{"id":109301,"date":"2025-04-03T06:00:11","date_gmt":"2025-04-03T06:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=109301"},"modified":"2025-04-07T07:26:27","modified_gmt":"2025-04-07T07:26:27","slug":"heiterkeit-in-duesteren-zeiten","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/heiterkeit-in-duesteren-zeiten\/","title":{"rendered":"Heiterkeit in d\u00fcsteren Zeiten"},"content":{"rendered":"<p><em>Etwas \u00fcber Heiterkeit zu schreiben, scheint sehr schwer zu sein in einer Zeit, von der es hei\u00dft: \u201eWir leben in d\u00fcsteren Zeiten\u201c.<\/em><br \/>\n<em>Sofort dr\u00e4ngt sich die Frage auf: \u201eWar es jemals anders?\u201c<\/em><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe title=\"Spotify Embed: Heiterkeit in d\u00fcsteren Zeiten\" style=\"border-radius: 12px\" width=\"100%\" height=\"152\" frameborder=\"0\" allowfullscreen allow=\"autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed\/episode\/5rdOowbhNEWgxAakkGVoCH?si=4Fp4IvYwS4q9orSOKWy8mg&amp;utm_source=oembed\"><\/iframe><\/p>\n<h4>Heiterkeit \u2013 eine notwendige Lebenseinstellung?<\/h4>\n<p>Wie d\u00fcster wir die Zeit, in der wir leben, empfinden, hat etwas Subjektives an sich und ist sehr mit den jeweiligen Lebensumst\u00e4nden verkn\u00fcpft. Und die Empfindung ist eng damit verbunden, ob wir in dem, was wir tun, einen Sinn erkennen k\u00f6nnen. Ganz allgemein gesprochen, gibt es eine gewisse Spaltung in der menschlichen Community, die sich gut anhand einer kleinen Reportage eines norddeutschen Radiosenders darstellen l\u00e4sst:<\/p>\n<p>Ein Politiker aus dem norddeutschen Bundesland Schleswig Holstein beschreibt die Stimmung in den d\u00e4nischen und deutschen Medien seiner Heimat. In Schleswig Holstein leben die D\u00e4nen und Deutschen auf eine historisch gepr\u00e4gte Weise zusammen, da Teile dieses Bundeslandes in der Vergangenheit immer mal zwischen d\u00e4nischer und deutscher Staatszugeh\u00f6rigkeit pendelten. Dort gibt es bis heute eine d\u00e4nische Minderheit, die ihre kulturelle Eigenst\u00e4ndigkeit pflegt und auch in der Politik auf Landesebene mit eigenen Politikern vertreten ist.<\/p>\n<p>In dieser Reportage zeigt er, dass die d\u00e4nischen Medien ein sehr viel positiveres und l\u00f6sungsorientierteres Bild der Welt entwickeln, als es die deutschen tun. In der deutschen Mentalit\u00e4t spielen der Blick auf die Probleme und die Angst eine gr\u00f6\u00dfere Rolle als bei der d\u00e4nischen Minderheit. In diesem Zusammenhang ist vielleicht interessant, das im World Happiness Report D\u00e4nemark hinter Finnland der zweitgl\u00fccklichste Staat der Welt ist, w\u00e4hrend Deutschland auf dem sechzehnten Platz liegt. Dieser Report umfasst sehr viele Faktoren, die die Autoren zu ermitteln versuchten. Er zeigt, wie vielschichtig das Thema Gl\u00fcck ist. Nun ist Gl\u00fcck nicht das Gleiche wie Heiterkeit, aber es mag wohl so sein, dass es in einer gl\u00fccklichen Community\u00a0 sehr viel mehr heitere Menschen gibt.<\/p>\n<p>Die Frage, ob es jemals anders war, spielt mit dem Eindruck, den Perioden bei nachfolgenden Generationen hinterlassen. So wird das Mittelalter heute eher als dunkel und melancholisch empfunden, w\u00e4hrend die nachfolgende Phase der Renaissance den Eindruck einer heiteren Aufbruch Stimmung hinterlassen hat. Ob wir daher in einer eher heiteren oder eher d\u00fcsteren Epoche leben, wird wohl erst von nachfolgenden Generationen entschieden werden.