{"id":109303,"date":"2025-04-25T06:00:21","date_gmt":"2025-04-25T06:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=109303"},"modified":"2025-05-27T09:57:43","modified_gmt":"2025-05-27T09:57:43","slug":"getragen-von-den-sanften-fluegeln-der-heiterkeit","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/getragen-von-den-sanften-fluegeln-der-heiterkeit\/","title":{"rendered":"Getragen von den sanften Fl\u00fcgeln der Heiterkeit"},"content":{"rendered":"<p><em>Wahre Heiterkeit kann nicht auf der Verdr\u00e4ngung gegenl\u00e4ufiger Gef\u00fchle beruhen. Man w\u00fcnscht sich und anderen m\u00f6glichst viel Gl\u00fcck. <\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>Aber wie, wenn die h\u00f6chste Gl\u00fccksempfindung, wenn wahre Heiterkeit einen Menschen voraussetzte, der auch Allertiefstes gelitten haben muss?<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe title=\"Spotify Embed: Getragen von den sanften Fl\u00fcgeln der Heiterkeit\" style=\"border-radius: 12px\" width=\"100%\" height=\"152\" frameborder=\"0\" allowfullscreen allow=\"autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed\/episode\/3t9YZpwmY2Np9Q8lkjcIqS?si=7oAaNP0fR3W_7EvJHG1ZgA&amp;utm_source=oembed\"><\/iframe><\/p>\n<p>Wenn Gl\u00fccksgef\u00fchl \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich w\u00e4re in einem durch Lust und Unlust gereiften Herzen?<\/p>\n<blockquote><p><em>Es ist eine ernste Sache mit der wahren Freude.<br \/>\n<\/em>Seneca<\/p><\/blockquote>\n<p>Nein, dies ist keine Apologie der Heiterkeit in katastrophalen Zeiten. Gr\u00fcnde, die daf\u00fcr sprechen, nicht heiter gestimmt zu sein, finden wir reichlich in jeder Tageszeitung, in Talkshows, in Posts im Internet \u2013 und im eigenen t\u00e4glichen Leben. Machen wir den Test. Laufen wir an einem beliebigen Tag (nicht unbedingt geeignet ist der erste sonnige, sommerk\u00fcndende Tag nach einer langen Reihe von kalten, grauen, verhangenen Tagen) die Stra\u00dfen einer beliebigen Gro\u00dfstadt entlang, vorbei an h\u00e4ngenden Schultern, tief ins Gesicht gezogenen grauen Kapuzen, Gesichtern, die dumpfe Leere oder stumme Verzweiflung ausdr\u00fccken \u2026<\/p>\n<p>Ist vielen Menschen das L\u00e4cheln abhanden gekommen? Ist es weltfremd, gar eine Provokation, ein L\u00e4cheln zu wagen? In seinem viel beachteten Buch <em>\u00dcber die Heiterkeit in schwierigen Zeiten <\/em>schreibt Axel Hacke:<\/p>\n<blockquote><p><em>L\u00e4cheln wirkt nach innen und nach au\u00dfen. Es heitert den L\u00e4chelnden auf und den Angel\u00e4chelten auch. L\u00e4cheln kann eine Kettenreaktion in Gang setzen. Man l\u00e4chelt jemanden an, er l\u00e4chelt zur\u00fcck, so kommt ein L\u00e4cheln in die Welt und wandert weiter. Man muss halt anfangen<\/em>.<\/p><\/blockquote>\n<p>Beim Entr\u00fcmpeln unseres Dachspeichers (\u00fcbrigens eine T\u00e4tigkeit, die mit sofortiger sp\u00fcrbarer Wirkung Heiterkeit und Leichtigkeit hervorruft) fand ich k\u00fcrzlich einen Artikel, der im Jahr 2015 (also schon in nostalgisch gef\u00e4rbter Ferne?) erschien. Dort steht als Fazit eines l\u00e4ngeren Artikels \u00fcber die Krisen der Gegenwart:<\/p>\n<blockquote><p><em>Es ist schwer zu sagen, ob das Negative und Bedrohliche, ob der Pessimismus und die Misanthropie schon die Oberhand gewonnen