{"id":111751,"date":"2024-11-15T06:00:36","date_gmt":"2024-11-15T06:00:36","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=111751"},"modified":"2024-11-14T13:01:27","modified_gmt":"2024-11-14T13:01:27","slug":"das-thomasevangelium-platon-und-die-nahtoderfahrungen","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/das-thomasevangelium-platon-und-die-nahtoderfahrungen\/","title":{"rendered":"Das Thomasevangelium, Platon und die Nahtoderfahrungen"},"content":{"rendered":"<p><em>Nach einer Nahtoderfahrung sagen sich viele, dass sie sich selbst in ihrem Leben fremd geworden waren. Und das ist wiederum vergleichbar mit Platons H\u00f6hlengleichnis.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wenn man durch eine Nahtoderfahrung erkannt hat, dass man gleichsam in der H\u00f6hle ist und eigentlich die Heimat ganz woanders ist, n\u00e4mlich au\u00dferhalb der H\u00f6hle, dann muss man sich wieder ganz neu mit dieser H\u00f6hle anfreunden. Auf andere Weise als zuvor wird man zu der Welt \u201eja\u201c sagen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gunter Friedrich (LOGON) interviewt Prof. Dr. Enno Edzard Popkes (Universit\u00e4t Kiel).<\/p>\n<p>G.F. :<br \/>\nHerr Popkes, ich freue mich, dass ich Sie interviewen darf. Sie sind Professor f\u00fcr Geschichte und Arch\u00e4ologie des fr\u00fchen Christentums und seiner Umwelt und forschen auch zu Tod und Sterben. Eine ganze Reihe Ihrer Ver\u00f6ffentlichungen betrifft die Themen Platonismus, Thomasevangelium und Nahtoderfahrungen. Was hat Sie veranlasst, zu dieser Dreiheit zu forschen?<\/p>\n<p>E.E.P. :<br \/>\nIch fange mal biografisch an. Das erste Thema, das mich sehr stark bewegt hat in meiner Jugend, war das Thema Nahtoderfahrungen. Ich war etwa 13 oder 14 Jahre alt und stie\u00df in einem christlichen Buchladen durch Zufall auf das Buch von Raymond Moody und war gleich begeistert davon und fragte meine Bekannten, was sie davon hielten. Sie sagten: Das sind alles Halluzinationen, das kann gar nicht stimmen. Und mit der Bibel stimmt es auch nicht \u00fcberein. Das hat mich so angestachelt, dass ich mich fr\u00fch dazu entschieden habe, Philosophie und Theologie zu studieren, in der Hoffnung, das Thema dort n\u00e4her kennenzulernen. Aber da kam nichts. Ich habe mich dann mit Bereichen besch\u00e4ftigt, die nahe daran liegen. Im fr\u00fchen Christentum gibt es viele Ph\u00e4nomene, die mit Nahtoderfahrungen vergleichbar sind. Ich habe mich sozusagen indirekt auf das Thema zubewegt. Ich kann heute sagen, dass die Themen Nahtoderfahrungen, Platonismus und Fr\u00fches Christentum sich wunderbar zusammenf\u00fcgen und die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnen, das zu diskutieren, was damals in der Geschichte des fr\u00fchen Christentums geschehen ist.<\/p>\n<p>G.F.:<br \/>\nWas hat das f\u00fcr eine Bedeutung f\u00fcr unsere Zeit?