{"id":113582,"date":"2025-12-01T06:00:17","date_gmt":"2025-12-01T06:00:17","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=113582"},"modified":"2025-12-03T19:22:47","modified_gmt":"2025-12-03T19:22:47","slug":"der-kranich-spiegelt-sich-im-wasser","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/der-kranich-spiegelt-sich-im-wasser\/","title":{"rendered":"Der Kranich spiegelt sich im Wasser"},"content":{"rendered":"<p>Derjenige, in dem Tao wirkt, wei\u00df um die Einheit aller Dinge in Tao. In seinem Innern erlebt er, dass das wahrgenommene fragmentierte Leben in Wirklichkeit eine Einheit ist.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Er l\u00e4sst die Situationen in ganzer Sch\u00e4rfe und so vollst\u00e4ndig wie m\u00f6glich auf sich wirken und gibt ihnen in seinem Herzen Raum f\u00fcr ein Heilsein in Tao.<\/p>\n<p>Die alten taostischen Weisen machten einen deutlichen Unterschied zwischen dem allt\u00e4glichen Bewusstsein des Menschen und einem Bewusstsein, das von Tao erf\u00fcllt ist. Sie kannten ein einfaches, aber sehr eindr\u00fcckliches Bild:<\/p>\n<blockquote><p>Ein Kranich fliegt \u00fcber den Weiher. In einem kleinen Augenblick spiegelt sich der Kranich vollst\u00e4ndig in seiner ganzen Pracht im Wasser.<\/p><\/blockquote>\n<p>Hier wird ein ganz besonderer Zustand des Herzens beschrieben. Die Taoisten gingen davon aus, dass der gew\u00f6hnliche Mensch in seiner Mitte besetzt ist. Das bedeutet, dass sein Herzzentrum nicht frei ist f\u00fcr das Wirken von Tao. Das Herz ist gef\u00fcllt mit Begierden, Zielen, Gewohnheiten und Vorstellungen.<\/p>\n<p>Wenn ein Mensch jedoch eine freie, das hei\u00dft offene, empfangsbereite Mitte hat, in der keinerlei Willenswirksamkeit stattfindet, kann sich die im Moment vorhandene Lebenssituation in Tao spiegeln. Dies kann prinzipiell in einem Moment der inneren Einkehr und selbstlosen Hingabe an Tao geschehen. Das pers\u00f6nliche W\u00fcnschen und Wollen tritt zur Seite und \u00fcberl\u00e4sst einer sehr viel gr\u00f6\u00dferen Wirksamkeit den inneren Raum. Der Kranich spiegelt sich im Weiher.<\/p>\n<p>Der Kranich \u2013 so k\u00f6nnte man das Bild deuten \u2013 steht f\u00fcr das ganze Leben, f\u00fcr seine Einheit in Tao.\u00a0 In manchen Augenblicken sehen wir sie klar, und dann verschmilzt die ganze Vielfalt einer Situation mit ihren Problemstellungen, Beziehungen und Verflechtungen zu einer einzigen Wahrnehmung, zu einem Ein-Druck in der Stille des Herzens. Das Unvollkommene hat sich in Tao gespiegelt, wurde durch Tao erkennbar, war in Tao aufgehoben. Dadurch wurde Tao in eine wirksame Aktivit\u00e4t gebracht. Wom\u00f6glich enststanden daraufhin neue Gedanken und Empfindungen, in einer scheinbar ausweglosen Situation tat sich pl\u00f6tzlich eine L\u00f6sung auf, ein Buch oder eine Textstelle gab uns einen entscheidenden Hinweis oder eine unerwartete Begegnung fand statt. Es kann auch sein, dass eine ungeahnte Kraft oder eine Heiterkeit fei wurde, eine schicksalhafte Situation anzunehmen wie sie ist.<\/p>\n<p>Normalerweise versucht der Mensch in einer Situation, sei sie schwierig oder angenehm, sofort irgendetwas damit zu machen. Er will sie nach seinen Vorstellungen und seinem Willen formen, ver\u00e4ndern oder einordnen. Meist will er etwas loswerden oder an etwas festhalten.<\/p>\n<p>Derjenige, in dem Tao wirkt, tut hingegen zun\u00e4chst einmal nichts. Er steht im Wu Wei, praktiziert das Nicht-Tun. Er greift nicht ein auf der Ebene der \u201ezehntausend Dinge\u201c, wie Lao-tse es nennt. Er will den Vogel weder fangen, vertreiben, noch mit einem Spiegel oder einer Kamera hinter ihm herlaufen. Vielmehr l\u00e4sst er den \u201eKranich fliegen\u201c und nimmt keinerlei Wertungen vor bez\u00fcglich irgendwelcher Aspekte seines Verhaltens. Er nimmt seinen eigenen Willen v\u00f6llig heraus aus der Situation und l\u00e4sst geschehen, was geschieht.<\/p>\n<p>Ein solcher Mensch nimmt nichts weg und f\u00fcgt nichts hinzu. Er wei\u00df um die Einheit in Tao. In seinem Innern erlebt er, dass das wahrgenommene fragmentierte Leben in Wirklichkeit eine Einheit ist. Er l\u00e4sst die Situation in ganzer Sch\u00e4rfe und so vollst\u00e4ndig wie m\u00f6glich auf sich wirken und gibt ihr in seinem Herzen Raum f\u00fcr ein Heilsein in Tao. Er l\u00e4sst dabei die tiefe Sehnsucht nach der heilenden Verbindung mit Tao in seine erlebte Realit\u00e4t hineinstr\u00f6men.