haben. Eines jedoch scheint festzustehen: Das Dunkle ist bereits so weit vorgedrungen, dass es selbst zu einer herrschenden Macht geworden ist, gegen die sich die subversive Kraft der Zuversicht richten muss. Sicher ist auch, dass die Leute die Schuld bei anderen suchen werden, wenn sie die Kraft bei sich nicht entdecken<\/em>. (<em>DIE ZEIT<\/em>, 27.8.2015)<\/p><\/blockquote>\n<p>Fragt sich: Woher nehmen wir diese Zuversicht, diese innere Kraft? Immer schon habe ich Menschen zutiefst bewundert, die angesichts gr\u00f6\u00dfter innerer und \u00e4u\u00dferer Herausforderungen nicht nur ihre innere Freiheit und menschliche W\u00fcrde bewahrt haben, sondern auf wunderbare Weise \u00fcber sich selbst hinausgewachsen sind \u2013 wie etwa der KZ-\u00dcberlebende Viktor Frankl.<\/p>\n<p>Geradezu unglaublich erscheint es, dass Menschen in unvorstellbar be\u00e4ngstigenden Lebenslagen auch noch Humor zeigen k\u00f6nnen. In einem Zeitungsartikel, den ich vor Jahren gelesen habe und der mir unvergesslich geblieben ist, wird \u00fcber Inhaftierte in einem Gefangenenlager der Nazis f\u00fcr britische Staatsangeh\u00f6rige berichtet: Durch allerlei gewitzte Einf\u00e4lle trieben sie subtilen Spott \u00fcber ihre Haftbedingungen und machten sich diese so einigerma\u00dfen ertr\u00e4glich.<\/p>\n<p>Offensichtlich eignet sich die F\u00e4higkeit zu Humor als Waffe gegen die unvermeidlichen Heimsuchungen unseres Daseins. Sie zeugt, wie Friedrich Schiller in seinem Essay \u00fcber <em>Das Erhabene <\/em>meint, davon, dass der Mensch eine Freiheit in seiner Brust tr\u00e4gt, die ihn \u00fcber alles Leiden erhebt.<\/p>\n<p>Heiterkeit in misslichen Umst\u00e4nden erfordert eine gewisse Distanz zu sich selbst und zu den eigenen Erwartungen, eine Haltung der Gelassenheit gegen\u00fcber m\u00f6glichen Ergebnissen oder Auswegen.<\/p>\n<p>Gelassenheit hat mit Loslassen zu tun. Es ist \u00e4hnlich wie mit dem Verzeihen \u2013 einem Nicht-mehr-Nachtragen. Das Vergn\u00fcgtsein eines leichten Herzens hat nichts mit Einverstandensein mit einem Unrecht oder mit der Leugnung von erlittenem Schmerz zu tun. Heiterkeit ist eine Haltung von gro\u00dfer Anmut, die einhergeht mit G\u00fcte und Weisheit.<\/p>\n<p>Sollen wir also immer heiter und innig l\u00e4chelnd durch unseren Alltag schweben und unsere Mitmenschen mit unserer strahlenden Gegenw\u00e4rtigkeit begl\u00fccken? Immer \u201egut drauf\u201c sein? Leben wir nicht bereits ohnehin in einer \u201eGesellschaft im Dauerrausch\u201c, wie der Philosoph Wilhelm Schmid in seinem lesenswerten Buch \u00fcber das <em>Gl\u00fcck <\/em>bedauernd feststellt? Einer Gesellschaft, gepr\u00e4gt von \u201eGl\u00fcckssucht\u201c, die unf\u00e4hig ist zu trauern und sich stattdessen das Leben mithilfe von Alkohol, Drogen und Psychopharmaka oder auch mit \u201e<em>binge watching<\/em>\u201c von Netflix-Serien mehr oder weniger ertr\u00e4glich macht?