<\/p>\n<p>E.E.P.:<br \/>\nWir haben ja ein gro\u00dfes Jubil\u00e4um vor uns, das zweitausendj\u00e4hrige Jubil\u00e4um des Wirkens Jesu. Ganz viele Deutungen der Gestalt und Botschaft Jesu, die damals im Umlauf waren, sind seinerzeit verurteilt und verdr\u00e4ngt worden, unter anderem auch das Thomasevangelium. Als Historiker sehe ich es als meine Aufgabe an, diese Zeugnisse und die Funde, die man inzwischen gemacht hat, in die Geschichte des fr\u00fchen Christentums einzuzeichnen. Meines Erachtens kann es f\u00fcr Theologie und Kirche nur wertvoll sein, auch jene Stimmen zu h\u00f6ren, die damals verdr\u00e4ngt worden sind. Wir leben ja in einem Zeitalter der Aufkl\u00e4rung, das hei\u00dft, dass wir selber entscheiden sollen, was plausibel und \u00fcberzeugend ist. Wir k\u00f6nnen schauen: Ist da vielleicht Wertvolles verlorengegangen, was wir heute diskutieren sollten? Und ich sage ganz klar: Ja. Wertvolle Stimmen sind verloren gegangen.<\/p>\n<p>G.F. :<br \/>\nWas ist f\u00fcr Sie das Spannendste am Thomasevangelium?<\/p>\n<p>E.E.P. :<br \/>\nDas Spannendste ist der Gegensatz zwischen dem, was ich in meiner Doktorarbeit und meiner Habilitationsschrift verarbeitet habe. Meine Doktorarbeit ging \u00fcber die johanneischen Schriften und insbesondere \u00fcber das Johannesevangelium und meine Habilitationsschrift \u00fcber das Thomasevangelium.<\/p>\n<p>Beide Werke verbindet die Vorstellung, dass Jesus sagt: Ich bin das Licht. Dieses Jesuswort gibt es in zwei Varianten, bei Johannes und bei Thomas. Der Hauptunterschied zwischen den beiden Schriften sind die Konsequenzen. Das Johannesevangelium sagt: Jesus ist eine Menschwerdung Gottes, aber nur er. Das Thomasevangelium sagt: Jesus ist eine Menschwerdung Gottes, aber alle sollen zur Menschwerdung Gottes gelangen. Das ist der Kernunterschied der kontr\u00e4ren Deutungen der Gestalt und der Botschaft Jesu. Meine Kollegen, die sich damit besch\u00e4ftigen und ich selbst sind der \u00dcberzeugung, dass das Thomasevangelium und das Johannesevangelium nicht durch Zufall aufeinander bezogen sind, sondern dass sie in einem wie auch immer gearteten Zusammenhang miteinander entstanden sind. Der Diskurs zwischen diesen beiden Werken wurde aber abgebrochen. Heute k\u00f6nnen wir ihn wieder aufnehmen und neu beleben.<\/p>\n<p>G.F.:<br \/>\nDas Thomasevangelium formuliert ja eine tiefe Erkenntnis: Das Himmelreich ist in euch. Das ist doch eine Aussage von universeller Bedeutung.<\/p>\n<p>E.E.P. :<br \/>\nAbsolut. Das Thomasevangelium ist ein christlicher Text, aber der Begriff Christus kommt darin gar nicht vor. Der Text hat einen universalen Anspruch. Jesus sagt dort in Logion (Jesuswort) 77: Ich bin das Licht, das \u00fcber allem ist. Ich bin das All. Das All ist aus mir hervorgekommen und das All strebt zu mir zur\u00fcck. Hebt einen Stein auf und ich bin darunter und spaltet ein Holz und ich bin darin. Das hei\u00dft, er ist omnipr\u00e4sent und ist damit nat\u00fcrlich auch in jedem Menschen pr\u00e4sent. Es ist ein universaler Anspruch.<\/p>\n<p>GF.:<br \/>\nOb man nun das, was jedem Menschen geistig-seelisch zugrunde liegt, Jesus nennt oder anders, spielt dann keine Rolle. Die Botschaft ist f\u00fcr einen Buddhisten oder einen Hinduisten oder f\u00fcr andere genauso g\u00fcltig wie f\u00fcr den, der sich Christ nennt.<\/p>\n<p>E.E.P.:<br \/>\nDas sehe ich genauso. Ich stehe als Christ und als Wissenschaftler in der christlichen Tradition. Die ganz konkrete Gestalt Jesu ist f\u00fcr mich ein menschlicher Ankn\u00fcpfungspunkt, an den ich in meiner Forschung anschlie\u00dfe. Ich thematisiere Gott nicht als metaphysisches, unpers\u00f6nliches Prinzip, sondern als konkrete Gestalt.