{"id":109490,"date":"2026-06-24T06:00:28","date_gmt":"2026-06-24T06:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=109490"},"modified":"2026-06-23T20:12:21","modified_gmt":"2026-06-23T20:12:21","slug":"heiterkeit-eine-frucht-der-schoenheit-unserer-seele","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/heiterkeit-eine-frucht-der-schoenheit-unserer-seele\/","title":{"rendered":"Heiterkeit &#8211; eine Frucht der Sch\u00f6nheit unserer Seele"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Sch\u00f6nheit der Seele offenbart die Springquelle und Dynamik ihres sch\u00f6pferischen Spieltriebes.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><em>Mit seiner Hilfe kann sie die Gegens\u00e4tze von Gut und B\u00f6se, Licht und Dunkelheit in uns wieder vereinen und uns zur gl\u00fcckseligen Heiterkeit f\u00fchren.<\/em><\/p>\n<p>In der Bhagavad Gita (Kap 15) wird das Universum im Bilde eines kosmischen Weltenbaumes dargestellt. Seine Gestalt kann von uns nicht wahrgenommen werden. Sie wurzelt in den H\u00f6hen geistig-g\u00f6ttlicher Welten von Sein (Sat), Bewusstsein (Cit) und Gl\u00fcckseligkeit (Ananda). Seine \u00c4ste und Fr\u00fcchte reichen herab zur Erde und erwecken das Begehren des Menschen. Aber indem dieser nach ihnen greift und an ihnen haftet, schl\u00e4gt er Wurzeln in der Erde. Er erlebt das ewige Werden der g\u00f6ttlichen Gaben von nun an in den irdischen Gegens\u00e4tzen von Geburt und Tod, Gut und B\u00f6se, Licht und Finsternis. Ihm ist die Umkehr aufgegeben und sich dem g\u00f6ttlichen Weltenbaum anzugleichen, also, von der Erde aus gesehen, ein umgekehrter Baum (arbor inversa) zu werden, der seine wesentlichen N\u00e4hrstoffe aus dem Himmel bezieht.<\/p>\n<p>Wenn seine Seele die Gaben der ewigen Natur in sich zu befreien vermag, wird sich ihre gro\u00dfe Sch\u00f6nheit in ihm kreativ entfalten k\u00f6nnen. Eine ihrer wertvollsten Fr\u00fcchte wird die wiedergefundene gl\u00fcckselige Heiterkeit sein.<\/p>\n<p>Die Heiterkeit ist heutzutage ein Sch\u00f6nwetterbegriff und bezeichnet eine strahlende Sonne \u00fcber einem blauklaren und wolkenlosen Himmel. Sie bezieht sich jedoch auch auf die reine Stimmung eines seelischen Gem\u00fctszustandes, in dem Innen- und Au\u00dfenwelt nicht geschieden sind.<\/p>\n<p>Oft erleben wir diesen Zustand, ohne uns seiner ganzen Bedeutung bewusst zu werden.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an Momente, in denen ich den inneren Zustand dieser Heiterkeit erleben durfte:<\/p>\n<p>Ich war es gewohnt, im Sommer im Atlantik zu schwimmen. Er kann sehr gef\u00e4hrlich werden, das wusste ich nur zu gut. Er war auch immer kalt und es brauchte einige \u00dcberwindung, um in ihn einzutauchen. An jenen Sommertagen war er von klarem Ozeanblau, auf dem sich der strahlende, wolkenlose blaue Himmel und das Licht der Sonne spiegelten. Ich schwamm in diese blaue Unendlichkeit hinein und f\u00fchlte mich in ihr geborgen. Je mehr ich mich vom Festland entfernte, desto leichter konnte ich alle meine inneren N\u00f6te und Anhaftungen loslassen, und inmitten dieser Sch\u00f6nheit und Freiheit regten sich alle meine Glieder, und neue innere Kr\u00e4fte durchfluteten mich.