{"id":111963,"date":"2026-09-11T06:00:00","date_gmt":"2026-09-11T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=111963"},"modified":"2026-09-10T20:22:06","modified_gmt":"2026-09-10T20:22:06","slug":"am-anfang-war-der-blitz","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/am-anfang-war-der-blitz\/","title":{"rendered":"Am Anfang war der Blitz"},"content":{"rendered":"<p>Da du dir selbst zu folgen wagst, wirst du zum Fremden in dieser Welt, doch stehst du nun vor der T\u00fcre zum Geheimnis.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe title=\"Spotify Embed: Am Anfang war der Blitz\" style=\"border-radius: 12px\" width=\"100%\" height=\"152\" frameborder=\"0\" allowfullscreen allow=\"autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed\/episode\/4AxKVE4ptcTzIrzYqkiVEt?si=4FVn5qY3QLuq_ZHRr8E9iA&amp;utm_source=oembed\"><\/iframe><\/p>\n<p><strong><em>Der Radwechsel<\/em><\/strong><\/p>\n<blockquote><p><em>Ich sitze am Stra\u00dfenhang.<br \/>\nDer Fahrer wechselt das Rad.<br \/>\nIch bin nicht gern, wo ich herkomme.<br \/>\nIch bin nicht gern, wo ich hinfahre.<br \/>\nWarum sehe ich den Radwechsel<br \/>\nMit Ungeduld?<br \/>\n<\/em>Bertold Brecht<\/p><\/blockquote>\n<p>1<\/p>\n<p>\u2026 Es ist schon eigenartig, aber scheinbar muss es so sein. Da ist viel Fremdheit in dieser Welt, viel Ungl\u00fccklichsein in dieser Welt. Ungl\u00fccklichsein \u2013 nicht weil Krieg ist oder enge Freunde sterben, oder weil Hungersnot, Mangel an allen einfachen Dingen ist, die man so braucht zum \u00dcberleben. Nein, ein Schmerz, der in der Brust nagt, manchmal brennend wie Feuer, als w\u00e4re da ein Loch, dort wo das Herz ist. Und man kennt die Ursache nicht. Die klugen Menschen, die so viel verstehen, die f\u00fcr alles eine Antwort haben, schicken den Ungl\u00fccklichen gern zum Psychologen oder Psychiater oder \u2013 das ist dann die n\u00e4chste Stufe \u2013 man f\u00fcttert ihn mit Pillen, die Gl\u00fccklichsein versprechen. Du nimmst dann die Tabletten, wir kennen sie als M<em>others\u2019 Little Helper,<\/em> von denen schon die Rolling Stones vor Jahrzehnten sangen. Man f\u00fchlt dann weniger diesen Schmerz im Herzen, in der Brust, dieses Brennen; aber es ist nicht fort, es ist eher so wie in einem Nebel, durch den du die Stimmen der Menschen, der gl\u00fccklichen, die Musik, die fr\u00f6hliche, das Geschrei der V\u00f6gel usw. h\u00f6rst, oder, vielleicht genauer, ist es einem feinen Rauch gleich, der nicht bei\u00dfend ist, doch dir die Luft zum Atmen nimmt \u2026 Das Leben ist dann, nach der t\u00e4glichen Dosis, nicht mehr so gut zu fassen: Was auf einen zukommt, hat keine Kraft mehr, und du wirst dir pl\u00f6tzlich selber fremd, sp\u00fcrst deinen K\u00f6rper, deine Arme und Beine nicht mehr richtig, wirst tr\u00e4ge. Dein Gehirn ist wie in Watte gepackt. Was du isst, wird schal; und doch, du willst mehr von dem schalen Zeug \u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013 und dann pl\u00f6tzlich, eines Nachts, du erwachst, sehnst du dich wieder zur\u00fcck zum Brennen im Herzen, zu diesem <em>Nichts<\/em> in der Brust. Man kommt sich dann vor wie betrogen um den Schmerz, betrogen um ein Geheimnis, von dem dieser Schmerz, der nicht zu fassen ist, erz\u00e4hlen will. \u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013\u00a0Jeder kennt Liebeskummer. So ist dieser Schmerz, aber nicht Kummer, sondern Drama \u2013 und doch, da steigt etwas auf in dir, diese alte Sehnsucht, und jetzt ist&#8217;s ein Sehnen nach diesem brennenden Weh, nach dem Feuer \u2026 Und dann sp\u00fclst du diese chemischen Pillen, diese Kobolde, die sich dir aufdr\u00e4ngen wollen, die