{"id":112262,"date":"2025-09-11T06:00:06","date_gmt":"2025-09-11T06:00:06","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=112262"},"modified":"2025-09-10T17:46:22","modified_gmt":"2025-09-10T17:46:22","slug":"weltfremd","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/weltfremd\/","title":{"rendered":"Weltfremd"},"content":{"rendered":"<p><em>Die k\u00fcnstliche Intelligenz ist tote Intelligenz; aus ihr kommen prinzipiell \u2013 auch wenn sie noch so genial zu sein scheint \u2013 keine Zukunftsimpulse.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der in ihr liegende Geist sagt: Wie es war, wird es wieder sein. Zukunftsimpulse kommen einzig und allein aus dem lebendigen, im gegenw\u00e4rtigen Hier und Jetzt aktiven Denken und Wollen des Menschen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h3><strong>Symptom<\/strong><\/h3>\n<p>Eine Jugendherberge im Harz. Sie ist gro\u00df, modern ausger\u00fcstet und bietet den Jugendlichen ein riesiges, teilweise bewaldetes Spielgel\u00e4nde, einen Sportplatz, einige Tischtennisplatten usw.; es ist ideales Fr\u00fchlingswetter, die Sonne scheint und die Lufttemperatur ist angenehm. Die Herberge ist ausgebucht, 210 Jugendliche haben eine Unterkunft gefunden; aber das riesige Gel\u00e4nde wird nur von einer einzigen Klasse genutzt. Alle anderen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sa\u00dfen vor oder im Haus und waren mit ihrem Smartphone besch\u00e4ftigt. Und warum verhielt sich diese eine Klasse anders? Ganz einfach: Die Kinder mussten ihre Smartphones zu Hause lassen; ihre Klassenfahrt war handyfrei!<\/p>\n<p>Diese Begebenheit, von der eine sichtlich schockierte Lehrerin berichtete, ist eines der un\u00fcbersehbar vielen Symptome, die zeigen, dass die heranwachsende Generation \u2013 und nicht nur sie \u2013 sich dem realen Leben entfremdet und ins Virtuelle abwandert.<\/p>\n<h3><strong>Welt 2.0<\/strong><\/h3>\n<p>Im Schatten von ChatGPT wurde eine weitere bedeutende Entwicklung vorgestellt, die jedoch sehr viel weniger Aufmerksamkeit erregte als der Textgenerator. Das IT-Unternehmen Apple pr\u00e4sentierte im Juni 2023 seine Mixed-Reality-Brille \u201eVision Pro\u201c. In diesem MR-Headset hat der Mensch wenige Zentimeter vor den Augen zwei hochaufl\u00f6sende Bildschirme, die ihm ein Stereobild liefern. Dadurch erh\u00e4lt der Mensch den Eindruck, eine dreidimensionale Welt zu sehen. Zwei Stereo-Lautsprecher \u00fcber den Ohren unterst\u00fctzen diese Illusion. Er vermeint, seine Umgebung zu sehen, in welche die Inhalte eines Computerdisplays integriert sind. Das Ger\u00e4t von Apple enth\u00e4lt mehrere Mikrofone und zw\u00f6lf Kameras, die einerseits die Au\u00dfenwelt live aufnehmen und andererseits auch die Augenbewegungen, die Bewegung der H\u00e4nde und Finger verfolgen. Dadurch ist es m\u00f6glich, die Abl\u00e4ufe auf den beiden Bildschirmen allein durch Handgesten und Blicke, dar\u00fcber hinaus auch durch Sprache zu steuern. Apples MR-Headset l\u00e4sst sich mit einem anderen Computer koppeln, sodass man dessen Bildschirm im Raum vor sich in Gro\u00dfformat zu sehen vermeint. Mit diesem Ger\u00e4t l\u00e4sst sich nun alles M\u00f6gliche machen: berufliche Arbeiten am Bildschirm, Surfen im Internet, 3-D-Fotografie, gem\u00fctliche Kinoabende mit 3-D-Filmen, Computerspiele usw.