<\/p>\n<p>Zur Heiterkeit des Himmels geh\u00f6rt, wenn sie sich im Menschen spiegelt, der Zustand eines ganz besonderen Wohlbehagens, das, indem es alle seine Kr\u00e4fte anregt, eine Vereinigung von innerem Licht, erfrischender Klarheit und freier Beweglichkeit bewirkt.<\/p>\n<p>Das Wort Heiterkeit \u2013 mittelhochdeutsch hitari &#8211; bedeutete urspr\u00fcnglich Klarheit.<\/p>\n<p>Kein Wunder also, dass wir das 18.Jahrhundert die Zeit der Aufkl\u00e4rung nennen und die Franzosen vom si\u00e8cle des lumi\u00e8res, dem \u201eJahrhundert der Lichter\u201c sprechen.\u00a0 Diese Bezeichnungen beziehen sich auf die regsame, lichte und gedanklich klare (d.h. emotionslose) innere Aufkl\u00e4rung der gro\u00dfen Geister jener Zeit.<\/p>\n<p>Die Heiterkeit unterscheidet sich von anderen Formen eines guten Lebensgef\u00fchls. Die Fr\u00f6hlichkeit zum Beispiel kann lebhaft und gesch\u00e4ftig sein und in lautes Lachen ausbrechen, w\u00e4hrend der Witz die Entladung einer inneren Anspannung auszudr\u00fccken vermag.<\/p>\n<p>In den romanischen L\u00e4ndern wird der Begriff \u201eHeiterkeit\u201c von lateinisch serenus (heiter, gelassen) <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> abgeleitet und verweist auf die stille und betrachtende Haltung eines Menschen, der mit einer gewissen Gelassenheit heiter und ruhig \u00fcber den Dingen steht.<\/p>\n<h3>Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst<\/h3>\n<p>Mit diesem Satz endet Schillers Prolog zu seinem Geschichtsdrama Wallenstein. Wallenstein, der erfolgreiche Feldherr des Kaisers w\u00e4hrend des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges und Held des Dramas, ist zerrissen zwischen Pflichterf\u00fcllung und freier Rebellion. Er wird schlie\u00dflich Opfer seiner einfallsreichen\u00a0 Pl\u00e4ne zur fr\u00fchzeitigen Beendigung des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges und wird ern\u00fcchtert feststellen:<\/p>\n<blockquote><p>Doch hier ist keine Wahl, ich muss Gewalt aus\u00fcben oder leiden [&#8230;] Der Krieg ern\u00e4hrt den Krieg.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Heiterkeit ist keine selbstverst\u00e4ndliche Gabe, sondern sie ist eine Tugend, die im Kampf mit den dunklen Kr\u00e4ften des Lebens erworben wird.<\/p>\n<p>Schiller stellt ein utopisches k\u00fcnstlerisches Modell vor, das eine \u201e\u00e4sthetische Erziehung des Menschen\u201c vorsieht. Dies bedeutet, dass das urspr\u00fcngliche, kreativ- k\u00fcnstlerische Verm\u00f6gen der menschlichen Seele erweckt wird. Die Seele soll wieder frei werden von der Herrschaft der gegens\u00e4tzlichen Triebe, die sie belasten: dem Zwang seiner physisch-sinnlichen Natur (dem \u201eStofftrieb\u201c) einerseits und dem seiner mit Vernunft begabten Natur (dem \u201eFormtrieb\u201c) andererseits. So stehen sich der innere Stoffwille und der Formwille im Menschen gegen\u00fcber. Es gibt jedoch noch ein drittes Verm\u00f6gen in der Seele, das Schiller ihren \u201eSpieltrieb&#8220; nennt..<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte hier wiederum ein Beispiel aus meiner Kindheit erz\u00e4hlen, das zeigt, wie die Sch\u00f6nheit der menschlichen Seele ihren inneren Spieltrieb beleben und sie zur gr\u00f6\u00dften K\u00fcnstlerin unseres Lebens machen kann.