<\/p>\n<p>Diese Haltung des Geschehen-lassens, die auf der Bereitschaft basiert, dem Lauf der Dinge keinen Widerstand entgegenzusetzen wird in der chinesischen Literatur durch ein weiteres Bild ausgedr\u00fcckt: Die Kiefer und die Weide im Schnee. Der Ast der Kiefer ist starr und bricht unter der Last, w\u00e4hrend der Ast der Weide dem Gewicht nachgibt und der Schnee dabei abgleitet. Die Kiefer steht f\u00fcr das gew\u00f6hnliche anhaftende Bewusstsein, das mit Gegendruck und Kampf arbeitet. Die Weide kann hingegen nachgeben und sich flexibel anpassen. Sie steht f\u00fcr den Menschen des Tao, der so neutral und objektiv wie m\u00f6glich auf sich und sein Leben schaut. Er l\u00e4sst es zu, dass die Dinge sich im Schauen aus dem inneren Wesensgrund heraus entfalten und zeigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Er nimmt scheinbare Niederlagen genauso an wie Erfolge. Denn er wei\u00df, dass die beiden Pole zusammengeh\u00f6ren. Yin und Yang bedingen sich gegenseitig. Da er sich verbunden wei\u00df mit der Einheit Taos, lebt er die Freude des inneren Ungebunden-seins &#8211; was auch im \u00e4u\u00dferen Leben geschehen mag.<\/p>\n<p>Doch dieses innere Handeln durch \u201eNicht-Eingreifen\u201c f\u00fchlt sich nicht unbedingt erhaben oder stark an. Oft werden gerade dadurch \u00c4ngste, Trauer, Wut und die eigene Unzul\u00e4nglichkeit sp\u00fcrbar. Doch gerade in der empfundenen Ohnmacht und im Erkennen der eigenen Kleinheit kann die Ergebung gegen\u00fcber der Weisheit und Kraft Taos stattfinden. Nun k\u00f6nnen die Kr\u00e4fte Taos flie\u00dfen. Eine Verschiebung des inneren Handlungszentrums vom Ich zu Tao findet statt.<\/p>\n<p>Der Wille und die Intelligenz Taos lassen die m\u00f6gliche L\u00f6sung aufleuchten. Und nicht nur das. Im Herzen des Menschen, in dem Tao wirkt, gehen die Dinge eine Wiederverbindung ein mit ihrem ureigenen inneren Quell. Der Impuls zu einer tiefen inneren Verwandlung kann wirksam werden. Daher waren die Taoisten im alten China bekannt daf\u00fcr, besonders heiter und ge-lassen zu sein. Sie nahmen sich selbst nicht allzu ernst, sie lie\u00dfen sich und ihre Anhaftungen los.<\/p>\n<p>Wu-Wei hei\u00dft allerdings nicht, dass man sich nur zur\u00fccklehnt und denkt, Tao wird es schon richten. Nat\u00fcrlich ist in der \u201eWelt der zehntausend Dinge\u201c auch \u00e4u\u00dferes Handeln gefragt. Es ist jedoch abgestimmt auf den h\u00f6heren Lebenssinn, auf die Impulse Taos. Es ist die Kunst, im richtigen Moment am richtigen Ort das Richtige zu tun. Dies kann nicht gewollt oder erzwungen werden. Vielmehr passiert es einfach, wenn der Mensch im \u201eMitbewegen\u201c mit der freien Mitte steht.<\/p>\n<p>Tao als Sch\u00f6pfer allen Lebens und die konkrete Lebenssituation ber\u00fchren sich. Die unergr\u00fcndliche Tiefe des Seins, der Sch\u00f6pfer, der Ursprung begegnet der Sch\u00f6pfung, der Manifestation im menschlichen Herzen. Ein Verschmelzen findet statt, ein Erwachen aneinander. Der Sinn leuchtet auf, starke transformative und evolutive Impulse werden ausgel\u00f6st, die f\u00fcr den Einzelnen wie auch f\u00fcr die Menschheit und die Natur insgesamt bedeutsam sind.<\/p>\n<p>Unser allt\u00e4gliches Bewusstsein gleicht einem Weiher voll unruhigen Wassers. Es kann den Kranich nur zerst\u00fcckelt und als \u201ezehntausend Dinge\u201c widergeben. Hier finden wir keinen Frieden, kein tieferes Verstehen von Zusammenh\u00e4ngen, keine Einheit.<\/p>\n<p>Der Weg zur Einheit ist der Weg des Herzens. Unsere besetzte Mitte f\u00fcr diesen Weg frei zu machen, bedeutet Menschsein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>\u201eSchaffe Leere bis zum H\u00f6chsten!<br \/>\nWahre die Stille bis zum V\u00f6lligsten!<br \/>\nAlle Dinge m\u00f6gen sich dann zugleich erheben.<br \/>\nIch schaue wie sie sich wenden.<br \/>\nDie Dinge in ihrer Menge,<br \/>\nein jedes kehrt zur\u00fcck zu seiner Wurzel.<br \/>\nR\u00fcckkehr zur Wurzel hei\u00dft Stille.\u201c<\/p>\n<p>Laotse, Tao te king, Kap. 16<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":123546,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-113582","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/113582","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/123546"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=113582"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=113582"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=113582"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=113582"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}