{"id":111529,"date":"2025-09-16T06:00:46","date_gmt":"2025-09-16T06:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=111529"},"modified":"2025-09-16T19:21:05","modified_gmt":"2025-09-16T19:21:05","slug":"die-nacht-der-entfremdung","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/die-nacht-der-entfremdung\/","title":{"rendered":"Die Nacht der Entfremdung"},"content":{"rendered":"<p><em>Jeden Sommer zur Ferienzeit zieht es uns in die Ferne. Vielleicht nicht alle, aber viele.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><!--more--><em>In Bildungsreisen tauchen sie ein in fremde Kulturen,<\/em> <em>besuchen in Form von Sehensw\u00fcrdigkeiten die Vergangenheit und versuchen das ihnen Fremde der Gegenwart zu erfassen. Je weiter wir uns dabei von unserer Kultur entfernen, um so fremder m\u00f6gen uns die Menschengruppen und Kulturen erscheinen, in die wir eintauchen. Und doch gibt es in der Tiefe der kulturellen Symbolik oft Bilder, die in unserer Seele ihren Widerhall finden. Als ich vor vielen Jahren Israel besuchte, war das Gef\u00fchl des \u201eFremdsein\u201c in den arabisch dominierten St\u00e4dten und Landstrichen sehr viel st\u00e4rker als in den J\u00fcdischen. Aber es gab auf in der arabischen Kultur vertraute Elemente, die mich faszinierten.<\/em><\/p>\n<h3><strong>Die Menschheit entwickelt sich in Epochen<\/strong><\/h3>\n<p>In der Anthropologie st\u00f6\u00dft man \u00f6fter auf den Gedanken, das die Sehnsucht nach dem Fernen und Fremden ein \u00dcberbleibsel aus den Anf\u00e4ngen der Menschheitsentwicklung ist. Heute sind \u00fcber 99% der Menschheit sesshaft. Zu Beginn der Jungsteinzeit vor knapp 10 000 Jahren waren die Menschen J\u00e4ger und Sammler. In der sogenannten neolithischen Revolution, die wahrscheinlich s\u00fcd\u00f6stlich des Mittelmeeres ihren Ausgang nahm, wird als Revolution bezeichnet, weil sie innerhalb einer sehr kurzen Zeit mit einem gro\u00dfen soziokulturellen Wandel einherging. In dieser Zeit entwickelte sich nach heutiger Sicht der Wissenschaft die Z\u00fcchtung von Nutzpflanzen und Haustieren. Aus J\u00e4gern und Sammlern wurden Bauern und Hirten.<\/p>\n<p>Schon zu jener Zeit machten Klimaver\u00e4nderungen und D\u00fcrreperioden die Anpassung der sesshaften Menschen notwendig. Die Anpassung der Nutztiere und gez\u00fcchteten Pflanzen und eventuell auch Migration waren wahrscheinlich schon vor 10 000 Jahren ein Mittel um den Ver\u00e4nderungen und Schwankungen des Klimas zu begegnen. Es hat damit gewisse \u00c4hnlichkeiten mit unserer heutigen Situation. Auch am Ender der Bronzezeit f\u00fchrten starke klimatische Schwankungen, Naturkatastrophen, Migration und Kriege innerhalb einer sehr kurzen Zeit zum Zusammenbruch der entstandenen Kultur und schafften damit eine gewisse kulturelle Offenheit f\u00fcr die nachfolgende Eisenzeit.<\/p>\n<p>So folgt Epoche auf Epoche, mit einem Aufgang, einer Bl\u00fctezeit und dem darauf folgenden Niedergang, in dem viel Chaos, Not, Krieg und Migration herrscht. Diese Kulturepochen sind wahrscheinlich nicht immer eindeutig, sondern sind begleitet von Unterstr\u00f6mungen. In der j\u00fcngeren Menschheitsgeschichte lassen sich diese k\u00fcrzeren Unterstr\u00f6mungen vielleicht eher identifizieren, da durch historische Zeitdokumente eine genauere Betrachtung m\u00f6glich ist, die uns aus der Stein- und Bronzezeit fehlen.<\/p>\n<h3><strong>Migration eine Reaktion aus grauer Vorzeit<\/strong><\/h3>\n<p>Bei gro\u00dfen kulturellen Umbr\u00fcchen scheint Migration immer eine Rolle gespielt zu haben. Die Frage, die sich stellt ist, ob es im Menschen selbst eine Ursache gibt, die diesen Impuls ausl\u00f6st. F\u00fcr die Wissenschaft liegt die Ursache darin, dass der Mensch in Notzeiten unbewusst auf Reaktionsmuster zur\u00fcckgreift, die durch die Menschheitsgeschichte in ihm angelegt sind. In den Fr\u00fchzeiten der Menschheitsentwicklung war er als J\u00e4ger und Sammler unterwegs und so gibt es Wissenschaftler, die den Drang in die Ferne zu reisen als Impuls dieser urgeschichtlichen Entwicklung des Menschen sehen. Vermutlich ist dann auch die Migration ein Impuls der die gleiche Ursache hat. Zumindest legt das die Genforschung nahe, die im Genpool einzelner Menschen Gene findet, die typisch f\u00fcr Menschengruppen sind, die oft tausende von Kilometern entfernt leben. Damit gibt es eine stammesgeschichtliche oder phylogenetische Ursache, die den Menschen dazu bringt, in die Fremde zu gehen, sich einem Ort zuzuwenden, in dem er sich erst einmal fremd f\u00fchlen muss.