dein ganzes Sehen und H\u00f6ren verwirren, in den n\u00e4chsten Kanal der n\u00e4chtlichen Stra\u00dfen. Du streckst deinen Arm, deine Faust gegen den Himmel, lachst befreit und rufst mit lauter Stimme: \u201eSchmerz, komm zur\u00fcck in meine Brust, lass dich sp\u00fcren, ich habe keine Furcht mehr vor dir\u201c, \u2026 und die Kobolde rufen mit quietschenden Stimmen: <em>Du wirst es nicht aushalten, bist viel zu schwach, die Angst holt deinen Kopf \u2026 D<\/em>iese alten Qu\u00e4lgeister tun alles, um dich zur\u00fcckzuzerren \u2013 du siehst die Pillenschachtel vor dir, z\u00fcndest sie an, schickst die Asche in den Kanal nach \u2026 und dann geschieht etwas Unerwartetes \u2013 wie ein Blitz, du f\u00fchlst es \u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013\u00a0 du wirst wieder echt, roh, wie ein St\u00fcck rohes Holz \u2026 nat\u00fcrlich, der Schmerz l\u00e4sst nicht lange warten auf sich, meldet sich gleichsam an, du hast ihn schlie\u00dflich erwartet. Und er kommt wie ein Gl\u00fcck und hat eine neue unbekannte Eigenschaft, <em>er schmeckt s\u00fc\u00df,<\/em> es ist da eine gewisse Freude in ihm, nein, nichts Oberfl\u00e4chliches, es ist anders, tiefer liegend und freundlich, ein L\u00e4cheln geht \u00fcber dein Gesicht. Und ein Gedanke bricht durch: <em>Dumpfe Gewohnheit unter der Glocke stickiger Angst, das ist das Leben der Masse. Fr\u00fch schon erfuhr ich, dass dies nicht mein Leben sein kann.<\/em><\/p>\n<p><em>Einen langen Weg habe ich zur\u00fcckgelegt durch die Fremde, durch W\u00fcsten, Schnee, unwirtliche St\u00e4dte, Gewalt, Rebellion und Trotz \u2013 Soll das alles sinnlos gewesen sein? \u2013 <\/em><\/p>\n<p>2<\/p>\n<p>Nahezu immer alleine, wunschlos, doch nicht ungl\u00fccklich, stromere ich nachts durch die Stra\u00dfen unserer Stadt, durch die Parks, sehe die Werbeplakate, die versuchen, Neid und den Wunsch dazuzugeh\u00f6ren, wachzurufen und Sorgen wecken, nach dem Motto: <em>wenn du nicht, dann \u2026<\/em> Oder sie erz\u00e4hlen vom Paradies:<em> wenn du nur \u2026, <\/em>und mit einem Male siehst du die Gier, die Angst wie Wolken, wie tonlose Wahrheiten, die von diesen Bildern klingen. Und du lachst still in dich hinein. Angst zu Angst; <em>nein, das ist nicht mehr mein Spiel<\/em> \u2013 vielleicht bist du mal ungl\u00fccklich, aber frei.<\/p>\n<p>Eines nachts, es war gegen Mitternacht, ein warmer, lauer Sommerwind, der eine ferne Musik von irgendwo an dein Ohr tr\u00e4gt, du bleibst stehen, lauschst der Musik, deutlich h\u00f6rst du eine Klarinette heraus, oder ist es ein Saxophon? \u2026<\/p>\n<p>Der alte Schmerz klingt in deinen Adern, doch nun vermischt mit einer tiefen, gl\u00fccklichen Freude. Dein wei\u00dfes Hemd bauscht sich im Wind, <em>ja wei\u00df ist sie, die Kunde dieser Nacht.<\/em> Als du weitergehen willst, f\u00e4llt dir ein Ding auf, das am Rande dieses Parkweges steht, ein Dreiecksst\u00e4nder, die Ank\u00fcndigung einer Ausstellung, der Titel: <em>Die Kunde vom Paradies ist kein Fake. <\/em><\/p>\n<p><em>3<\/em><\/p>\n<p><em>Die Kunde vom Paradies ist kein Fake. \u2013 <\/em>Und der n\u00e4chtliche Wanderer, der du bist, erstarrt, es ist gleichsam ein Blitz, der durch das ganze Wesen f\u00e4hrt, durch die Brust, die Sinne drohen zu schwinden, kurz stockt der Atem. Dieser Blitz, was\u00a0 sonst sollte es sein, erleuchtet einen Raum in dir, da ist nur Licht und Licht und nichts als Licht, bis an den Rand des Blickfeldes, aber da ist kein Rand, da ist nur ein Weltraum \u2026 und die Nacht ist dunkel. Der Klang der Instrumente aus der Ferne, es ist doch ein Saxophon, ein helles, entscheidest du, ein Klang aus der Ferne \u2013\u00a0 Kunde vom Paradies \u2026<\/p>\n<p>4<\/p>\n<p>Exil und R\u00fcckkehr \u2013 Und ich konnte das Licht nicht halten, auch nicht den Klang \u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013\u00a0 diese Nacht jedoch hat mich aus der Fremde zur\u00fcckgerufen \u2013 zu mir selbst.