<\/p>\n<p>Mit diesem Ger\u00e4t ging Apple einen weiteren technischen Schritt in die Richtung, die Satya Nadella, der CEO von Microsoft, 2018 als Ziel seines, aber auch anderer Unternehmen beschrieb:<\/p>\n<p>\u201eMithilfe gemischter Realit\u00e4t erzeugen wir das ultimative Computererlebnis, in dem Ihr Sichtfeld zur Computeroberfl\u00e4che wird und Ihre digitale mit Ihrer physischen Welt verschmilzt\u201c (Nadella 2019, S. 7).<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Anne Marie Engtoft Larsen, die Vertreterin der d\u00e4nischen Regierung gegen\u00fcber der globalen Tech-Industrie, ist der Auffassung:<\/p>\n<p>\u201eDie externen Ger\u00e4te zum Erleben von VR [Virtual Reality, EH], AR [Augmented Reality, EH] und MR [Mixed Reality, EH] werden sich in den n\u00e4chsten Jahren unaufhaltsam weiter entwickeln und k\u00f6nnten letztlich veralten und von in den K\u00f6rper integrierter Technologie (\u201eWetware\u201c) verdr\u00e4ngt werden\u201c (Engtoft Larsen 2019, S. 258).<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Engtoft Larsen meint damit, dass es eines Tages m\u00f6glich sein wird, \u201edass die VR aus dem Gehirn gesteuert wird\u201c (Engtoft Larsen 2019, S. 258). Dies ist zwar gegenw\u00e4rtig noch nicht realisierbar, aber man experimentiert bereits seit einigen Jahren damit, das Gehirn von Menschen direkt mit Computern zu vernetzen.<\/p>\n<p>Auch Yobie Benjamin, Mitgr\u00fcnder der Firma Avegant (USA) beschreibt das Ziel dieser Entwicklung\u00a0 sehr klar: \u201eAm Ende werden die Unterschiede zwischen AR und VR vermutlich verschwinden\u201c (Benjamin 2019, S. 262).<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Das bedeutet, dass wir in der Welt 2.0 nicht mehr zwischen Virtualit\u00e4t und Realit\u00e4t unterscheiden k\u00f6nnen \u2013 das ist aber nichts anderes als ein Realit\u00e4tsverlust.<\/p>\n<h3><strong>Spaltung<\/strong><\/h3>\n<p>Dieser Realit\u00e4tsverlust wiegt schwer, denn er beruht auf einer Art Spaltung des Menschen. Wie ist das gemeint?<\/p>\n<p>Mit ein wenig Aufmerksamkeit kann man es an sich selbst bemerken, wenn man beispielsweise einen Film anschaut. Schon nach kurzer Zeit ist man dem Bildgeschehen ganz hingegeben und verliert alles um sich her aus dem Blick \u2013 auch sich selbst. Im Extrem ist das zu beobachten, wenn man mithilfe eines VR-Headsets einen virtuellen Raum \u201ebetritt\u201c. Dann sind Auge und Ohr vollst\u00e4ndig an einen computergenerierten Erlebnisbereich hingegeben, w\u00e4hrend die \u00fcbrigen Sinne, vor allem diejenigen, durch welche der eigene Leib in der realen Welt verankert ist (Tastsinn, W\u00e4rmesinn, Bewegungssinn usw), nach wie vor die reale Welt erleben. Das, was Auge und Ohr erfahren, hat mit dem, was die \u00fcbrigen Sinne erleben, nichts zu tun. Man kann sich im virtuellen Raum beispielsweise durch Google Earth in der N\u00e4he des Nordpols befinden, w\u00e4hrend man eigentlich in seinem warmen Zimmer sitzt und nicht bemerkt, dass man etwas schwitzt. Der Sinnesorganismus des Menschen ist gespalten.<\/p>\n<p>Das Bewusstsein ist von den Erlebnissen der virtuellen Welt erf\u00fcllt, w\u00e4hrend das Leiberlebnis im Dunkel der Nichtbeachtung versinkt. Der Mensch verliert sozusagen seinen Leib.