{"id":111928,"date":"2025-06-26T06:00:23","date_gmt":"2025-06-26T06:00:23","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=111928"},"modified":"2025-06-23T17:36:41","modified_gmt":"2025-06-23T17:36:41","slug":"ich-bin-ein-fremder","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/ich-bin-ein-fremder\/","title":{"rendered":"Ich bin ein Fremder"},"content":{"rendered":"<p><em>Es k\u00f6nnte sein, dass ich im Mittelpunkt eines gro\u00df angelegten Experimentes stehe. Ich stelle mir eine Art Labor vor, in dem ich mit einer gro\u00dfartigen Apparatur verbunden bin. <\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Diese Anlage, vermute ich, spiegelt alles, was ich wahrzunehmen glaube, direkt in mein Gehirn. In Wirklichkeit existiert nichts davon. Mein Leben, das, was ich f\u00fcr mein Leben halte, ist eine Art Test, ein Film oder eine superrealistische 3D-Animation zum Mitspielen.<\/p>\n<p>Ich denke, es wird Zeit, dass ich freigelassen werde.<\/p>\n<p>Das Kind, das wir waren, hat vieles von dem gewusst, was wir dann erst noch zu leben hatten. W\u00e4hrend in den letzten Jahren die Simulationstheorie immer bekannter wurde und sich zu einem popul\u00e4ren Konzept in der K.I.-Szene entwickelte, wurde mir allm\u00e4hlich klar, wie vertraut mir diese Ideen sind. Ein erster Gedanke, ein erstes Gef\u00fchl war: Diese Welt ist nicht die richtige. Das Kind, dessen Verbindung mit dieser Welt erst noch entstehen musste, dessen Bindung an diese Welt mit den Fesseln der Emotion und des W\u00fcnschens erst noch neu gekn\u00fcpft wurde, wusste am Anfang genau, dass es hier nicht zuhause ist. Fremd zu sein war ein selbstverst\u00e4ndliches Faktum. Und dann stellte sich unweigerlich die Frage nach der Realit\u00e4t hinter der Illusion, nach der Heimat hinter der Fremde. Im Herzen war die Sehnsucht, aber was stellte der Verstand damit an?<\/p>\n<p>Die folgende Miniatur stammt aus dem Jahr 2005, warum sie aufgeschrieben wurde, ist unklar.<\/p>\n<p>Den Text habe ich aus einer alten Datei extrahiert, in einem Programm erstellt, das es l\u00e4ngst nicht mehr gibt. Zwischen seitenweise unverst\u00e4ndlichem Code, Reihen von Sonderzeichen und Zahlen fanden sich Satzfragmente, die, zusammengef\u00fcgt, ein fernes, selbst fremd anmutendes Innenbild des Kindes ergeben, das ich einmal gewesen war. Doch zwischen der Angst und der Einsamkeit lese ich immer noch eine unverzagte Sehnsucht nach dem Ausweg, den fraglosen Wunsch nach Vollkommenheit und Freiheit. Es ist das Lebensthema, das sich erst erf\u00fcllt, wenn es seinerseits \u00fcberwunden ist.<\/p>\n<p>Ich bin ein Fremder<\/p>\n<p>Ich habe ein eigenes Zimmer. Das ist gut. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es w\u00e4re, wenn ich kein eigenes Zimmer h\u00e4tte. Der einzige Ort, wo nur Dinge sind, die mich interessieren, ist mein Zimmer. Nur in diesem Zimmer riecht es nicht so, wie es sonst \u00fcberall riecht, hier.<\/p>\n<p>Was die Eltern bei den Nachbarn wollen, verstehe ich nicht. Die m\u00fcssen doch alle merken, dass sie nichts miteinander zu tun haben. Aber vielleicht gibt es irgendwas aus der Vergangenheit, das die Eltern ausgraben und den Nachbarn zeigen, damit die denken, sie w\u00e4ren so. Sie sind aber nicht so. Ich wei\u00df das. Sie sind nicht normal. Ich bin \u00fcberzeugt, niemand kann die normal finden. Was normal ist, und wie die Eltern eigentlich sind, wenn ich sie nicht sehe, das wei\u00df ich nicht.