<\/p>\n<h4>Heiterkeit \u2013 Ein Diamant mit vielen Facetten<\/h4>\n<p>Die Heiterkeit als Gegenstand der Philosophie begleitet die Menschheit schon seit Jahrtausenden. Es gibt in vielen Kulturen bedeutende Philosophen, die ihre Gedanken zu diesem Thema ge\u00e4u\u00dfert oder niedergeschrieben haben. Hierbei werden gro\u00dfe kulturelle Unterschiede in der Betrachtung deutlich. Und der Zeitgeist spielt hier ebenfalls eine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n<p>Heiterkeit als Ausdruck einer ungehemmten kindlichen Freude auf das Leben kann sich im Verlauf des Lebens zu einer eher oberfl\u00e4chlichen Emotion entwickeln. Sie nimmt dann hedonistische Z\u00fcge an, die sich in lustvoller Befriedigung der Sinne \u00e4u\u00dfert. Besonders nach Kriegen m\u00f6chten die Menschen oft das Leben genie\u00dfen und Probleme und auch Lebenssinnfragen lieber in den Hintergrund dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Wir leben in einer Zeit, in der eine Freizeit- und Unterhaltungsindustrie gro\u00dfe Kulturtempel erbaut, in denen die Menschen, abgelenkt von tieferen sinnmotivierten Fragen, ihre Sinne nach Herzenslust befriedigen k\u00f6nnen. Das Herz wird an die \u00e4u\u00dferen Sinne gebunden und schwankt von der oberfl\u00e4chlichsten bist zur tiefsten Emotion, und alles l\u00e4sst sich mit einer eher d\u00fcsteren oder heiteren Grundstimmung betrachten.<\/p>\n<p>Um der Dimension der Tiefe mehr Aufmerksamkeit zu verleihen, verfolgte der griechische Philosoph Epikur eine besondere Strategie. Er versuchte in seinem Leben die Sinne gerade so weit zu befriedigen, dass durch sie keine Spannung in der Seele entstehen kann. Seiner Vorstellung nach entsteht dann ein seelisches Gleichgewicht, dessen Folge die Ataraxie, eine heitere Grundstimmung, ist.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend bei Epikur die Heiterkeit durch ein seelisches Gleichgewicht entsteht, gibt es auch philosophische Richtungen, die mit Erlebnissen durch ver\u00e4nderte Wahrnehmung arbeiten. Eine besondere Rolle spielt hier die Erzeugung von Rausch und Ekstase, die f\u00fcr manche Philosophen zur Heiterkeit in einem erweiterten Bewusstsein f\u00fchren sollen.<\/p>\n<p>Bei einigen indigenen V\u00f6lkern hat die Nutzung der F\u00e4higkeit zur Ekstase durch halluzinogene Drogen oder durch Tanzrituale eine lange Tradition. Heute ist sie auch Bestandteil des modernen Lebens. Im Gegensatz zur traditionellen Nutzung findet in der modernen Gesellschaft allerdings keine Einweisung in eine sinnvolle Handhabung und Verarbeitung der Erlebnisse statt. Der moderne Gebrauch findet im Rahmen der Spa\u00dfgesellschaft statt, dient der Zerstreuung und birgt dadurch ein gro\u00dfes Abh\u00e4ngigkeitspotential.<\/p>\n<p>Zu dieser Gruppe geh\u00f6ren auch jene Menschen, die mit Hilfe euphorisierender Rauschmittel versuchen, einer f\u00fcr sie oft tristen und depressiven Welt zu entkommen. Sie nutzen die Drogen nicht, um tiefer in verschollene Wahrnehmungsbereiche der Menschheit einzutauchen, sondern als Mittel zur Flucht. Die chemisch erzeugte Heiterkeit, wenn sie denn eintritt, ist aber meistens auf die Zeit der Drogenwirkung beschr\u00e4nkt und endet in einer eher depressiven Stimmung, wenn die Wirkung nachl\u00e4sst.