{"id":110458,"date":"2024-07-17T06:00:44","date_gmt":"2024-07-17T06:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=110458"},"modified":"2024-07-13T21:02:15","modified_gmt":"2024-07-13T21:02:15","slug":"auf-der-suche-nach-licht","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/auf-der-suche-nach-licht\/","title":{"rendered":"Auf der Suche nach Licht"},"content":{"rendered":"<p><em>In der Novelle &#8222;Der blinde Musiker&#8220; zeigt der ukrainische Musiker Vladimir Korolenko, dass ein Mensch immer dann Erf\u00fcllung im Leben finden kann, wenn er nicht auf sich selbst und seinen Kummer fixiert bleibt, sondern den spirituellen Sinn seiner Existenz erkennt.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wir erblicken in der Bibel keinen historischen Bericht, sondern eine aktuelle Signatur des Menschen, der den aufstrebenden Pfad geht [\u2026]. Das christliche Einweihungsmysterium ist ein eigenartiges und seltsames Geschehen. (1)<\/p>\n<p>Es ist nicht einfach, die Bibel als einen Reisef\u00fchrer durch sein Leben erkennen zu k\u00f6nnen. Die Symbolsprache, in der sie verfasst wurde, gibt bis heute die M\u00f6glichkeit zu zahlreichen Auslegungsvarianten, erkl\u00e4rt die daraus entstandenen verschiedenen christlichen Str\u00f6mungen und die nicht seltene Ablehnung der Bibel gerade in unserer heutigen Zeit. Es gibt Menschen, die viele Sprachen sprechen, die in die verschiedenen Kulturkreise eintauchen und sich orientieren k\u00f6nnen, jedoch die Feinheiten und Besonderheiten der Bibel aus ihrem Blickwinkel nicht erkennen k\u00f6nnen. So ist es nicht verwunderlich, dass in Bezug auf sie das Chaos weiter zunimmt, obwohl diese Schrift die V\u00f6lker einen soll.<\/p>\n<p>Ein faszinierendes Beispiel, das Neue Testament als Hilfestellung f\u00fcr die eigene Entwicklung zu verstehen, beschreibt Wladimir Korolenko (1853-1922) in seiner Et\u00fcde Der blinde Musiker. Der in der Ukraine geborene Korolenko (2) nimmt den Leser an die Hand und f\u00fchrt ihn gleichsam durch sein Leben, zeigt auf, wie aus seiner Blindheit Sehverm\u00f6gen und aus seiner Unwissenheit Erkenntnisf\u00e4higkeit werden k\u00f6nnen. An dieser Studie arbeitete er \u00fcber 30 Jahre, ver\u00e4nderte, f\u00fcgte hinzu und hoffte, seinem Leser eine immer klarere Aussagekraft seines Anliegens liefern zu k\u00f6nnen. Korolenko l\u00e4dt zu einem gro\u00dfartigen Experiment ein. Weder der Zar noch die Diktatur Lenins, weder eine 4-j\u00e4hrige Verbannung nach Sibirien, davon ein Jahr im ewigen Eis, noch Kriege konnten seine erworbene strahlende Lebenseinstellung tr\u00fcben. Im Gegenteil, die schwersten Jahre bezeichnete er sp\u00e4ter als die besten und heitersten Jahre seines Lebens.<\/p>\n<p>Den eigenen strahlenden Christus in sich selbst bringt er dem Leser im Blinden Musiker wie folgt nahe:<\/p>\n<blockquote><p>In eine reiche Gutsbesitzerfamilie wird ein blinder Sohn, Peter Popelsky, geboren. Eine liebevolle Mutter, ein sorgender Vater, eine einf\u00fchlsame Spielgef\u00e4hrtin und ein verst\u00e4ndnisvolles Dienstpersonal umgeben ihn. Diesem Kind werden alle W\u00fcnsche erf\u00fcllt, bis auf den einen: sehen zu k\u00f6nnen. Spielen, Reiten, Ausfl\u00fcge, nichts kann ihn tr\u00f6sten. Aus seinem Klavier erklingen immer traurigere Weisen. \u00dcberw\u00e4ltigt von seiner eigenen Egozentrik, erkennt der Blinde die Ausweglosigkeit seiner Situation. Sein Onkel Maxim, ein gebeutelter Kriegsveteran, f\u00fchrt\u00a0 ihn mit blinden Bettlern auf den staubigen Landstra\u00dfen zusammen. Peter beschlie\u00dft, sich diesen Bettlern anzuschlie\u00dfen. Nach l\u00e4ngerer Zeit kehrt er zur\u00fcck, gel\u00e4utert, heiter, grenzenlos dankbar. Ein neues Leben hat begonnen. Er heiratet seine Spielgef\u00e4hrtin. Der gemeinsame Sohn ist SEHEND.