{"id":109308,"date":"2025-04-20T06:00:04","date_gmt":"2025-04-20T06:00:04","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=109308"},"modified":"2025-04-18T21:06:31","modified_gmt":"2025-04-18T21:06:31","slug":"mulla-nasruddin-dummkopf-oder-weise","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/mulla-nasruddin-dummkopf-oder-weise\/","title":{"rendered":"Mulla Nasruddin \u2013 Dummkopf oder Weise?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nasruddin ist der Mensch, der sich einerseits seiner Herkunft aus dem Ewigen bewusst ist und dadurch Zugang zur urspr\u00fcnglichen Weisheit besitzt und sich andererseits als Teil dieser verg\u00e4nglichen Natur empfindet mit all ihren Fehlern und Schw\u00e4chen.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Nasruddin-Anekdoten besitzen eine tiefere Ebene. Wir lachen \u00fcber sie, \u00fcber die Torheit und Einfalt der anderen, bis wir bemerken, dass wir auch \u00fcber unsere eigene Dummheit lachen.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWie alt bist du, Mulla?\u201c<\/p>\n<p>\u201eVierzig.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber dasselbe hast du gesagt, als ich dich vor zwei Jahren gefragt habe.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, denn ich stehe stets zu dem, was ich gesagt habe.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Nur ein Witz? Als Europ\u00e4er w\u00fcrden wir das wahrscheinlich so sehen. Ganz anders im Orient und da besonders im Sufismus. Dort werden solche Erz\u00e4hlungen sehr gerne als Lehrgeschichte genutzt.<\/p>\n<p>Eine besonders beliebte Figur solcher Legenden ist Mulla Nasruddin (auch: Nasrudin, Nasreddin). Er taucht in der gesamten arabischen und persischen und zentralasiatischen Welt auf und fast jeder Muslim zwischen Marrakesch und Peking kennt seine Anekdoten.<\/p>\n<p>Auf dem Umschlag des B\u00fcchleins Die fabelhaften Heldentaten des weisen Narren Mulla Nasrudin von Idries Shah, liest man:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eMeister l\u00e4chelnder Weisheit und liebensw\u00fcrdigste Schelmenfigur der Weltliteratur. Humorvolle und hintergr\u00fcndige Geschichten \u00fcber die sch\u00f6nsten Narrheiten des gro\u00dfen Meisters verdeckter Spiritualit\u00e4t, die dem Leser augenzwinkernd den Spiegel vorhalten \u2013 und ihm so die Augen f\u00fcr das Wesentliche \u00f6ffnen.\u201c<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>So entdecken wir in der obigen Geschichte einen Menschen, der in der Vergangenheit gefangen ist, und nicht auf die aktuelle Gegenwart reagieren kann. Ihm entgeht die Wahrheit des Augenblicks, weil er sich nicht von alten Standpunkten l\u00f6sen kann, die schon l\u00e4ngst \u00fcberholt sind.<\/p>\n<p>Alle Nasruddin-Anekdoten besitzen diese tiefere Ebene. Wir lachen \u00fcber sie, \u00fcber die Torheit und Einfalt der anderen, bis wir bemerken, dass wir auch \u00fcber unsere eigene Dummheit lachen.<\/p>\n<p>Wenn wir an diesem Punkt mit Heiterkeit reagieren k\u00f6nnen, ist das immerhin schon mal ein Zeichen, dass wir uns mit einigem Abstand betrachten k\u00f6nnen. Wir nehmen uns nicht mehr ganz so ernst, sondern gestehen uns zu, Fehler zu machen, nicht perfekt zu sein.