<\/p>\n<p>Es ist sch\u00f6n, wenn sie weg sind.<\/p>\n<p>Die Bettdecke ist gr\u00fcn und orange. Der Schlafanzug ist innen rau, das gef\u00e4llt mir. Wenn es nicht mitten in der Woche w\u00e4re, w\u00e4re heute ein guter Tag f\u00fcr den Aufbau. Der Aufbau macht das Bett zur Kommandozentrale. Seit einiger Zeit hole ich mir f\u00fcr den Aufbau noch den schwarzen Digitalwecker. Futuristisch. Nat\u00fcrlich wei\u00df ich, dass nur ich eine Kommandobr\u00fccke sehe, wenn ich den Aufbau anschaue. Zwei St\u00fchle, ein paar B\u00fccher, eine raffiniert dar\u00fcber gelegte, gefaltete und geklemmte Tagesdecke aus braunem Kord und ein steinaltes Siemens-Radio sehen nur f\u00fcr mich aus wie eine Kommandobr\u00fccke.<\/p>\n<p>Mark Brandis ist toll. Hier ist es wie mit dem Aufbau. Ich wei\u00df, dass nur ich einen Blick in die wirkliche Zukunft sehe, wenn ich Mark Brandis lese. Die Titelbilder sind total unrealistisch. So werden Raumschiffe nie aussehen. Wahrscheinlich wei\u00df der Autor nicht mal selbst, wie die Zukunft aussieht. Aber ich wei\u00df es. Was mich interessiert, das sind die Reisen, die Starts, die Landungen und auch, das muss ich zugeben, die Raumschlachten. Das Bl\u00f6de ist, dass die Angst leichter kommt, wenn man Mark Brandis gelesen hat.<\/p>\n<p>Sobald ich das Licht aus mache, kommt das Schwarz. Erst ist es einfach nur Dunkel. Aber dann rei\u00dfe ich im Dunkeln die Augen weit auf, um etwas von dem zu sehen, was eben, bei Licht noch, das Zimmer war. Und damit habe ich das Dunkel vor mir. Es sieht aus, als g\u00f6sse jemand reines Schwarz von den R\u00e4ndern des Blickfeldes her ins Bild. Es wird immer dunkler, die Dunkelheit bewegt sich, sie kriecht oder flie\u00dft auf mich zu, und was wei\u00df ich, was das ist. Vor allem muss das doch irgendwann mal aufh\u00f6ren, dunkler zu werden. Es kann doch nicht immer und immer dunkler werden. Irgendwann ist einfach alles Licht aufgebraucht, und dann kann es nicht mehr dunkler werden. Wenn ich zwischendrin immer die Augen zu mache, werde ich nat\u00fcrlich nie dahinter kommen. Nachdem ich die Augen zu und dann wieder auf gemacht habe ist das Dunkel etwas weniger dunkel. Aber sobald ich wieder etwas sehe, kommt das Schwarz zur\u00fcck, von den R\u00e4ndern des Blickfeldes, und deckt alles zu, es begr\u00e4bt mich unter sich. Das Dunkel hat nichts gegen mich. Es ist einfach da, und wo das Dunkel hinflie\u00dft, da kann ich nicht sein. Es wird mich erreichen, vielleicht nicht heute Abend, aber eines Tages wird es mich erreichen und ich werde darin verloren gehen und genauso dunkel sein. Das bin dann nicht mehr ich. Ich h\u00f6re dann auf. Das Dunkel hat mich aufgefressen.<\/p>\n<p>Aber warum geschieht dann nie etwas? Immer, wenn ich Angst bekomme, st\u00fcrzt sich das Dunkel \u00fcber mich, so lang langsam und unpers\u00f6nlich, wie es eben sein kann, damit niemand etwas merkt. Ich wei\u00df, dass es meine Angst ist, die dem Dunkel Macht \u00fcber mich gibt. Davor habe ich Angst. Bisher scheint die Angst nie so gro\u00df geworden zu sein, dass ich verschwinde. Vielleicht geht das gar nicht? Was will das Dunkel dann von mir? Was hat es von meiner Angst? Wenn es mir sowieso nichts tun kann, warum droht es mir dann? Oder ist es nur meine Angst, die mich f\u00fchlen l\u00e4sst, dass das Dunkel mir droht? Wovor habe ich dann Angst?