{"id":111523,"date":"2025-07-07T06:00:46","date_gmt":"2025-07-07T06:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=111523"},"modified":"2025-07-10T14:29:01","modified_gmt":"2025-07-10T14:29:01","slug":"fremdsein-als-wegweiser","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/fremdsein-als-wegweiser\/","title":{"rendered":"Fremdsein als Wegweiser"},"content":{"rendered":"<p><em>Wir Menschen sind grunds\u00e4tzlich Fremde, denn wir kennen uns selbst nicht. Sind wir auch <\/em>in<em> der Fremde? Ein Versuch, einander \u00fcberlagernde Fremdheiten zu sichten<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe title=\"Spotify Embed: Fremdsein als Wegweiser\" style=\"border-radius: 12px\" width=\"100%\" height=\"152\" frameborder=\"0\" allowfullscreen allow=\"autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed\/episode\/7L2esLfpSNtnuAsfwlNaK9?si=w8-I60NJScmR2YlEr1uMyQ&amp;utm_source=oembed\"><\/iframe><\/p>\n<p>Wer heute in einem hochentwickelten Land lebt, lebt ziemlich sicher ein entfremdetes Leben, denn unser Bewusstsein hat sich von vielen nat\u00fcrlichen Lebenszusammenh\u00e4ngen gel\u00f6st, ohne dass wir dadurch von ihnen unabh\u00e4ngig geworden w\u00e4ren. Zu den vielen Aspekten der Entfremdung z\u00e4hlen h\u00f6chst arbeitsteilige Jobs, Leben in fast v\u00f6llig menschengemachten Umgebungen und au\u00dferdem nicht zuletzt die fortschreitende Digitalisierung des Alltags. Wir sehen meist nur Teile eines Ganzen, und wir erfahren eine immense Beschleunigung als Folge des Fortschritts \u2013 nicht nur in der Fortbewegung oder in Herstellungsprozessen, sondern auch durch eine unaufh\u00f6rliche Ver\u00e4nderung gesellschaftlicher Strukturen, die uns vieler fr\u00fcherer Sicherheiten beraubt. Und Sicherheit k\u00f6nnte uns zumindest eine Art von Heimatgef\u00fchl geben.<\/p>\n<p>Was ist unser Ort im Leben? Wie oft haben wir noch mit nat\u00fcrlich Gewachsenem, Lebendigem zu tun, das nicht aus unserem Denken entsprungen oder von Flie\u00dfb\u00e4ndern ausgespuckt worden ist? Ohne Zweifel bringt unsere Selbstverwirklichung als Gestalter unseres Lebensraumes eine Menge Entfremdung mit sich. Unser Planet als Ganzheit mit uns als seinen Bewohnern, ja Kindern, ist meist eine Randerscheinung in unserem Bewusstsein. Unsere Tage sind vielfach damit erf\u00fcllt, all das Menschengemachte, Kleinteilige und Technoide zu weiterer Entwicklung zu f\u00fchren und dessen \u201eWohltaten\u201c zu genie\u00dfen, als w\u00fcrde unser Menschsein genau darauf zielen.<\/p>\n<p>Man kann diese Entwicklungen kritisch begleiten und mit Recht alle seelischen Notst\u00e4nde benennen, die damit einhergehen [<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">1]<\/a>. Was aber, wenn diese Entwicklung gleichzeitig ein Irrweg <em>und<\/em> ein Weg zum Erwachen ist, der auf lange Sicht vom Natur- zum Geistmenschen f\u00fchrt?<\/p>\n<p>Ich erlebe mich selbst und die Welt als eine Abfolge ambivalenter Erfahrungen.<\/p>\n<p>Wer bin ich? Nichts, was ich in der Welt sein und tun kann, wird diese Frage grunds\u00e4tzlich beantworten; diese Frage r\u00fchrt an ein Dunkel, das von einem Individuum modernen Zuschnitts nicht ermessen oder gar ausgeleuchtet werden kann. Dennoch habe ich das Gef\u00fchl, dass ich meine F\u00e4higkeiten entwickeln kann, darf und soll, und dass mein Sein und Werden einen Ber\u00fchrungspunkt, ja ein Gef\u00e4\u00df f\u00fcr Sinn, f\u00fcr Antworten bilden k\u00f6nnen. Ich erlebe: Nur in dieser Offenheit meiner unbekannten Mitte gegen\u00fcber bin ich bei mir.<\/p>\n<p>Gleichzeitig versuche ich trotz allem, f\u00fcr mich eine stoffliche Heimat zu schaffen. Beziehungen, Orte, Routinen \u2013 sie alle weisen fundamentale Leerr\u00e4ume auf. Kein Wohnort hat in mir je die Erkenntnis ausgel\u00f6st: Hier geh\u00f6re ich hin. Keiner war Kraftquell und Identifikationsobjekt. Mit Menschen ging es tiefer, nie auf Dauer, doch: ich traf Seelengef\u00e4hrten. Nichts und niemand <em>h\u00e4lt<\/em> mich, es sei denn, ich selbst kann etwas Anderem Heimat bieten.<\/p>\n<h3>Ambivalente Abstraktion<\/h3>\n<p>Ich will verstehen. Gleicht der Drang, die Welt als Beziehungsgeflecht, Struktur und Mechanismus, also abstrakt, zu verstehen, nicht der Art und Weise, wie man Maschinen und letztlich den Computer erfunden hat? Zielt aber der Mensch, indem er sein abstraktes Denken entwickelt, nicht genau dann auf das Reich der Ideen, von dem Plato als von einer h\u00f6heren Wirklichkeit spricht?