{"id":113192,"date":"2026-03-21T19:44:18","date_gmt":"2026-03-21T19:44:18","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=113192"},"modified":"2026-03-25T11:00:42","modified_gmt":"2026-03-25T11:00:42","slug":"werde-der-du-bist-vom-weg-der-individuation","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/werde-der-du-bist-vom-weg-der-individuation\/","title":{"rendered":"Werde, der du bist: Vom Weg der Individuation"},"content":{"rendered":"<p><em>Der Weg der Individuation schlie\u00dft ein Leben in der Welt nicht aus, sondern f\u00fcgt ihm eine neue Qualit\u00e4t hinzu. Sie integriert, indem sie das Au\u00dfen mit dem Innen zusammenf\u00fchrt, sie vereinigt die Gegens\u00e4tze miteinander, so dass das Wesenhafte dahinter zutage tritt.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><iframe title=\"Spotify Embed: Zu sich kommen. Vom Weg der Individuation\" style=\"border-radius: 12px\" width=\"100%\" height=\"152\" frameborder=\"0\" allowfullscreen allow=\"autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed\/episode\/31FbXhzMorskQZ3dkH5zdY?si=EwNlR3oaTiWm-lsvweoFaQ&amp;utm_source=oembed\"><\/iframe><\/p>\n<p>Ein Grundgedanke in der Analytischen Tiefenpsychologie bei C.G. Jung ist die Individuation, das Sich-SELBST-Werden. Jung versteht darunter den Entwicklungsprozess, der zum eigentlichen Wesenskern des Menschen f\u00fchrt, dem SELBST, wie Jung ihn nennt. Psychologie und Individuation sollten aber nicht gleichgesetzt werden. Erstere kann nur der Beginn sein auf dem Weg zur Individuation, nur Werkzeug f\u00fcr eine vorl\u00e4ufige psychische Befriedung, damit sich das SELBST schlie\u00dflich entfalten kann.<\/p>\n<p>Die <em>Psyche<\/em> ist unser biologisch angelegtes Bewusstseinszentrum. Jung unterscheidet sie vom <em>SELBST<\/em>, dem eigentlichen Kernwesen des Menschen. Diesen Wesenskern gilt es wiederzubeleben, um ihm die F\u00fchrung im Leben zu \u00fcbergeben.<\/p>\n<p>Das SELBST ist diejenige Bewusstseinsinstanz, die im Verborgenen hinter der Psyche steht und die Psyche umf\u00e4ngt, ohne sich mit deren Bewegtheiten zu verbinden. Man k\u00f6nnte vielleicht sagen, sie ist der stille und neutrale Beobachter unserer Emotionen und Ich-Zust\u00e4nde. Die Psyche bestimmt unser Denken, F\u00fchlen und Handeln mit all den Konflikten, Widerspr\u00fcchen, Paradoxien und Spannungen, wie wir sie in unserem allt\u00e4glichen Leben erfahren. Das wichtigste Kennzeichen der Psyche ist ihre Identit\u00e4t als ein Ich. Nur in der Identifikation kann sie sich selbst erfahren. Sie hat ihre ganz individuelle Sichtweise auf die Dinge. Identifikation erschwert eine Toleranz f\u00fcr andere Perspektiven und begrenzt sich dadurch selbst. Andererseits bedarf es der Identifikation, um dieses Leben annehmen und sich in ihm wiederfinden und behaupten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Mensch wird mit seiner Geburt also in eine Paradoxie hineingestellt. Er braucht eine Identit\u00e4t in dieser Welt, die ihn aber gleichzeitig bindet und seine Handlungen bestimmt. Hier beginnt f\u00fcr Jung die Individuation. Zu ihr geh\u00f6rt auch das Freiwerden von den Begrenzungen der Identifikation, die sich aus der jeweiligen innereigenen psychischen Struktur ergeben. Die Psyche ist dabei dennoch die Voraussetzung f\u00fcr eine bewusste Entwicklung des SELBST. Aber das SELBST w\u00e4chst \u00fcber das Psychische hinaus und schlie\u00dft es dabei in sich ein. Die Bewusstseinsperspektive erf\u00e4hrt damit einen grundlegenden strukturellen Wandel.