<\/p>\n<p>Die Angst zu \u00fcberwinden bedeutet, nur das wahrzunehmen, was ich sp\u00fcren kann. Sehen kann ich nur das Dunkel. Bei dem, was ich sp\u00fcre, wei\u00df ich, dass es sich noch nicht ver\u00e4ndert hat im Dunkel. M\u00f6glich, dass mein Bett im leeren Raum schlingert \u2013 Laken, Decke, Schlafanzug und ich selbst, wir sind noch unver\u00e4ndert, echt, so wie wir waren, ehe das Dunkel hereinbrach. Was immer drau\u00dfen ist, ich bin hier und wei\u00df das. Wenn ich mich nicht bewege, wenn ich verschwinde im All des Dunkels, ohne mir selbst verloren zu gehen, dann kann nichts passieren. Und das reicht dann meistens, um einzuschlafen. Morgens wei\u00df ich das, denn um aufzuwachen, muss ich geschlafen haben.<\/p>\n<p>Die Bushaltestelle erreiche ich schwer atmend. Ich sehe aufs Handgelenk, wo auch heute Morgen wieder nicht die Uhr prangt. Die Uhr scheint das gr\u00f6\u00dfte Problem zu sein. Man k\u00f6nnte eine Statistik machen: F\u00fcnf Schultage hat die Woche, die Uhr vergesse ich an mindestens drei davon. Was kann man sonst noch falsch machen?<\/p>\n<p>Vor ein paar Tagen muss ich in Hausschuhen an dieser Bushaltestelle gestanden sein. Ich blicke, ohne den Kopf zu senken, kontrollierend an mir herab und entscheide, dass das, was ich da sehe, auch vom Rest der Welt als angemessene Fu\u00dfbekleidung eines 12j\u00e4hrigen auf dem Weg zur Schule betrachtet wird. Alles klar. Der Atem geht jetzt auch ruhiger. Aber der Bus kommt nicht.<\/p>\n<p>Ich versuche, mich zu erinnern: Das Bild der entsetzlich peinlichen, alten Hausschuhe im frischen Schnee ist deutlich. Also muss diese Geschichte l\u00e4nger her sein. Denn es ist Sommer. Ein verregneter Sommer zwar, aber geschneit hat es schon seit Monaten nicht mehr. Vielleicht habe ich das mit den Hausschuhen auch nur getr\u00e4umt. Aber wann? War da Winter? Seltsam. Und wo bleibt eigentlich dieser Bus?<\/p>\n<p>Wenn ich an Tr\u00e4ume denke, dann gibt es vieles, woran ich mich gerne nicht erinnern will. Gestern oder vorgestern aber, da war es, dass ich mit einem v\u00f6llig einmaligen Gef\u00fchl aufgewacht bin: Welche Bilder dieses Gef\u00fchl hervorgerufen haben, wei\u00df ich nicht.<\/p>\n<p>Aber es war unendlich s\u00fc\u00df und wunderbar, wie die Erinnerung daran, bedingungslos lieb gehabt zu werden, mehr als ich es je in Wirklichkeit erfahren habe. Nach dem Aufwachen wusste ich, dass ich ein Fremder bin, voll mit einem fremden Gl\u00fcck. Das Gef\u00fchl der Geborgenheit, mit dem ich beschenkt worden war, blieb noch f\u00fcr Stunden bei mir, und so kam es, dass ich beim Gedanken an diese mir unbekannte Heimat, die ich im Schlaf wohl gesehen haben musste, mitten in der Mathestunde pl\u00f6tzlich l\u00e4cheln musste. Die Frage, auf die ich sowieso keine Antwort wusste, hatte ich gar nicht geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Es kommt nicht nur kein Bus. Es wartet au\u00dfer mir niemand an dieser Haltestelle. Sonst ist das anders. Was ist hier eigentlich los?