<\/p>\n<p>Wahre Heiterkeit kann nicht auf der Verdr\u00e4ngung gegenl\u00e4ufiger Gef\u00fchle beruhen. Christian Morgenstern schreibt:<\/p>\n<blockquote><p><em>M\u00f6glichst viel Gl\u00fcck, sagt man. Aber wie, wenn die h\u00f6chste Gl\u00fccksempfindung einen Menschen voraussetzte, der auch Allertiefstes gelitten haben muss? Wenn Gl\u00fccksgef\u00fchl \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich w\u00e4re in einem durch Lust und Unlust gereiften Herzen? Wer m\u00f6glichst viel Gl\u00fccksm\u00f6glichkeiten fordert, muss auch m\u00f6glichst viel Ungl\u00fcck fordern, oder er negiert ihre Grundbedingungen<\/em>\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Und weiter sagt er:<\/p>\n<blockquote><p><em>Sollte in immer h\u00f6herer Erkenntnis und Liebe (in immer h\u00f6heren Formen) nicht die M\u00f6glichkeit immer h\u00f6heren Gl\u00fccks liegen<\/em>?<\/p><\/blockquote>\n<p>K\u00f6nnen wir das: Heiterkeit aus eigenem Entschluss und aus eigener Kraft? Das Geschenk schmerzlicher Erfahrungen kann darin bestehen, dass wir auf unserem eingeschlagenen Weg innehalten und beginnen, \u00fcber uns und \u00fcber das Leben \u00fcberhaupt nachzudenken. Vermutlich m\u00fcssen wir gelitten haben, um Mitgef\u00fchl, Weisheit und Heiterkeit aus ihrer Gefangenschaft in uns zu erl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Nicht jeder braucht hierzu harte Schicksalsschl\u00e4ge. Doch steckt eine tiefe Wahrheit in den Worten des mittelalterlichen Mystikers Meister Eckehart:<\/p>\n<blockquote><p><em>Leiden ist das schnellste Pferd zur Vollkommenheit<\/em>.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie k\u00f6nnen wir aber zu jenem Gleichmut gelangen, der es uns erm\u00f6glicht, heiter zu sein \u2013 egal, ob wir uns gerade ganz oben oder ganz unten auf dem Gl\u00fccksrad Fortunas befinden? Hier \u00f6ffnet sich eine T\u00fcr und gibt den Blick frei auf eine neue Ebene. Neu? Na ja. Die alten Griechen wussten es bereits: Ein wirklich stimmiges Leben, <em>eudaimon\u00eda<\/em>, ist nur zu erreichen in \u00dcbereinstimmung mit einer g\u00f6ttlichen Weltordnung, wenn wir uns als Teil der F\u00fclle des Unendlichen erfahren.<\/p>\n<p>Was vielen Zeitgenossen zu schaffen macht, mal abgesehen von der Unzahl von \u00c4ngsten und Beschwerden, die unser Dasein hier auf Erden mit sich bringt, ist, dass sie keinen Sinn erkennen k\u00f6nnen in all dem, was in und um sie herum geschieht, dass sie nichts von dem erkennen, was \u2013 um mit Goethes <em>Faust<\/em> zu sprechen \u2013 \u201edie Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt\u201c.<\/p>\n<p>Klar kann ich mit Witz und Humor meine Todesverachtung laut hinausrufen in ein scheinbar gleichg\u00fcltiges Universum. Das befreit mich aber noch lange nicht von dem unausweichlichen Wissen um meine Sterblichkeit, um die Verg\u00e4nglichkeit all dessen und all jener, die ich geliebt habe. In Retrospektive, nicht erst in der Sterbestunde, verlieren viele Dinge, die ich einmal f\u00fcr sehr erstrebenswert hielt, all die Dramen, die mein Lebensrad in Schwung gehalten haben, an Wichtigkeit. Das kann mich zutiefst deprimieren. Oder soll mich DAS etwa heiter stimmen?<\/p>\n<p>Wom\u00f6glich versp\u00fcre ich bei einem solchen R\u00fcckblick aber auch den Impuls zu einem ungemein heilsamen, befreienden Lachen. Zu einem Lachen, das in der Harmonie der Sph\u00e4ren eines wohlgesonnenen Universums widerklingt. Das auf mein Lachen und Rufen antwortet.