuem und des Abbruchs des Alten mit sich. Unser ganzes Wesen wird gereinigt, es lernt loszulassen, schlie\u00dflich sogar vom bisherigen Selbst. Die Erkenntnis, die mit diesen Erfahrungen verbunden ist, scheint mehr oder weniger nutzlos zu sein, ist aber wesentlich f\u00fcr den Weg. Lao Tse beschreibt etwas hiervon in Kapitel 20 des Tao Te King:<\/p>\n<blockquote><p>Gib das Lernen auf, und mache deinen Sorgen ein Ende. [&#8230;]<br \/>\nAndere haben gefunden, was sie wollten.<br \/>\nDoch ich alleine scheine verloren zu sein.<br \/>\nIch habe das Herz eines Narren! Wie verworren!<br \/>\nAndere sind klar,<br \/>\nDoch ich allein bin benommen.<br \/>\nAndere sind scharfsinnig.<br \/>\nIch treibe wie die Wellen auf der See,<br \/>\nVom Wind bestimmt und richtungslos.<br \/>\nAndere haben etwas zu tun,<br \/>\nDoch ich allein bin tollk\u00fchn und f\u00fchle mich wertlos.<br \/>\nIch bin anders.<br \/>\nMich n\u00e4hrt meine Mutter.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Auf dem Weg verlieren das \u00e4u\u00dfere Wissen, der Scharfsinn und die \u00e4u\u00dferen Ziele an Kraft und Gewicht. Dem irdischen Gang der Dinge nach scheint solch ein Mensch verloren, denn er gibt sich dem Lauf des Schicksals hin \u2013 und der Intuition, die er von seiner Mutter, der Gnosis erh\u00e4lt. Er macht selbst keine Pl\u00e4ne; er schafft Raum f\u00fcr das, was einstr\u00f6men und sich offenbaren will. Er lebt in einem stillen Verbundensein ohne Erwartungen. Manchmal mag er sich wertlos f\u00fchlen, aber in der Hingabe an diesen unabsehbaren Prozess liegt sein Mut. Daher kann er sagen: \u201eIch allein bin tollk\u00fchn.\u201c<\/p>\n<p>In der Leere werden unsere Konzepte, unsere W\u00fcnsche und unser Handwerkszeug zunichte, mit denen wir das Leben bis dahin gesteuert haben. Wie kann man leer werden? Eigentlich gar nicht \u2013 die Leere ist das Gegenteil unserer Existenz; sie tritt nur ein, wenn all unser Streben und Tun&#8230; ins Leere l\u00e4uft, endet und f\u00fcr uns im Augenblick nichts mehr zu tun, zu wollen, zu denken, zu w\u00fcnschen oder zu f\u00fcrchten \u00fcbrigbleibt. Wir erleben ein Ende, das ein neuer Anfang ist. Der Quell \u00f6ffnet sich wieder.<\/p>\n<p>Die Erkenntnis, dass sich durch das Nichtwissen und sogar Nichtsein des Ichs das Universelle in uns offenbaren kann, vertieft sich auf dem Weg immer weiter. Sie wird zu einem bewussten Seinszustand. Dass der Weg zu wirklichem umfassendem inneren Wissen durch die Leere geht, ist bezeichnend: Denn das neue Bewusstsein, das dadurch entsteht, ist ein Ausdruck der Allverbundenheit und Einheit, es ist auf keine Weise ein Aufbewahrungsort f\u00fcr Wissen, von welcher erhabenen Art auch immer. Im Laufe dieser Entwicklung geht der Bewusstseinsschwerpunkt vom Ich zum inneren Menschen, unserem universellen Selbst, \u00fcber.<\/p>\n<p>Damit geht auch der Prozess von Glauben, Ber\u00fchrung, Erkenntnis und Durchgang durch Nichtwissen und letztlich Nichtsein in ein neues Sein \u00fcber. Im universellen Selbst wird aus dem Kreislauf eine lebendige, ausgewogene Dreiheit. Die Leere zeigt sich zugleich als das tiefste Selbst und der Quell von allem, der Glaube entfaltet sich zu Allverbundenheit und Allliebe. Aus der Allverbundenheit, die wirkliche Einheit ist, str\u00f6mt tiefe Weisheit, die alles kennt und umf\u00e4ngt.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tao Te King, in der \u00dcbersetzung von Gia Fu Feng und Jane English, M\u00fcnchen 1972<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":113821,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101],"tags_english_":[],"class_list":["post-113772","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/113772","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/113821"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=113772"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=113772"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=113772"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=113772"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}