<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Ich erlebe im abstrakten Denken eine Ambivalenz. Der Versuch, Strukturen zu erkennen, f\u00fchrt oft in einen luftleeren und leblosen Raum. Andererseits lassen sich Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten \u2013 in Medizin, Chemie, Physik etc. \u2013 <em>finden<\/em>, die uns zu verstehen helfen, wie wir selbst und die Welt funktionieren. Das Abstrakte ist eine Zone, in der das logische Denken m\u00fchevoll existiert \u2013 bis das Abstrakte als Realit\u00e4t erfahren wird und Sch\u00f6pfungsprinzipien sich zeigen k\u00f6nnen, als Idee und h\u00f6here, urt\u00fcmliche Kraft. Doch wenn wir nur Funktion suchen und nicht Wesen, entsteht neben der Technik, die unser Leben erleichtert, auch Entfremdung. Wir beherrschen so vieles, doch diese Art der Herrschaft wird von Einsamkeit und einer nie endenwollenden Menge Fragen begleitet.<\/p>\n<p>Und doch: Vieles, was die Wissenschaft erm\u00f6glicht hat, scheint ein fragmentiertes Abbild des gesuchten heimatlichen, vielleicht g\u00f6ttlichen Seinszustandes zu sein. Zunehmende Geschwindigkeit, Echtzeit-Kommunikation, die M\u00fchelosigkeit vieler Verrichtungen&#8230;\u00a0 Dabei ist der Planet zum Dorf geworden, die Zeit hat den Raum verschlungen und verschwindet nun selbst in irgendeiner Falte der Dimensionen. Unsere Realit\u00e4t kommt uns abhanden: Fremdheit.<\/p>\n<h3>Fragen<\/h3>\n<p>Mich selbst konfrontiert das Wissen um die \u201eMechanik\u201c in allen Dingen mit meiner Existenz als Element in der gro\u00dfen Weltmaschine. Kann es sein, dass ich Mittel bin und nicht Ziel? Ist in dem so bewundernswerten menschlichen K\u00f6rper irgendwo ein Sinn verborgen, irgendetwas, was Zweck ist und nicht Werkzeug? Die Frage nach der Seele taucht auf, als Pr\u00fcfstein, aber auch als Rettung. Ich f\u00fchle, Seele muss etwas sein, was im K\u00f6rper erwacht und w\u00e4chst, um ihn schlie\u00dflich tragen und vielleicht verwandeln zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Welt begegnet mir als eine ebenso umfassende Frage. Ich bin in ihr, lebe in ihrem Geheimnis und bin dankbar daf\u00fcr. In der Natur erlebe ich jedoch Sch\u00f6nheit <em>und<\/em> Chaos, Bl\u00fcte <em>und<\/em> Verfall. Sie ist die Geb\u00e4rerin und die Verschlingerin. Und: sie ist selbst verg\u00e4nglich, wenn auch nicht nach meinem menschlichen Ma\u00dfstab. Ist sie nur ein gro\u00dfes Nullsummenspiel, eine geo-bio-chemische Maschine? So scheint es mir oft, und dann f\u00fchle ich mich fremd in ihr. Sogar das luftige Bl\u00e4tterdach des Waldes, unter dem ich spaziere, wird mir manchmal unvermutet zum gr\u00fcnen Grab. Das nimmt mir den Atem und zeigt mir meinen Platz als sterbliches Wesen. Doch es gibt auch andere Momente: solche, in denen die Natur zum transparenten Gef\u00e4\u00df des alldurchdringenden Lebens wird, das auch in mir ist. Dazu habe ich selbst nicht immer Zugang; ich muss einen Weg gehen, von der Natur getragen, gespiegelt, begleitet.<\/p>\n<h3>Die verlorene Einheit<\/h3>\n<p>Etwas, was ich als Jugendliche ebenso staunend wie verunsichert erlebte, weist auf den letzten Grund meines Fremdseins. Ich fragte mich: Warum sind die anderen andere? Warum sind sie mir nicht bekannt, warum begegne ich ihnen von au\u00dfen? Was f\u00fcr die Menschen gilt, gilt auch f\u00fcr die Welt: Warum erlebe ich sie von au\u00dfen, warum verbirgt sie ihr wahres Wesen von mir? In dieser Fremdheit bricht eine Erinnerung an die verlorengegangene Einheit auf. Sie verursacht genau deshalb ein Suchen nach Verstehen \u2013 nach Erkenntnis der Dinge aus dem Innersten.<\/p>\n<p>Die Welt und ich k\u00f6nnen in meinem Erleben transparent f\u00fcr etwas Anderes werden. Das ist der Beginn einer neuen Erkenntnis und eines Weges.<\/p>\n<p>Die Fremdheit vergeht und die Welt bietet mir Heimat, wenn ich selbst dem Einen in mir Heimat bieten kann. ES ist der Raum, in dem ich mich mich und alles andere wahrnehmen kann. Wenn das geschieht, dann wird alles zum Hinweis, zum Gef\u00e4\u00df und lebendigen Symbol f\u00fcr ES. Und wann immer die Fremdheit mich wieder packt, wei\u00df ich, sie erinnert mich daran, dass ich hier nur im Unterwegssein zuhause sein kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Wie beschrieben bei Hartmut Rosa in: Beschleunigung und Entfremdung, Suhrkamp 2010<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Wie beschrieben in seinem ber\u00fchmten H\u00f6hlengleichnis<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":111616,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-111523","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/111523","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/111616"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=111523"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=111523"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=111523"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=111523"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}