<\/p>\n<p>Psychotherapie kann und m\u00f6chte zwar auch zu einem Perspektivwechsel f\u00fchren, kann aber doch nur die eine Perspektive durch eine andere, vielleicht bessere oder passendere, ersetzen helfen. Der Mensch bleibt damit im Dunstkreis der Begrenztheit seiner selbst gefangen. Denn diese ver\u00e4nderte Perspektive wird wiederum von einer Identifikation begleitet, die k\u00fcnftig als neue Wahrheit und Lebensbasis dient. Etwas wirklich Neues kann sich daraus also nicht entwickeln, da der Ausgangspunkt in der Struktur der menschlichen Psyche nicht verlassen wird. Es bedarf eines Ausgangspunktes au\u00dferhalb eines Perspektivwandels, au\u00dferhalb einer jeden Realit\u00e4tskonstruktion unserer Psyche, um das zu erfahren, was dahintersteht, was die menschliche Wesenswirklichkeit auf einer h\u00f6heren Ebene wirklich ausmacht.<\/p>\n<blockquote><p><em>Gebt mir einen festen Punkt im All, und ich werde die Welt aus den Angeln heben,<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>sagte Archimedes vor 2200 Jahren.<\/p>\n<p>Der Kulturanthropologe Jean Gebser <sup>1<\/sup> sprach aus diesem Grund von einem notwendigen Bewusstseinssprung. Er nannte es den Sprung\u00a0 in die \u201eA-Perspektivit\u00e4t\u201c, den die Menscheit jetzt vollziehen muss, wenn sie in eine neue Bewusstseinsdimension aufsteigen will. Diese \u201eFreiheit von jeder Perspektivit\u00e4t\u201c, wie Gebser sie auch nennt, schlie\u00dft die unterschiedlichen Perspektiven nicht aus, sondern erhebt sie in einen Zustand, der nicht bei einer einzelnen Perspektive stehenbleibt, sondern dar\u00fcber hinausgeht und darin alle Gegens\u00e4tzlichkeiten und alle Realit\u00e4ten eint.<\/p>\n<p>Der Mensch, der sich zum Weg der Individuation entschlie\u00dft, wird in gewisser Weise ein Fremdling in dieser Welt, richtet er sich doch bewusst nach innen auf die Entdeckung des SELBST in sich, statt allein im Au\u00dfen die Ursache und eine Heilung f\u00fcr seine Lebensschwierigkeiten zu suchen. Aber diese Fremdlingschaft ist eine besondere: nicht im Sinne von Entsagung, Askese oder sozialem R\u00fcckzug. Denn sie schlie\u00dft ein Leben in der Welt nicht aus, sondern f\u00fcgt ihm eine neue Qualit\u00e4t hinzu. Sie integriert, indem sie das Au\u00dfen mit dem Innen zusammenf\u00fchrt, die Gegens\u00e4tze miteinander vereinigt und so das Wesenhafte dahinter erschlie\u00dft. Dies kann geschehen, wenn sich die Psyche nicht mehr ausschlie\u00dflich mit dem Au\u00dfen identifiziert. Wenn sie sich zur\u00fccknimmt, neutral wird und sich nicht mehr in Bewertungen, Ausgrenzung und Schuldzuweisungen verliert. Dadurch bekommt das Leben einen sehr subtilen anderen Schwerpunkt: Es ist \u201e<em>in der Welt&#8220; <\/em>und zugleich <em>\u201enicht von der Welt&#8220;. <\/em>\u201eIn der Welt&#8220; als ein Leben im Hier und Jetzt, im Sein des Augenblickes, \u201enicht mehr von der Welt&#8220; als Ruhen in einem SELBST, das die Identifikation nicht mehr n\u00f6tig hat, sie aber gleichwohl auch nicht ausschlie\u00dft als M\u00f6glichkeit, mit einem Au\u00dfen in Beziehung zu treten. Es ist ein Einswerden mit sich selbst, ein Ganzwerden. Alles, was sich bisher an die Stelle des SELBST gesetzt hatte, die lockende Vielfalt der Welt, verliert seinen Griff auf den Menschen.