<\/p>\n<p>Ein Mensch, der voller Ehrgeiz seine egozentrischen Ziele verfolgt, hat in den allermeisten F\u00e4llen keinen Humor. Er muss dann mit \u00c4rger und Gegenwehr antworten, wenn ihm jemand den Spiegel vorh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Bei den Sufis ist der Esel das Symbol f\u00fcr das st\u00f6rrische Ego, das seinen eigenen Willen durchsetzen will und oft nicht das macht, was sein Herr mit ihm beabsichtigt. Es ist jedoch nicht sinnvoll, dieses Ego zu t\u00f6ten, denn wir brauchen es, um in dieser Welt existieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eine sch\u00f6ne Geschichte macht das deutlich:<\/p>\n<blockquote><p>Mulla Nasruddin erz\u00e4hlt seinem Nachbarn, dass er gerade dabei ist, seinem Esel das Fressen abzugew\u00f6hnen. \u201eStell dir doch einmal vor, was man dadurch sparen kann. Ich werde bald ein reicher Mann sein.\u201c<\/p>\n<p>Nach ein paar Tagen trifft er seinen Nachbarn wieder auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>\u201eUnd, Mulla? Hast du deinem Esel das Fressen schon abgew\u00f6hnt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch, ich hatte so ein Pech\u201c, antwortete dieser, \u201egerade als er es kapiert hatte, ist er gestorben.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt Hunderte von Eselgeschichten von Mulla Nasruddin, worin viele der Eigenarten unseres Egos wunderbar sichtbar werden.<\/p>\n<p>Eine m\u00f6chte ich noch erz\u00e4hlen:<\/p>\n<blockquote><p>Mulla Nasruddin reitet verkehrt herum auf seinem Esel, also mit dem Gesicht zum Hinterteil.<\/p>\n<p>Verwundert beobachten ihn die Dorfbewohner. \u201eAber Mulla, warum reitest du denn verkehrt auf deinem Esel?\u201c fragen sie neugierig.<\/p>\n<p>Darauf antwortet Mulla Nasruddin: \u201eIhr irrt! Ich reite richtig herum. Der Esel l\u00e4uft nur falsch herum.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn wir diese Geschichte unter dem Gesichtspunkt des Gesagten betrachten, sehen wir, dass es \u2013 gegen allem \u00e4u\u00dferen Anschein &#8211; unser Ego ist, das in die falsche Richtung unterwegs ist. Unser inneres Geistwesen, der Mullah, der Meister, schaut immer in die richtige Richtung.<\/p>\n<p>Darum wird der spirituelle Pilger oft ein paradoxes Verhalten an den Tag legen, das von anderen mit Unverst\u00e4ndnis und Argwohn erwidert wird.<\/p>\n<p>Deswegen wird ein Derwisch auch immer als ein Narr betrachtet. Aber er k\u00fcmmert sich nicht darum, was andere von ihm denken. Er tut das, was ihm der Geist im jeweiligen Moment eingibt, auch wenn es, \u00e4u\u00dferlich gesehen, noch so absurd ist.<\/p>\n<p>Die Geschichte mit Nasruddin als Bettler macht das deutlich:<\/p>\n<blockquote><p>An Markttagen stellte sich Nasruddin oft an die T\u00fcr zur Moschee, um zu betteln. Doch immer, wenn ihm die Leute zwei Geldst\u00fccke zur Auswahl anboten \u2013 ein gr\u00f6\u00dferes und ein kleineres \u2013 nahm er das Kleinere.<\/p>\n<p>Als die Leute das eine Weile beobachtet hatten, sagten sie zu ihm: \u201eMulla, warum nimmst du denn nicht das gro\u00dfe Geldst\u00fcck? Dann hast du in k\u00fcrzerer Zeit das Doppelte verdient.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas mag stimmen\u201c, sagte Nasruddin, \u201eaber wenn ich jedesmal das gr\u00f6\u00dfere nehme, werden die Leute aufh\u00f6ren mir etwas zu geben. Sie wollen doch eigentlich beweisen, dass ich verr\u00fcckter bin als sie. Und dann h\u00e4tte ich gar kein Geld mehr.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Gedankeng\u00e4nge und Motivationen eines Strebenden auf dem geistigen Weg sind f\u00fcr den auf die stoffliche Welt Ausgerichteten undurchschaubar und unverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>So nimmt ein Derwisch oft die Rolle des Unerleuchteten ein, um eine Wahrheit noch eindrucksvoller darzustellen.