<\/p>\n<p>Das Faszinierende ist, dass das Thomasevangelium ebenso wie zum Beispiel das Weltbild Platons eine hochreflektierte Seelenwanderungs- und Seelenwachstumsvorstellung hat. Jesus ist dann ein Beispiel f\u00fcr eine vollkommene Menschwerdung Gottes, die m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>G.F.:<br \/>\nJetzt k\u00f6nnte man ja sagen: Wunderbar, ich studiere diese Schrift und dann gelange ich zu einer tiefen Selbsterkenntnis. Nun f\u00e4ngt aber diese Schrift mit einer ziemlichen Zumutung an. Gleich am Anfang, als Einleitung, hei\u00dft es: Das sind die geheimen Worte, die der lebendige Jesus sprach. Und es geht weiter in Logion 1: Wer die Deutung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken. Es gibt keine einzige Schrift in der Bibel, die so etwas sagt. Wie soll man damit umgehen?<\/p>\n<p>E.E.P. :<br \/>\nAls Historiker habe erst mal die Aufgabe zu beschreiben, was f\u00fcr ein Konzept dahinter steht, und erst in einem zweiten Schritt komme ich zu der Frage, welche Konsequenzen das hat. Dass es eine geheime und eine \u00f6ffentliche Botschaft gab, wird in verschiedenen Texten thematisiert. Das Thomasevangelium sagt: Das sind die geheimen Worte Jesu, und es ist auch nachvollziehbar, warum sie geheim waren. Denn sie waren im wahrsten Sinne des Wortes lebensgef\u00e4hrlich. Wenn der Jesus des Thomasevangeliums sich selbst als das g\u00f6ttliche Licht bezeichnet, reichte dies nach der j\u00fcdischen Religiosit\u00e4t aus, ihn wegen Gottesl\u00e4sterung hinzurichten. Dies wird \u00fcbrigens auch im Johannesevangelium explizit hervorgehoben: Unmittelbar nach der Aussage des johanneischen Jesus, dass er mit Gott wesenseins sei, sollen der Erz\u00e4hlung zufolge die j\u00fcdischen Mitmenschen Jesu versucht haben, ihn zu steinigen (Joh 10,30-31). Das noch Anst\u00f6\u00dfigere aber ist, dass Jesus nicht nur sagt: Ich bin das Licht, sondern dass er sagt: Dieses Licht ist in allen von euch. Das G\u00f6ttliche ist in jedem Lebewesen.<\/p>\n<p>Die Aussage: Wer die Deutung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken, ist leicht zu verstehen. Der Mensch kann erkennen, dass er im Moment seines Todes gar nicht stirbt, sondern den materiellen K\u00f6rper verl\u00e4sst. Platonisch gesagt, verl\u00e4sst der unsterbliche Teil der Seele den K\u00f6rper. Es ist genau das, was wir bei den Nahtoderfahrungen sehen.<\/p>\n<p>G.F.:<br \/>\nK\u00f6nnte man den Hinweis auf die \u201egeheimen Worte\u201c und das Betonen, dass man unsterblich wird, wenn man sie versteht, auch noch anders deuten? Bei den geheimen Worten k\u00f6nnte es sich doch um Mitteilungen aus dem Innersten handeln, die man in ihrer eigentlichen Tiefe und Bedeutung gar nicht aussprechen kann, Worte, die in das Geheimnisvolle, das Geheime des eigenen Innersten hineinf\u00fchren und daraus hervorkommen. Wenn es dann hei\u00dft: \u2026 der wird den Tod nicht schmecken, dann k\u00f6nnte das bedeuten, dass der Mensch durch die Ann\u00e4herung an das, was das Tiefste seines Innern ist, verwandelt wird. Die Worte werden aus der Sph\u00e4re des Unsterblichen heraus gesprochen und sie wollen das Bewusstsein veranlassen, sich dem zuzuwenden und sich von ihm ergreifen zu lassen.