<\/p>\n<p>Das In-der-Welt-sein wird auf einer solchen Basis der Fremdlingschaft sogar intensiver: frei von einer Bindung an Vergangenheit und Zukunft, gegr\u00fcndet in einem Hier und Jetzt. Und der h\u00f6chste Seelenaspekt, das SELBST-nicht-von-dieser-Welt, das nun die Leitung der Pers\u00f6nlichkeit \u00fcbernommen hat, strahlt in einem neuen Denken, F\u00fchlen und Handeln durch die Pers\u00f6nlichkeit hindurch. So f\u00fchrt uns das Gef\u00fchl der Fremdlingschaft in der Welt zun\u00e4chst auf eine Reise zu uns selbst, zu unserem SELBST.<\/p>\n<p>Was aber geschieht, wenn der Individuationsprozess vollzogen ist? Dann ist die Fremdlingschaft aufgehoben. Die Seele mit ihrem h\u00f6chsten Aspekt, dem SELBST, ist nun zuhause in beiden Welten, der irdischen und der Seelenwelt. Sie kann sich nun der irdischen Sph\u00e4re zuwenden und in ihr wirken ohne die Begrenzung einer Identifikation. Sie ist \u201ein der Welt und nicht von der Welt\u201c. Sie ist frei von einer Gebundenheit an die Welt und kann dennoch in ihr leben zum Segen und Nutzen vieler. Vor allem kann sie dazu beitragen, dass auch andere den festen Grund in sich selbst finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>C.G. Jung sagt:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Was aber gewinnt das Selbst? Wir sehen, da\u00df es in Erscheinung tritt [&#8230;], da\u00df es, indem es uns ergreift, auch in uns selber eintritt und damit aus dem [&#8230;] Zustand des Unbewu\u00dftseins in den des Bewu\u00dftseins [&#8230;] \u00fcbergeht. Was es im unbewu\u00dften Zustand ist, wissen wir nicht; jetzt aber wissen wir, da\u00df es Mensch, ja uns selber geworden ist.&#8220;<sup> 2<\/sup> <\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>In einem weiteren Schritt kann das Seelen-SELBST sich nun \u00f6ffnen f\u00fcr die Verbindung mit einer noch dar\u00fcber stehenden Bewusstseinsdimension, dem All-Einen.<\/p>\n<p>Wir leben an der Oberfl\u00e4che des Seins und besitzen die M\u00f6glichkeit, uns der Tiefe unseres Wesens bewusst zu werden. Nutzen wir diese M\u00f6glichkeit, um Au\u00dfen und Innen zu einer neuen Ganzheit zusammenzufinden zu lassen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><sup>1 <\/sup>Jean Gebser: <em>Ursprung und Gegenwart<\/em>, Teil 2: <em>Die Manifestation der aperspektivischen Welt, Versuch einer Konkretion des Geistigen<\/em>, M\u00fcnchen: dtv, 2.Auflage 1986<\/p>\n<p><sup>2<\/sup> Blauth\/Bahemann\/Gawlitta\/Haase\/Packh\u00e4user: <em>WERDE DER DU BIST<\/em>, Rosenkreuz Verlag, Birnbach 2024<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":113305,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[111042],"tags_english_":[],"class_list":["post-113192","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-science-de-2"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/113192","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/113305"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=113192"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=113192"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=113192"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=113192"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}