<\/p>\n<h3><strong>Vernachl\u00e4ssigung des Leibes<\/strong><\/h3>\n<p>Was der Informatiker Joseph Weizenbaum schon in den 1970er-Jahren von den zwanghaften Programmierern berichtete (Weizenbaum 1978, S. 160f.)<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>, best\u00e4tigte in den 1990er-Jahren die Psychologin Christel Schachtner in einer Untersuchung von Softwareentwicklern und Jugendlichen, die viel Zeit mit dem Computer verbringen. Sie fand in ihrer Studie klare Hinweise, dass Menschen, die viel Zeit mit dem Computer verbringen und eine intensive Beziehung zu ihm haben, das Gef\u00fchl f\u00fcr ihren Leib verlieren. Sie haben weniger Interesse an guter Ern\u00e4hrung und k\u00f6rperlicher T\u00e4tigkeit \u2012 der eigene Leib wird vor dem Computer vergessen (Schachtner 1993, S. 152ff.).<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><sup>[5]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Durch Schachtners Studie angeregt, unternahm die Theologin und Computerwissenschaftlerin Anne Foerst in den USA eine vergleichbare Untersuchung. Dabei stellte sie \u00e4hnliche Effekte fest und res\u00fcmiert,<\/p>\n<p>\u201edass das Gef\u00fchl der Entk\u00f6rperlichung, das die Menschen in der westlichen Welt \u00fcber Jahrhunderte geformt hat, oft durch die t\u00e4gliche Benutzung von Computern verst\u00e4rkt wird\u201c (Foerst 2008, S. 98).<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Die Vernachl\u00e4ssigung des K\u00f6rpers, das Vergessen der Bed\u00fcrfnisse des eigenen Leibes sind heute weit verbreitet. Gegenw\u00e4rtige Untersuchungsergebnisse weisen darauf hin, dass schon Kinder und Jugendliche die Alarmsignale ihres K\u00f6rpers w\u00e4hrend der langen Zeiten, die sie vor Bildschirmen verbringen, nicht beachten, denn viele von ihnen klagen \u00fcber gesundheitliche Probleme: 33 % \u00fcber Nackenbeschwerden, 24 % \u00fcber trockene und juckende Augen, 19 % \u00fcber Schmerzen in Unterarmen und der Hand. Intensive Nutzer digitaler Endger\u00e4te haben St\u00f6rungen bei der Wahrnehmung ihres K\u00f6rpers, ein doppeltes Risiko f\u00fcr Depression, ein deutlich h\u00f6heres Risiko f\u00fcr eine Angstst\u00f6rung sowie ein h\u00f6heres Risiko f\u00fcr Einsamkeitserlebnisse (Bauer 2023, S. XX).<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Andere Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche sich weniger bewegen als in fr\u00fcheren Jahrzehnten und dementsprechend auch die F\u00e4higkeit, ihren Leib geschickt zu bewegen, abnimmt.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Wenn der Mensch sich seinem Leib entfremdet, dann auch der Welt. Denn Leib und Welt geh\u00f6ren untrennbar zusammen. \u201eDer Leib ist die Natur, die wir selbst sind\u201c, sagte der Philosoph Gernot B\u00f6hme (B\u00f6hme 2003, S. 63);<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> der Ph\u00e4nomenologe Merleau-Ponty formulierte es poetisch: \u201eDer eigene Leib ist in der Welt wie das Herz im Organismus: er ist es, der alles sichtbare Schauspiel unaufh\u00f6rlich am Leben erh\u00e4lt, es innerlich ern\u00e4hrt und beseelt, ein einziges System bildend&#8220; (Merleau-Ponty 1966, S. 239).