<\/p>\n<p>E.E.P.:<br \/>\nJa, ganz sicher. Ich w\u00fcrde hier noch einen Begriff aus der platonischen Tradition dazunehmen, und zwar die Erinnerung. Nach Platon ist die Seele eigentlich allwissend und hat ihr Wissen nur jetzt und hier in diesem Leben vergessen. Je mehr sie sich aber ihrer g\u00f6ttlichen Heimat ann\u00e4hert, umso schneller kann sie sich erinnern. Und das ist wohl auch das Ph\u00e4nomen, das bei Jesus ausgel\u00f6st worden ist. Man kann sich fragen, wie es eigentlich dazu kam, dass Jesus etwa im Alter von 30 Jahren begann, als Heiler und Missionar t\u00e4tig zu werden. Ich glaube, er muss irgendetwas erfahren haben, was ihm dieses Selbstbewusstsein vermittelt hat, durch das er sagen konnte: Ich bin das Licht. Meines Erachtens war es die W\u00fcstenerfahrung. Denn danach beginnt er mit seiner missionarischen T\u00e4tigkeit. Er konnte sich an den Zustand der Vollkommenheit seiner Seele erinnern und verk\u00fcndete auf dieser Grundlage seine Botschaft. Jesus hat nie etwas aufgeschrieben. Es wurde nur \u00fcber ihn geschrieben, und das ist teilweise vergleichbar, teilweise unterschiedlich, teilweise gegens\u00e4tzlich. \u00dcber die gegens\u00e4tzlichen Deutungen der Gestalt und Botschaft Jesu k\u00f6nnen wir bis in die Gegenwart hinein diskutieren. Das tue ich hauptberuflich mit gro\u00dfer Freude. Es sind wertvolle Stimmen damals verloren gegangen, die wir heute neu bedenken m\u00fcssen.<\/p>\n<p>G.F.:<br \/>\nK\u00f6nnte es sein, dass sich bei Jesus etwas vollendet hat, was bei Platon schon aufleuchtete? Platon sprach ja von dem inneren Menschen, dem Seelenaspekt, der vollkommen ist.<\/p>\n<p>E.E.P.:<br \/>\nDas sehe ich genauso.<\/p>\n<p>G.F.:<br \/>\nIst das Thomasevangelium vielleicht eine Einweihungsschrift? Jesus formuliert gleich zu Beginn die Schritte, die zum Unsterblichen f\u00fchren und will den H\u00f6rer\/Leser gleichsam dorthin mitnehmen. Er sagt: Zuerst musst du suchen, dann kannst du finden. Wenn du gefunden hast, wirst du erstaunt sein, oder, in anderer \u00dcbersetzung: ersch\u00fcttert sein. Und wenn du ersch\u00fcttert oder erstaunt bist, dann wirst du herrschen und wirst die Ruhe finden, in einer anderer Texttradition: dann wirst du \u00fcber das All herrschen. Das sind doch tiefe Schritte einer Seele, die sich auf dem Weg der Erinnerung befindet.<\/p>\n<p>E.E.P.:<br \/>\nGenau. Wenn man das heute neu diskutiert, haben wir die M\u00f6glichkeit, auf die mystische Tradition des fr\u00fchen Christentums ganz neu zuzugehen, und wir k\u00f6nnen schauen, in welcher Weise das neue Formen der Deutung der Botschaft Jesu erm\u00f6glicht. Daraus k\u00f6nnen sich neue Ans\u00e4tze christlicher Religiosit\u00e4t ergeben.<\/p>\n<p>G.F.:<br \/>\nUnd jetzt gibt es noch ein Zweites: Es geht nicht nur um das Verstehen, sondern auch um das Schauen. Gleich am Anfang im f\u00fcnften Ausspruch spricht Jesus vom Augen\u00f6ffnen f\u00fcr das Unsterbliche: Erkenne, was vor deinem Angesicht ist und das, was vor dir verborgen ist, wird sich dir offenbaren. Das k\u00f6nnte doch bedeuten, das Innerste schenkt die Kraft, ja die Erinnerung, dass es geschaut werden kann.