<\/p>\n<p>Ja, es ist wahr, <em>die Kunde vom Paradies ist kein Fake<\/em>. Nat\u00fcrlich sah ich mir die Bilder dieser Ausstellung an. Der Kurator setzte ein Wort dazu in einem ansprechend\u00a0 gestalteten Flyer:<\/p>\n<blockquote><p><em>Kreativit\u00e4t ist der Spiegel der Intuition,<br \/>\n<\/em><em>die Harmonie der Form der Beweis.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Interessante, ansprechende Werke, viel Gold, viel Licht, das aus verschiednen kr\u00e4ftigen Dunkelheiten bricht. Und einige Texte, die manche K\u00fcnstler zu ihren Bildern f\u00fcgten. Einiges habe ich notiert, du kannst sie, wenn du Lust hast, lesen:<\/p>\n<blockquote><p><em>Exil \u2013 Ex coelis \u2013 aus dem Himmel<br \/>\n<\/em>(Ein Gedanke des gro\u00dfen \u201eKelten\u201c, Antoine Gadal)<\/p><\/blockquote>\n<p>* * * * *<\/p>\n<blockquote><p><em>Der Weg war lang und dunkel,<br \/>\n<\/em><em>doch dann kam mir Licht entgegen,<br \/>\n<\/em><em>das sprach: Folge mir.<br \/>\n<\/em><em>Und ich folgte und sah,<br \/>\n<\/em><em>das Licht war mein Innerstes<\/em>.<\/p><\/blockquote>\n<p>* * * * *<\/p>\n<blockquote><p><em>Freund, Betrachter, es ist kein blinder Zufall, der dich vor dieses Bild gestellt. Verweile.<br \/>\n<\/em><em>Lass dein altes Ich, das komplizierte, zerflie\u00dfen<br \/>\n<\/em><em>in der Freude, im Wohlbehagen deiner Seele.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>* * * * *<\/p>\n<blockquote><p><em>Das Paradies auf Erden gibt es, doch nur in deiner Seele.<br \/>\n<\/em>(Sartre)<\/p><\/blockquote>\n<p>* * * * *<\/p>\n<blockquote><p><em>Da du dir selbst zu folgen wagst,<br \/>\n<\/em><em>wirst du zum Fremden in dieser Welt,<br \/>\n<\/em><em>doch stehst du nun vor der T\u00fcre zum Geheimnis.<br \/>\n<\/em><em>Bleibe in dir, im Hause deiner Seele,<br \/>\n<\/em><em>und die Fremde wird sich wandeln,<br \/>\n<\/em><em>da du sie, diese Fremde, im Licht des Lebens<br \/>\n<\/em><em>mehr und mehr verstehen lernst.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>* * * * *<\/p>\n<blockquote><p><em>Der Himmel hat keinen Ort, nirgends, au\u00dfer in dir.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>* * * * *<\/p>\n<blockquote><p><em>Die entscheidende Frage f\u00fcr den Menschen ist:<br \/>\n<\/em><em>Bist du auf Unendliches bezogen oder nicht?<br \/>\n<\/em><em>Das ist das Kriterium des Lebens.<br \/>\n<\/em>(C.G. Jung)<\/p><\/blockquote>\n<p>* * * * *<\/p>\n<blockquote><p><em>In der Fremde deines Wesens:<br \/>\n<\/em><em>zum Streiten geh\u00f6ren immer zwei;<br \/>\n<\/em><em>zum Frieden, dem Vorboten des Paradieses,<br \/>\n<\/em><em>gen\u00fcgt einer \u2013 eins in dem einem.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>* * * * *<\/p>\n<blockquote><p><em>In principio era il fulmine \u2013 Am Anfang war der Blitz.<br \/>\n<\/em>(Hans Hartung)<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101],"tags_english_":[],"class_list":["post-111963","logon_article","type-logon_article","status-publish","hentry","category_-spiritsoul-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/111963","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=111963"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=111963"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=111963"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=111963"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}