<\/p><\/blockquote>\n<p>Als begnadeter Pianist bezaubert er ab nun sein staunendes, ihn anbetendes Publikum.<\/p>\n<p>Warum war der Schriftsteller Wladimir Korolenko zu seiner Zeit so beliebt und ist er auch heute noch aktuell? Vor allem, weil seine Helden aktiv auf der Suche sind; ihre Gedanken und Seelen sind in st\u00e4ndiger Bewegung. Korolenkos Helden bleiben in ihrer Entwicklung nicht stehen, sondern streben trotz Schwierigkeiten und Pr\u00fcfungen im Leben weiter. Diese unaufhaltsame Suche ist f\u00fcr jeden von uns von essentieller Bedeutung. Seine Lieblingsfiguren lassen uns die innere \u00dcberwindung schwieriger Umst\u00e4nde erkennen und erm\u00f6glichen uns, in uns selbst etwas Hohes und Wahres zu entdecken: den tiefen Sinn unserer Existenz.<\/p>\n<p>Der blinde Musiker ist von einer spannungsgeladenen Suche nach dem Geist durchdrungen. Im Vorwort zur sechsten Auflage schrieb der Autor:<\/p>\n<blockquote><p>Das grundlegende psychologische Motiv der Et\u00fcde ist der instinktive, organische Hang zum Licht. Hieraus erw\u00e4chst die seelische Krise meines Helden und seine L\u00f6sung. (2)<\/p><\/blockquote>\n<p>\u201eLicht&#8220; ist der Schl\u00fcsselbegriff in diesem Werk. W. Korolenko verwendet ihn nicht nur in der Bedeutung als Streben eines blinden Jungen und dann jungen Mannes nach dem nat\u00fcrlichen Licht, sondern auch f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des geistigen Lichts, der geistigen Welt.<\/p>\n<p>Korolenko schl\u00fcpft gleichsam in die Rolle eines Wissenschaftlers, eines Forschers. Deshalb nannte er sein Werk eine Et\u00fcde (aus dem Franz\u00f6sischen: \u201eStudie&#8220;, \u201eForschung&#8220;) in Analogie zu den Et\u00fcden der franz\u00f6sischen Realisten und Naturalisten der zweiten H\u00e4lfte des XIX. Jahrhunderts (Emile Zola, Jules und Edmond Goncourt, Guy de Maupassant und anderen). \u00c4hnlich wie die franz\u00f6sischen Schriftsteller erforschte Korolenko die Auswirkung \u00e4u\u00dferer Lebensumst\u00e4nde auf die geistige Entwicklung des Menschen. War es dort vor allem die materielle Not, so ist es bei Korolenko das k\u00f6rperliche Leiden, die Blindheit, mit der der Protagonist zu ringen hat.<\/p>\n<p>Peter Popelskys schwieriger Weg bis zur Entdeckung der geistigen Welt bildet die Handlung des Werks. Diese Geschichte handelt nicht nur von der physischen, sondern vor allem von den spirituellen Pr\u00fcfungen eines Menschen, der sich selbst und den Sinn seiner Existenz finden muss. Lehrt uns doch die Bibel, dass wir sehend blind und h\u00f6rend taub sind. W. Korolenko zeigt, dass ein Mensch immer dann Erf\u00fcllung im Leben finden kann, wenn er nicht auf sich selbst, auf seinen Kummer und seine pers\u00f6nlichen Erfahrungen fixiert bleibt, sondern den spirituellen Sinn seiner Existenz erkennt. Peter fand sich selbst und seine Berufung unter anderem in der Musik, die nicht nur f\u00fcr ihn, sondern auch f\u00fcr die Menschen um ihn herum bedeutsam war. Die Heirat mit Evelina und die Geburt eines Sohnes, der nicht blind, sondern sehend ist, sind f\u00fcr ihn die gro\u00dfe Belohnung f\u00fcr seine schwierige Suche. Das innere Licht begleitet ihn nun f\u00fcr immer und erhellt sein Leben auf eine neue Weise.