<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<h3><strong>Ausgleichende Gewichte<\/strong><\/h3>\n<p>Die Bildschirmtechnologien sind Teil unserer Kultur. Sie bieten enorme M\u00f6glichkeiten, wenn man sie sinnvoll zu nutzen wei\u00df und werden gef\u00e4hrlich f\u00fcr das menschliche Sein, wenn man es unterl\u00e4sst, durch Eigeninitiative ausgleichende F\u00e4higkeiten zu \u00fcben. Das sind beispielsweise die Disziplin, den Verf\u00fchrungen der Bildschirmr\u00e4ume entsagen zu k\u00f6nnen, das Verm\u00f6gen, etwas aufmerksam beobachten zu k\u00f6nnen und f\u00e4hig zu sein, an Vorg\u00e4ngen des Lebens ein ehrliches Interesse zu entwickeln. Man k\u00f6nnte auch sagen: Die Erscheinungen der realen Welt lieben zu k\u00f6nnen, ist das ausgleichende Gewicht, das hilft, der Versuchung zur Weltfremdheit gewachsen zu sein.<\/p>\n<p>Vor allem aber m\u00fcssen wir ein Bewusstsein daf\u00fcr entwickeln, dass alles, was der Mensch als seelisch-geistige T\u00e4tigkeit vollzieht, immer eine subtile Wirkung auf den Leib hat. Die von dem Medizinsoziologen Aaron Antonovsky entwickelte Salutogenese geht von der Entdeckung aus, dass das Koh\u00e4renzgef\u00fchl \u2012 das Gef\u00fchl, die Welt zu verstehen und handhaben zu k\u00f6nnen sowie das eigene Leben als sinnvoll zu empfinden \u2012 auf den Leib eine gesundende Wirkung hat.<\/p>\n<p>Dieser Aspekt ist f\u00fcr den allt\u00e4glichen Umgang mit IT-Technologie enorm wichtig: Neben einer Aufmerksamkeit auf \u00e4u\u00dfere Aspekte der Gesundheit ist auch die Pflege eines aktiven seelisch-geistigen Innenlebens im Sinne des Koh\u00e4renzgef\u00fchls von gro\u00dfer Bedeutung. Denn man kann nicht nur der wahrnehmbaren Welt fremd werden, sondern auch der Welt im eigenen Innern, da die aufkommende KI uns mehr und mehr in Versuchung f\u00fchrt, unser selbstst\u00e4ndiges Denken zu verlernen.<\/p>\n<h3><strong>K\u00fcnstliche Intelligenz<\/strong><\/h3>\n<p>Mit dem Bau der ersten Computer begann das Zeitalter der Universalger\u00e4te, die menschliches Denken mechanisieren. In den Computerprogrammen, die in exakt vorgegebener Weise auf der Hardware ablaufen, erstarren die Strukturen der im menschlichen Denken lebenden Logik und diese werden sozusagen auf die Universalstruktur der Hardware geschrieben.<\/p>\n<p>Bereits in den 1940er-Jahren entstanden die ersten \u00dcberlegungen, wie man nicht nur die Logik des Menschen maschinell imitieren kann, sondern auch die physischen Abl\u00e4ufe im Gehirn. Das f\u00fchrte zum Bau sogenannter k\u00fcnstlicher neuronaler Netze, also Computern, die in ihrer Programmierung in sehr vereinfachter Weise die Reiz\u00fcbertragung des menschlichen Nervensystems nachahmen. Diese Netze sind gegenw\u00e4rtig die Basis der sogenannten k\u00fcnstlichen Intelligenz (KI). Es sind heute riesige Computersysteme, die, wie beispielsweise ChatGPT, \u00fcber Milliarden ver\u00e4nderlicher Parameter verf\u00fcgen. Neuronale Netze sind so programmiert, dass diese Parameter erst an gegebene Daten angepasst werden m\u00fcssen, bevor sie eingesetzt werden k\u00f6nnen. Das bedeutet, dass man diese Netze noch trainieren muss. Durch millionenfache Wiederholungen von Dateneingaben wird das System dazu gebracht, dass sich seine Parameter allm\u00e4hlich immer mehr an die verborgenen Strukturen der von au\u00dfen gegebenen Daten anpassen, bis es am Ende f\u00e4hig ist, sinnvoll auf eingegebene neue Daten zu reagieren.