<\/p>\n<p>E.E.P.:<br \/>\nLogion 5 sagt: Erkenne das, was vor dir ist. Was sehen wir konkret vor uns? Es ist die materielle Umwelt. Auf sie bezieht sich unsere Wahrnehmung. Wenn man das \u00c4u\u00dfere im wahrsten Sinne des Wortes durchschaut, also \u00fcber die Materie hinausblickt, gelangt man in die geistige Dimension, und die ist ja in diesem Werk so wichtig.<\/p>\n<p>G.F.:<br \/>\nEs hei\u00dft dann sp\u00e4ter: Das K\u00f6nigreich des Vaters ist \u00fcber die ganze Welt ausgebreitet und die Menschen sehen es nicht. Platon sagt: Schau erst mal die Dinge im \u00c4u\u00dferen an und untersuche ihre Merkmale. Dann kannst du als n\u00e4chstes den Schritt zur geistigen Wahrnehmung tun.<\/p>\n<p>E.E.P.:<br \/>\nZur Erl\u00e4uterung f\u00fcr den Leser: Bei Platon ist es so, dass wir unterscheiden m\u00fcssen zwischen den Abbildern und den Urbildern. Im H\u00f6hlengleichnis erkl\u00e4rt er, dass wir wie auf einer hinteren H\u00f6hlenwand nur die Schattenbilder der Realit\u00e4t sehen und dass wir diese Schattenbilder f\u00fcr die Realit\u00e4t halten. Aber eigentlich sind es nur Projektionen von Dingen, die sich au\u00dferhalb der H\u00f6hle befinden. Dort sind sie mehrdimensional und gleichsam \u201efarbig\u201c, w\u00e4hrend wir sie nur schattenhaft und gleichsam zweidimensional wahrnehmen k\u00f6nnen. Das gilt bei Platon f\u00fcr die gesamte Welt, in der wir leben.<\/p>\n<p>G.F.<br \/>\nMan kann sich und die Welt aber nur dann als Schatten wahrnehmen, wenn man schon geistige Augen hat.<\/p>\n<p>E.E.P. :<br \/>\nDas w\u00e4re die n\u00e4chste Unterscheidung. In der platonischen Tradition wird zwischen jungen, mittleren und \u00e4lteren Seelen unterschieden. Je nach dem, wie weit eine Seele sich entwickelt hat, ist sie f\u00e4hig, das zu verstehen und zu begreifen.<\/p>\n<p>G.F.:<br \/>\nKann man schon durch Nahtoderfahrungen die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind?<\/p>\n<p>E.E.P. :&#8216;<br \/>\nNein, das ist nur ein Ansatz. Wer eine Nahtoderfahrung macht, ist ganz \u00fcberrascht, was er da wahrnimmt. Oft haben Menschen nach diesen Erfahrungen Probleme, ihre Erfahrungen zu verstehen und richtig in ihr Leben einzuordnen. Mit einem platonischen Weltbild werden die Nahtoderfahrungen begreifbarer. Man kann sie leichter einordnen. F\u00fcr meine seelsorgerische Arbeit ist dies ein wichtiges Arbeitselement. Ich biete Denkans\u00e4tze an.<\/p>\n<p>G.F.:<br \/>\nDie Menschen begreifen dann, dass die Seele weiterlebt. Aber jetzt kommt der gro\u00dfe Unterschied. Im Thomasevangelium steht, was eigentlich stattfinden muss, damit das himmlische Wesen der Seele entsteht, die Gestalt, mit der sie das K\u00f6nigreich der Himmel betreten kann. Und diese Gestalt entsteht nicht dadurch, dass man den stofflichen K\u00f6rper ablegt. Im 22. Logion sagt Jesus: Der himmlische K\u00f6rper (in seiner unsichtbaren, ganz feinen Struktur) ist dadurch gekennzeichnet, dass die Zweiheit, in der wir jetzt leben, zur Einheit wird, das Innere wie das \u00c4u\u00dfere wird, das Obere wie das Untere, das M\u00e4nnliche wie das Weibliche. Der geistig-seelische K\u00f6rper besitzt neue Augen, neue H\u00e4nde, neue F\u00fc\u00dfe, und wir werden in diesem himmlischen K\u00f6rper zu einem neuen Bild. Jetzt sind wir auch schon eine Art Abbild eines Urbildes, aber dann sind wir Ebenbild.