<\/p>\n<p>So wie Medizinm\u00e4nner in den s\u00fcdamerikanischen indigenen Gruppen eher mit halluzinogenen Drogen arbeiteten, so war es auf dem nordamerikanischen Kontinent Tradition, ver\u00e4nderte Realit\u00e4ten mit Hilfe der Vorstellungskraft hervorzurufen. Beides findet sich als oberfl\u00e4chliche Fortsetzung dieser Traditionen im Rahmen der modernen Freizeitgestaltung durch Alkohol- und Drogenkonsum bzw. durch Erlebnisse im Extremsport oder \u00e4hnlichen Angeboten.<\/p>\n<p>Heiterkeit bei den griechischen Philosophen<\/p>\n<p>Bei den griechischen Philosophen wurde die Heiterkeit sehr unterschiedlich bewertet. F\u00fcr Platon war Lachen als Ausdruck der Heiterkeit in seinem idealen Staat verboten, da sie ein Anzeichen von Verweichlichung und mangelnder Vernunft darstelle. Sokrates liebte die Heiterkeit als Mittel zur Selbsterkenntnis. Aristoteles als Sch\u00fcler von Platon sah in der Heiterkeit etwas, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Epikur, der die Heiterkeit als Folge einer gelungenen und ma\u00dfvollen Befriedigung der Sinnenlust ansah, empfahl als Lebensziel das Erreichen einer \u201eheiteren Meeresstille\u201c. Er favorisierte nicht die ekstatische Befriedigung der Sinnenlust, sondern war lediglich f\u00fcr eine Befriedigung, die die Sinne in ein Gleichgewicht und damit zur Stille bringt. Das Bild der \u201eheiteren Meeresstille\u201c hat etwas Mystisches und ber\u00fchrt die Dimension der Tiefe. Das Meer wird h\u00e4ufig als Symbol f\u00fcr die Seele und ihre Dynamik verwendet. Es hat eine bewegte Oberfl\u00e4che, verbunden mit einer stillen Tiefe. An der Oberfl\u00e4che bricht sich das Licht, w\u00e4hrend die Stille sich in der Tiefe im Dunkel verliert, und alles ist belebt. Das Meer hat wie die Seele eine Dimension der Tiefe, die f\u00fcr den Menschen wie eine zweite Natur ist. In dieser eher geistigen Dimension entwickelt sich ein Zusammenspiel von Kr\u00e4ften, die als Dreieinheit in der christlichen Terminologie als Vater, Sohn und Heiliger Geist bezeichnet wird. Die Seelendynamik aller Lebewesen kann man als Dynamik dieser Kr\u00e4fte betrachten. Ihr Zusammenspiel l\u00e4sst sich als ein Dreieck darstellen:.<\/p>\n<p>Die erste Seite entspricht der g\u00f6ttlichen Kraft, wie sie sich beim Menschen auch im Religi\u00f6sen spiegelt. Es ist die normative Kraft des Lebens. So wie das Wasser an der Oberfl\u00e4che durch die Wellen Formen hervorbringt, so wirkt die normative Kraft durch die Seele formgebend.<\/p>\n<p>Die zweite Seite ist eine subjektiv, empathische, ohne Bedingung liebende Kraft, wie sie sich im Sohn zeigt. Es ist jene subjektive, empathische Kraft, die in ihrer Bewegung und Lebendigkeit den zur Erstarrung neigenden Formen Leben gibt. Diese Kraft verleiht der Seele die Hingabe, mit jeder aktuellen und neuen formgebenden Dynamik mitzugehen und dem g\u00f6ttlichen Gedanken so die Entwicklung einer sichtbaren Form zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Die dritte Seite des Dreiecks ist die kreative Kraft des Heiligen Geistes, die aus dem Zusammenspiel der anderen beiden Kr\u00e4ften in immer neuen Geschichten die Gedanken Gottes sichtbar macht. Hier flie\u00dfen die urspr\u00fcnglichen g\u00f6ttlichen Impulse zu einer kontinuierlichen Entwicklung zusammen.<\/p>\n<p>Wenn diese drei Kr\u00e4fte eine harmonische Einheit bilden, dann entwickelt sich ihre Kraftwirkung wie in einem gleichseitigen Dreieck, in dem der Ber\u00fchrungspunkt zweier Kr\u00e4fte immer \u201esenkrecht\u201c auf die gegen\u00fcberliegende Seite einwirkt. Dieses Symbol beschreibt den Zustand einer Seele, die eine heitere Grundstimmung hat bzw. in der Ataraxie lebt, wie Epikur es nennt.