<\/p>\n<h3><strong>Fremdsein als Spiegel des Innersten<\/strong><\/h3>\n<p>Menschen, die so auf Wanderschaft gehen werden meistens in ihrem Leben in ihrer Wahlheimat nicht mehr heimisch. So mancher kehrt dann im Alter dorthin zur\u00fcck, wo er geboren wurde, um dort zu sterben. Vielleicht ist er in die Fremde gezogen, um zu suchen, was er nicht finden konnte, weil er allzu sehr im Au\u00dfen gesucht hat, was dort nicht zu finden war. Das legt den Gedanken nahe, dass dieses Fremdsein auch eine ontologische oder im Sein des Menschen begr\u00fcndete Ursache hat.<\/p>\n<p>Gibt es vielleicht einen Impuls im Menschen selber, die ihn zu einem Fremden in seinem eigenen Leben werden lassen. Es gibt heute viele Menschen aus dem autistischen oder ADHS Spektrum, die sich sehr fremd in dieser Welt f\u00fchlen. Sie werden in eine Welt hineingeboren, die sie schon als Kind nicht verstehen. Oft haben sie Sonderbegabungen und sie lernen nach und nach sich anzupassen. Ihrem inneren Wesen nach bleiben sie aber Fremde. Einige bleiben ihr ganzes Leben lang fremd, passen sich an und werden so unscheinbar. Andere beginnen nach der Ursache zu forschen. Sie suchen nach einem spirituellen Weg, dem sie folgen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3><strong>Nach innen geht der geheimnisvolle Weg<\/strong><\/h3>\n<p>Wir haben bis jetzt einige wissenschaftlichen Faktoren betrachtet und sehen vieles in der Menschheitsgeschichte Reaktionsmuster und kulturelle Entwicklungen, die Ausdruck des Fremdseins sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diese Erkenntnisse sind die Fr\u00fcchte der Neuzeit, in der sich die Rationalisierung, Individualisierung und Materialisierung bis zu einem H\u00f6hepunkt entwickelt hat. Der Religionsphilosoph Nikolai Berdjajew spricht Anfang des letzte Jahrhunderts sogar von einem Endpunkt. In seine Betrachtung flie\u00dft noch etwas anderes ein, etwas Geheimnisvolles, das in der modernen wissenschaftlich gepr\u00e4gten Welt erst leise wieder anklingt. Es ist ein leiser und sanfter Ton, den man mit den Worten von Novalis ausdr\u00fccken k\u00f6nnte: \u201eUnd nach innen geht der geheimnisvolle Weg\u201c. Dort, tief innen gibt es Stille, Reflektion, dort l\u00f6st sich die in der Neuzeit entstandene Ich-Struktur langsam wieder auf und wird zu etwas Neuem, einem Etwas mit mehr Freiheit und Liebe. Dort entwickelt sich unscheinbar die stille Konzeption eines anderen Menschen und der betrachtet die ganze Entwicklung von einer weniger wissenschaftlichen Sicht, deren Wahrheit aber der wissenschaftlichen ebenb\u00fcrtig ist.<\/p>\n<h3><strong>Dunkle und helle Epochen<\/strong><\/h3>\n<p>Berdjajew beschreibt 1924 in seinem Buch \u201eDas neue Mittelalter\u201c wie die Zivilisationszyklen wie Wellen aufeinander folgen. Alles hat einen Beginn, entwickelt sich bis zu einem H\u00f6hepunkt und l\u00f6st sich dann wieder auf. Es sind helle und dunkle Zyklen oder Epochen, die sich abwechseln. Auf jeden Tag folgt eine Nacht und dann wieder ein Tag. Das Mittelalter wird heute im R\u00fcckblick oft als eine dunkle Epoche beschrieben, auf die wieder mit zunehmender Helligkeit die Renaissance und die Neuzeit folgten.<\/p>\n<p>Diese Zyklen haben etwas Ambivalentes, denn das Mittelalter, das Berdjajew als n\u00e4chtliche Epoche einstuft hat gleichzeitig etwas versteckt heiliges, geistiges und eine verborgene Tiefe. Es ist eine Zeit besonderer Verdunkelung auf der kulturellen Ebene, in der die Menschen jedoch vielleicht gerade dadurch in der Lage waren, tiefe Erfahrungen im eigenen Wesen zu machen. Die kulturelle Dunkelheit f\u00fchrt sie zu einem engeren Kontakt mit ihrem wesensm\u00e4\u00dfigen Urgrund, l\u00e4sst ganz neue Ideen, Gedanken und\u00a0 Sichtweisen entstehen. Die unsichtbaren Kr\u00e4fte f\u00fcgen sich zu einem neuen Muster zusammen, die dann die Grundlage f\u00fcr eine Entwicklung sind, wenn ein neuer Tag beginnt. Sie bilden die Grundlage f\u00fcr eine neue taghelle Kulturepoche, die den Menschen gleichzeitig dem Urgrund wieder entzieht und seine geistigen Energien auf eine materielle Entwicklung richtet.