<\/p>\n<p>E.E.P.:<br \/>\nDas ist ein zentrales Motiv im Thomasevangelium. Jesuswort Nr. 108 spricht von der Gleichwerdung mit Jesus. Es ist eine christliche Adaption eines platonischen Weltbildes. Hiernach hat jede Seele das Ziel, mit Gott m\u00f6glichst gleich zu werden. In der platonisch-christlichen Tradition wird daraus die Gleichwerdung mit Jesus. Jeder Mensch kann mit Jesus wesenseins werden, so das Thomasevangelium.<\/p>\n<p>G.F. :<br \/>\nAber das muss erst mal stattfinden.<\/p>\n<p>E.E.P. :<br \/>\nDas ist ein langer Prozess. Meister Eckhart ist in dieser Tradition wichtig. Er hat definitiv das Thomasevangelium nicht kennen k\u00f6nnen, weil es zu diesem Zeitpunkt schon lange verschollen war. Ein guter Freund aus der philosophischen Tradition, der leider viel zu fr\u00fch verstorben ist und der einen Lehrstuhl in Heidelberg hatte (Jens Halfwassen), sagte, als ich einen Vortrag \u00fcber das Thomasevangelium gehalten habe: Das ist eindeutig das Evangelium von Meister Eckhart.<\/p>\n<p>G.F. :<br \/>\nDer Seelenfunke, von dem Meister Eckhart sprach, ist das Unsterbliche in der Seele. Es ist auch der innere Gott von Ibn Arabi, dem Sufi-Meister. Er wird der gr\u00f6\u00dfte der Sufi-Meister genannt. Und das ist das Spannende, dass diese Tiefg\u00e4nge sich auf derselben Ebene quer durch alle Religionen hindurchbewegen.<\/p>\n<p>Wie aber entsteht der himmlische K\u00f6rper? Jesus spricht im Thomasevangelium S\u00e4tze, die auf eine Seelenwanderung hindeuten. Man muss und kann es nicht in einer Inkarnation schaffen. Mit Hilfe der Inkarnationen findet Seelenwachstum statt.<br \/>\nDas wurde durch Lessing erneut in die abendl\u00e4ndische Tradition eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>E.E.P. :<br \/>\nLessing war einer der ersten, der versucht hat, die Seelenwanderungsvorstellung wieder in Europa zu etablieren. Es ist vollkommen unstrittig, dass wir eine hochreflektierte Seelenwanderungslehre in Alt-Europa hatten, und zwar vor allem in den verschiedenen platonischen Schulen. Und da gibt es Analogien mit den Nahtoderfahrungen. Ich kenne viele Menschen, die als Folge einer Nahtoderfahrung sagen: Ich habe nicht nur erkannt, dass meine Seele nach dem Tod des K\u00f6rpers weiterlebt, sondern dass sie auch schon vor meinem jetzigen Dasein gelebt hat. Sie fangen pl\u00f6tzlich von selbst an, platonische Bilder zu benutzen, um ihre eigene Situation zu reflektieren. Der Gedanke der Seelenwanderung als Seelenwachstum ist da ganz stark vorhanden.<\/p>\n<p>G.F. :<br \/>\nWenn man in das Tibetische Totenbuch schaut, dann steht da, dass man, wenn man stirbt, in eine direkte Ber\u00fchrung mit dem Urlicht kommt. Wenn man reif genug ist, dieses Urlicht aufzunehmen, dann verl\u00e4sst man den Kreislauf der Inkarnationen. Aber normalerweise gehen die Seelen nicht in diese Richtung. Das Licht ist zu hell und sie wenden sich ab. H\u00f6lderlin schreibt dar\u00fcber auch in seinem Epos Brot und Wein. Man ben\u00f6tigt also Seelenwachstum und die damit einhergehende L\u00e4uterung. Wie steht das aber im Einklang mit der Erl\u00f6sungstat des Christus?