<\/p>\n<p>Da ich gegen Ende des letzten Weltkrieges in die chaotisch-dunklen Nachkriegsjahre hinein geboren wurde, sehnte ich mich schon fr\u00fch nach lichter Klarheit. Ich lebte umh\u00fcllt von Musik und ihren Kl\u00e4ngen, da meine Mutter (eine wunderbare Pianistin) tagelang \u00fcbte &#8211; vor allem romantische Musik. Diese Musik bedr\u00fcckte mich aber und ich bat sie stets, sie m\u00f6ge bitte Mozart f\u00fcr mich spielen, und zwar seine A-Dur Sonate. Sobald ich diese Musik h\u00f6rte, hellte sich mein Seelengem\u00fct wieder auf. Was geschah in mir? Mozart, der selbst in seinem Leben durch tiefe seelische Abgr\u00fcnde gehen musste, vermochte es, seine innere Sehnsucht nach Licht sch\u00f6pferisch zu verarbeiten, und seine Musik wird deshalb meist als heiter beschrieben. \u201eIn meinen tiefsten N\u00f6ten finde ich immer noch eine sch\u00f6ne Resonanz, die mir Hoffnung gibt&#8220;, sagte er. Mozart erweckte diese Resonanz auch in mir. Jedoch, so erkl\u00e4rte meine Mutter mir sp\u00e4ter, wer ihn nur heiter spielt, habe ihn nicht verstanden.<\/p>\n<p>Ich erfuhr sp\u00e4ter, dass seine Heiterkeit die Frucht seines schweren und tragischen inneren k\u00fcnstlerischen Ringens um die ungebrochene Sch\u00f6nheit seiner Seele war.<\/p>\n<p>So ist es die Sch\u00f6nheit der Seele, welche die Springquelle und Dynamik ihres sch\u00f6pferischen Spieltriebes offenbart.<\/p>\n<p>Sie kann mit seiner Hilfe die Gegens\u00e4tze von Gut und B\u00f6se, Licht und Dunkelheit in uns wieder vereinen und uns zur gl\u00fcckseligen Heiterkeit (Ananda)\u00a0 f\u00fchren, welche der wiedergefundenen, \u00fcberlegenen inneren Ruhe der Seele entspringt. So wurde der Spieltrieb meiner noch offenen kindlichen Seele unbewusst angeregt und ein Prozess in mir stimuliert, in dem ich erlebte, wie sich die gegens\u00e4tzlichen Kr\u00e4fte und Eindr\u00fccke auf h\u00f6herer Ebene vereinen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So ist die Sch\u00f6nheit der Seele eine Kraft, auf deren Fl\u00fcgeln sie sich wieder nach oben in den Himmel erhebt, und Mozart wird schlie\u00dflich einmal sagen:<\/p>\n<p>Wie war das Leben sch\u00f6n! Heiteren Sinnes muss man sein, dazu hat uns die Vorsehung bestimmt.<\/p>\n<hr \/>\n<h3>Literatur:<\/h3>\n<p>Friedrich Schiller, \u00dcber die \u00e4sthetische Erziehung des Menschen &#8211; in einer Reihe von Briefen, Reclam, Ditzingen 2000.<\/p>\n<p>Harald Weinrich, Kleine Literaturgeschichte der Heiterkeit, M\u00fcnchen 2001<\/p>\n<p>Francois Cheng, \u00dcber die Sch\u00f6nheit der Seele, M\u00fcnchen 2018<\/p>\n<p>Die Zitate von Mozart sind als \u201eMozart Zitate&#8220; zu finden bei: https\/Worldday.de<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> aus serenus (lat.) entwickelten sich im Franz\u00f6sischen s\u00e9r\u00e9nit\u00e9, im Spanischen serenidad und im Portugiesischen sereno.<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":110102,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-109490","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/109490","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/110102"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=109490"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=109490"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=109490"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=109490"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}