<\/p>\n<p>Das Werk endet mit Peters Klavierkonzert vor einem gro\u00dfen Publikum. Onkel Maxim h\u00f6rt seinem Neffen zu, wie er wunderbare Melodien spielt \u2013 wahr und aufrichtig. Melodien, die nicht nur die Freude am Leben, sondern auch den Schmerz und das Leid enthalten, die Peter zusammen mit seinem Volk erlebt. Und Onkel Maxim erkennt, dass Peter sich dramatisch ver\u00e4ndert hat; er ist geistig sehend geworden:<\/p>\n<blockquote><p>Ja, er hatte eine Offenbarung&#8230; Anstelle von blindem und unstillbarem egoistischem Leiden tr\u00e4gt er in seiner Seele einen Sinn f\u00fcr das Leben, er f\u00fchlt sowohl menschlichen Kummer als auch menschliche Freude, er hatte eine Offenbarung und wird in der Lage sein, die Gl\u00fccklichen an die Ungl\u00fccklichen zu erinnern &#8230;\u2019. Und der alte Soldat senkte sein Haupt immer tiefer. Hier hatte er sein Werk getan, und er hatte nicht umsonst in der Welt gelebt, das sagte ihm die ganze Wucht der herrischen T\u00f6ne, die im Saal standen und die Menge beherrschten &#8230; (2)<\/p><\/blockquote>\n<p>So ist Peter Popelsky auf seine Weise dem Weg des Leidens, dem Weg Christi gefolgt und ist zu einem neuen Bewusstsein, einer lichten Heiterkeit des Gem\u00fctes gelangt. Eine umfassendere Dimension des Lebens hat sich f\u00fcr ihn ge\u00f6ffnet, ein Leben zum Wohle der Menschheit. Kunst und Kreativit\u00e4t k\u00f6nnen Zeugen des Lichts und kraftvoller Quellen sein. Nachdem er das Licht in sich selbst gefunden hat, beginnt Peter, es zu anderen Menschen zu tragen, die k\u00f6rperlich sehend, aber geistig blind sind. So bekr\u00e4ftigt Korolenko die Idee, dass es mehr Licht und Wahrheit in der Welt geben wird, wenn Menschen mit ihrer Lebenskunst Herzen erwecken und sie zur Wahrheit und zum Licht rufen.<\/p>\n<blockquote><p>Jeder K\u00fcnstler wei\u00df, dass er sein Bestes nur leistet, wenn sein Geist g\u00e4nzlich dem Werk der Minute hingegeben ist und vom Werk der Minute verbraucht wird. Er ist dann bef\u00e4higt, all seine Kraft hinzugeben und, was mehr ist, er zieht so h\u00f6here Kraft an sich, denn Kraft, die so empfangen wird, verbleibt f\u00fcr immer. (3)<\/p><\/blockquote>\n<p>In jedem Menschen sind unsagbare Sch\u00e4tze gespeichert, die er heben und damit sch\u00f6pferisch geistig arbeiten kann, denn das ist der wahre Sinn unseres Seins.<\/p>\n<p>In jedem kann das Wunder geschehen, kann der neue Mensch im Herzen erwachen. Nicht mehr die blinde Anbindung des Geistes, sondern das bewusste, wache Sein im Geist wartet auf den Menschen. Er soll SEHEND werden. Jakob B\u00f6hme sagt es so:<\/p>\n<blockquote><p>Der Himmel ist durch die ganze Welt und au\u00dfer der Welt \u00fcberall, ohne Trennung, Ort oder St\u00e4tte und wirkt durch g\u00f6ttliche Offenbarung nur in sich selber; und in dem, das darein kommt, oder in dem, darinnen er offenbar wird, allda ist Gott offenbar. Denn der Himmel ist anders nichts als eine Offenbarung des ewigen EINS, da alles in stiller Liebe wirkt und will. (4)<\/p>\n<p>Es ist Zeit f\u00fcr ein neues Menschenbild. Es ist Zeit f\u00fcr einen neuen Realismus. (5)<\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<p>Literatur<\/p>\n<p>1\u00a0\u00a0 Jan van Rijckenborgh und Catharose de Petri, Die Universelle Gnosis, Haarlem (NL) 1994<\/p>\n<p>2\u00a0 \u00a0Wladimir G. Korolenko, Episoden und Erz\u00e4hlungen, 1953<\/p>\n<p>3\u00a0\u00a0 Prentice Mulford; Ausgew\u00e4hlte Texte, 1986<\/p>\n<p>4\u00a0\u00a0 Jakob B\u00f6hme, Glaube und Tat, Berlin 1976<\/p>\n<p>5\u00a0\u00a0 Rutger Bregman, Im Grunde gut, 2023<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":110481,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-110458","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/110458","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/110481"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=110458"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=110458"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=110458"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=110458"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}