<\/p>\n<p>E.E.P.:<br \/>\nMeine Aufgabe als Religionshistoriker ist es, erst mal zu zeigen, dass es ganz verschiedene Verst\u00e4ndnisarten gab, was die Erl\u00f6sungstat gewesen sein soll, also auch ganz unterschiedliche Deutungen des Todes Jesu. Es gibt die hochreflektierte Deutung als S\u00fchnetod f\u00fcr die S\u00fcnde der Welt und der Menschen. Das Thomasevangelium kennt diese Vorstellung nicht und sagt stattdessen, dass die Erl\u00f6sung vermittelt wird durch die Erkenntnis, Teil des g\u00f6ttlichen Urgrundes zu sein. Es geht darum, jene g\u00f6ttlichen Urgrund zu entfalten, und zwar in der Gleichwerdung mit Jesus (EvThom 108).<\/p>\n<p>G.F.: F\u00fcr diejenigen, die ausschlie\u00dflich an das historische Geschehen glauben, ist es eine ziemliche Herausforderung, wenn nun die Inkarnationen ins Spiel kommen. Denn der Glaube, der als das Wesentliche angesehen wird, bedeutet noch nicht unbedingt Seelenwachstum.<\/p>\n<p>Er garantiert noch nicht, dass man bereit und f\u00e4hig ist, in das Urlicht einzutreten.<\/p>\n<p>Im Thomasevangelium sagt Jesus: Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe. Die Seele muss sich l\u00e4utern, um im Feuer des K\u00f6nigreichs der Himmel leben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn man nun \u2013 neben der historischen Betrachtung \u2013 den Weg Jesu im Johannesevangelium als einen inneren Prozess ansieht, werden die Heilungen und die Ausspr\u00fcche \u201eIch bin\u201c zum Ausdruck einer inneren Verwandlung. Der himmlische unsichtbare K\u00f6rper entsteht und entwickelt sich. Und der Glaube daran wird zu einem inneren Erwachensvorgang. Dann n\u00e4hern sich die Inhalte des Johannesevangeliums und des Thomasevangeliums einander an.<\/p>\n<p>E.E.P. :<br \/>\nMir ist es ganz wichtig zu sagen: Nicht entweder Johannes oder Thomas, sondern beide zusammen sollten ins Gespr\u00e4ch gebracht werden. Das hat f\u00fcr Theologie und Kirche eine hohe Bedeutung. An der Universit\u00e4t Kiel bin ich ein m\u00f6glichst neutraler Religionshistoriker, aber in meiner kirchlichen ehrenamtlichen Arbeit bin ich ganz konkret daran interessiert, die theologischen Elemente seelisch zu verankern.<\/p>\n<p>Ich arbeite mit der Hospizbewegung zusammen. Viele Hospizmitarbeiter, aber auch Menschen, die einen geliebten Angeh\u00f6rigen beim Sterben begleiten, nehmen wahr, dass die Sterbenden sogenannte Sterbebettvisionen haben. Es sind Wahrnehmungen, die den sterbenden Menschen ver\u00e4ndern. Sie beschreiben, dass Angeh\u00f6rige, die bereits verstorben sind, kommen, um sie abzuholen. Der begleitende Mensch, zum Beispiel der Familienangeh\u00f6rige, sieht das nicht, aber er kann erkennen, dass der Sterbende so etwas wahrnimmt.<\/p>\n<p>G.F.:<br \/>\nUnd da wird die F\u00e4higkeit der Seele gefordert zu unterscheiden, ob es schon das K\u00f6nigreich der Himmel ist, in dem sich die Verwandten des Sterbenden befinden, oder ob es noch vorbereitende Sph\u00e4ren sind, in denen L\u00e4uterungen stattfinden und die zu einer weiteren Inkarnation f\u00fchren, weil in der Seele noch viele Erdenreste sind.