<\/p>\n<p>Es gibt eine sch\u00f6ne Anekdote, die den oberfl\u00e4chlichen Glauben an Ursache und Wirkung in Frage stellt:<\/p>\n<blockquote><p>Als der Mulla eines Tages durch eine schmale Gasse ging, fiel ein Mann von einem Dach \u2013 ihm genau auf den Kopf. Der Mann blieb unverletzt, aber Nasruddin musste ins Krankenhaus gebracht werden.<\/p>\n<p>\u201eWelche Lehre zieht ihr aus diesem Ereignis, Meister?\u201c fragte ihn ein Sch\u00fcler.<\/p>\n<p>\u201eH\u00fcte dich vor dem Glauben an das Unvermeidliche, auch wenn Ursache und Wirkung unvermeidlich scheinen. Und nimm dich in acht vor theoretischen Fragen wie: wenn ein Mann vom Dach f\u00e4llt, wird er sich das Genick brechen?<\/p>\n<p>Er fiel \u2013 aber mein Genick ist gebrochen.\u201c<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Warum gefallen mir diese Nasruddin-Geschichten so gut?<\/p>\n<p>Nasruddin betrachtet seine eigenen und die Fehler der anderen mit Heiterkeit. Er will nichts ver\u00e4ndern, es geht ihm nur um Selbsterkenntnis. Er kann die Ereignisse aus einer bestimmten Distanz heraus betrachten und geht spielerisch damit um.<\/p>\n<p>So \u00f6ffnen sich M\u00f6glichkeiten zur Weiterentwicklung, die vorher nicht bemerkt wurden, weil der Blick zu einseitig war. Nichts muss sein \u2013 alles darf sein.<\/p>\n<p>Nasruddin hat keinerlei Schuldgef\u00fchle wegen seiner Dummheit und tadelt auch niemanden. Er versucht nicht, etwas zu verstecken, sondern zeigt seine Unwissenheit offen vor aller Welt. Es erheitert ihn, wenn er bei sich selbst und anderen Verhaltensweisen entdeckt, die ihm v\u00f6llig verr\u00fcckt vorkommen.<\/p>\n<p>Nasruddin ist der Mensch, der sich einerseits seiner Herkunft aus dem Ewigen bewusst ist und dadurch Zugang zur urspr\u00fcnglichen Weisheit besitzt und sich andererseits als Teil dieser verg\u00e4nglichen Natur empfindet mit all ihren Fehlern und Schw\u00e4chen. Mit den Augen der Ewigkeit kann er l\u00e4chelnd auf die Unvollkommenheit und Narrheit dieser stofflichen Welt herabblicken und sie liebevoll mittragen.<\/p>\n<p>Er kann alles annehmen und will nichts vermeiden. Freude und Leid gelten ihm gleichviel. Er ist nicht mehr Sklave seines Egos mit all seinen Forderungen und Bed\u00fcrfnissen und nimmt es nicht mehr ganz so ernst.<\/p>\n<p>So erhebt er sich \u00fcber den Ernst des Lebens in die Heiterkeit und Liebe der Kinder Gottes, die sich im Strom des Lebens geborgen wissen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Idries Shah, Die fabelhaften Heldentaten des weisen Narren Mulla Nasrudin, Verlag Herder 2013<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 Aus: Idries Shah, Die Sufis, Eugen Diederichs Verlag 1982, S. 59<\/p>\n<p>Alle anderen Geschichten sind in leicht abgewandelter Form dem Buch Die fabelhaften Heldentaten des weisen Narren Mulla Nasrudin\u201c von Idries Shah entnommen<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":109358,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-109308","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/109308","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/109358"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=109308"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=109308"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=109308"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=109308"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}