<\/p>\n<h3><strong>Wir sind in die Nacht eingetaucht<\/strong><\/h3>\n<p>Berdjajew stellt fest, dass wir mit Beginn des 20. Jahrhunderts in die Nacht eingetreten sind. Diese nun beginnende neue dunkle Epoche ist wie ein neues Mittelalter. Die Kr\u00e4fte der Neuzeit, ihre Visionen sind aufgebraucht und viele Menschen sp\u00fcren, dass etwas neues kommen muss. Auf der einen Seite treten in vielen kulturellen Bereich gerade die Gnostischen Sichtweisen sehr offen zu Tage, auf der anderen Seite\u00a0 waren die Menschen noch nie so individualistisch, ichbezogen und oberfl\u00e4chlich.<\/p>\n<p>Diese ambivalenten Str\u00f6mungen f\u00fchren viele Menschen dazu, sich in der Welt fremd zu f\u00fchlen. Sie richten sich nach innen, um sich mit der geheimnisvollen Tiefe auseinanderzusetzen, die in ihnen verborgen liegt. Gleichzeitig erleben wir aber auch, wie dieser spezielle Zeitgeist die Gesellschaft spaltet und radikalisiert. Es ist eine Zeit der gro\u00dfen Armut auf der einen Seite und der rauschenden Festen auf der anderen.<\/p>\n<p>Zur gleichen Zeit wie Berdjajew sahen die Gebr\u00fcder Leene diese Entwicklung kommen. Berdjajew gr\u00fcndete in der N\u00e4he von Paris eine religionsphilosophische Akademie, die Gebr\u00fcder Leene gr\u00fcndeten die Geistesschule des Goldenen Rosenkreuzes, um eine gnostisch interessierte Gruppe von Menschen zu formen, die sich auf diese Entwicklung vorbereiten. Beides waren M\u00f6glichkeiten, das Wissen um den Urgrund, in dem alles Leben verankert ist wieder st\u00e4rker im Bewusstsein der Menschheit lebendig werden zu lassen.<\/p>\n<h3><strong>Vom Ich zum Wir<\/strong><\/h3>\n<p>Die verst\u00e4rkte Wahrnehmung des Urgrunds f\u00fchrt dazu, dass sich die Menschen zunehmend der kulturellen Umgebung entfremden. Solche Zeiten verst\u00e4rken ein Lebensgef\u00fchl der Ratlosigkeit und Unsicherheit und viele Menschen werden schon mit einem Gef\u00fchl des Fremdseins geboren. F\u00fcr sie beginnt ein schmerzhafter Prozess, der die geistig, seelischen Dimensionen ihres Wesens aus der Materie herausl\u00f6st. Je tiefer der Mensch in der Materie verstrickt ist, umso schmerzhafter der Losl\u00f6sungsprozess. Zur gleichen Zeit findet eine Neuorientierung statt f\u00fcr eine Zeit, nach einem neuen Tagesanbruch.<\/p>\n<p>Das verst\u00e4rkte Interesse der Menschen in indigenen Lebensformen scheint zu zeigen, dass die Menschen nach der starken mentalen Individualisierung, die am Ende der Neuzeit einen H\u00f6hepunkt erreicht hat, nun wieder mehr der Kraft des Herzens zustreben. Das Herz stimuliert die Sehnsucht nach Einheit, nach Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Community.<\/p>\n<p>F\u00fcr Berdjajew war diese Seelenstruktur ein essentielles Element der Menschen des Mittelalters. Wenn er hier von einem neuen Mittelalter spricht, dann ist damit nicht gemeint, dass die Menschen in die Vergangenheit zur\u00fcckstreben. So wie zu Beginn des Mittelalters die klassizistischen Ewigkeitswerte durch eine Neubewertung der griechischen Philosophen gef\u00f6rdert wurde, reagieren die Menschen heute wie im Mittelalter auf die st\u00e4rker werdende Bindung mit ihrem Wesensgrund.<\/p>\n<p>Wir sind als Menschheit einmal wieder in die Nacht eingetreten. Die kulturellen Strukturen, der Mensch selber und unser Planet ver\u00e4ndern sich mit gro\u00dfer Geschwindigkeit. Die st\u00e4rker werdende Kraft aus dem Urgrund l\u00e4sst viele Menschen mit\u00a0 Entfremdung reagieren. Diese Kraft aus dem Innersten teilt die Menschheit in zwei Gruppen. Die Aliens, die sich als Fremde f\u00fchlen, haben die M\u00f6glichkeit, die Einheit ganz neu zu entdecken. Die andere Gruppe wird sich auf einen kommenden Tag einer neuen Kulturepoche vorbereiten.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Nicolai Berdjajew, Das neue Mittelalter, Otto Reichel Verlag, T\u00fcbingen 1927<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":111661,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-111529","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/111529","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/111661"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=111529"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=111529"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=111529"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=111529"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}