<\/p>\n<p>E.E.P.:<br \/>\nEiner der Unterschiede der Nahtoderfahrungen zu biblischen Erwartungen ist der, dass man nicht in ein Endgericht gelangt, sondern dass das Leben, das man gef\u00fchrt hat, in einer Art Lebensfilm wahrgenommen wird. Es findet keine Verurteilung statt, sondern eine Selbstbewertung der Seele. Das kann ganz lebenspraktisch werden. Fast immer ist das Hauptkriterium, ob meine Handlungen gepr\u00e4gt waren von Liebe, G\u00fcte, Gerechtigkeit und derartigen Tugenden. Es geht also nicht darum, wie viel Geld ich verdient habe oder wie ber\u00fchmt ich geworden bin, sondern es geht um ein tugendhaftes Leben. Wenn ich mein Leben so ausrichte, dass ich zum Wachstum von Liebe beitragen kann, bin ich auf einem guten Weg.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df dann jeden einzelnen Tag zu w\u00fcrdigen und zu nutzen.<\/p>\n<p>Wenn ich in meiner Arbeit als Wissenschaftler und in meiner ehrenamtlichen Arbeit in der Kirche meine Mitmenschen dazu ermutigen kann, sich bewusst mit dem Ph\u00e4nomen Tod und mit Ph\u00e4nomenen in Todesn\u00e4he auseinanderzusetzen, so ist das f\u00fcr mich eine Form der gelebten N\u00e4chstenliebe. Man kann Menschen Trost und Hoffnung geben im Angesicht der Verg\u00e4nglichkeit und des Todes. Und man kann sich bewusst auf die letzte gro\u00dfe Reise dieses Leben vorbereiten, also auf den Tod.<\/p>\n<p>G.F. :<br \/>\nGibt es ein Fremdsein in der Welt?<\/p>\n<p>E.E.P. :<br \/>\nNach einer Nahtoderfahrung sagen sich viele, dass sie sich selbst in ihrem Leben fremd geworden waren. Und das ist wiederum vergleichbar mit dem H\u00f6hlengleichnis. Wenn man durch eine Nahtoderfahrung erkannt hat, dass man gleichsam in der H\u00f6hle ist und eigentlich die Heimat ganz woanders ist, n\u00e4mlich au\u00dferhalb der H\u00f6hle, dann muss man sich wieder ganz neu mit dieser H\u00f6hle anfreunden. Auf andere Weise als zuvor wird man zu der Welt \u201eja\u201c sagen k\u00f6nnen. Man ist Fremdling, aber es kommt darauf an, das Leben im Hier und Jetzt vollkommen anzunehmen.<\/p>\n<p>G.F.:<br \/>\nGanz herzlichen Dank, Herr Popkes, f\u00fcr dieses Interview.<\/p>\n<hr \/>\n<p>zu den YouTube interviews:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=goAPUP8tEw0&amp;t=76s\">Interview mit Professor Popkes von der Universit\u00e4t Kiel<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=akjrKms5RgE\">Interview mit Prof. Dr. Popkes \u00fcber das Thomasevangelium Teil 2<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=UBPN-5KREIo\">Prof. Dr. Popkes im Interview \u00fcber das Thomasevangelium, Platon und die Nahtoderfahrungen Teil 3<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":111878,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[111042],"tags_english_":[],"class_list":["post-111751","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-science-de-2"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/111751","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/111878"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=111751"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=111751"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=111751"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=111751"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}