<\/p>\n<p>Wilhelm Schmid spricht vom \u201eGl\u00fcck der Stimmigkeit\u201c, von einer \u201eF\u00fclle der Erfahrungen von Transzendenz im Metaphysischen\u201c:<\/p>\n<blockquote><p><em>Sehr gut vorstellbar, dass dies der wesentlichste Beitrag daf\u00fcr ist, ein erf\u00fclltes Leben zu realisieren: Das Leben zu \u00f6ffnen zu einer Dimension der Transzendenz, die die Grenze des endlichen Lebens \u00fcberschreitet <\/em>\u2026<\/p><\/blockquote>\n<p>Solche Einsichten k\u00f6nnen eine tiefgreifende Hilfe sein. Aber sie helfen, wie ich finde, nur wenig, solange sie Kopfgeburten bleiben. Wir k\u00f6nnen oft mit Erstaunen beobachten (nicht nur an anderen!), dass der Mensch lieber weiterhin leidet, als sich von seinen gewohnten Gedanken- und Gef\u00fchlsmustern zu verabschieden. In der modernen Forschung f\u00fchrt man dies auf neuronale Bahnen im Gehirn zur\u00fcck, die durch unseren best\u00e4ndig wiederholten Input zu tief eingegrabenen Spurrillen werden und die uns \u00fcberdies s\u00fcchtig werden lassen nach unserer gewohnten toxischen Dosis Negativit\u00e4t. Das scheint sich dann richtig gut anzuf\u00fchlen. Die Medien verdienen jedenfalls jede Menge Geld an der allgemeinen Lust am Untergang.<\/p>\n<p>Die gute Nachricht ist: Wir k\u00f6nnen neue neuronale Bahnen im Gehirn schaffen. Unser Herz ist der Schl\u00fcssel dazu, wenn es sich \u2013 endlich \u2013 \u00f6ffnet und bei den Prozessen der Erneuerung liebevoll und freudig mitwirkt. Wenn wir gewillt sind, die vertraute Realit\u00e4tsebene zu verlassen, l\u00f6sen sich die Dinge in Heiterkeit auf. Wenn es uns \u201eernst\u201c damit ist, uns einem geistig-seelischen Transformationsprozess anzuvertrauen, wandelt sich Leid zu Freude. Wir ent-decken die Freude als unser Geburtsrecht. Sie wohnt unserem Wesen bereits inne.<\/p>\n<p>Heiterkeit ist urspr\u00fcnglich ein meteorologischer Begriff, der das Lichte des Himmels bezeichnet. Heiterkeit \u2013 die tiefe ursachenlose Freude, die nicht von gl\u00fcckhaften \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden abh\u00e4ngig ist \u2013 ist Licht, Farbe, Klang, ist Wirksamkeit unseres himmlischen Wesens.<\/p>\n<p>Auf den sanften Fl\u00fcgeln dieser himmlischen Schwingung k\u00f6nnen wir uns in die L\u00fcfte erheben und aus der Vogelperspektive einen Blick auf die B\u00fchne unseres Lebens und des menschlichen Treibens allgemein werfen. Bei allem Mitgef\u00fchl \u2013 das ist sehr komisch, tragisch-komisch, und enorm befreiend! Es geht dann nicht mehr so sehr darum, die Schwere des Lebens zu bew\u00e4ltigen, sondern sie zu verwandeln. Gemeinsam mit anderen, die auch gerade dabei sind, das \u201eFliegen\u201c zu lernen.<\/p>\n<p>Heiterkeit ist kein spirituelles Bypassing. Sie durchlichtet das Dunkel und zeigt den Ausweg. Von dem Schmerz und der Traurigkeit des Getrenntseins f\u00fchrt sie zur Freude des Verbundenseins mit der heilenden, heiligen Quelle allen Seins.<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":109372,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101],"tags_english_":[],"class_list":["post-109303","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/109303","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/109372"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=109303"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=109303"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=109303"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=109303"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}