<\/p>\n<h4>Das Gleichgewicht der Seele<\/h4>\n<p>Die harmonische Einheit und das notwendige Gleichgewicht kommen nicht von allein. Das gilt besonders f\u00fcr Zeiten, wie wir sie gerade erleben. Wenn der Zeitgeist unruhig ist, sind die Menschen unsicher und \u00e4ngstlich. Wenige haben ein Standing, das ihnen ein stabiles Gleichgewicht verleiht. Alle besitzen indes &#8211;\u00a0 mehr oder weniger bewusst &#8211; die Dimension der Tiefe, die ihnen Stabilit\u00e4t verleihen kann. Aber nur wenige Menschen sind in jener unbewegten Tiefe verankert,\u00a0 die sich im Dunkel verliert und sie sicher durch die d\u00fcsteren Zeiten lenken vermag.<\/p>\n<p>Wenn wir noch einmal das Dreieck betrachten, dann gibt es einen Mittelpunkt, der sich bildet, wenn man die Mitte jeder\u00a0 Seite mit der gegen\u00fcberliegenden Ecke verbindet. Dieser Punkt ist besonders, da er den Ort symbolisiert, an dem alle Kr\u00e4fte vollkommen im Gleichgewicht miteinander sind. F\u00fcr Epikur war dieses Gleichgewicht das Ziel allen Lebens. Die Heiterkeit, die in diesem Punkt verborgen ist, erm\u00f6glicht eine bewusste Entwicklung in der Dimension der Tiefe und ist zugleich die Folge einer solchen Entwicklung. Diese F\u00e4higkeit hatte Aristoteles vielleicht als das spezifisch Menschliche im Sinn. Sie zeigt sich als eine heitere Gelassenheit, die Raum gibt f\u00fcr eine bewusste Lebensf\u00fchrung. Wenn der Mensch in der Lage ist, die Gesetze, das Normative bzw. die Starrheit, die eine gewisse Formgebung erlaubt, mit dem empathischen und dem kreativen Potential in Einklang zu bringen, entwickelt sich bei aller Aktivit\u00e4t die \u201eheitere Meeresstille\u201c, wie Epikur sie nennt bzw. die spezifische menschliche Heiterkeit des Aristoteles.<\/p>\n<h4>Die griechische Heiterkeit und das Tao<\/h4>\n<p>Diese heitere Gelassenheit fu\u00dft auf einer langen Lebenserfahrung am Rande der \u00dcberforderung und des Abgrundes, die dem Menschen die Tiefe seines Wesens bewusst macht. Wenn diese Tiefe zu seinem Lebensfundament wird, dann verliert der Abgrund seine existentielle Bedrohung, weil alles, was geschieht, lediglich wie das Gekr\u00e4usel des Meeres an seiner Oberfl\u00e4che ist, w\u00e4hrend die Tiefe als unbewegt und still erfahren wird.<\/p>\n<p>Die bewusst gewordene Tiefe f\u00fchrt den Menschen zu jener Art des selbstst\u00e4ndigen Denkens und Handelns, das dem Dreieck jenes Gleichgewicht verleiht, das den urspr\u00fcnglichen Menschen zum Leben erweckt. Die chinesische Weisheit nennt diese sch\u00f6pferische Urkraft Tao. Jeder Mensch, der in Tao steht, entwickelt die gleiche bewusste heitere Gelassenheit, die den urspr\u00fcnglichen Menschen &#8211; als ein Geist-Seelen-Wesen &#8211; wieder lebendig werden l\u00e4sst.<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":109330,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110113,110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-109301","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-cs","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/109301","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/109330"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=109301"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=109301"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=109301"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=109301"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}