<\/p>\n<p>Im Grunde wundert mich gar nichts mehr. Denn ich habe eine Theorie. Ich spreche nicht gerne \u00fcber sie, und ich wei\u00df, dass jeder sie l\u00e4cherlich finden wird. Aber vielleicht gibt es doch jemanden, der dieselbe Theorie mit mir teilt. Es kann ein Geheimnis bleiben, wer das ist. Ich muss es nicht wissen. Ohnehin k\u00f6nnte nur einer von uns Recht haben<\/p>\n<p>Der Ausgangspunkt dieser Theorie ist: Es gibt keinen Beweis, dass das, was ich wahrnehme, wirkliche Wirklichkeit ist. Niemand kann aus seiner Haut, und so wei\u00df keiner, ob er nicht der Einzige ist, den es wirklich gibt \u2013 und ob nicht alles, was er erlebt, ein Trugbild, ein Traum oder eine T\u00e4uschung ist. Es k\u00f6nnte doch sein, dass ich \u2013 oder besser: der Teil von mir, der wahrnimmt \u2013 im Mittelpunkt eines gro\u00df angelegten Experimentes stehe. Ich stelle mir da eine Art Labor vor, wie ich es aus meinen B\u00fcchern kenne. Ich, oder das, was ich eigentlich bin, bin durch eine Unzahl von Dr\u00e4hten und Kabeln mit einer gro\u00dfartigen Apparatur verbunden, die wir hier als Computer bezeichnen w\u00fcrden. Diese Anlage, vermute ich, spiegelt alles, was ich wahrzunehmen glaube, direkt in mein Gehirn. In Wirklichkeit existiert nichts davon. Mein Leben, das, was ich f\u00fcr mein Leben halte, ist eine Art Test, ein Film oder eine superrealistische 3D-Animation zum Mitspielen. Was spricht dagegen? Die Illusion ist perfekt. Das hei\u00dft, manchmal ist sie es eben nicht! Manchmal f\u00e4hrt in wenigen Minuten dreimal dasselbe blaue Auto in dieselbe Richtung vorbei. (Ja, ich habe mir sogar das Kennzeichen gemerkt.) Manchmal liegen die Dinge tats\u00e4chlich nicht da, wo ich sie hingelegt habe \u2013 und tauchen zwei Tage sp\u00e4ter an eben dieser Stelle wieder auf. Manchmal spielen zwei Fremde die Rollen meiner Eltern &#8230;<\/p>\n<p>Will man mich auf die Probe stellen? Wartet man darauf, dass ich es merke? Wie und wem soll ich sagen, dass ich Bescheid wei\u00df? \u201eHilfe\u201c, denke ich zur Probe, so laut ich kann, \u201elasst mich hier raus &#8230;\u201c. Und ich meine es vielleicht auch so.<\/p>\n<p>Im leeren Bus, der schlie\u00dflich doch noch kommt, setze ich mich in die letzte Reihe. Das Schwingen und R\u00fctteln hilft mir, mich zu sp\u00fcren. Dass ich eine Stunde zu fr\u00fch dran bin und mein Sportzeug zuhause der Uhr Gesellschaft leistet, das ist nicht mehr zu \u00e4ndern. Und auf den grausamen Tag wird eine schwarze Nacht folgen. Aber ich werde geduldig durchhalten, bis das Experiment beendet ist. Es wird nun Zeit, dass ihr mich frei lasst.<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":111917,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-111928","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/111928","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/111917"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=111928"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=111928"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=111928"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=111928"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}