<\/p>\n<p>Durch das Internet ist es m\u00f6glich geworden, dass Milliarden Menschen ihre Gedanken und Gef\u00fchle in Form von Texten, Bildern, Filmen oder Tondateien austauschen bzw. im Netz darstellen k\u00f6nnen. Das wird alles auf gro\u00dfen Datenspeichern, die Teil des Netzes sind, gespeichert. Damit werden die k\u00fcnstlichen neuronalen Netze trainiert. Die Menschheit arbeitet also, meist ohne es zu wissen, an der Entstehung der k\u00fcnstlichen Intelligenzen mit. In dem, was als sogenannte k\u00fcnstliche Intelligenz auftritt, begegnet uns daher nichts anderes als das gesammelte und vernetzte <em>vergangene<\/em> Denken der Menschheit. Die Gedanken der Menschen haben sich in den Ger\u00e4ten materialisiert: Computer sind <em>erstarrtes \u201eGedankeneis\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Die k\u00fcnstliche Intelligenz ist tote Intelligenz; aus ihr kommen prinzipiell \u2013 auch wenn sie noch so genial zu sein scheint \u2013 keine Zukunftsimpulse. Der in ihr liegende Geist sagt: Wie es war, wird es wieder sein. Zukunftsimpulse kommen einzig und allein aus dem lebendigen, im gegenw\u00e4rtigen Hier und Jetzt aktiven Denken und Wollen des Menschen.<\/p>\n<h3><strong>Morgenr\u00f6te eines neuen Bewusstseins<\/strong><\/h3>\n<p>An der mittlerweile weltumspannenden Macht der Computersysteme zeigt sich die weltgestaltende Bedeutung des menschlichen Denkens, denn alle diese Systeme sind aus menschlichem Denken entstanden, genauer: dem menschlichen Verstandesdenken. Dieses hat sich \u00fcberhaupt erst in der griechischen Antike entwickelt und ist gegenw\u00e4rtig \u2013 vergleichsweise gesagt \u2013 \u00fcberreif geworden. Es fordert den Menschen auf, eine neue Stufe des Denkens zu entwickeln, die \u00fcber den blo\u00dfen Verstand hinausgeht.<\/p>\n<p>Der Kulturph\u00e4nomenologe Jean Gebser sprach davon, dass sich im \u00dcbergang zum 20. Jahrhundert ein neues Bewusstsein zu entwickeln beginnt: ein aperspektivisches oder integrales Bewusstsein. Seine detaillierte Ph\u00e4nomenologie dieser Bewusstseinsver\u00e4nderung, gipfelt in der These, dass die Menschheit als Ganze auf dem Weg ist, zu einem neuen Bewusstsein durchzubrechen. Und f\u00fcr ihn ist dieser Durchbruch ein Durchscheinen des G\u00f6ttlichen, ein Erfahren der Realit\u00e4t des Christus. Am Schluss seines Werkes schreibt er \u00fcber unsere Gegenwart:<\/p>\n<p>\u201eDie tiefe Wahrheit des Christlichen von der Transparenz, der Diaphanit\u00e4t der Welt wird wahrnehmbar. Der lautere Einbruch des Jenseitigen ins Diesseitige, die Pr\u00e4senz des Jenseits im Diesseits, des Todes im Leben, des Transzendenten im Immanenten, des G\u00f6ttlichen im Menschen wird transparent. Die Menschwerdung Gottes ist nicht vergeblich gewesen\u201c (Gebser 1953, S. 379).<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Auch der Anthroposoph Rudolf Steiner machte auf diese Tatsache aufmerksam und wies entschieden darauf hin, dass man sein denkendes Bewusstsein zu anderen Bewusstseinsformen erweitern kann. Er zeigte von den verschiedensten Aspekten aus, welche Wege man gehen kann, um das Verstandesdenken allm\u00e4hlich zu h\u00f6heren Bewusstseinsformen zu erweitern.<\/p>\n<h3><strong>Notwendigkeit der inneren Entwicklung<\/strong><\/h3>\n<p>Gebsers wiederholte Warnung, dass Menschen in dekadent gewordene alte Bewusstseinsformen zur\u00fcckfallen w\u00fcrden, wenn sie den Anforderungen der neuen Zeit ausweichen, findet man auch bei Steiner. Er wies immer wieder warnend darauf hin, dass die v\u00f6llige Dekadenz, ja die Barbarei drohe, wenn nicht gen\u00fcgend viele Menschen sich entschlie\u00dfen w\u00fcrden, zur \u00e4u\u00dferen technologischen Entwicklung ein aus eigener Kraft hervorgehendes inneres Werden hinzuzustellen. Er sah es als existenzielle Notwendigkeit an, dass dem technischen Fortschritt als Gegengewicht eine Erkenntnis der geistigen Welt hinzugef\u00fcgt werden muss. Noch in dem letzten von ihm verfassten Aufsatz weist er ausdr\u00fccklich darauf hin, dass die Menschheit mit ihrem allt\u00e4glichen Handeln in einen technischen Bereich eingetreten ist, den er als Unter-Natur bezeichnet. Der Mensch muss sich mit dieser Unter-Natur auseinandersetzen, was er aber nur dann sinnvoll tun kann, wenn er sich zugleich den Zugang zu einer \u00dcber-Natur erwirbt:<\/p>\n<p>\u201eDie Unter-Natur muss als solche begriffen werden. Sie kann es nur, wenn der Mensch in der geistigen Erkenntnis mindestens gerade so weit hinaufsteigt zur au\u00dferirdischen \u00dcber-Natur, wie er in der Technik in die Unter-Natur heruntergestiegen ist. Das Zeitalter braucht eine \u00fcber die Natur gehende Erkenntnis, weil es innerlich mit einem gef\u00e4hrlich wirkenden Lebensinhalt fertig werden muss, der unter die Natur heruntergesunken ist\u201c (Steiner 1998, GA 26, S. 257).<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Wir sind mit unserem Leib in eine technische Welt eingebunden: Wir bedienen die verschiedensten Apparate, bewegen uns mithilfe von Maschinen, schauen auf Bildschirme usw. Das beinhaltet die Gefahr, der sichtbaren Welt fremd zu werden. Die in den Ger\u00e4ten verborgene vergangene menschliche Intelligenz droht uns der im menschlichen Inneren zu findenden spirituellen Welt zu entfremden. Diese Situation ist Zeitenschicksal. Es steht heute in der individuellen Verantwortung, dem gewachsen sein zu wollen, indem man sich auf einen inneren, beispielsweise meditativen Entwicklungsweg begibt. Dieser findet nicht im \u201eLuftleeren\u201c statt, sondern hat ebenfalls eine R\u00fcckwirkung auf den Leib. So wie Technik auf den Leib mit zertrennenden Kr\u00e4ften wirkt, so stellt die innere Entwicklung den Leib in eine \u00fcbergreifende spirituelle Ganzheit hinein, aus der gesundende Kr\u00e4fte hervorgehen.<\/p>\n<h3><strong>Epilog<\/strong><\/h3>\n<p>F\u00fcr die heranwachsende Generation ist es wichtig, dass sie m\u00f6glichst viele erwachsene Menschen findet, die ihr in dieser Hinsicht ein Vorbild sein k\u00f6nnen und zudem auch den Mut und die Kraft haben, dem verf\u00fchrerischen Sog der digitalen Endger\u00e4te f\u00fcr einige Zeit Einhalt zu gebieten. Die Kinder brauchen Freir\u00e4ume, in denen sie die reale Welt gen\u00fcgend erfahren und erforschen k\u00f6nnen, um der Welt ein Freund zu werden.<\/p>\n<p>Ein solcher Gedanke hei\u00dft nicht, dass man technikfeindlich ist, sondern daf\u00fcr eintritt, dass die jungen Menschen lernen, fest in der realen Welt zu stehen und in der Lage sind, deren Herausforderungen zu meistern. Erst wenn sie im Leben in der Wirklichkeit der Erde ein solides Fundament gegr\u00fcndet haben, k\u00f6nnen sie die virtuelle Weltfremdheit sinnvoll in ihre \u00e4u\u00dfere und innere Biografie integrieren.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Nadella, Satya (2019): Zum Geleit. In: Klaus Schwab mit Nicolas Davis: Die Zukunft der Vierten Industriellen Revolution. Wie wir den digitalen Wandel gestalten. M\u00fcnchen: DVA.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Engtoft Larsen (2019): Virtuelle und erweiterte Realit\u00e4t. In: Klaus Schwab mit Nicolas Davis: Die Zukunft der Vierten Industriellen Revolution. Wie wir den digitalen Wandel gestalten. M\u00fcnchen: DVA.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Benjamin, Yobie (2019): Die Schnittstelle: das A und O. In: In: Klaus Schwab mit Nicolas Davis: Die Zukunft der Vierten Industriellen Revolution. Wie wir den digitalen Wandel gestalten. M\u00fcnchen: DVA.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Weizenbaum, Joseph (1978): Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Schachtner, Christel (1993): Geistmaschine. Faszination und Provokation am Computer. Frankfurt\/M: Suhrkamp.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Foerst, Anne (2008): Von Robotern, Mensch und Gott. K\u00fcnstliche Intelligenz und die existentielle Dimension des Lebens. G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Bauer, Joachim (2023): Realit\u00e4tsverlust. Wie KI und virtuelle Welten uns Besitz ergreifen und die Mensch-<\/p>\n<p>lichkeit bedrohen. M\u00fcnchen: Heyne.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Eine Zusammenfassung aktueller Befunde findet man bei Zdra\u017eil, Tom\u00e1\u0161 (2024): Die Lebens- und Gesundheitssituation der Kinder und Jugendlichen \u2013 eine Bestandsaufnahme. In: Thomas Damberger\/Edwin H\u00fcbner (Hrsg.): Kinder st\u00e4rken in Zeiten der Digitalisierung. In Krisen reflexive Energie entwickeln. Opladen, Toronto: Barbara Budrich.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> B\u00f6hme, Gernot (2003). Leibsein als Aufgabe. Leibphilosophie in pragmatischer Hinsicht. Zug\/Schweiz: Die Graue Edition.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Merleau-Ponty, Maurice (1966): Ph\u00e4nomenologie der Wahrnehmung. Berlin: Walter de Gruyter &amp;Co.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\"><sup>[11]<\/sup><\/a> Gebser, Jean (1953): Ursprung und Gegenwart. Bd. 2. Die Manifestationen der aperspektivischen Welt. Versuch einer Konkretion des Geistigen. Stuttgart: DVA.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Steiner, Rudolf (1998): Anthroposophische Leits\u00e4tze. Der Erkenntnisweg der Anthroposophie. Das Michael-Mysterium. GA 26. Dornach: Rudolf Steiner Verlag.<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":112158,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[111042],"tags_english_":[],"class_list":["post-112262","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-science-de-2"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/112262","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/112158"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=112262"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=112262"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=112262"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=112262"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}